Künstlerische Intervention an Lieblingsplätzen in Rendsburg

© Tim Eckhorst, purefruit-magazin.de

Das Nordkolleg Rendsburg hat sich bei seiner künstlerischen Intervention auf das Innenleben fokussiert: auf das Miteinander der Menschen in der Bildungs- und Tagungsstätte. Ich habe mit Akademieleiter und Geschäftsführer Guido Froese gesprochen. Er sieht die Kommunikation als Schlüsselfrage für sein Haus. Die fast 50 Mitarbeiter seiner Bildungsstätte sind in sehr unterschiedlichen Bereichen tätig: in Küche, Garten, Seminaren und Verwaltung. Verschieden sind auch die Biografien und Altersgruppen: „Daraus ergeben sich Hürden, die sich mit einer künstlerischen Intervention überwinden lassen. Es ist spannend, das selber mitzumachen. Es ist die Chance für uns, so etwas auch einmal zu tun.“

Artist in Residence

Seit November 2014 ist der Künstler Peter Klint „Artist in Residence“ am Nordkolleg. Er hat sein Atelier von der Nordseeinsel Sylt für einige Monate in einen Seminarraum der Akademie verlegt. Schnell kennt ihn auf dem Gelände jeder. Wie Björn Högsdal beginnt auch Peter Klint seine Intervention mit Mitarbeiter-Interviews. Wer kennt wen? Wer kennt sich kaum oder gar nicht?
„Sag einfach Du“, unterbindet Klint sofort jeden förmlichen Gesprächsversuch. Und sorgt dafür, dass erste Kommunikationshürden fallen. Der Künstler ist überrascht: „Die Mitarbeiter erzählten mir Dinge, nach denen ich gar nicht gefragt hatte.“

Nordkolleg Rendsburg_Peter Klint  Nordkolleg Rendsburg_Guido Froese © MassivKreativ

Peter Klint bildet aus unterschiedlichen Abteilungen Zweierteams. Der Gärtner trifft auf die Bildungsreferentin, der Haustechniker auf die Projektassistentin, der Akademieleiter auf die Köchin, die Controllerin auf die FSJlerin, die Raumpflegerin auf den EDV-Spezialisten.

Geschichten erzählen

Mit einer Spielanleitung machen sich die Tandem-Teams auf den Weg. Sie sollen sich gegenseitig einen Lieblingsplatz in Rendsburg zeigen, sich dort vom Team-Partner fotografieren lassen und dazu eine Geschichte oder Begebenheit erzählen: Was verbinde ich mit diesem Ort? Was habe ich hier erlebt? Welche Geschichte steckt dahinter? Wie fühle ich mich hier? Nicht alle sind auf Anhieb begeistert: „Muss ich da wirklich mitmachen? Ich hab doch schon genug zu tun!“ Als die ersten Teams enthusiastisch von ihren Ausflügen zurückkehren und den anderen davon erzählen, ist das Eis gebrochen. Fast 50 Fotos und Geschichten bringen die Mitarbeiter ins Nordkolleg zurück und liefern sie in Klints Atelier ab.

„Und? Wie wars?“ fragt der Künstler die Heimkehrer mit friesischer Herzlichkeit. Küchenassistentin Michaela Evert und Gärtner Jochen Bock strahlen. Sie sind sich über die Lieblingsplätze näher gekommen und haben gleichzeitig herausgefunden, was ihnen im Leben wichtig ist. Bock musste nicht lange überlegen. Er lebt für seinen Garten, hegt und pflegt ihn mit Liebe und kreativem Engagement, sorgt mit vielen Ideen dafür, dass ständig etwas Neues hinzukommt, z. B. der 100-Sortenbaum und das Insektenhotel. Bei Außenveranstaltungen steigt er regelmäßig aufs Dach des Nordkollegs, um das große Ganze im Blick zu behalten. Das Foto zeigt ihn daher in luftiger Höhe.
Michaela Evert führt ihren Tandem-Partner zur Weißen Brücke am Stadtsee von Rendsburg. Hier hat sie allen Mut zusammengenommen und ihrem Freund einen Heiratsantrag gemacht: mit Erfolg! Als Zeichen ihrer großen Liebe befestigen beide am Brückengeländer ein herzförmiges Schloss mit Namensgravur. Evert lässt sich vor diesem Motiv fotografieren.

Vertrauensbeweis

Aus fast 50 quadratischen Fotos gestaltet Klint in seinem Atelier nun ein Plakat: ein Mosaik der Mitarbeiterschaft. Einheit in der Vielfalt! Die gemeinsam mit den Intermediären von Unternehmen! KulturWirtschaft entwickelte Idee ist am Nordkolleg aufgegangen: Ich zeige Dir etwas von mir, Du erzählst mir etwas von Dir. „Wenn man etwas von sich preisgibt, ist das ja auch ein großer Vertrauensbeweis“, resümiert Peter Klint. Guido Froese ergänzt: „Bei 50 Leuten drehen sich so viele Rädchen und manche hatten bisher keine Berührungspunkte. Gerade private Themen können dabei helfen, sich besser kennen zu lernen.“

Quellen und Inspirationstipps:

Nordkolleg Rendsburg, Akademie für kulturelle Bildung
Peter Klint, Künstler
• Initiative »Unternehmen! KulturWirtschaft« am Nordkolleg Rendsburg
Schleswig-Holstein. Die Kulturzeitschrift für den Norden. Ausgabe 2-2015: Künstlerische Interventionen.
Prof. Dr. Ariane Berthoin Antal vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung

Collagen aus der Kreativmaschine: Intervention bei der Kiel Region GmbH

Karte mit Scrabble-Kiel_alt oder neu © Chili M. Seitz

      Interview mit Janet Sönnichsen Kiel Region GmbH
      Interview mit der Künstlerin Chili Seitz

Neue Horizonte: Preetz – Plön – Paris
Das Wir-Gefühl stärken und den Blickwinkel auf das eigene Arbeitsumfeld erweitern: Das gelingt mit Künstlerischen Interventionen nicht nur in Unternehmen, sondern auch in Verbänden und in der Regionalentwicklung. Die Kiel Region GmbH erprobte künstlerische Methoden in den eigenen Reihen im Rahmen von Workshops und erhielt neue Impulse, vor allem für die Kommunikation. Die Kiel Region GmbH ist die gemeinsame Gesellschaft der Landeshauptstadt Kiel und der Kreise Rendsburg-Eckernförde und Plön. Ziel der drei Gebietskörperschaften ist es, die Zusammenarbeit in der Region auszubauen und sich dem wachsenden Wettbewerb der Regionen aktiv zu stellen.

Bei den Workshops treffen Vertreter verschiedener Land- und Facharbeitskreise aufeinander, z. B. aus Wirtschaft, Verwaltung, Wissenschaft und Tourismus. Manche Teilnehmer kennen sich, andere sehen sich zum ersten Mal. Für Janet Sönnichsen, die Geschäftsführerin der Kiel Region GmbH, steht der gegenseitige Austausch im Fokus und das Ziel, sich über die gemeinsame Identität bewusst zu werden: „Was ist die Kiel Region? Wie sind wir vernetzt? Welchen Mehrwert bringen uns Kooperationen?“

Künstlerin Chili M. Seitz startet ihre Arbeit bei der Kiel Region mit einer Forschungswoche. In Gesprächen mit Mitarbeitern der Gesellschaft und in Sitzungen der Facharbeitsgruppen eignet sie sich das notwendige Wissen über die Wirtschaftsförderung an. Es fließt in die Workshops ein. Die Teilnehmer entwickeln Wortketten und sind überrascht: Nach anfangs sachlichen Begriffen wie „Gebietskörperschaften“ wird es zunehmend bildlich und innovativ: Wasser – trockener Humor, zerstörte Regenschirme – unkomplizierte Frisur, Preetz – Plön – Paris.

Der Blickwinkel weitet sich. Jeder hat zum Workshop einen typischen Kiel-Region-Gegenstand mitgebracht: Sandschaufel, Flip-Flops, Schwimmring, die Kieler Nachrichten, Lupe, Landkarten und Broschüren. Die Teilnehmer legen ihre Gegenstände in Collagen auf den Kopierer, schieben die Utensilien hin- und her. Sie werden gespiegelt, gedreht und gewendet. Der Kopierer wird zur „Kreativmaschine“. Blitzschnell verwandelt sich der nüchterne Konferenzraum in ein buntes „Kinderzimmer“, schmunzelt Janet Sönnichsen. Sie ist begeistert, wie gut die Künstlerin Chili Seitz und ihr künstlerischer Ansatz zu den Fragestellungen der Kiel Region passt: „Beim „Matching“ hat das Team von „Unternehmen! KulturWirtschaft“ sicheres Gespür bewiesen.“

Im Vergleich zu konventionellen Herangehensweisen bieten künstlerische Methoden viele Vorteile. Regionalmanager Knut Voigt ist positiv überrascht: „Dadurch, dass kein Ergebnisdruck vorhanden war, konnten wir der Kreativität freien Lauf lassen. Trotz oder gerade aufgrund der Offenheit sind viele brauchbare Ergebnisse entstanden.“ Auch Workshop-Teilnehmerin Dr. Inge Schröder resümiert begeistert: „Es geht uns bei der Kiel Region ja um ein gemeinsames Regionalmanagement. Als Leiterin des Wissenschaftszentrums Kiel bin ich im Alltag vor allem von textbasierten Informationen umgeben. Ich empfand die visuellen Techniken der Künstlerin Chili Seitz sehr bereichernd, vor allem in der Interaktion mit anderen Teilnehmern.“

Die produzierten Kunstwerke sollen demnächst in den Räumen der Kiel Region ausgestellt werden. „Die entstandenen Kontakte und Ideen werden längerfristig Synergien schaffen und Brücken bauen“, sagt Geschäftsführerin Janet Sönnichsen. Durch das gemeinsame kreative Wirken haben die Teilnehmer erlebt, dass Netzwerken kein Selbstzweck ist, sondern effektiv dabei hilft, für alle bessere Ergebnisse zu erzielen. Das hilft auch bei späteren Projekten.“

Dass die Erfahrungen der Kunstaktion in den Arbeitsalltag übertragen werden können, hat das Team der Kiel Region längst verinnerlicht. Nele Tiemeyer, Projektreferentin am Nordkolleg, ist begeistert: „Bereits beim Abschlussworkshop wurden kreative Methoden aus den Interventionen ganz selbstverständlich vom Projektteam eingesetzt. Die Fülle an Ergebnissen und Ideen, die das Team der Kiel Region im Workshop gesammelt hat, war beeindruckend.“

Inspirationstipps:

Chili M. Seitz, Künstlerin
• Initiative »Unternehmen! KulturWirtschaft« am Nordkolleg Rendsburg
Kiel Region GmbH – Regional- und Wirtschaftsförderung
Schleswig-Holstein. Die Kulturzeitschrift für den Norden. Ausgabe 2-2015: Künstlerische Interventionen.
Prof. Dr. Ariane Berthoin Antal vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung

Poetry Slam als Künstlerische Intervention an Volkshochschulen

© Stephanie Hofschlaeger, Pixelio

Nicht nur die Wirtschaft braucht Perspektivwechsel. Auch öffentliche Einrichtungen aus Politik, Verwaltung und Bildung profitieren, wenn Künstler sie mit geschärftem Blick unter die Lupe nehmen, Selbstbilder und Routinen in Frage stellen und Impulse für Veränderungen geben. Ich habe den Poetry Slammer Björn Högsdal über seine Künstlerische Intervention an den Volkshochschulen in Schleswig-Holstein befragt sowie deren Verbandsdirektorin Monika Peters.

Mit dem im Herbst 2009 gestarteten Strategieprogramm „VHS 2020“ stellt sich der Landesverband der Volkshochschulen in Schleswig-Holstein aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen: Demografiewandel, öffentliche Sparprogramme, Wettbewerb. In diesem Rahmen möchte sich das Leitungsteam bewusster über sein Selbstbild werden. Die Initiative Unternehmen! KulturWirtschaft am Nordkolleg Rendsburg empfahl eine künstlerische Intervention mit dem Poetry Slammer Björn Högsdal.

© Tim Eckhorst, purefruit-magazin.de

Der kreative Umgang mit Sprache und Literatur soll den gegenseitigen Austausch befruchten, die Kommunikation beflügeln und Begeisterung wecken, frei nach dem römischen Philosophen Augustinus: „In dir muss brennen, was du in anderen entzünden willst.“

Während einer Forschungswoche entwickelte der Künstler mit den VHS-Leitern und Mitgliedern des Landesverbandes drei konkrete Fragestellungen für den folgenden eintägigen Workshop:
1) Welches Image haben die Volkshochschulen nach innen und außen?
2) Wie lässt sich das Wir-Gefühl stärken?
3) Wie lässt sich das Wissen über die eigene Institution optimieren?

Högsdal ist überrascht, wie vielfältig die Angebote der Volkshochschulen sind. Er schreibt eine kleine Hommage auf das große Engagement der Mitarbeiter:
„Ein Mosaik aus Diamanten. Jeder funkelt schon für sich. Und das Bild vom großen Ganzen strahlt als noch helleres Licht.“

Den Workshop beginnt Högsdal mit einer assoziativen Schreibübung zum Thema Winter. Er will die Selbstwahrnehmung der Teilnehmer schärfen. Wie beim Gesellschaftsspiel Tabu dürfen bestimmte Begriffe nicht benutzt werden. Die Köpfe rauchen. Ziel ist, um die Ecke zu denken. Eine erste Lockerung, bevor die Buchstaben der Abkürzung VHS kreativ ausgeschmückt werden sollen. Verbandsdirektorin Monika Peters empfindet die Übungen als sehr bereichernd: „Sowohl das eigene Schreiben als auch das Zuhören der vorgetragenen Texte der anderen ermöglicht, die Perspektiven des Arbeitsalltages zu erweitern und eine andere Darstellung der Volkshochschule zu erleben als man sie normalerweise in einer Presseerklärung oder in einer Rede erleben würde.“

© MassivKreativ / VHS

Die Ideen der Teilnehmer sind verblüffend, humorvoll und selbstbewusst. Hans Brüller,
Referent im Landesverband, und Helga Jones, Leiterin der Förde vhs Kiel, präsentieren die Volkshochschule in ihren Texten mit Kopf und Herz:

VHS heißt:
Vielfalt
Viele halbe Sachen
Viele hundertprozentige Sachen

VHS heißt:
Hoch – und weit
Halt finden
Hurra!

VHS heißt:
Suchen und Finden
Selber tun und lernen
Sicherheit und Zukunft

VHS ist:
bunt und vielfältig
Spaß und Anstrengung
Fast- und Gourmet-Food
Himmel und Hölle
Fahrrad und Space-Mobil
Gemeinsamkeit und Individualität

Wir sind:
der größte Bildungsanbieter in Schleswig-Holstein.
Wir sind immer da, wenn man uns braucht.
Wir sind da, wo Sie auch sind.
Wir sind verlässlich, flexibel und kompetent.
Wir sind bewegt und bewegen.
Wir sind Tropfen, Fluss und Meer.

Für Björn Högsdal schwärmt: „Nicht nur die Workshop-Teilnehmer erhalten kreativen Input. Auch ich als Künstler werde inspiriert und assimiliere andere Anregungen gerne in mein eigenes Denken und mein kreatives Tun. Mit Kunst wirklich etwas bewegen zu können, in Köpfen, in der Wahrnehmung, finde ich sehr schön.“

Julia Francke, verantwortlich für die Öffentlichkeitsarbeit beim Landesverband der Volkshochschulen SH, wurde durch den Workshop regelrecht entflammt: „Ich finde das total toll! Ich habe Literaturwissenschaften studiert und hätte nie gedacht, dass ich das im Beruf noch mal so lebendig wiederfinden würde.“

Zur Zeit wird von den Akteuren diskutiert, ob und wie in Zukunft Schreibworkshops und Literatur häufiger zur Außendarstellung der Volkshochschulen genutzt werden können.

Inspirationstipps:

Björn Högsdal, Poetry Slammer
• Initiative »Unternehmen! KulturWirtschaft« am Nordkolleg Rendsburg
Schleswig-Holstein. Die Kulturzeitschrift für den Norden. Ausgabe 2-2015: Künstlerische Interventionen.
Prof. Dr. Ariane Berthoin Antal vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung
Landesverband der Volkshochschulen in Schleswig-Holstein e.V.

„Mensch und Maschine“ – Flashmob bei der Kreyenberg GmbH

© Wojtek Kosciuk, tele-visor.info

Teilhabe motiviert und kann im Rahmen Künstlerischer Interventionen modellhaft erprobt werden. Wenn alle Mitarbeiter sich mit ihren besonderen Fähigkeiten und Talenten eigenverantwortlich einbringen und sich darüber mit ihren Kollegen austauschen können, werden kreative Prozesse in Gang gesetzt. So wie bei der Kreyenberg GmbH in Norderstedt, wo im Frühjahr 2015 eine Intervention zum Thema „Mensch und Maschine“ mit den Künstlerinnen Dany Heck und Christiane Limper stattfand.

Gespräch mit den Künstlerinnen Dany Heck und Christiane Limper

Gespräch mit der Geschäftsleitung der Kreyenberg GmbH: Clemens Kreyenberg und Anne Rose

Interviews mit Mitarbeitern der Kreyenberg GmbH in Norderstedt:

„Die offene, zugewandte Art der beiden und wie sie auf die Mitarbeiter eingehen, hat mich gleich angesprochen.“ Geschäftsführer Clemens Kreyenberg ist Feuer und Flamme, als er die Künstlerinnen bei einer Veranstaltung am Nordkolleg Rendsburg im Juni 2014 erlebt. Bei einer Rückschau auf die bisherigen Künstlerischen Interventionen von „Unternehmen! KulturWirtschaft“ präsentieren die Künstlerinnen ihr erstes Unternehmensprojekt – bei der Firma Holm & Laue. Clemens Kreyenberg sitzt im Publikum und engagiert die beiden auch für sein Unternehmen.

Bevor es richtig losgeht, werden Gespräche geführt und Konzepte erarbeitet. Die Künstlerinnen starten mit einer Forschungswoche im Unternehmen und lernen die Mitarbeiter kennen. Begleitet wird dieser Prozess vom Team von „Unternehmen! KulturWirtschaft“, das unter anderem gemeinsame Workshops mit den Projektteams anderer Künstlerischer Interventionen organisiert. „Die Workshops geben den Akteuren Gelegenheit zum Austausch, zur Reflexion und für kollegiale Rückmeldungen über Ideen und Entwicklungen“, erklärt Teamleiterin Lena Mäusezahl.

  Kreyenberg_Limper+Heck © MassivKreativ: Dany Heck (l.) und Christiane Limper

Mit Energie und Begeisterung stürzen sich Dany Heck und Christiane Limper ins Geschehen. Sie wandern durch die Werkhallen von Kreyenberg, wo mit computergesteuerten Maschinen Metalle und Kunststoffe bearbeitet, gefräst und gedreht werden. Bei ihren Gesprächen spüren sie die positive Atmosphäre im Unternehmen. Künstlerinnen und Geschäftsführung sind sich sofort einig: Alle 150 Mitarbeiter sollen kreativ werden. Unter dem Motto „Mensch und Maschine“ werden in sechs Workshop-Gruppen jeweils 20-30 Teilnehmer aus den verschiedenen Abteilungen und Berufsgruppen gemischt, z. B. Chefetage mit Azubis und Zeitarbeitern. Für Personalleiterin Anne Rose hat das inhaltliche und praktische Gründe: „So entstehen neue spannende Begegnungen über die Grenzen der eigenen Abteilung hinaus, auch zwischen unterschiedlichen Nationalitäten. Die Intervention kann gut in den Arbeitsalltag integriert werden, da nicht ganze Abteilungen zeitgleich ausfallen.“

Kreyenberg_Personalleitung_02 Kreyenberg_Wir zerspannen alles © MassivKreativ

Zunächst sammeln die Mitarbeiter Ideen, erarbeiten dann in drei Workshops ihre Gruppen-Performances, die am Ende in einen gemeinsamen Flashmob münden. Jedes der sechs Teams findet ein eigenes kreatives Thema: Das „Kreyenberg Chaos-Orchester“ groovt auf Metallfässern und Werkzeugen und schafft den rhythmischen Grundbeat. Eine Pantomime-Gruppe imitiert die verschiedenen Abteilungen und zeigt, wie ein „menschliches Zahnrad“ in das andere greift. Humorvoll wird der Fertigungsablauf bei der Materialbearbeitung präsentiert: Späne fliegen durch die Luft, es wird gefegt und Kaffee getrunken. Ein Team baut aus roten, blauen, grünen und gelben Transportkisten das Firmenlogo nach. Andere Kollegen verkörpern das Innenleben einer robotergestützten Maschine mit stockenden Bewegungen unter Stroboskop-Licht in weißen Ganzkörperschutzanzügen. Der Spaß überzeugt am Ende alle, auch anfängliche Kritiker: „Wofür soll das alles gut sein?“ Die Künstlerinnen lassen skeptische Fragen zu und fragen dann selbst: „Was passiert denn in der Firma, wenn es mal Probleme gibt, z. B. wenn Maschinen ausfallen?“ So wandeln sie Widerstand in positive Energie. Die Zweifler kreieren daraufhin begeistert einen Maschinencrash und lassen Paletten beherzt zu Boden krachen. „Humor ist ganz wichtig bei solchen Aktionen. Das gemeinsame Lachen über- und miteinander schweißt alle zusammen“, betont Dany Heck.

Kreyenberg-Kantine_1 Kreyenberg_Künstlerinnen_03_lacht © MassivKreativ

Noch in ihrer Freizeit tüfteln die Teams an Ideen und gestalten mit Schrauben und Zahnradmotiven die Kantinenwände neu. Die „visuelle Gedächtnisstütze“ wird die besondere Stimmung bei der Intervention lange aufrechterhalten. Ebenso der Imagefilm, der die Fertigungsprozesse in den Werkhallen festhält und die Höhepunkte der Intervention.„Die Kunstaktion dient als Ventil“, weiß Christiane Limper. „Die Offenheit für neue Erfahrungen und der Mut, sich auf den kreativen Prozess einzulassen, wirken nachhaltig.“

Geschäftsführer Clemens Kreyenberg prognostiziert: „Das bessere Kennenlernen wird Prozesse beschleunigen und die Zusammenarbeit verbessern. Das wirkt sich früher oder später direkt auf den Geschäftserfolg aus.“ Kreyenberg plant daher weitere Kunstaktionen: „Vielleicht das Firmengebäude anmalen, vielleicht eine Skulptur, mal sehen“, sagt Anne Rose.

Quellen und Inspirationstipps:

• Dany Heck und Christiane Limper – Kunstbasierte Interventionen: KalendArt.wordpress.com
• Initiative »Unternehmen! KulturWirtschaft« am Nordkolleg Rendsburg
Kreyenberg GmbH, Norderstedt
Schleswig-Holstein. Die Kulturzeitschrift für den Norden. Ausgabe 2-2015: Künstlerische Interventionen.
Prof. Dr. Ariane Berthoin Antal vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung

Künstler fördern Stadtentwicklung: Interview mit Dieter Gorny (1/2)

© MassivKreativ

Welchen Anteil haben Künstler an der Stadtrendite?
Im Interview habe ich mit Dieter Gorny über Impulse von Künstlern auf die Stadtentwicklung und Stadtplanung gesprochen. Nach welchen Kriterien sollte der Wert eines Ortes bzw. einer Region bemessen werden? Inwiefern beflügeln Künstler mit ihren (Inter-)Aktionen nicht nur die Immobilienbranche, sondern auch Gastronomie und Hotellerie, Einzelhandel, Verkehr und das soziale Miteinander in einer Stadt? Wie können kreative Wertschöpfungen im soziokulturellen Bereich honoriert werden? Und wie können Künstler letztlich auch an der Wertsteigerung von Stadtrendite beteiligt werden? Wichtige Fragen für die creative cities von morgen …

Dieter Gorny ist Geschäftsführer des Europäischen Zentrums für Kreativwirtschaft (ecce) in Dortmund.

Atelier zwischen Computern im Großraumbüro

© Walbrodt.org

In der IT-Branche geht es im Alltag oft clean, geordnet und systematisch zu. Doch wenn alles durchorganisiert ist, droht die Kreativität abhanden zu kommen. Was passiert, wenn rational denkende Menschen auf einen emotional handelnden Künstler treffen? Genau das wollte ich vom Geschäftsführer einer IT-Firma aus Köln wissen, denn er hat ein spannendes Experiment gewagt.

Alles begann hinter sterilen Betonwänden. Wie Steve Jobs und Bill Gates hat auch Ralph Friederichs zunächst in einer Garage Computer zusammengebaut und sie anschließend verkauft. 1998 gründete er seine eigene Firma, die Cyberdyne IT GmbH. Sie berät und begleitet mittelständische Unternehmen in IT-Fragen. Friederichs Firma expandierte und beschäftigt heute mehr als 25 Mitarbeiter.

Umzug ins Großraumbüro
2007 zieht Friederichs mit seiner Firma in größere Büroräume um. Endlich haben alle Mitarbeiter genügend Platz. Jeder kann eigenverantwortlich für Ordnung sorgen. Das Großraumbüro mit repräsentativem Parkettfußboden, stylischen Waschbetonwänden, weißen Schränken und Regalen ist chic, wirkt aber irgendwie steril, findet Friederichs. Und sucht nach einer Idee, wie er den puristischen 400 Quadratmetern mehr Leben einhauchen kann. Wie lässt sich die neue Umgebung kreativ befruchten?

NYX © Walbrodt.org

Der damals 34jährige Geschäftsführer holt den Bonner Künstler Daniel Hoernemann alias Walbrodt in sein Unternehmen. Auf einer ungenutzten Fläche im Großraumbüro schlägt Walbrodt zwischen Kabeln und Computern sein Atelier auf, schleppt Tischböcke und Holzplatten heran, Leinwände und Papier, sammelt Stifte und Pinsel zusammen, Farben und Lappen. Er beginnt im IT-Unternehmen zu arbeiten.

Vereinbarung
Wie bei jeder geschäftlichen Partnerschaft hält Friederichs mit Walbrodt die Rahmenbedingungen der Kooperation in einer Vereinbarung fest. Walbrodt kommt an einem Tag pro Woche ins Unternehmen, wobei es ihm überlassen bleibt, womit er seinen Arbeitstag füllt. Die Kunstwerke, die in den folgenden zwei Jahren entstehen, verbleiben in der Firma zu einem fest vereinbarten Honorar.

Ein neues Biotop wird beäugt
Die anderen Angestellten beobachten den neuen Mitarbeiter neugierig. Wie arbeitet ein Künstler so? Macht er alles spontan oder hat er einen Plan? Wie findet er seine Ideen? Und wie geht es danach weiter? Schnell wird klar: Ein festes Schema hat Walbrodt nicht. Mal geht er direkt an seinen Platz im Atelier und arbeitet über Stunden hochkonzentriert. Mal nimmt er an Teamsitzungen teil, sucht das Gespräch mit einzelnen Mitarbeitern, stellt Fragen, hört zu, lässt sich vom Arbeitsalltag der IT-Firma inspirieren.

Interventionen im Raum
Nach einiger Zeit beginnt Walbrodt zu intervenieren. Er hängt Plastikfolien in den Raum, teilt das riesige Büro neu auf und verordnet den Mitarbeitern, neue Wege zu gehen. An Kopiergeräte heftet er gelbe Post-it-Aufkleber mit irritierenden Botschaften und verteilt auf dem Boden kleine Plastikfiguren, über die die Mitarbeiter buchstäblich stolpern.

Walbrodt mischt Strukturen auf

Während einer Teambesprechung installiert er ein „Büro für die Nutzung von Fehlern und Zufällen“. Er regt die ITler an, offen für Unerwartetes zu sein und gerade besprochene Probleme kreativ zu lösen. Die Software-Experten sollen das „Ungesuchte“ finden. Kunst spielt sich nicht isoliert vom Tagesgeschäft jenseits von Zahlen und Bilanzen ab, sondern ist mittendrin.

Walbrodt_Fehler+Zufälle Walbrodt © Walbrodt

Mit einem Puzzle regt Walbrodt die Mitarbeiter zur Zusammenarbeit im Team an. Über einen Zeitraum von drei Wochen tragen sie die einzelnen Teile zusammen, die auf der Rückseite durchnummeriert sind. Was das Gesamtkunstwerk darstellt, werden die ITler erst am Ende wissen.

NYX  NYX © Walbrodt

Nicht jede Intervention lässt sich enträtseln. Walbrodt geht es um den Perspektivwechsel, um das Stolpern, Aufhorchen, das ganz bewusste Hinsehen, das Neu-Ordnen nach der Irritation. An der Wand des Großraumbüros hängen Scrabble-Buchstaben. Einen Sinn ergeben sie nicht, mögen die IT-Spezialisten noch so lange tüfteln. Was soll der kleine rote Plastik-Cowboy mit Lasso auf der Lampe im Besprechungsraum? Anarchie zwischen Computertastatur, Kabeln, Steckleisten und „To-Do“-Listen.

Reaktion der Mitarbeiter
Nach anfänglicher Zurückhaltung fassen die Mitarbeiter Vertrauen. Walbrodt nimmt bewusst Anteil an ihrem Arbeitsalltag, verschafft sich mit Fragen Klarheit über Abläufe und Zuständigkeiten, hört aufmerksam zu, fasst nach. Ein viel diskutiertes Problem im Großraumbüro thematisiert er auf seine Weise: Er klebt dem Geschäftsführer eine schwarze Pappe mit weißer Aufschrift an den Kopf: „Stille-Möglichkeit“.

Cyberdyne_Box_Stille  © Walbrodt.org

Walbrodt stellt Themen zur Debatte, die maßgeblich für das Wohlbefinden, die Motivation und die Produktivität der Mitarbeiter sind. Sie spüren: Der Künstler nimmt sie ernst. Nach wenigen Monaten ist Walbrodt ein Teil der Firma geworden. Ein Mitarbeiter formuliert es so: „Wenn er heute gehen würde, dann würde etwas fehlen.“

© MassivKreativ, Thomas Küchler, Mitarbeiter Cyberdyne

Zuversicht des Geschäftsführers
„Er kam, er war da und ich hatte keine Angst, dass es schlimm wird“, erinnert sich Geschäftsführer Friederichs rückblickend. Man sei sich von Anfang an sympathisch gewesen, beschreibt er sein Verhältnis zum Künstler. Sympathie und Vertrauen sind die Basis für eine erfolgreiche künstlerische Intervention.

© MassivKreativ, Ralph Friederichs (l.) und Walbrodt (r.)

Routinen müssen auch mal durchbrochen werden, wenn man konkurrenzfähig bleiben will, findet Friederichs. Dass ein Künstler einfach nur ein Werk in seinem abgeschiedenen Atelier schafft, das später einen repräsentativen Ort im Unternehmen ziert, erschien Friederichs immer zu wenig. “Kunst soll bei uns nicht nur dekorativ sein“, meint der Geschäftsführer. „Sie soll einen direkten Bezug zum Unternehmen haben”.

Über allem steht die Frage: Was passiert beim täglichen Aufeinandertreffen zwischen IT-Spezialisten und kreativem Freigeist? Welche Veränderungen treten ein? “Das Spannende ist, dass wir – anders als bei unserer Arbeit – bei diesem Projekt kein klares Ziel haben. Wir möchten etwas Neues probieren und ausgetretene Pfade verlassen.”

Intentionen des Künstlers
„Natürlich prallen hier erst einmal zwei Welten aufeinander”, sagt Walbrodt. “Eine Grundvoraussetzung ist die Bereitschaft aller, offen mit der neuen Situation umzugehen und die Andersartigkeit des Gegenübers zu akzeptieren.” Walbrodt war sich von Anfang an sicher, dass Unternehmer Friederichs jemand sei, „der auch mal etwas wagen würde“.

Mit den Mitteln der Kunst, auf das Tagesgeschäft einzugehen und zu erfahren, wo vielleicht der Schuh drückt, macht den besonderen Reiz einer künstlerischen Intervention aus.
„Kunst birgt mindestens drei Chancen für den Menschen“, sagt Walbrodt:
– die Entdeckung der eigenen Einzigartigkeit
– die bewusste und angstfreie Auseinandersetzung mit dem Irrationalen
– den Impuls, eigenverantwortlich zu handeln.“

Kreative Impulse für die Kundenbeziehung
Bei Cyberdyne sind heute 26 IT-Spezialisten für über 50 Unternehmen tätig. Die gewonnenen Erfahrungen aus dem Kontakt mit dem Künstler Walbrodt werden auf den Umgang mit den Kunden übertragen. Um passgenaue Lösungen anbieten zu können, müssen unaufhörlich Fragen gestellt werden. Auf der Website schreibt Cyberdyne über das Selbstverständnis der Firma: „Wir sind bereit, zu verstehen, Beziehungen herzustellen und gemeinsame Chancen zu erkennen. Die Zukunft hat schon begonnen!“

Nachhaltigkeit
Zwei Jahre arbeitet Walbrodt im firmeneigenen Atelier von Cyberdyne. Der Erfolg spricht sich herum. Das Projekt wird 2010 von der Städteregion Aachen mit dem Preis „economy meets art“ ausgezeichnet – als Teil des gleichnamigen Modellprojektes EMA, 2010-2013 gefördert vom Ministerium für Wirtschaft, Energie, Industrie, Mittelstand und Handwerk des Landes NRW.

Geschäftsführer Friederichs ist vom Verlauf und den Ergebnissen des Projektes so begeistert, dass er in seinem IT-Unternehmen eine weitere Aktion mit Walbrodt folgen lässt: Der Künstler entwickelt gemeinsam mit der Tanz-Choreografin Jennifer Hoernemann das Konzept T.A.N.Z. GmbH = „Tänzerische Aktionen für nachhaltige Zusammenarbeit“. Auch das neue Projekt bringt ungewohnte Perspektiven in das IT-Unternehmen. Stillstand gibt es für Friederichs nicht.

Quellen und Inspirationstipps:

• CommunityArtWorks – Walbrodt: Künstlerische Prozesse und Interventionen in Kontexten gesellschaftlicher Entwicklung: Communityartworks.de
CYBERDYNE IT GmbH – Informationstechnologie GmbH

Kultur fördert Wirtschaft: Interview mit Dieter Gorny (2/2)

© MassivKreativ

Welche Fähigkeiten und Qualitäten bringen Künstler in unsere Gesellschaft ein? Warum ist notwendig und sinnvoll, dass Künstler aktiv in die Gesellschaft eingreifen? Ich habe Dieter Gorny nach der besonderen Rolle von Künstlern gefragt – im Hinblick auf die Herausforderungen unserer Zeit: Innovationsdruck und Digitalisierung, Demografie und Diversity …

Dieter Gorny ist Geschäftsführer des Europäischen Zentrums für Kreativwirtschaft (ecce) in Dortmund.