Soziale Innovationen: neue Lösungen für neue Rahmenbedingungen

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Der Begriff Innovation wurde lange rein technologisch aufgefasst. Erst 2009 nahm die EU das Schlagwort „soziale Innovation“ in ihr Wirtschaftsprogramm „Europa 2020“ auf. Sozialwissenschaftler weisen schon lange darauf hin, dass jeder technischen Innovation meist eine soziale Innovation vorausgeht. Und jede technologische Innovation hat stets auch eine soziale Relevanz. Mobiltelefone und Mikrokredite etwa geben Millionen Menschen in Entwicklungsländern die Chance auf Selbstermächtigung und Selbstständigkeit.

Folgen durchdenken 

Soziale Innovationen bieten Lösungen für neue gesellschaftliche Rahmenbedingungen. Bevor technische Lösungen greifen und Prozesse digitalisiert werden können, müssen sie analog im sozialen Kontext durchdacht und betrachtet werden: Welche Folgen hat unser Handeln? Plane ich meine Projekte „gewissen-haft“? Kreativschaffende „erfinden“ und realisieren daher vor allem soziale Innovationen, die dazu führen, das wir anders zusammenleben (WGs, CoLiving), anders arbeiten (CoWorking, CoWorkation, digitale Nomaden), anders konsumieren (Teilen), Leistungen anders entlohnen (zahl, was es Dir wert ist) oder anders mit Krisen umgehen (Kurzarbeit statt Kündigung). Häufig werden auf globale Herausforderungen lokale Lösungen gefunden. Soziale Innovationen bringen spürbar positive Effekte, sie wirken funktional, emotional und sozial.

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Wertschöpfung weiter denken

Durch soziale Innovationen lösen Kreativschaffende Probleme oder Bedürfnisse besser als mit bisher etablierter Praktiken. Sie treten dafür ein, dass der Begriff der wirtschaftlichen Wertschöpfung weiter gefasst wird als bisher und sorgen für eine wirtschaftliche Wertschöpfung, die soziale, ökonomische, kreative und ökologische Aspekte (z. B. value balancing, Sozialwachstum, Wohlfühleffekte) umfasst, Vorbild für ein zukunftsfähiges Wirtschaften im 21. Jahrhundert. Wertschöpfung muss als Gesamtheit von Gesellschaft, Umwelt und Nachhaltigkeit begriffen werden, indem einerseits Sozialwachstum und Wohlfühleffekte wirtschaftliche Beachtung finden und andererseits bisher kostenfrei genutzte Umweltressourcen eingepreist werden.  

Ländlicher Raum

Lia Mertens hat in ihrer Masterarbeit Förderung der Dorfentwicklung durch soziale Innovationen auf die Bedeutung von nicht-technologischen Innovationen hingewiesen, die gerade im strukturschwachen ländlichen Raum wichtig seien, wo es viele Defizite im Zuge einer schwindenden Daseinsvorsorge zu bearbeiten gelte. Hier böten Impulse von Kreativschaffenden wertvolle Chancen: „Soziale Innovationen sind immateriell geprägt und zielen auf die Verbesserung von sozialen Praktiken ab. Damit soll beispielsweise erreicht werden, dass besser auf Bedürfnisse der Menschen eingegangen werden kann. Durch die Beeinflussung sozialer Praktiken wird auch die Entwicklung einer Gesellschaft stark geprägt. Nicht nur Strukturen werden zum Teil modifiziert, sondern auch ihre ethischen Normen überdacht und beeinflusst…“ (S. 17)

  © Lia Mertens, Masterarbeit S. 18

Entlastung durch Innovationen 

Ein Blick in die Geschichte: Die Erfindung der Waschmaschine brachte den Erwachsenen Entlastung im Haushalt und verschaffte den Kindern indirekt mehr Vorlesezeit. Das Internet erleichterte mit seinen vielfältigen Anwendungen Arbeitsleben und Freizeit. Soziale Innovationen brauchen eine Kultur der Kooperation zwischen Menschen verschiedener Lebensbereiche, zwischen Politik, Wirtschaft, Bildung und Zivilgesellschaft, zwischen unterschiedlichen Disziplinen, Ländern, Geschlechtern und Altersgruppen.

 © TU Dortmund, SI-DRIVE, Studie Soziale Innovationen

Studie zu sozialen Innovationen

Die Sozialforschungsstelle der TU Dortmund hat 2017 die erste globale Studie zu sozialen Innovationen veröffentlicht. Für das Leitprojekt SI-DRIVE wurden mehr als 1.000 Initiativen sozialer Innovation auf allen Kontinenten und in unterschiedlichen Politikfeldern untersucht in den Bereichen Bildung und Lebenslanges Lernen, Beschäftigung, Umwelt und Klimawandel, Energieversorgung, Transport und Mobilität, Gesundheit und Sozialfürsorge sowie Armutsbekämpfung und nachhaltige Entwicklung. Das Fazit: Bürger, Wirtschaft und Staat müssen sich vernetzen, um soziale Innovationen voranzutreiben, z. B. die Kultur des Teilens von Gegenständen, Räumen und Wissen, für mehr Gemeinwohl, Ökologie und Nachhaltigkeit (vgl. Corinna Hesse: zukunft-leben-nachhaltigkeit, Hörbuch und Wissensportal).  

Wann ist eine Erfindung innovativ?

Mit einer Innovation wird eine kreative Idee wirksam, die neue Technologien und soziale Aspekte verbindet. So können neue Wertschöpfungsketten und Geschäftsmodelle entstehen, die das Leben Einzelner oder der gesamten Gesellschaft positiv verändern. Kreativität kann bisheriges Handeln und Verhalten wandeln, wie folgende Fallbeispiele zeigen:

Öko-Dorf der Zukunft „ReGen Villages“

Mit etwa 25 Häusern ist ReGen Villages ein Modellprojekt in der Nähe von Almere in den Niederlanden. Es soll ländlichen Regionen eine Perspektive für neue Herausforderungen bieten, wie Ressourcenknappheit, Bevölkerungswachstum, Urbanisierung. Dank neuer Technologien regelt das Dorf in Selbstversorgung völlig unabhängig seine Energie- und Nahrungsmittelproduktion, die Wasserversorgung und Müllentsorgung. Fischzucht wird mit Pflanzenanbau in Hydrokultur kombiniert, die Ausscheidungen der Fische dienen als Dünger. 

 © Jutta Kühl, Pixelio.de

Foodsharing

Gemeinwohlideen trieben die Aktivisten Raphael Fellmer und Marius Diab an. Beide lebten längere Zeit ohne Geld von dem, was andere gespendet oder aussortiert
hatten. Sie versorgten sich und ihre Familien mit weggeworfenen Lebensmitteln und begründeten die soziale Bewegung des foodsharings (Fellmer 2017).

Kreativ gegen Landminen

Tausende Menschen sterben jährlich durch Landminen. Der 14-jährige Inder Harshwardhan Zala möchte das ändern. Er hat eine Drohne mit einem leichten Sprengsatz entwickelt, die knapp über dem Boden fliegend Landminen aufspüren und entschärfen kann. Die indische Regierung unterstützt das Projekt finanziell. Der Junge darf seinen Prototyp gemeinsam mit Ingenieuren weiterentwickeln, bis er in Massenproduktion gehen kann.

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Zahle, was Du willst

Dieses verbreitete Motto setzte bewusst auf Vertrauen. Es soll die Gesellschaft zu mehr Eigenverantwortung und zum Umdenken animieren. Mit variablen Preisen experimentieren neben der Gastronomie (Bier im Hamburger Gängeviertel, Mittagstisch im persischen Restaurant Kish in Frankfurt am Main) auch  Kulturschaffende (Museen in Bremen und Worpswede, CD „Rainbows“ von Radiohead), Tierparks (Allwetterzoo Münster), Handwerker (Frisör Josef Pertl in Landshut) und Dienstleister („Body Angels – mobile Massagen“). Das bedingungslose Grundeinkommen, auch eine soziale Innovation, setzt ebenfalls auf Vertrauen und ein positives Menschenbild. Es verfolgt einen Wandel im Denken der Menschen für mehr Gemeinsinn.

 © Jens Bredehorn, Pixelio.de

Direkt vom Erzeuger

Quijote-Kaffee in Hamburg ist ein Handels- und Sozialunternehmen mit nachhaltigem Konzept. Die biozertifizierten Kaffeebohnen werden direkt bei den Bauern
erworben. Quijote hält persönlichen Kontakt zu ihnen und zahlt doppelt so hohe Abnahmepreise wie normalerweise bei Fair Trade üblich. Und: Bereits vor Beginn der Ernte werden die Kaffeebohnen zinsfrei vorfinanziert mit über 60 % der vereinbarten Abnahmemenge. Zweimal im Jahr reisen die Betreiber auf die Kaffeeplantagen und laden im Gegenzug Mitglieder der Bauernkooperativen für einen Monat nach Hamburg ein. So kann das gegenseitige Vertrauen stetig wachsen.

Blick in die Geschichte

Schon das Mittelalter kannte Innovationen: Die technologische Revolution des Buchdrucks bereitete den Boden für die Reformation und schuf die Voraussetzung
für die massenhafte Verbreitung der Bibel, die Martin Luther (vgl. Corinna Hesse: Luther-Hörbuch) aus dem Lateinischen ins Deutsche übersetzte.

 © Roswitha Rösch, Silberfuchs-Verlag

Lernende Teilhabe

Soziale Innovationen müssen in der Mitte der Gesellschaft entstehen: Bürger werden als Akteure der Zivilgesellschaft zu aktuellen Problemen und Wünschen befragt und bei Herausforderungen an Lösungsansätzen beteiligt. Ideen für Innovation und Wandel werden in kurzen Zeitabständen auf ihren Nutzen und ihre positive Wirksamkeit hin überprüft – so wie es das Design Thinking vorsieht. Hier wird in kleinen autarken Teams hierarchiefrei, selbstbestimmt, interdisziplinär in mehrstufigen Prozessen agil zusammengearbeitet, um ein Problem ausfindig zu machen und später zu lösen. Die kreative Methode entstand an der Stanford University in Kalifornien und wurde vom dortigen Hasso-Plattner-Institut weiterentwickelt. Sie hat einen starken Bezug zum Nutzer und gliedert sich in sechs Phasen:

  1. Sachverhalte verstehen und beobachten, z. B. durch Recherchen und Interviews
  2. Probleme exakt definieren
  3. Lösungsansätze finden bzw. Ideen entwickeln
  4. Prototypen entwerfen
  5. Ideen vom Nutzer testen lassen
  6. Lösungsansätze weiter verbessern, ggf. auch mehrfach

Lernen durch Wiederholung

Die wenigsten Herausforderungen lassen sich heute linear lösen. Der Erfolg ist größer, wenn man iterativ vorgeht, d. h. einzelne Prozesse so oft wiederholt, bis man sich der exakten Lösung annähert. Beim „Schleifen drehen“ dürfen Fehler passieren, aus denen gelernt werden kann. Über digitale Plattformen wie openIdeo.com, sicEurope.eu oder synAthina.gr können Bürger gemeinsam regional bzw. überregional Innovationen gemeinsam vorantreiben. Sozialforscher fordern zu Recht, eher systematisch in effektive, kreative und lernende Organisationsformen zu investieren statt direkt in Innovationen.

 © KoSI-Lab

Labore für soziale Innovationen

Deutschlandweit und international arbeiten inzwischen viele Zentren und Labore erfolgreich an sozialen Innovationen, meist interdisziplinär bzw. cross-sektoral mit Akteuren aus Kommunen bzw. öffentlichem Sektor, aus Forschung und Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Innovative Labore für Politik- und Verwaltung gibt es u. a. mit dem GovLab Arnsberg in NRW,  dem GovLabAustria in Wien, dem MindLab im dänischen Kopenhagen und dem britischen Social Innovation Lab Kent.  Labore für bürgerschaftliche Innovationen sind The Innovation Loop, The Australian Centre for Social Innovation, MaRS Solutions Lab und das Laboratoire d’innovation sociale. Geschäftsmodelle mit sozialer und gesellschaftlicher Wirkung verfolgen verschiedene sozialunternehmerische Initiativen, wie z. B. Maison du développement durable, Center for Social Innovation und Midpoint Center for Social Innovation. Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Praxis bieten verschiedene Transfer-Zentren für soziale Innovation, u. a. das Institute without Boundaries, das Tilburg Social Innovation Lab und der schwedische makerspace Sliperiet. In Mecklenburg-Vorpommern gab es 2017-2019 ein Projekt zur sozialen Dorfentwicklung im Rahmen des Landeswettbewerbs Kreative Raumpioniere in MV

229441_web_R_K_B_by_Stephanie Hofschlaeger_pixelio.de © Stephanie Hofschlaeger, pixelio.de

Förderprogramme

Die EU bzw. der Europäische Sozialfond ESF hat von 2014-2020 ein Programm EaSI zu sozialen Innovationen aufgelegt – mit drei Themen:

In verschiedenen Bundesländern wurden Förderprogramme von sozialen Innovationen aufgegriffen, u. a. in Niedersachsen, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Bayern.

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung förert in Nordrhein-Westfalen das Projekt KoSI-Lab. Im Fokus steht die modellhafte Entwicklung zweier Labore sozialer Innovation (SI-Lab) in den Dortmund (Neuentwicklung) und Wuppertal (Weiterentwicklung). Im Programm Zukunft der Arbeit fördert das BMBF außerdem, soziale Innovationen durch neue Arbeitsprozesse möglich zu machen (4. Wettbewerbsrunde 2019).

Auch das Bundesministerium für Landwirtschaft und Ernährung fördert Maßnahmen, die soziale Innovationen vorantreiben, z. B. in der sozialen Dorfentwicklung, wie das Projekt Kreative Raumpioniere in MV. Über die Bundeszentrale für politische Bildung fördert das Bundesministeriums des Innern, für Bau und Heimat  Aktivitäten im Programm Zusammenhalt durch Teilhabe.

Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie startete im Dezember 2019 erstmals einen Förderaufruf für digitale und nicht-technische Innovationen. In der ersten Förderrunde sind Ideen für digitale und datengetriebene Geschäftsmodelle und Pionierlösungen (IGP) gefragt.  Ein zweiter Förderaufruf ist im Verlauf des Jahres 2020 geplant, der besonders auf kultur- und kreativwirtschaftliche Innovationen zielt. Ein dritter Aufruf zielt voraussichtlich auf Innovationen mit einer besonders hohen sozialen und gesellschaftlichen „Wirkkraft“.

Sharing und Wir-Kultur: Wie Coworking Innovationen beflügelt

 © Antje Hinz

Coworking ist wie eine Wundertüte: Du triffst neue Leute, teilst mit ihnen Ideen, Visionen, Herzblut und Leidenschaft, findest Dinge, die Du nicht gesucht hast und erlebst Vielfalt und Überraschungen, die Deine Projekte und Deine Persönlichkeit wachsen lassen. Coworking bedeutet weit mehr als nur Infrastruktur zu teilen. Ein Streifzug durch Geschichte und Gegenwart der kooperativen Zusammenarbeit.

Die Anfänge

Die Idee gemeinschaftlicher Büronutzung entstand nicht in den USA, sondern in der deutschen Hackerszene. 1995 gründeten einige Computerfreaks in Berlin den Clubraum C-Base – ein Vorläufer des Coworkings. Die Idee wurde zum Trend, als der Chaos Computer Club 2007 bei seinem Jahreskongress empfahl, gemeinsame Räumlichkeiten für neue Projekte anzumieten (Building a Hacker Space). Kurz zuvor hatte Tim Pritlove in seinem Podcast CRE055 (Chaosradio Express) den bis heute bestehenden Hackerspace Metalab in Wien vorgestellt. Pendants in Deutschland entstanden in Köln mit C4, in Hamburg mit Attraktor, in Mannheim mit RaumZeitLabor (weltweites Verzeichnis: hackerspaces.org). In den USA wurden ab 1999 Büroplätze geteilt, im New Yorker Stadtteil Manhattan eröffnete u. a. das „42West24“, allerdings noch ohne Community-Gedanken. In San Francisco florierte Coworking ab 2006 im Umfeld der Social-Web-Community von Hacker Chris Messina, Programmierer Brad Neuberg und Kommunikatorin Tara Hunt, die gemeinsam „Citizen Space“ und „The Hat Factory“ gründeten. Im gleichen Jahr startete am Rosenthaler Platz in Berlin Sankt Oberholz, das seitdem Freidenker und digitale Nomaden mit viel Kaffee, buntem Coworking, spannenden Events und diversen Teams lockt.

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Augenhöhe

Zu den geistigen Vätern des Coworkings gehört der amerikanische Gamedesigner und Spaßtheoretiker Bernard Louis DeKoven. In einem Interview berichtet er, dass er schon 1999 den Begriff Coworking benutzt habe, um bei der Spieleentwicklung Hierarchien abzuschaffen: „When I coined the term coworking, I was describing a phenomenon I called “working together as equals.” DeKoven sah im Coworking eine Chance zum Zusammenarbeiten auf Augenhöhe. Auch Sascha Lobo und Holm Friebe gehören mit ihrem Buch Wir nennen es Arbeit (2006) zu den Wegbereitern des Coworkings und ein Leben jenseits von Festanstellung.

Materielle Synergien

Aus finanzieller Not eine Tugend machen: Vor allem Berufseinsteiger schätzen die Begrenzung von Kosten und die Überschaubarkeit lästiger Pflichten, etwa bei Miete und Infrastruktur für Internet, Drucker, Scanner, Telefon, Beamer, bei Nebenkosten und Büroreinigung, bei der Nutzung größerer Räume für Teambesprechungen. Doch tatsächlich ist Coworking heute weit mehr als das Teilen materieller Ressourcen.

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Ideeller Zusammenhalt

Den Coworkern geht es um immaterieller Dinge: um besondere Atmosphäre und Gründergeist, um das Teilen von Wissen und Erfahrungen, d. h. nach dem peer-to-peer-Prinzip eigene Fähigkeiten weiterzugeben und von anderen Kompetenzen der Mitstreiter zu profitieren. Leidenschaft und Energie sollen wachsen, nicht zuletzt durch die Community. Zu den Säulen des Coworkings gehören gemeinsame Veranstaltungen, Workshops, Konferenzen und Wettbewerbe mit Präsentationen und Pitches eigener Konzepte und Ideen.

Sich auf Vertrauen und gemeinsame Werte stützen zu können, bedeutet den Coworkern ebenso viel wie die Entlastung des eigenen Geldbeutels. Basis und Voraussetzung für erfolgreiches Coworking sind gegenseitiges Interesse und Offenheit, Wille zur Zusammenarbeit und Gemeinschaft, Nachhaltigkeit im Denken und Handeln und ein offener Zugang zu materiellen und immateriellen Ressourcen. „Gemeinsam statt einsam!“, so die Devise.

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Wachstum der Communities

2007 wurde Coworking erstmalig zum Trend-Suchbegriff bei Google, heute (Juni 2017) findet man dazu bereits über 17 Millionen Einträge. Derzeit arbeiten mehr als 1 Million Menschen weltweit in Coworking Spaces, in Deutschland rund 14.000 – mit wachsender Tendenz. Die meisten Bürogemeinschaften gibt es in New York, Berlin und London. Die höchste Coworking Dichte, gemessen an den Einwohnern, bieten Spanien und Australien. Nicht alle Anbieter arbeiten kostendeckend, müssen sie auch nicht, weil viele im Rahmen von  Mischnutzungsmodellen keine Gewinne erwirtschaften wollen oder dürfen. Die Superbude-Hotels in den Hamburger Stadtteilen St. Georg und St. Pauli bieten Coworkern in den Kitchenclubs täglich ab 14:00h ohne Anmelde-, Verzehr- oder Zimmerbuchungspflicht Raum zum kollaborativen Arbeiten inkl. schnellem W-LAN, Drucker, Scanner, Kaffeemaschine, Mikrowelle, Snacks und heimischem Computer.

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Konzepte und Alleinstellungsmerkmale

Die Konzepte der Coworkings variieren. Manche Anbieter offerieren besonders günstige Konditionen, wie der betahaus-Verbund (seit 2009), andere bieten vergleichsweise viele Filialen in internationalen Metropolen. WeWork etwa trumpft mit 50.000 Mitgliedern an mehr als 90 Orten in rund 30 Städten in 12 Ländern (Mai 2016) und dem markigen Slogan: „Make a life, not just a living“. Auch das rasch wachsende Unternehmen Mindspace kommt aus der „Start-up-Nation“ Israel, wo Coworking-Büros seit langem blühen. Mindspace ist eine ästhetische Mischung aus Café, hochmodernem Büro, Bücherei und Wohnzimmer, gespickt mit gemütlich-elegantem Retro-Design und Steam-Punk-Reminiszenzen.

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Places in Hamburg wirbt unter dem Motto: „Ob Open Space oder Work Box, ob Conference oder Meeting, bei places findet jeder sein place to be“ und lockt mit dem Geist des amerikanischen Designer-Ehepaares Charles and Ray Eames. Die Arbeitsplätze von Places  wirken wie in eine Ausstellungsfläche für stylische Büromöbel.

Beehive möchte mit Transparenz und Flexibilität überzeugen und bietet Räume ohne versteckte Kosten und Mindestvertragslaufzeit. 

Mit einem branchenspezifischen Hotspot für die Gamerszene wartet InnoHub in Hamburg auf, hier können sich Gamer mit Akteuren aus Marketing und Consulting vernetzen.

Impact Bazaar in New York wirbt mit einem „Innovations-Ökosystem“ aus Workshops, Gastreden, Lesungen, Gründerlaboren, Yoga, Meditation und Medienzentrum. Auf dem „Live Market Place“ können sich Gründer mit Organisationen, Ausstellern, Mentoren, Gastgebern und Partnern vernetzen.

Die tschechische Community Techsquat bietet in mehreren urbanen Metropolen gemeinsames Wohnen und Arbeiten. In den technisch hervorragend ausgestatteten Großraumbüros der Wohngemeinschaften können Techies und High Potentials aus aller Welt temporär an ihren Projekten schmieden und zusammen leben.

Eltern-Kind-Büros wie Rockzipfel in Leipzig erleichtern in mehreren Städten Deutschlands die Möglichkeit, Arbeiten und Kindererziehung zu verbinden.

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Metropolregionen und ländliche Räume

Coworking ist längst auch außerhalb urbaner Metropolen angekommen. Besonders in Universitätsstädten sind Angebote entstanden, z. B. projekt:raum WarnowValley in Rostock, Cowork in Greifswald, ZeitRaum in Braunschweig. Im oberbayerischen Bad Tölz eröffnete eine Werbeagentur den Space Heimat 2.0 und vermietet Teile eines ehemaligen Brauhauses an andere Coworker unter.

Auf einem brandenburgischen Gutshof bietet Coconat-Space eine inspirierende Arbeitsumgebung mit erholsamen Freizeitangeboten in der Natur. Gearbeitet werden kann u. a. an Freiluftschreibtischen, Übernachtungen sind wahlweise in Hotelzimmern oder Indoorzeltplätzen möglich. Inzwischen gibt es auch einen Ableger: Hof Praedikow.

In Mecklenburg-Vorpommern bietet das idyllisch gelegene Seminarhaus Platz des Friedens in der Nähe von Lübtheen viel Ruhe, Herzenswärme der Betreiber und geistigen Nährboden für neue Ideen, Austausch, Erbauung, Mutter Erde unter den Füßen und bei günstiger Witterung auch einen atemberaubenden nächtlichen Sternenhimmel. Wenige Kilometer entfernt entsteht ein neues Wohn- und Lebensprojekt Wassermühle Brömsenberg, das noch tatkräftige und engagierte Mitstreiter sucht. Ein ähnliches Projekte entsteht mit Wir bauen Zukunft im Zukunftszentrum Nieklitz, das sich als Experimentierfeld für bedarfsorientierte Innovation, soziales Unternehmertum sowie nachhaltiges Bauen, Lernen und Leben versteht. In Neustrelitz lädt die Alte Kachelofenfabrik mit Charme und vielfältigen Angeboten zum gemeinsamen Arbeiten, Lernen und Austauschen ein.

Der Coworking-Manager Tobias Kremkau, Sankt Oberholz, hat zwei Monate lang Coworkings in ganz Eurpa bereist, u. a. die erste Beschäftigungsgenossenschaft im österreichischen Vorchdorf Otelo eGen. Der gebürtige Brandenburger will von Berlin aus die Optionen und das Potential von Coworking in ländlichen Regionen erkunden. Der erster Ableger von Otelo in Deutschland ist das Hebewerk Eberswalde.

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Fablabs, Techshops, Makerspaces

Wer Geräte der Spitzentechnologie für seine Geschäftsideen braucht, wie z. B. 3D-Drucker, Großrechner, Vinyl-Cutter, Metallfräsen, Stahl- und Bügelpressen oder Laser, braucht besonders ausgestattete Räume. Die Idee des Fabrication Laboratory stammt vom Massachusetts Institute of Technology, dem Center for Bits and Atoms. FabLabs halten ursprünglich Menschen sozial schwacher Regionen zur kostenlosen technischen Weiterbildung und der Realisierung eigener Ideen. Techshops und Fablabs sind heute besonders für Start-ups und Kleinunternehmer mit kleinem Budget attraktiv. In den Hightech-Werkstätten treffen Einzelunternehmer, Erfinder, Handwerker und Internet-Spezialisten aufeinander, feilen an Prototypen und am Produktdesign. Neben den Geräten werden auch Wissen und Erfahrungen geteilt, z. B. in der Dingfabrik Köln.

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Neue Geschäftsmodelle

Betreiber von Coworkings entwickeln ständig neue Geschäftsmodelle. In Berlin bietet die BlogFabrik neben normal vermieteten Arbeitsplätzen und Büros auch bis 150 Kreativarbeitern an, ihre Räume mietfrei zu nutzen. Statt einer Monatsmiete zahlen die Kreativen mit Dienstleistungen in Unternehmen, z. B. Workshops, Beratung, Medienproduktionen, die Organisation von Veranstaltungen u.a.m. Zur Vorbereitung können die Kreativen auf die umfangreiche Ausstattung der BlogFabrik zurückgreifen: auf Konferenz- und Besprechungsräume, Fotostudio, Videoschnittplätze und die Küche. Wer möchte, erhält Weiterbildung, Anleitung und Unterstützung bei der Vorbereitung und Vermarktung von Angeboten und bei der Vernetzung mit potentiellen Kunden.

Die beiden Hausherren bzw. Geschäftsführer, Dr. Holger Bingmann und Volker Zanetti, schaffen die Aufträge ran, verhandeln die Preise und Honorare und erhalten am Ende eine Provision. „Wir handeln für die Kreativen faire Konditionen aus, die dem Umfeld der Unternehmen angemessen sind, Workshops z. B. sind nicht unter 1.000-1.500 € zu haben“. Die Blogfabrik versteht sich auch als Inkubator für neue Projekte und Ideen, die zusammen mit Mitarbeitern aus Unternehmen beim „Community Sourcing“ entwickelt werden. Zahlreiche Veranstaltungen, die die BlogFabrik im eigenen Haus (z. B. Content Creation Week) oder auch außerhalb organisiert, sorgen neben Social-Media-Aktivitäten für einen dauerhaften, nachhaltigen Aufbau der Netzwerke und Communities. 

Mobiles Coworking

Zahlungskräftigen digitalen Nomaden, die sich an keinen Ort binden wollen, bietet das Elektroauto WORKSPACe eine Heimat. Das integrierte Büro ist mit Schreibtisch, Bürostuhl, schnellem drahtlosen Internet und Computer ausgestattet, einer kleine Küche inkl. Kaffeemaschine und Kühlschrank und einem faltbaren Klappfahrrad.
Mit dem weltweit ersten Coworking Katamaran-Office COBOAT können reiselustige Coworker sogar Wind und Wellen trotzen.

Umnutzung

Viele Coworking Spaces entstehen aus ehemaligen Industriebrachen und Gewerbehöfen. Einer der ersten Orte dieser Art ist die Wiener Schraubenfabrik, 2002 von Stefan Leitner-Sidl und Michael Pöll gegründet. In Hamburg wird derzeit das Oberhafenquartier in ein großes Kreativzentrum umgewandelt, u. a. mit dem Fundus Hanseatische Materialverwaltung und der branchenspezifischen Filmfabrique. Das Umweltministerium und der Freistaat Sachsen fördern aktuell ein Modellvorhaben über „niedrigschwellige Instandsetzung brachliegender Industrieanlagen für die Kreativwirtschaft“. Das Projekt dokumentiert Praxisbeispiele, die den Wandel von Industriebrachen zur kreativen Produktionsstätten repräsentieren.

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Old Economy und Coworking

Immer mehr traditionelle Unternehmen greifen das Thema Coworking auf,  um mit Ideen und Innovationen auf den Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft zu reagieren. Etwa ein Drittel aller Dax-Unternehmen hat inzwischen eigene Hubs, Labs, Inkubatoren oder Acceleratoren. Damit die Innovationsprozesse nachhaltig Wirkung erzielen, muss dem staunenden Entdecken die Fokussierung auf das Kerngeschäft folgen und die Entwicklung von Prototypen, z. B. nach der Design Thinking- Methode

Größere Unternehmen richten eigene Flächen und Hubs ein, z. B. die Otto Group in Hamburg mit Collabor8, Bosch in Renningen mit Platform 12 unter Mitwirkung von Wimmelforschung, Microsoft in München mit smart workspace, Philips mit einem InnovationPort für eHealth. Der Orthopädie-Experte Otto Bock aus dem niedersächsischen Duderstedt hat sich mit dem Open Innovation Space auf dem Gelände einer alten Brauerei im Berliner Prenzlauer Berg Zugang zu jungen innovativen Hackern und Tüftlern verschafft – in direkter Nachbarschaft zum FabLab. Eine ähnliche Partnerschaft ist der Maschinenbau-Konzern der Schaeffler-Gruppe in Herzogenaurach mit seinem Innovation Hub zur Factory Berlin eingegangen. Auch das Innovation Hub der Lufthansa in Berlin schlägt eine Brücke zur globalen Travel-Tech-Szene, um mit Start-Up-Partnerschaften neue digitale Produkte zu bauen. Die Telekom betreibt ihren Inkubator HubRaum, der Medienkonzern Axel Springer Plug and Play, Coworkings mit FinTechs unterhält die Commerzbank mit dem Main-Incubator und die Deutsche Post Nugg.ad.

Die App The Serendipity Machine bietet als digitales Tool Vernetzungsmöglichkeiten zwischen Kreativen und etablierten Unternehmen. Je nach konkreten Fähigkeiten und Interessen können sich Kreativ-Akteure zeitlich befristet in freie Coworking-Spaces von Firmen anderer Branchen einmieten bzw. Firmen können über die App nach kreativen Köpfen und Querdenkern Ausschau halten. Aus dem „glücklichen Zufall“ ergeben sich ungeahnte Möglichkeiten, Inspirationen, Ideen bzw. neue Geschäftsideen, die Voraussetzung für Innovation sind.

Das JOSEPHS, eine Tochter der Fraunhofer-Gesellschaft, bietet in der Innenstadt von  Nürnberg auf „Testinseln“ von Themenwelten anderen Firmen die Möglichkeit, kontinuierlich Feedback von Co-Creatoren zu neuen Produkten und Dienstleitungen einzuholen. Erkenntnisse können direkt in das finale Design einfließen.

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Raus aus dem Alltag

Kleinere Unternehmen mieten sich in externe CoworkingSpaces ein, um Ideen und Impulse des agilen, flexiblen, kollaborativen Arbeitens für die eigene Firma zu erlernen. Neue Perspektiven entstehen leichter in kreativer, inspirierender Umgebung. Erkenntnisse werden anschließend in das Mutterhaus übertragen. Die Motivationen für die Exkurse sind vielfältig. Raus aus dem Alltag ist die Devise. Büroangestellte sollen vom kreativen Geist der Coworker profitieren und eine günstige Alternative zum isolierten Home-Office finden. Coworking-Orte dienen Unternehmen heute auch als Orte der Weiterbildung, um sich mit den Präsentationen und Pitches von Startups und Kreativen über neue Trends zu informieren. 

Zuweilen buchen sich Firmen auch lediglich für Veranstaltungen in externe Coworkings ein, um gegenüber Partnern und Kunden Innovationsgeist zu präsentieren. Die Orte können gar nicht ungewöhnlich genug sein.  Alte Fabrikgelände, Theater, inspirierende Kreativzentren, wie das Unperfekthaus in Essen, schwimmende Hausboote, wie das Kai10 – Floating Experience Hamburg. Maritimes Flair verströmt auch das ehemalige Seebäderschiff Seute Deern in der Hamburger Hafencity. Für die Tagespauschale gibt es freies WLAN und kostenlosen Kaffee. Weitere angesagte Orte in Hamburg: DesignXportEmporioTowerWasserschloss in der Hafencity, Good School – Schule für digitalen Wandel, Speicher am Kaufhauskanal – Fachwerkhaus Hamburg-Harburg sowie in Bremen: WeserTower, BrennereiLab sowie als Workshop-Location das Theater der Shakespeare Company Bremen

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Das Medienunternehmen dpa hat sich im Hamburger betahaus mit seinem accelerator-Programm Nextmedia-Elevator eingemietet. Freelancer und Startups können sich zur konkreten Produktentwicklung und -testung für ein 6monatiges Programm bewerben. Sie erhalten finanzielle Unterstützung und Zugang zu verschiedenen Medienhäusern, die sich im Gegenzug innovativen Input und neue digitale Geschäftsideen erhoffen.  

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Wissenschaft und Plattformen

Der Coworking-Markt wird inzwischen auch wissenschaftlich untersucht, z. B. in einer Studie des Fraunhofer-Instituts IAO und vom Coworking-Magazin Deskmag. Am Institut für Creative Industries & Media Society der Hochschule für Medien in Stuttgart beschäftigt sich Viktoria Pepler in einer Masterarbeit mit dem Thema. Über gemeinsame Grundsätze und das Selbstverständnis der Szene, offen voneinander zu lernen und menschenorientiert zu handeln, informiert das Coworkingmanifesto, das schon 2.400 Coworker unterzeichnet haben. Eine Übersicht über Coworkings in Deutschland liefert Coworking.de, während workfrom über trendige Plätze weltweit berichtet. Die Platttform Seats2Meet bietet ein Vernetzungstool, um gezielt weltweit wo auch immer passende Partner für Coworkings zu finden.

Längst haben sich auch Coworking-Konferenzen, Tagungen, Festivals und Netzwerktreffen etabliert etabliert. Exkursionstouren, wie kürzlich von der Hamburg Kreativgesellschaft organisiert, geben interessierten Coworkern gezielt Einblick in die verschiedenen Angebote der Coworking Spaces. Im Rahmen der KreativLabs von Kreative MV tauschten sich kürzlich Akteure in Rostock über kollaborative Zusammenarbeit in urbanen und ländlichen Regionen aus. 

 © Antje Hinz

Fazit

Coworking bedeutet Sharing-Kultur in vielfältiger Ausprägung: als Arbeits- und Wirtschaftsraum, Informations-, Experimentier- und Entwicklungsraum, Sozial- und Kontaktraum, Spielwiese, bei der sich Arbeit und Freizeit vermischen. Weniger zu besitzen, heißt freier, unabhängiger und agiler zu sein, schneller seinen Lebensraum wechseln zu können, um zu neuen beruflichen Ufern und Herausforderungen aufbrechen zu können. Weniger Verpflichtungen nachkommen zu müssen, bietet Raum für mehr Vielfalt und mehr Ideen.

C oworking = kooperativ und kollaborativ 

O ptimistisch sein

W ir-Kultur praktizieren

O ekonomisch handeln

R evolutionäres planen

K reativität entdecken

I nspirationen erhalten

N achhaltig denken und handeln

G renzen überschreiten

 © Antje Hinz