Kreative Räume und Kreativwirtschaft in Thüringen

 © Ingrid Kranz, Pixelio.de 

Norman Schulz ist als Berater für Kultur- und Kreativwirtschaft viel herumgekommen. Sein Weg nach Thüringen führte ihn über viele Umwege. „Wer vom Weg abkommt, lernt Landschaft kennen.“ Warum das wichtig ist, hat er mir im Interview erzählt.

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Umwege erhöhen die Ortskenntnis. Mit einem Musik- und Politikstudium im Gepäck und dem konkreten Plan, doch nicht Musiker werden zu wollen, studierte Norman Schulz zunächst Kulturmanagement. Er war zunächst im Ruhrgebiet tätig, später in Oberbayern. Als Ansprechpartner im Kompetenzzentrum Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes lernte er die Branche gleich in sechs verschiedenen Bundesländern kennen, in Hessen und Rheinland-Pfalz sowie im Norden in Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Seit 2014 leitet er nun THAK, die Thüringer Agentur für die Kreativwirtschaft. Er sagt: „Thüringen hat Pioniergeist bewiesen im Prozess Kreativwirtschaftsförderung. Ihn gemeinsam mit hochmotivierten Mitstreitern weiter voranzutreiben, das ist meine Aufgabe in der THAK.“

Digitaler Wandel und Innovation

In der Selbstbeschreibung der THAK heißt es: „Kreativität ist eine wichtige Ressource für Innovation und für die Gestaltung des digitalen Wandels. Das Ziel der Thüringer Agentur für die Kreativwirtschaft ist es, mit ihren Qualifizierungs- und Vernetzungsangeboten diese Ressource im Freistaat sichtbar und wirtschaftlich nutzbar zu machen. Dafür aktivieren und begleiten wir Netzwerkinitiativen, laden zum Erfahrungsaustausch ein und schaffen Anlässe für Begegnungen zwischen Kreativschaffenden mit Lösungskompetenzen für unternehmerische Herausforderungen und potenziellen Kunden.“

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Masterplan für Thüringen

Norman Schulz ist wichtig, die Qualität der Kreativleistungen in Thüringen noch sichtbarer zu machen und insbesondere dem thüringischen Mittelstand den Zugang zu den Kreativschaffenden zu erleichtern, zu verbreitern und für eine Zusammenarbeit zu sensibilisieren: „Wir schmieden dafür Kontakte mit Clustern und den Branchenverbänden.“ Partner sind z. B. die Thüringer Tourismus GmbH. Es gibt Veranstaltungen, in denen kreative Dienstleister auf Anbieter aus dem Tourismus und dem Gastgewerbe treffen. Zunächst müsse man Vertrauen zueinander aufbauen, um dann auch gemeinsam an den Herausforderungen zu arbeiten und Thüringen noch ein Stück weit attraktiver zu machen: „Wir haben da viel mit Kreativ-, Werbe- und Kommunikationsagenturen zu tun. Wir arbeiten mit Designern, Software-Entwicklern und technologiegetriebenen Akteuren, die AR (Augmented Reality) und VR (Virtual Reality) anbieten. Aber auch analoge Kompetenzen wie Storytelling sind sehr wichtig.

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Räume innovativ entwickeln

Zu den Vorreitern kreativer Raumentwicklung gehört Lars Lewandowski. Mit seinem Label Vintagewerft sorgt er für außergewöhnliche Wohnräume, Läden- und Bürokonzepte. Der gebürtige Eisenacher hat sich auf auf Interieur-Design mit Industrie-Charme spezialisiert, er baut für Coworking-Spaces, wie das KrämerLoft oder die Kreativtankstelle in Erfurt, in Jena das Del Corazon und das Kombinat01, der Redwing-Store in Leipzig, das Café Bohne Traube am Erfurter Domplatz und Pack’s Ein – Der Unverpackt-Laden in Eisenach. Sein jüngstes Projekt ein neuer Eisladen Oma Lilo in Erfurt. Altes wird mit Neuem verbunden. Die Möbelstücke und die Einrichtung stammen größtenteils vom Flohmarkt wurden liebevoll restauriert und ausgebessert! Upcycling ist längst Trend und zudem nachhaltig. Lars Lewandowski: „“Ich liebe die Geschichte hinter den Dingen und gehe daher auch gerne auf Flohmärkte. Ich finde es sehr bedauerlich, wenn Sachen achtlos weggeworfen werden, aus denen Neues entstehen kann. Diesen Zyklus möchte ich durch meine Arbeit stoppen. Beige mediterrane Kacheln an den Wänden geben das Gefühl von Süden und Urlaub, aber auch, als würde man bei Oma in der Küche sitzen.“

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Coworking auf dem Land

Auch abseits der Städte seit einiges zu tun, sagt Norman Schulz: „Vor allem in ländlichen Räumen sind noch viele unerkannte Potenziale, die erschlossen werden sollten.“ THAK fördert daher die Vernetzung von Kreativschaffenden u. a. auch durch Coworking auf dem Land. Die gemeinschaftliche Zusammenarbeit in Coworking Spaces wirkt nicht erst seit der Corona-Pandemie als Verheißung. Räume, Ressourcen und Wissen, weniger Pendelzeit, Erholung, Beruf und Privatleben trennen, das sind nur einige der Vorteile. Dennoch: „Coworking-Space-Angebote gibt es im ländlichen Raum Thüringens im bundesweiten Vergleich noch recht wenig“, sagt Schulz. THAK lädt daher Experten der neuen bundesweiten Genossenschaft CoWorkLand eG ein und informiert, welche Geschäftsmodelle für Gründungsinteressierte möglich und passend sind.

Rückkehrer

Die THAK spricht gezielt auch junge Menschen an und möchte sie zum Bleiben in Thüringen gewinnen, z. B. Absolventen aus den Medien und den kulturaffinen Bereichen, etwa von der TU Ilmenau oder auch von der Bauhaus-Universität in Weimar: „Es ist ja so, dass die Jungen tatsächlich erst mal in die große weite Welt wollen. Was ich persönlich auch ganz okay finde, weil man sich weiterentwickelt und mit den ganzen Erfahrungen im Gepäck wieder zurück nach Thüringen kommen kann.“ Etwas unter Rückkehrern etwas nachzuhelfen, gibt es so eine Art Thüringer „Gründer-Prämie“, d. h. Beratungsunterstützung, ganz viel Netzwerkarbeit, auch finanzielle Angebote und zielführende Möglichkeiten, um an Kapital zu kommen. „Wir haben so etwas wie die Thüringer Investor Days, die von der Stiftung für Technologie und Innovation in Thüringen durchgeführt werden.“

Sogwirkung

Neben dem Thema Finanzierung ist für Gründer aber auch der menschliche Aspekt entscheidend. Norman Schulz hat die Erfahrung gemacht, dass Kreative Kreative anziehen. Es ist natürlich attraktiver, nicht in einen leeren Raum hineinzugehen, sondern an andere anzudocken und von ihnen ggf. auch Unterstützung bei der Umsetzung neuer Ideen zu bekommen. Schulz sagt: „Wo schon spannende Menschen unterwegs sind, die offen und tolerant sind und Andersdenkende nicht als störend empfinden, da siedeln sich auch andere Kreative gerne an.“

 

PODCAST-Interview mit Norman Schulz