Schweine, Landleben und Politik: der Cartoonist Wolf-Rüdiger Marunde

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Seine Schweine und seine Serie „Marundes Landleben“ haben den Cartoonisten und Illustrator Wolf-Rüdiger Marunde  bekannt gemacht. Marunde wurde in Hamburg geboren, ist später in ländlichem Umfeld in Schleswig-Holstein aufgewachsen und lebt seit 1988 im Wendland. Er hat für viele Print-Magazine gezeichnet, u. a. für Brigitte, Stern und Pardon. Bis heute erscheint ein wöchentlicher Cartoon von ihm in der HÖRZU.

 © MassivKreativ: Wolf-Rüdiger Marunde

Wandler zwischen Stadt und Land

In seinen lebensprallen Zeichnungen und Illustrationen nimmt Marunde häufig Bezug auf das Landleben. Seine Helden und Charaktere stammen  jedoch aus Stadt und Land, häufig Tiere, sehr oft Schweine, aber auch menschliche Zeitgenossen, wie Bauern, Jäger, Großstädter und Umweltaktivisten. Wenn beide Welten aufeinander treffen, ergibt sich „Zündstoff“. Im Interview erzählt Marunde, wie seine künstlerische Arbeiten entstehen, wie er recherchiert, kreative „Feldstudien“ betreibt und wie sein Tagesablauf aussieht.

  © Karl-Heinz Laube, pixelio.de

Themen zwischen Umwelt und Politik

Auch Umwelt und Politik thematisiert Marunde in seinen Arbeiten. Im Interview berichtet er, was für ihn das Besondere am Wendland ist, wie er die Anti-Atomkraft-Bewegung rund um Gorleben erlebt hat, wie die Kulturelle Landpartie – kurz KLP – einst begann und wie er heutige gesellschaftliche Entwicklungen und Probleme sieht. Marunde spricht auch darüber, welche Rolle Künstler in der Gesellschaft spielen, ob und wie sie sich politisch engagieren sollten.

  © MassivKreativ: Wolf-Rüdiger Marunde und Antje Hinz

 

PODCAST-INTERVIEW

Schweine, Landleben und Politik: der Cartoonist Wolf-Rüdiger Marunde

Cäsar und Cleopatra: Warum Dreamteams und Innovationswerkstätten erfolgreich sind

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Cäsar und Cleopatra, Asterix und Obelix, Goethe und Humboldt, Sherlock Holmes und Dr. Watson: Dreamteams gibt es im Sport und im Film, auf der Bühne, in der Musik und im wahren Leben. Sie sind deshalb erfolgreich, weil Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen und Talenten zu besseren Lösungen gelangen als ein Mensch allein. Dieses Erfolgsrezept gilt auch für Innovationswerkstätten, in denen die Akteure neue Lösungen für alten Branchen finden.

Dreamteams mit Vielfalt

Ideen gemeinsam diskutieren, abwägen, hinterfragen, modifizieren, weiterentwickeln und dabei immer den Nutzer bzw. Kunden im Blick behalten – seine Wünsche aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten. Genau das passiert in den neuen multidisziplinären Innovationswerkstätten, die gerade vielerorts in Deutschland entstehen und Zukunftsideen ganz real in die Tat umsetzen. Kreativschaffende verschiedener Bereiche treffen mit Mitarbeitern aus klassischen Wirtschaftsbranchen zusammen und suchen gemeinsam nach Lösungen. Jede/r kann spezielle Fähigkeiten und Kompetenzen einbringen, die sich aneinander reiben oder sich sinnvoll ergänzen, wie zwei beispielhafte Innovationswerkstätten aus Mecklenburg-Vorpommern, Dresden, Hannover, Brandenburg und Bayern zeigen.

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Innovationswerkstatt in Mecklenburg-Vorpommern

Das Netzwerk „Kreative MV“ richtete im Mai 2017 unter Leitung von Veronika Schubring und Teresa Trabert eine Innovationswerkstatt aus – im mecklenburgischen Neustrelitz im Kulturzentrum Alte Kachelofenfabrik. 15 Kreative trafen auf 5 verschiedene regionale Unternehmen im Bundesland: die mwh Hirsch Steuerberatungsgesellschaft Neustrelitz, naturwind Schwerin GmbH, Stadtwerke Rostock, HNP Mikrosysteme Schwerin und Trebing & Himstedt Prozessautomatisierung GmbH.

Die Kreativ-Schaffenden waren vielseitig aufgestellt, sie kamen aus allen Teilbranchen der Kreativwirtschaft: ein Fotograf, ein Opernsänger, eine Dekorateurin, eine Nachhaltigkeitsexpertin, eine Industriedesignerin, eine Bildhauerin, eine Grenzgängerin, eine Künstlerin, ein Künstler, eine Projektmanagerin, ein Gestalter, ein Architekt, ein Musiker, ein Interaktionsdesigner und ein Kreativpilot (Auszeichnung des Bundes).

Strategie

Jedes Unternehmen entsendete jeweils zwei Führungs- oder Nachwuchskräfte, die mit jeweils 3 Kreativen an der Fragestellung arbeiteten. Alle Fragen waren strategisch angelegt und fokussierten das Alleinstellungsmerkmal bzw. das zukünftige Geschäftsmodell des Unternehmens im Umfeld von Digitalisierung und weiterer Mega-Trends einschließlich Gesetzesänderungen.

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Design Thinking

Unter Anleitung erfahrener Coaches lernten alle Teilnehmer die Design Thinking-Methode kennen. Die kreative Methode wurde vom Hasso-Plattner-Institut entwickelt. Sie hat einen starken Bezug zum Nutzer (bzw. Kunden, Anwender) und gliedert sich in bis zu sechs Phasen:

  • Sachverhalt verstehen und beobachten, z. B. durch Recherchen und Interviews
  • Problem bzw. Fragestellung exakt definieren
  • Lösungsansätze finden bzw. Ideen entwickeln
  • Prototypen entwerfen
  • Ideen bzw. Prototypen vom Nutzer testen lassen, Rückmeldungen erhalten
  • Lösungsansätze weiter verbessern, ggf. auch mehrfach (iterativ)

Die interdisziplinären Teams der Innovationswerkstatt Neustrelitz erarbeiteten eine Woche lang konkrete Prototypen. Sie wurden am Ende vor öffentlichem Publikum präsentiert, später auch im jeweiligen Unternehmen. Hier sollten nun die angedachten Lösungsansätze weiter verfolgt, umgesetzt und genutzt werden. Bei einem Alumni-Treffen sechs Monate nach Ende der Innovationswerkstatt können die Teilnehmer nochmals Erfahrungen austauschen und weitere Schritte beraten.

Nachhaltigkeit und Ergebnisse

Die Innovationswerkstatt hat drei Ziele erreicht: sie hat den branchenübergreifenden Innovationstransfer ermöglicht, zur tiefen Vernetzung der Kreativunternehmen beigetragen und gleichzeitig die zukunftsorientierte Unternehmens- und Regionalentwicklung unterstützt.

Sie soll nun ein festes Format für interessierte Unternehmen sowie für die Wirtschafts- und Regionalentwicklung werden. Und: Sie soll auch in der Verwaltung und in weiteren Institutionen zum Einsatz kommen, die langfristig und nachhaltig innovationsfähiger werden wollen. Auch Behörden sind heutzutage auf Partnerschaften angewiesen, die nicht mehr hierarchisch sondern auf Augenhöhe gepflegt werden. 

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Stimmen der Teilnehmer

Die mwh Hirsch Steuerberatungsgesellschaft Neustrelitz entwickelte z. B. zwei neue Produkte mit Mehrwert, die zur Mandantenbindung beitragen sollen. Auch die anderen Unternehmen entwickelten Prototypen für neue innovative Produkte und Dienstleitungen. Das Fazit fiel durchweg positiv aus:

Mitarbeitende sind kreativ gefordert (Kommunikation, Verkauf, Vertrieb), und wenn viele aus unserem Unternehmen auf dasselbe Wissen zurückgreifen können, erhöht das nicht nur das Gemeinschaftsgefühl, sondern motiviert. Und motivierte Mitarbeitende sind die effizientesten….

Die Innovationswerkstatt war wie eine Unternehmensberatung – in kreativ-kompetenter Atmosphäre mit drallem Zeitplan, der dennoch unterm Strich super Erfolge erzielte.“

Sie [die Kreativen] bringen die Ideen und Perspektiven eines Außenstehenden mit und gewährleisten so, dass man sich nicht verrennt oder ein wichtiger Aspekt vergessen wird.

Alle im Team haben gezeigt, dass Arbeiten unter ständigem Zeitdruck kreativ und sehr effektiv sein kann und auch noch Spaß macht.“ (Quelle: Kreative MV – Abschlussbericht Innovationswerkstatt).

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Innovationswerkstatt in Dresden

Das Innovationsforum und Netzwerk PRIME ist eine gemeinsame Initiative des Branchenverbandes der Dresdner Kultur- und Kreativwirtschaft e.V. Wir gestalten Dresden, dem Materialforschungsverbund Dresden e.V. und der Wissensarchitektur der Technischen Universität Dresden. Das Netzwerk hilft dabei, geeignete Kooperationsthemen und Partner zu finden, es begleitet Innovationsprozesse und gewährleistet ein umfassendes Netzwerk, das allen Teilnehmenden zur Verfügung steht. Zu den Projektbeispielen

InnovationsLab in Hannover

Während es in der Küche nur einen Koch geben sollte, brauchen Kreativ- und Innovationsprozesse in Laboren mehrere Köpfe mit möglichst vielseitigen Kompetenzen. Im Hanno[Lab]  finden sie branchenübergreifend zusammen, erleben und erlernen gemeinsam Theorie und Praxis sowie Methoden des Designthinkings. In interdisziplinären Projektgruppen entstehen überragende Ideen, Konzepte und Produkte. Den Beweis liefert das Zukunfts-Gestaltungs-Camp Hanno[Lab] an. Es wird regelmäßig vom kre|H|tiv Netzwerk inintiiert – in Kooperation mit Nexster, dem Entrepreneurshipcenter der Hochschule Hannover. .

Innovationswerkstatt in Brandenburg

In Brandenburg fand zwischen 2013 und 2015 das Modell- und Förderprojekt COBRA statt. COBRA steht für Collaborative Labour Opportunities in Brandenburg und wurde aus dem Europäischen Sozialfonds (ESF) gefördert. Teilnehmer des Projektes waren einerseits lokal ansässige Unternehmen und andererseits Absolventen kreativer und gestalterischer Studiengänge aus Brandenburg (z. B. Architekten, Designer, Mediengestalter und Kommunikationsdesigner etc.) sowie junge Existenzgründer und Soloselbstständige mit kreativem Hintergrund.

Innovationsprojekt in Sachsen-Anhalt

Wood4Life ist Netzwerk aus kreativen Handwerkern, Designer, Marketingfachleuten, Fertigungs- und Vertriebsspezialisten. Es möchte neuartige kundenspezifische, individuell konzipierter Innenausbaulösungen für Wohn- und Küchenlandschaften entwickeln und vermarkten. Die branchenübergreifende Innovationsprozesse sollen zu mehr Wettbewerbsfähigkeit der beteiligten Unternehmen führen. Das Projekt wird unterstützt durch das Cross Innovation – Programm zur Förderung von Netzwerken zur Verbesserung des Marktzuganges für Unternehmen der Kreativwirtschaft und des kreativen Handwerks des Wirtschaftsministeriums Sachsen-Anhalt.

Vorbildprojekte

Welche Erfahrungen gibt es in Deutschland bereits mit Innovationswerkstätten. Wie verlaufen interdisziplinäre Projekte in der Praxis? Vorbildprojekte bzw. best practice dienen als wichtige Türöffner, entweder in Form von Kurzfilmen oder Gastauftritten von Akteuren erfahrener Dreamteams (siehe Willkommenstrunk – Grüne Werkstatt Wendland). Auf diese Weise können sich neue potentielle Projektpartner besser vorstellen, was auf sie zukommt.

Kreativer Ort für kreative Ideen

Lösungen setzen die richtigen Fragestellungen voraus. Am Anfang des Innovationsprozesses stand stets eine konkrete, praxisrelevante und regional basierte Aufgabe eines lokalen Produktions- und Dienstleistungsunternehmen. Beteiligt waren sowohl handwerklich Traditionsbetriebe als auch technologieintensive Firmen. Jeweils für eine Woche im Mai und im September 2014 kamen die Kooperationspartner, Unternehmen und Kreative, in die „Stadt der Tuche und Hüte“ in die Niederlausitz – nach Guben in die ehemalige Hutfabrik. Der Ort bietet eine besondere und kreative Atmosphäre für eine konzentrierte und intensive Zusammenarbeit.

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Sprints und Etappen

Anknüpfend an agile Arbeitsmethoden sollten die Kooperationspartner in kurzer Zeit zum Ziel gelangen, konkret in einwöchigen Workshops. Sie gliederten sich in folgende Etappen:

  • Unternehmensbesuche: Kennenlernen des Unternehmens und der Fragestellung
  • unter Anwendung von Design Thinking-Methoden wurden die Problem- und Fragestellungen zugespitzt und verfeinert
  • Entwicklung von Lösungsentwürfen und Prototypen
  • Lösungsansätze gemeinsam mit Partnern diskutiert, reflektiert, weiterentwickelt
  • Präsentation der Lösungsansätze vor Partnern und einer breiten Öffentlichkeit

Garnhersteller Trevira

Trevira ist aus dem eh. VEB Chemiefaserwerk hervorgegangen und fertigt heute Garne und Filamente, z. B. für Funktionskleidung, für Heimtextilien, schwer entflammbare Teppiche und Vorhänge für die Automobilindustrie, für Hotels und Kreuzfahrtschiffe. Vor den jungen Kreativen stand die Herausforderung, neue Formate für Innovationsentwicklung der Firma zu kreieren. Kunden und Partnern sollten dabei kollaborativ einbezogen werden. Nach der Projektwoche und im Verlauf des nachfolgenden Sommersemesters präsentierten die  Kreativen die Idee einer Innovationsschatzsuche und das Format der Technology-Days.

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Metallbau Dulitz

Dulitz stellt in vierter Generation großflächige Fassadenteile aus Glas- und Aluminiumplatten in verschiedenen Farben und Stärken her. In enger Kollaboration mit dem Gubener Traditionsunternehmen tüftelte das Berliner Designerduo LALUPO an Ideen, aus Materialresten neue Produkte herzustellen, u. a. Wandhaken in verschiedenen Farben. Funktionalität haben die Designer gleich mitgedacht: Die haken kommen flach aus der Maschine und können so praktikabel und effizient an den Kunden verschickt werden kann. Mit einer zusätzlichen Stanzung kann der Kunde den Haken in die richtige Position biegen.

Vorteile für alle

Innovation lebt vom Austausch. Die lokalen Betriebe, die oft in mehreren Generationen am Markt agieren, erhalten neben Wertschätzung für Ihre Arbeit neue Impulse von jungen Kreativen. Die öffentliche Präsentation der Prototypen dienen als Motivationsschub, damit  die Kooperationspartner auch nach Projektende weiter an ihren Ideen arbeiten. Die neuen und frischen Ideen haben Vorbildwirkung, gerade in strukturschwachen Regionen.

Auch die Studenten und Absolventen profitieren. Sie arbeiten an echten Praxisbeispielen, könne ihre Ideen erproben und erhalten direkte Rückmeldung von den Unternehmen. Sie setzen sich mit Abläufen und Rahmenbedingungen in Unternehmen auseinander, der knappe Zeitrahmen simuliert alltagsreale Vorgaben. Sie befassen sich mit Kundenwünschen und lernen unterschiedliche Materialien, Werkzeuge, Arbeitsmethoden und Produkte kennen. Sie probieren sich aus, experimentieren und sammeln wertvolle Erfahrungen.

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Kommunikation

Das Modellprojekt sprach sich rasch herum und sorgte in Guben und Umgebung für Gesprächsstoff zwischen den Bürgern, bewirkte Interesse, regionale Verbundenheit sowie Sinn- und Identitätsstiftung. Eingebunden in das Projekt waren lokale Medien und die  Wirtschaftsförderung der Brandenburger Niederlausitz, ein wichtiger und Brückenbauer zwischen Kreativen und Unternehmen.

Nachhaltigkeit

COBRA versteht sich als regionale Projektbörse. Akteure werden weiterhin aktiv, wenn es neue Nachfragen und Herausforderungen von regionalen Unternehmen gibt. Im November und Dezember 2015 fand im Kultur- und Kreativwirtschaftsstandort Oranienwerk die Innovationswerkstatt “TRIEBWERK” statt und führte erneut Kreativwirtschaft und regionalen Mittelstand zusammen. 

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Ideenlabore in Bayern

Auch im Süden Deutschland wagen interdisziplinäre Teams den „Blick über den Tellerrand“. Das Netzwerk bayernkreativ organisiert Ideenlabore und sucht Kreative, die gemeinsam mit Unternehmern, Technologie- und Branchenfachleuten sowie Wissenschaftlern interdisziplinäre Lösungsansätze für aktuelle Herausforderungen einer Branche erarbeiten möchten.

Das Projekt startet am 26. September 2017 in Aschaffenburg mit dem Ideenlabor ZukunftHandel in Zusammenarbeit mit der Industrie- und Handelskammer. Am 8. November 2017 folgt in Neu-Ulm in Kooperation mit den Wirtschaftsförderungen der Städte Neu-Ulm und Ulm, der IHK Schwaben und dem Club der Industrie das Ideenlabor Zukunft Papier-(Industrie) aus. 

Kundennah testen

Das JOSEPHS® in Nürnberg ist eine Tochterfirma der renommierten Fraunhofer-Gesellschaft. Günstig gelegen in der Innenstadt können Nutzer Produkte und Dienstleitungen auf fünf sogenannten „Testinseln“ ausprobieren und erproben. Unternehmen und Organisationen erhalten auf diese Weise rasch Feedback von Kunden bzw. Co-Creatoren einholen. Die wissenschaftlich ausgewerteten Informationen können dann direkt berücksichtigt werden und helfen, Produkte anwenderfreundlich zu verbessern.

Geplante JOSEPHS®-Themeninseln bis Ende 2018

  • Megatrends / 01. Dezember 2017 – 27. Februar 2018
  • Arbeit 4.0 / 02. März 2018 – 29. Mai 2018
  • Nachhaltigkeit / 01. Juni 2018 – 28. August 2018
  • Informationsgesellschaft / 31. August 2018 – 27. November 2018

 

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Medienfassaden und Space Cocktails: Innovative Impulse für die Wirtschaft: BRENNEREI next generation lab

Warum sich Kultur nur im Plural denken lässt und wir in einer kulturellen Krise stecken

 © Sweder van Rencin, pixelio.de

Ich freue mich über ein Gastinterview der Journalistin Stefanie Hermann mit dem Wissenschafts- und Kulturforscher Prof. Peter Finke über die Folgen kultureller Verarmung. Ihren jeweiligen Hintergrund und ihr persönliches Engagement möchte ich kurz vorstellen:

Peter Finke engagiert sich seit vielen Jahren für Amateurforschung und Bürgerwissenschaften. Er kritisiert, die Berufswissenschaftler würden den Amateuren nicht auf Augenhöhe begegnen. Das Elite-Basis-Denken stamme – ebenso wie der Begriff Citizen Science – aus der englischsprachigen Profiwissenschaft, die Amateure zu kostenlosen Datensammlern und Zuarbeitern degradiere. Finke war Professor für Wissenschaftstheorie an der Universität Bielefeld.

Auch der Journalistin Stefanie Hermann liegt die Amateurwissenschaft am Herzen. Für die Aufsatzsammlung „Freie Bürger, freie Forschung: die Wissenschaft verlässt den Elfenbeinturm“ – herausgegeben von Peter Finke – schrieb sie den Beitrag: „Wie ich mir meine
Zukunft vorstelle“. Darin berichtet sie von ihrem selbst gewählten Kompromiss, als Amateurwissenschafterin an frei gewählten Themen zu forschen anstelle einer universitären Karriere nachzugehen – mit vielen inhaltlichen, methodischen, organisatorischen und formalen Zwängen.  

  © MassivKreativ

Kulturelle Krise

Frage: Herr Finke, Sie haben in Berlin einen vielbeachteten Vortrag unter dem Titel „Die kulturelle Krise, in der wir stecken“ gehalten. Was meinen Sie damit?

PF: Darf ich erst einmal sagen, wen ich mit „wir“ meine? Ich meine nämlich nicht nur die Deutschen oder die Europäer, sondern in gewisser Weise die ganze jetzt lebende Menschheit, teils als Handelnde, teils als Betroffene. Insbesondere den aktiven Teil, der heute den Gang der Dinge auf der Erde bestimmt.

Frage: Ist das nicht ein bisschen hoch gegriffen? Wie ist das zu verstehen?

PF: Es geht um etwas ganz Grundsätzliches. Nach der Evolution der Natur, die auf diesem Erdball zu einer ungeheuren natürlichen Vielfalt geführt hat, hat uns die kulturelle Evolution eine neue Vielfalt hinterlassen, die Vielfalt der Sprachen und Kulturen. Man könnte sagen: Kultur kann man eigentlich nur im Plural denken, den Reichtum der kulturellen Vielfalt. Aber was erleben wir jetzt? Wie im Falle der natürlichen Vielfalt wieder das Gleiche: eine einzigartige Vielfaltsvernichtung. Dass wir dies nicht selber schlimm finden, auch nicht nur zulassen, sondern aktiv betreiben: Darin besteht die kulturelle Krise, in der die heutigen Menschen feststecken. Denn es ist eine Riesendummheit, derer wir uns offenbar nicht bewusst sind.

Vernichtung von Vielfalt?

Frage: Aber wir erleben doch eine Epoche der Globalisierung. Alle Kulturen der Erde stehen in freiem Informationsaustausch miteinander in Verbindung. Das Internet bringt uns die Welt in Haus. Wo wird da Vielfalt vernichtet?

PF: Schön wär’s. Was da „Globalisierung“ genannt wird, ist das Ideal, mit dem wir hausieren gehen. Die Realität sieht ganz anders aus. Nämlich so, dass es starke und schwache Kulturen gibt, was nicht verwunderlich, sondern normal ist. Aber daraus folgt eher, dass die stärkeren auf die schwächeren Rücksicht nehmen und ihnen ihre Chancen lassen müssten und nicht das, was heute passiert: ein kulturelles „survival of the fittest“. Das Ergebnis ist, dass wir genau genommen heute nur noch eine starke Leitkultur haben, die ökonomisch definiert ist und die alle anderen platt zu machen versucht.

 © Michael Ottersbach, pixelio.de

Leitkultur: Wall Street?

Frage: Können Sie diese Leitkultur näher beschreiben? Wie äußert sie sich, wer vertritt sie?

PF: Ich rede von „Western Civilization“ oder – wie ich sie lieber nenne – „unserer Wall-Street-Kultur“. Wir vertreten sie und sie äußert sich darin, dass sie nicht mehr einer Vielzahl von Werten und Zielen folgt, sondern im Grund nur einem einzigen: einer ökonomischen Sicht auf die Welt. Alles wird einer ökonomischen Bewertung unterzogen. Und was keinen ökonomischen Wert hat (oder zu haben scheint), ist nichts wert und kann im Grunde entsorgt werden. Es ist ja anscheinend zu nichts nütze.

Frage: Also zum Beispiel die Artenvielfalt, die Biodiversität?

PF: Ja, aber zum Beispiel auch die Sprachenvielfalt. Wozu über 6000 Sprachen, wenn im Internetzeitalter Englisch scheinbar völlig ausreicht. Wem seine Karriere lieb ist, der kommuniziert am besten gleich englisch, ob in den Medien, in der Politik, in der Wirtschaft, überall. Selbst in der Wissenschaft: Warum brauchen wir noch eine Vielfalt an Sprachen, wenn Englisch zur Kommunikation genügt? Warum brauchen wir verschiedene Hochschulsysteme, wenn man alles effizient und einheitlich nach dem Bachelor-Master-Prinzip organisieren kann? In einer solchen Situation schlägt die Bildungsökonomie zu und dekretiert: So geht es am besten, also machen wir es überall so. Oder denken Sie an die vielen regional-kulturellen Märkte, die auf den jeweiligen lokal-kulturellen  Bedarf abgestimmt waren. Sie werden immer mehr durch einen erdweiten Einheitsmarkt mit den Produkten ersetzt, die angeblich alle brauchen. 

Augenhöhe

Frage: Sind Sie gegen die Globalisierung? Und warum sagen Sie „erdweit“ und nicht „weltweit“?

PF: „Erdweit“ sage ich, weil es ehrlicher ist. Die Welt ist weit mehr als die Erde. Aber die Erde ist bisher unser einziger Lebensraum. Wir sollten durch unser Reden nicht so tun, als hätten wir sie nicht mehr nötig. Und selbstverständlich bin ich nicht gegen Globalisierung. Aber was wäre denn das? Es wäre ein erdumspannender Austausch von Informationen, Menschen, ihren Ideen und Gütern, ein kreuz und quer über den Erdball verlaufendes Geflecht des allseitigen Verkehrs, des Lernens und Handelns, an dem alle Kulturen auf Augenhöhe teilhaben könnten, auch die von der Bevölkerungszahl her gesehen kleinen und mittleren. Aktivrolle und Passivrolle, Senden und Empfangen, Geben und Nehmen, kaufen und verkaufen, lehren und lernen müssten bei einer wirklichen Globalisierung ungefähr gleichverteilt sein. Doch das, was wir haben, ist dies nicht, sondern es ist eine sehr einseitige Veranstaltung zum Nutzen der großen Leitkultur, der unsrigen, so, wie  w i r  Nutzen verstehen: als ökonomischen Profit. 

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Gefahr: Homo oeconomicus

Frage: Aber die westliche Zivilisation ist doch durch Errungenschaften wie die Ethik der Bergpredigt oder die Ideen der Aufklärung oder politisch die französische Revolution geprägt. Ist es nicht wirklich zu einseitig, sie nur pauschal als ökonomische Kultur zu interpretieren?

PF: Sie hat leider diese Entwicklung genommen. Was Sie nennen, das waren einmal mehrere kulturelle Traditionen, die verschiedene Wertvorstellungen entwickelt hatten, die dann zusammengewachsen sind: religiös-spirituelle, aufklärerisch-philosophische und politisch-soziale. Dazu sind noch weitere Einflüsse gekommen, die alle zusammen die ursprüngliche westliche Zivilisation bereichert haben, zum Beispiel künstlerische, handwerkliche oder romantische. Deshalb ist es ja so traurig, was daraus heute bei Lichte besehen geworden ist: eine unfreie, wertearme, zukunftsunfähige Jagd nach materiellem Besitz und Macht.

Frage: Kann man von einer Art Doppelzüngigkeit sprechen? Davon, dass wir von westlicher Zivilisation reden, aber ökonomischen Gewinn meinen?

PF: Ja, genau. Oder Reklame, so als sei Kultur eine Wettbewerbsveranstaltung: Wer kann sich am besten verkaufen? Es ist, als hielten wir Schilder hoch, auf denen vorn gut sichtbar steht: Bergpredigt! Aufklärung! Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit!, aber hinten steht, weniger gut sichtbar: Geld! Macht! Wachstum! Und auf einem steht vorn: Globalisierung! Wie schön! Alle sind beteiligt! Und hinten: Wir vor allem! Der Profit gehört uns!

Universalsprache Englisch: Fluch oder Segen?

Frage: Aber es gibt zum Beispiel die Wissenschaft, damit kennen Sie sich doch aus. Die bildet in der Forschung ein weltweites, pardon: erdweites Netz eng miteinander verwobener Ideen und Projekte aus. Dort ist eine wirkliche Globalisierung gegeben, oder etwa nicht?

PF: Ist sie nicht. Wer so blöd ist, seine Ideen zum Beispiel auf Deutsch und nicht gleich auf Englisch zu publizieren, wird international nicht mehr wahrgenommen. Aber Sprache ist mehr als Kommunikation. Sie ist davor noch Identitäts- und Begriffsbildung. Verschiedene Sprachen eröffnen unterschiedliche Zugänge zur Welt. Die Vorstellung einer wissenschaftlichen Einheitssprache wie sie der Münchner TU-Präsident Hermann geradezu voranpeitscht, ist genau so dumm wie eine Einheitskleidung, Einheitsessen oder eine Einheitspartei. Sie ist undemokratisch und irrational. Wissen ist auch sprachoffen, ein Geflecht aus Ideen, keine Sammlung von Dogmen.

Frage: Verbirgt sich hinter Ihrer Argumentation nicht ein Nationalismus? Warum klagen Sie  darüber, dass auf deutsch veröffentlichte Fachliteratur international nicht mehr echt wahrgenommen wird? Die Anglisierung ist doch eine ganz neue Entwicklung, die immerhin ein Bewusstsein der Internationalität verschafft. Ist das nicht gut?

PF: Nein, es ist falsch. Wer Wissenschaft nicht als Lehrbuchsammlung versteht, findet deutsch formulierte Dogmen genau so schlimm wie solche in anderen Sprachen. Ich fände es richtig, wenn sich möglichst viele verschiedene Sprachen, nicht nur solche der indoeuropäischen Sprachfamilie, zu Wissenschaftssprachen entwickeln dürften. Nur dann bekämen wir einen Eindruck von der Vielfalt der Sichtweisen auf die Welt und der Voreingenommenheit, mit der wir gewöhnlich herumlaufen.

Die Vorherrschaft der englischen Sprache verschafft nur den primitivsten Nationalisten einen schwachen Eindruck von Internationalität; in erster Linie dokumentiert sie die Macht des „american way of life“, der ökonomischen Führungsmacht der politischen Gegenwartsepoche. Sie könnte schneller zu Ende gehen, als vielen lieb wäre. Der dumme Trumpismus des „America first!“ kann jederzeit nach hinten losgehen.

 © Stephanie Hofschlaeeger, pixelio.de

Effizienz auf Kosten von Qualität und Vielfalt

Neu ist diese Idee von Ökonomisierung der Kultur auch nicht. Der Mönch Wilhelm von Ockham hat bereits im Mittelalter auf Latein das Effizienzprinzip für die Wissenschaft verkündet: entia non sunt multiplicanda praeter necessitatem; oder deutsch: Vielfalt brauchen wir nicht, wenn wir das Notwendige haben. Heute ist dies die beliebteste Wissenschaftstheorie überhaupt. Die Wissenschaft, die sich soviel auf ihre Rationalität und Offenheit zugute hält, macht den Vorreiter des ökonomischen Effizienzdenkens! Wir sehen: Schon im Mittelalter begann das enge Wirtschaftsdenken, das uns noch heute lähmt. Man könnte auch sagen: das Rationelle besiegte das Rationale. Trump verkörpert dies geradezu.

Immaterielle Werte

Frage: Warum nennen Sie eigentlich unsere ökonomisch beeinflusste Kultur „Wall-Street-Kultur“?

PF: Weil sie das Geld vergöttert. Eigentlich hatte die kulturelle Entwicklung zu einer großen Vielzahl von Werten geführt, die wir weiter hochhalten müssten: ethischen, ästhetischen, sozialen, organisatorischen, emotionalen, spirituellen, rationalen, eben einer kulturellen Wertevielfalt. Ja selbst die ökonomischen Werte allein waren einstmals vielgestaltig: unterschiedlichste Tauschwerte, nichtmonetärer Gewinn, Vor- und Nachteile vielerlei Art, wohlverstandenes Eigeninteresse, Nachbarschaftshilfe usw.

Heute ist davon in der Standardökonomie nur noch der geldwerte Gewinn übriggeblieben, alles andere gilt als ökonomischer Murks oder – noch schlimmer – alternative Ökonomie. Unsere Kultur ist zu einer armseligen monetären verkommen. Der geschasste Manager geht nicht für eine Abfindung von 30 Millionen, aber für 60 nimmt er seinen Hut. Das reicht ihm dann offenbar. Ehrlich gesagt: Mir auch.

Leerstelle Wirtschaftswissenschaft

Frage: Kann man da auch eine Kritik an den Wirtschaftswissenschaften heraushören? Die müssten doch am besten wissen, was Ökonomie ist?!

PF: Ja, diese Kritik dürfen Sie heraushören. Und richtig, die sollten es eigentlich am besten wissen; tun sie aber nicht. Die Wirtschaftswissenschaften haben einen Gutteil der schlimmen Entwicklung mitzuverantworten. Nehmen Sie nur den Arbeitsbegriff. Wieviel ist denn Hausarbeit wert? Kein Bruttoinlandsprodukt kann mit ihr etwas anfangen, denn es fließt in der Regel kein Geld. Da ist es wieder, das Geld. Geld als kulturell entscheidendes Kriterium: dass ich nicht lache!

Bei der Hausarbeit haben es vor allem die Frauen und Mütter auszubaden. Im Grund ist das ein Verstoß gegen unser Grundgesetz. Erst ganz langsam wachsen heute bei den Ökonomen neue Einsichten heran; sie meinen offenbar, sich diese Trägheit leisten zu können. Aber sie täuschen sich, mal wieder. Jetzt bekommen sie zurecht Druck von allen Seiten.

Wandel ist unübersehbar

Frage: Wieso?

PF: Der Wandel ist im vollen Gange. Nur viele von der alten engen monetären Ökonomie Besessene haben es aus Betriebsblindheit noch nicht gemerkt. Für viele Pflanzen- und Tierarten, Dialekte und Sprachen, regionale Märkte und Wirtschaftsformen, kulturelle Varianten und Traditionen wird er zu spät kommen, sie sind wohl unwiederbringlich verloren. Aber nicht für alle.

Es ist wie bei unseren Zähnen: Auch wenn unser natürliches Gebiss nicht mehr ganz komplett ist, ist es besser, die Reste, die noch fest sitzen, zu erhalten. Auch wenn die Verluste an natürlicher und kultureller Vielfalt gravierend sind, lohnt es sich, die noch vorhandenen Reste zu erhalten. Auf einer solchen Basis kann eher eine neue Vielfalt wachsen als dann, wenn sie schon ganz verarmt wäre.

 © S. Hofschlaeger, pixelio.de

Früh- und Schulbildung

Frage: Danach wollte ich noch fragen. Wie kommen wir denn jetzt aus dem Dilemma wieder heraus? Denn darum geht es doch. Die Einsicht, dass wir alles falsch machen, kann es ja wohl allein nicht sein. Haben Sie auch eine Idee, was zu tun wäre, um einen Wandel zum Besseren einzuleiten?

PF: Ich denke, das Wichtigste wäre eine viel bessere Bildungspolitik.  Sie entsteht aber nicht von allein, wenn man den Bildungsetat verdreifacht, sondern man muss die bisherigen Fehler erkennen, als solche bezeichnen, abstellen und wirklich neue Ziele ausgeben. Das Geld ist nicht das Hauptproblem; die mangelnde Einsicht in die Falschheit der bisherigen Politik ist es. Es ist atavistisch, die wichtige Zeit vor der Schule mit Kinderaufbewahrung, Bauklötzchen und Trallala zu vertrödeln.

Die grundlegende Weltkenntnis, Sprache und Sprachen werden vor allem in dieser Zeit bereits gelernt. Natürlich kann und soll dies in diesem frühen Alter auch spielerisch geschehen, auch durch Bauklötzchen. Aber was lernen unsere Kinder denn durch die bisher üblichen Methoden? Du sollst ein Sieger werden, dem die Bauklötzchen nicht immer zusammenfallen! Deine Schwester ist deine Konkurrentin, wenn sie es besser kann als Du! So lernen schon Kleinkinder Ökonomie und Effizienz, und das zu privaten Zwecken. Und nach der Vorschulzeit käme die Grundschule, die wichtigste von allen. Hier müssen die besten Lehrer unterrichten, nicht die am schlechtesten bezahlten. Aber sie werden natürlich nicht durch mehr Geld besser, sondern nur durch eine bessere Ausbildung.   

Berufsbildung

Frage: Aber läuft das nicht alles darauf hinaus, dass noch mehr Leute studieren wollen?

PF: Keineswegs. Wenn unsere Schulen wirklich so gut wären, wie sie sein müssten, würden wir zum Beispiel die berufliche Bildung ernster nehmen als heute und die allgemeinbildenden Schulen würden gut gebildete Menschen verlassen, die nicht auch noch alle ein wissenschaftliches Studium benötigen und im Viel-Geld-Verdienen das höchste Ziel sähen. Die flexibel wären, auf Zeit den einen oder anderen Beruf zu ergreifen, und zugleich einen Wert darin sähen, Zeit zu haben. Gegenwärtig produzieren wir zu lebenslangen Spezialisten getrimmte und gehetzte Handlanger oder Lobbyisten mit flottem Mundwerk, die das Geld vergötzen, aber ohne eigene Wertvorstellungen auskommen. Wir bilden heute Leute überwiegend dafür aus, sich als kleine Elite zu fühlen und Dienstleister für andere zu werden.

 © Rainer Sturm, pixelio.de

Neue Kriterien für Bildung

Frage: Wie sollte denn das Bildungsziel Ihrer Ansicht nach stattdessen aussehen?

Das selbstdenkende, selbständige, mutige Individuum, der demokratische Staatsbürger, der seine Rechte und Pflichten kennt und wahrnimmt, der sich einbringt, wo er etwas beitragen kann und sich wehrt, wo er Wichtiges in Gefahr sieht: Dies wäre ein lohnendes, zeitgemäßes Bildungsziel. Aber den wünscht man sich offenbar nicht. Vor ihm haben diejenigen Angst, die sich als politische Elite begreifen. Die möchten, dass alles beim Alten bleibt, ihr Elitestatus nicht in Gefahr gerät.

Ich schäme mich für eine Wissenschaftspolitik, die Eliteuniversitäten kürt. Tatsächlich haben die heutigen Eliten nur ein günstiges Schicksal erwischt, das sie vorübergehend stärker hat werden lassen als andere. Nicht besser, klüger oder wirklich wohlhabender.  Nur mächtiger, wortgewandter, bloß monetär reicher, eine Gesellschaft von Cleverles: eben Repräsentanten der „Wall-Street-Kultur“. Wenn Sie sich die Mühe machen, genauer hinzusehen, werden Sie unter dieser oberflächlichen Lackierung Hunderte, ja Tausende wirklich kreativer Menschen entdecken, die Geld zwar zum Lebensunterhalt benötigen, oft darin auch sehr knapp sind, aber damit keine großen Lebensziele verbinden. Was sie interessiert, machen sie ohnehin ehrenamtlich, weil es ihnen Freude macht, weil sie es wichtig finden, naheliegend, nötig. Sie sind unsere kulturellen Vorbilder für die Zukunft. 

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Peter L. W. Finke (* 1942) war ab 1982 Professor für Wissenschaftstheorie an der Universität Bielefeld und zwischendurch zusätzlich einige Jahre Gregory-Bateson-Professor für Evolutionäre Kulturökologie an der Privatuniversität Witten-Herdecke. Er hat seinen Lehrstuhl 2005 aus Protest gegen die von Politik und Wirtschaft durchgesetzte sog. „Bologna-Reform“ der Universitätsstrukturen freiwillig aufgegeben und ist seither als Gastprofessor  an verschiedenen Institutionen im In- und Ausland tätig gewesen. In den letzten Jahren ist er vor allem als Verteidiger der freien Amateurwissenschaftler bekannt geworden.

  • Peter Finke: Citizen Science. Das unterschätzte Wissen der Laien, Oekom Verlag 2014.
  • Peter Finke (Hg.): Freie Bürger, freie Forschung. Die Wissenschaft verlässt den Elfenbeiturm. Originalbeiträge von 36 Autorinnen und Autoren. Oekom Verlag 2015.
  • Peter Finke: Lob der Amateure. Warum Wissenschaft die Laien braucht (in Vorbereitung).

 

Wie Netzwerke und Plattformen den Erfolg beflügeln

© Andreas Hermsdorf, pixelio.de

Dem Jahrhundert der Einzelkämpfer folgt jetzt die Zeit der Schwarmintelligenz und der Netzwerke. Wir statt ich! Einzelne Universalgelehrte wird es kaum mehr geben bzw. werden sie von divers zusammengesetzten Teams mühelos übertrumpft. Netzwerke und Plattformen dienen als Erfolgsbeschleuniger, sie beflügeln das Vorwärtskommen von Teams, Leistungen, Chancen und Motivation.

Wann Netzwerke erfolgreich sind

Vielfalt ist das Geheimnis erfolgreicher Netzwerke! Damit das Geflecht aus Kontakten und Menschen seine Wirkung entfalten kann, braucht es drei unterschiedliche formale Persönlichkeiten, sagte der Psychologieprofessor und Spezialist für systemische Organisation, Dr. Peter Kruse, 2007 in einem Interview über Kreativität:

  • den Creator (Urheber), der ständig neue Ideen hat, egal ob sie sich realisieren lassen oder nicht (Spinner, Störer)
  • den Owner (Eigentümer), der Wissenseigner bzw. -träger, der ein Thema im Detail beherrscht (Experte)  
  • den Broker (Makler), der viele Leute kennt, die etwas wissen und der als Vermittler und Vernetzer zwischen ihnen wirkt.

Jede Persönlichkeit besitzt spezielle Fähigkeiten, die in Kombination mit weiteren Fertigkeiten anderer Person besonders stark und wirksam wird. Die Summe verschiedener Intelligenzen ist stets größer als eine einzelne Intelligenz. Kruse zieht den Vergleich mit der Vernetzung verschiedener Synapsen im Gehirn. Je nachdem, welche der drei Persönlichkeiten aufeinander treffen, erzielen sie gemeinsam unterschiedliche Wirkungen:

  • Creator + Owner = Ideen zur Lösungsbildung
  • Owner + Broker = Bewertung von Wissen
  • Broker + Creator = Erregung, beide stören

Netzwerke beim Essen schmieden

Viele Ideen entstehen beim gemeinsamen Essen, der vielleicht wichtigsten Netzwerk-Plattform der Welt. Bislang unbekannten Menschen Fragen stellen und neue Informationen erhalten: Eine Chance, die Sie möglichst oft nutzen sollten. Wissenschaftler haben daraus ein neues Forschungsgebiet gemacht: Kommensalität (engl. Commensality: gemeinsames Essen) . Kevin Kniffin startete 2017 an der Cornell University’s Dyson School of Business eine eigene Studie. Um den richtigen Partner für das gemeinsame Essen zu finden, können Sie sich von Online-Tools unterstützen lassen, z. B. der App Never Eat Alone und der Plattform Workwell können dabei helfen.

Warum bietet Essen ein gutes Umfeld für Neues? Weil wir genau dann empfänglich dafür sind, wenn wir Glücksmomente und Vertrauen empfinden. Es ist erwiesen, dass jene Menschen am produktivsten sind, die besonders häufig ihre Begleiter beim Essen wechseln. Beim gemeinsamen Essen erfährt man am besten, wie der Andere denkt, welche Ideen und Vorlieben er hat, welche Erfahrungen und Erlebnisse ihn bewegen, sofern sich der Begleiter öffnet. Dies sorgt zusätzlich für Vertrauen, eine wichtige Voraussetzung für funktionierende Netzwerke und die Bereitschaft für Veränderungen.

© Rainer Sturm, pixelio.de

Diversity als Erfolg

Erfolg schöpft sich aus Vielfalt: aus unterschiedlichen Persönlichkeiten, Talenten und Fähigkeiten, Wissensträgern, Fachbereichen, Lebenswelten. Ein wichtiges Vorbild für Apple-Gründer Steve Jobs waren die Beatles, wie er in der amerikanischen Dokumentationsserie 60 Minutes am 12.05.2008 sagte: „Das waren vier Typen, die gegenseitig ihre negativen Tendenzen in Schach hielten, sie balancierten sich gegenseitig aus, so dass das Gesamte viel mehr als die Summe der Einzelteile wurde. Große Dinge in der Geschäftswelt werden nicht von einer Person gemacht, sondern von einem Team.“

Neues entsteht nicht aus Harmonie, sondern aus Widerspruch. Erfolgreiches Management lebt von Instabilität und von Störern, die Routinen hinterfragen. Ein Unternehmen tut also gut daran, sich regelmäßig Impulse von außen zu holen. In Zeiten des globalen Wandels können auch interkulturelle Grenzüberschreitungen neue Perspektiven für die eigenen Institution bzw. Organisation eröffnen. Damit Unternehmenskulturen daran wachsen können, braucht es genügend Zeit. Nur wenn das Basis-Team die neuen Impulse als relevant, nachvollziehbar, transparent und glaubwürdig aufnimmt, werden sich alle mit der Zeit an die neuen Impulse anpassen. So kann der Unternehmenswandel tatsächlich gelingen.

 © Stephanie Hofschlaeger, pixelio.de

Tandems bilden

Wem größere Netzwerke zu unübersichtlich sind, kann zumindest ein Tandem bilden. Achten Sie  darauf, dass Sie sich mit einer Person, Organisation, Institution oder einem Unternehmen aus einem anderen Sektor, Lebensbereich bzw. einer anderen Branche vernetzen. Nur wenn Sie Ihre „Komfortzone“ verlassen und sich mit frischem Wind umgeben, werden Sie profitieren. 

Ich werde dieses Experiment in Kürze selbst wagen – als Partner im interdisziplinären Jobshadowing-Programm – und werde auf MassivKreativ darüber berichten. Die Hamburg Kreativ Gesellschaft – eine städtische Einrichtung zur Förderung der Kreativwirtschaft in der Hansestadt – vernetzt seit kurzem Institutionen der Initiative Finanzplatz Hamburg e.V. mit Akteuren der Kultur- und Kreativwirtschaft. Die Tandempartner begleiten sich einen Tag gegenseitig in ihrem Arbeitsalltag und lernen voneinander. Das Ziel: Perspektivwechsel, Horizonterweiterung und Wissenstransfer, langfristig sind crosssektorale Kooperationen angedacht: Kreative können neue Strategien und Lösungsansätze für Herausforderungen in klassischen Wirtschaftsbereichen erarbeiten, z. B. indem Sie Routinen hinterfragen. 

 © Karin Jung, pixelio.de

Innovationen aus Netzwerken schöpfen

Daniela Bessen engagiert sich als Brokerin und Innovationsscout für die Vernetzung mittelständischer Unternehmen mit Startups bzw. Wissensträgern (Ownern) und Innovatoren (Creatern). Sie möchte dem Mittelstand dabei helfen, innovativer zu werden und wertvolle Kontakte zu den richtigen Akteuren und Experten. Netzwerken gehört daher zu ihrem Alltagsgeschäft, auch in ihrer Funktion als Verbandsbeauftragte des Bundesverbandes mittelständischer Wirtschaft (BVMW). Über das erfolgreiche Netzwerken habe ich mit ihr in einem längeren Interview gesprochen.

Mehr Geben als Nehmen

Netzwerke müssen ständig am Leben erhalten und mit neuen Impulsen von außen genährt werden. Treffen immer nur die gleichen Menschen aufeinander, wird das Netzwerk bald absterben. Je vielfältiger und interaktiver Netzwerke wirken, um so stärker sind die Rückkopplungseffekte. Ein gesundes Netzwerk lebt mehr vom Geben als vom Nehmen, wie das folgende Gleichnis zeigt: „Was ist der Unterscheid zwischen mögen und lieben“, wurde der Buddha einmal gefragt.  Seine Antwort: „Wenn Du eine Blume magst, dann pflückst Du sie. Wenn Du eine Blume liebst, dann gibst Du ihr jeden Morgen Wasser.“ Menschen und deren Gestaltungswillen zum Blühen zu bringen,  ist die große Kraft, die von Netzwerken ausgeht.

Interdisziplinäres Netzwerken

Seit Herbst 2016 organisiert das Netzwerk Kreative MV in Mecklenburg-Vorpommern im Auftrag des dortigen Wirtschaftsministeriums sogenannte KreativLabs. Das Format wandert durch das Bundesland an unterschiedlichste Orte und bringt branchenübergreifend Kreative, Privatwirtschaft, öffentlichen Sektor und Bildungsinstitutionen zusammen. Nach dem peer-to-peer-Prinzip findet die Ideenfindung und Beratung gemeinschaftlich statt, eine große Chance für die unterschiedlichen Teilnehmer, sich und ihre Branchen besser kennenzulernen und mehr über die jeweiligen Probleme und Wünsche zu erfahren. Beispielhaft war das 4. KreativLab „Querdenken gefragt“ in Ludwigslust im März 2017. Bei dieser Gelegenheit stellte ich im Impulsvortrag „Was kann Management von Kunst lernen“ inspirierende Beispiele für künstlerisches Denken vor, für Kreativität und Innovation, Haltung und Verantwortung, interdisziplinäres Arbeiten und Coworking, Nachhaltigkeit und Diversity. Im anschließenden Barcamp und Kreativ-Workshop erarbeiteten Unternehmer, Mitarbeiter aus dem öffentlichen Sektor sowie Künstler und Kreativschaffende in interdisziplinären Teams Lösungsansätze für praxisnahe Herausforderungen. Weitere Labs im Jahr 2017 hier.

 © MassivKreativ

Vernetzung a la Richard Branson

A-B-C-D: Always Be Connecting the Dots – so der Slogan über allen Virgin-Group-Firmen unter Führung von Richard Branson: „Verbinde stets die Punkte miteinander“. Erst, wenn Querverbindungen zwischen unterschiedlichen Bereichen und Welten geschaffen werden, entstehen ungeahnte Synergien und Befruchtungseffekte, der glückliche Zufall – auch „Serendipity-Effekt“ genannt. Nur ein Beispiel: In den neuen Virgin-Hotels sind sowohl Gäste als auch Einheimische willkommen. Bibliothek und Fernsehzimmer stehen allen offen. Auf Begegnung setzt auch der „Common Club“, hier sollen zur sogenannten „Social Hour“ zwischen 18 und 19 Uhr alle Menschen zusammen kommen, die anfangs offerierten kostenlosen Cocktails müssen inzwischen doch wieder bezahlt werden. Aber wer weiß, vielleicht gibt es sie demnächst wieder, wenn der Weltraumvisionär Branson sein erstes Hotel im All eröffnet – samt Networking mit Außerirdischen …

 © Alfred Krawietz, pixelio.de

Plattformökonomie: webbasierte Netzwerke

Neben persönlichen Netzwerken sind in den letzten Jahren immer mehr webbasierte Netzwerke entstanden. Plattformökonomien bieten erhebliche Vorteile: mehr Sichtbarkeit, Vernetzung, Befruchtung, Beschleunigung und Konsolidierung. Mit rasant wachsenden Anbietern entstehen neue Geschäftsmodelle. Wichtige Informationen werden dabei meist von Dritten generiert (z.B. gegenseitige Bewertungstexte): Amazon (Shopping-Plattform vernetzt Konsumenten, Handel, Hersteller und Logistik), ebay (Auktionen), airbnb (Übernachtungen), Facebook (Social Media), die App-Stores von Apple und google (Medien) usw. Werden Produktionsressourcen intelligent verknüpft und Daten durch Digitalisierung und Business Intelligence (im Sinne des Anbieters) optimal verwertet, bilden sich neue Wertschöpfungsketten. Plattformökonomien und Sharing-Dienste gibt es inzwischen für alle Lebensbereiche: Mobilität und Reise, Finanzen und Versicherungen, Job-, Partner- und Tauschbörsen, Coworking, Haushaltshilfen, Verleihdienste.

Plattformen beleben auch den Bereich der Wissenschaft sowie der Kultur- und Kreativwirtschaft. Die EU unterstützt in ihrem Förderprogramm Kreatives Europa grenzüberschreitende Plattformen kultureller und kreativer Organisationen, die Künstlern, Kulturschaffenden sowie aufstrebenden Talenten über europaweite Netzwerke und Online-Plattformen in der Öffentlichkeit präsentieren, u. a. Europeana.   

 © Otto – Collabor8, MassivKreativ

Online-Tools zur Vernetzung

Auf Wiedersehen email, Kalender, Notizbuch. Die Zukunft gehört den Online-Werkzeugen, damit die Zusammenarbeit für uns alle einfacher wird – vor allem über räumliche und geografische Entfernungen und über verschiedene Zeitzonen hinaus. Für jeden erdenklichen Papierkram gibt es inzwischen ein Online-Pendent – je nach persönlichen Wünschen kostenlos oder per Monatsabo – für die Abstimmung von Terminen, den gemeinsamen Kalender, für das Projektmanagement, für To-Do-Listen, für die kreative Arbeit, für Kommunikation und Konferenzen.

Schüler, Azubis und Studierende profitieren ebenso wie Wissenschaftler und Experten, Außendienst-Mitarbeiter, Journalisten und Künstler, Einzelkämpfer ebenso wie Teams, Arbeitsgruppen und Vereine. Das Angebot kollaborativer Tools wächst stetig, eine umfangreichere Aufstellung liefern u. a. das Digital-Magazin t3n und die Wissenschaftsjournalistin Martina Rüter.

 © MassivKreativ

Empfehlenswerte kreative und innovative Netzwerke und Plattformen 

  • Women´s Club von Hamburg@work organisiert Veranstaltungen, u. a. ein BusinessBreakfast im WASSERSCHLOSS  der Speicherstadt zu wechselnden Themen, z. B. „New Work – Wie werden wir zukünftig arbeiten?“, Infos zur Mitgliedschaft  
  • Dverse Media – für mehr Vielfalt im Wirtschaftsjournalismus 
  • Digital Media Women – für mehr Sichtbarkeit und Einfluss von Frauen auf allen Bühnen – Konferenzen, Fachmedien, Management Board – offen, respektiert und wegweisend.
  • Hamburg Kreativ Gesellschaft bietet vielfältige Netzwerkveranstaltungen, z.B. zum Thema crowdfunding
  • DesignXport in Hamburg sieht sich als Schnittstelle zwischen Gesellschaft, Kultur, Wissenschaft, Technologie und Wirtschaft
  • Innovation Alliance: engagiert sich zum Thema Digitalisierung im Mittelstand
  • BVMW: Bundesverband für die mittelständische Wirtschaft
  • Kreative Deutschland: bottom-up-Netzwerk der Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland
  • Kreative MV: Netzwerk der Kultur- und Kreativwirtschaft Mecklenburg-Vorpommern
  • CleverHeads: kreatives Recruiting-Netzwerk mit Empfehlungsmarketing gegen Fachkräftemangel – durch Weiterempfehlung eines Bewerbers refinanzieren Arbeitgeber die eigenen Recruiting-Kosten
  • Vera-Netzwerk: Verband der Ausstellungsgestalter in Deutschland e.V.
  • Querdenker: von kreativen Köpfen profitieren

 

Diversity: Warum mehr Vielfalt gut fürs Geschäft ist

629218_web_R_K_B_by_Gaby Stein_pixelio.de © Gaby Stein, Pixelio

Möchten Sie für Ihre Firma Fachkräfte aus dem Ausland gewinnen? Wie machen Sie auf sich aufmerksam? Oder ist Ihr Unternehmen schon heute multikulturell und generationenübergreifend zusammengesetzt? Wie zeigen Sie dies nach außen und sorgen dafür, dass es so bleibt? Ich berichte Ihnen anhand von Beispielen, warum Vielfalt im Personalmanagement eine Bereicherung für jede Firma ist und zudem auch gut fürs Geschäft.

Ich habe kürzlich ein Symposium des Goethe-Instituts über „Fachkräftegewinnung aus dem Ausland“ besucht. Die als Redner geladenen Neubürger beklagten einhellig: Deutsche Unternehmen würden Mitarbeiter anderer Nationalitäten zu oft als Problem denn als Chance wahrnehmen. Vorrangig würden ihre Defizite thematisiert, wie z. B. fehlende Sprachkenntnisse. Dabei zeigt die Praxis, dass gerade Fachkräfte solche vorübergehenden „Mängel“ innerhalb kürzester Zeit ausgleichen.

Perspektivwechsel als Bereicherung nutzen

Das Spezialwissen von Mitarbeitern anderer Nationalitäten eröffnet ungeahnte Möglichkeiten, z. B. im Hinblick auf die Markterweiterung. Der Personalchef eines deutschen Herstellers von Küchenbesteck berichtet über ein gelungenes Beispiel aus seinem Unternehmen. So bat er einen Praktikanten aus China, sich das Sortiment seiner Firma einmal mit „asiatischem Blick“ anzusehen. Begeistert über so viel entgegengebrachtes Vertrauen verglich der Praktikant hochmotiviert die deutsche Produktpalette mit gängigen Küchenutensilien in China. Der Vergleich führte zu einer wichtigen Erkenntnis: Die chinesische Küche hat weit mehr Spezialgeräte zu bieten als die deutsche. Was schließlich den Anstoß gab, das Sortiment zu erweitern bzw. das Design entsprechend anzupassen und so den Markt mit speziellem Koch- und Essbesteck auf China zu erweitern.

 © MassivKreativ

Integration nach Feierabend

Diskutiert wurde auch die Frage, warum es Neubürgern schwer fällt, hierzulande heimisch zu werden. Die Gastredner berichteten, dass die Probleme erst nach Feierabend beginnen: kein Austausch mit Deutschen, fehlende Integration. Dabei seien gerade Kontakte in der Freizeit wichtig, um Anschluss zu finden und die Sprache zu erlernen.

Handlungstipps „Diversity“ für Unternehmen

Was können Sie als Unternehmer tun? Wie können Sie in Ihrer Firma für engere Beziehungen zwischen deutschen und ausländischen Mitarbeitern sorgen? Starten Sie eine Umfrage in Ihrem Unternehmen: Lassen Sie Ihre Mitarbeiter auf Kärtchen schreiben, wo sie zuletzt Urlaub gemacht hat. Vielleicht hat jemand im Heimatland des neuen Kollegen seine Ferien verbracht. Bilden Sie aus beiden Mitarbeitern ein Tandem bzw. Kompetenzteam, das eine kleine gemeinsame Geschichte, ein Erlebnis oder eine Anekdote aus dem Land präsentiert – bei einer Betriebsfeier oder einem bunten Abend. Laden Sie auch Ehepartner oder Kinder ein, mitgereisten Familienmitgliedern fällt der Anschluss besonders am Anfang schwer.

Kultur und Herkunft

Falls Sie in einer größeren Stadt leben, bietet sich ein Ausflug ins Völkerkundemuseum an. Ihr neuer Mitarbeiter kann anhand von Museumsobjekten über seine Heimat erzählen. Vielleicht zeigt er auch Fotos seiner Familie oder seines Landes. Bringen Sie neuen Kollegen aus anderen Kulturen aufrichtiges Interesse entgegen, damit sie sich in der neuen Umgebung wohl fühlen. Stellen Sie sich vor, wie es Ihnen in einem anderen Land gehen würde. Keiner trennt sich mit leichtem Herzen von seiner Heimat. Empfangen wir jede/n mit offenen Armen und sorgen wir dafür, dass er/sie sich willkommen fühlt.

Verständigung ohne Worte

Finden Sie neutrale Themen, bei denen die Sprache keine vorrangige Rolle spielt. Regen Sie gemeinsame Sportaktivitäten an, bei denen Teamgeist und gemeinsames Erleben im Vordergrund stehen. Wenn Sie eine Betriebsküche haben, lässt sich vielleicht ein gemeinsames Kochen arrangieren. Planen Sie einen bunten Abend im Unternehmen, bei dem jeder seine Lieblingsmusik vorstellt. Über ein gemeinsames Thema finden sich rasch Anknüpfungspunkte.

629459_web_R_K_B_by_Rainer Sturm_pixelio.de © Rainer Sturm, Pixelio

Generationen verbinden

Verbindende Aktionen bieten sich übrigens auch mit Kollegen unterschiedlicher Altergruppen an. Diversity in den Firmenalltag zu integrieren, heißt nicht nur, verschiedene Kulturen willkommen zu heißen, sondern auch Menschen unterschiedlicher Generationen und Geschlechter. Ältere Mitarbeiter bringen neben wertvollen Erfahrungen auch Gelassenheit mit. Sie können während der Ferienzeit einspringen und bei zeitlichen Engpässen Entlastung bieten.

Öffentlichkeit nutzen

„Warum sollte ein hochqualifizierter Ausländer in ein Land gehen, in dem er sich ständig dafür rechtfertigen muss, dass er hier ist?“ – stellte Sozialforscherin Jutta Allmendinger im Jahr 2010 fest. Damit sich die Situation zum Positiven ändert, bietet der jährliche Diversity-Tag im Juni Gelegenheit, für mehr Vielfalt in der Gesellschaft zu werben. Wer Diversity konsequent umsetzt, für den zahlt sich Vielfalt auch aus! Öffnen Sie sich und Ihr Unternehmen der Stadt! Zeigen Sie an einem Tag der offenen Tür, wie bunt Ihre Firma bereits ist bzw. dass Sie Vielfalt als Bereicherung empfinden.

Impulse über Künstlerische Interventionen

Wenn Sie sich beim Thema Diversity Hilfe und Unterstützung wünschen, holen Sie sich einen Künstler in Ihr Unternehmen. Im Rahmen einer Künstlerischen Intervention kann Vielfalt als unternehmerische Fragestellung in individuellen kreativen Workshops erprobt werden, ob mit einigen wenigen Mitarbeitern oder im ganzen Team entscheiden Sie. Mit passenden künstlerischen Methoden, Spielarten bzw. Kunstsparten lässt sich Vielfalt hervorragend erkunden: beim Zeichnen, Filmen, Tanzen, Musik machen, beim Fotografieren, Bauen und Designen, mit Pantomime und Theaterspiel, mit Klangaufnahmen und Interviews. Haben sie Mut, ihren „Weg der Vielfalt“ auf eigene kreative Weise zu finden.

Inspirationstipps:

Initiative Charta der Vielfalt und Deutscher Diversity-Tag: Vielfalt unternehmen

Kurzfilm: Was ist eine Künstlerische Intervention?

Vielfalt hören: Hörbuchreihe Länder hören – Kulturen entdecken