Wie die Kunst Wirtschaft und Management den Horizont erweitert

 © Inge Dethlefs / MassivKreativ

Kunst beflügelt Wirtschaft. Weil sie Kommunikation fördert, Regeln bricht, Routinen hinterfragt, motiviert und dabei hilft, auch langfristige Ziele fokussiert zu verfolgen. Noch immer gibt es viel Erklärbedarf, noch immer wollen Wirtschaft und Management von der Wirksamkeit von Kunst überzeugt werden. Doch großartige und erfolgreiche Projekte ermutigen zum Weitermachen. Ein neues Buch „Wirtschaft trifft Kunst“ gibt Einblicke.

Haltung, Weitblick, Standhaftigkeit

Neue Ideen kommen nicht leicht in die Welt. Wer Dinge anders macht, wird nicht automatisch mit offenen Armen empfangen. Künstler, die Neues schaffen, werden nicht gleich auf Anhieb verstanden. Sie machen dennoch weiter, häufig gegen Widerstände. Sie sind mutig,  entschlossen, zeigen Haltung. Eines Tages werden sie – so bleibt zu hoffen – für ihren Weitblick und ihre Beharrlichkeit bewundert, so wie Mahatma Gandhi es einst sagte: “Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.

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Künstler als VUCA-Meister

Künstler tragen viele besondere Fähigkeiten in sich. Sie sind ihrer Zeit häufig ein Stück voraus. Die VUCA-Welt, in der nichts mehr verlässlich und voraussagbar ist und gerade in der Wirtschaft heiß diskutiert wird, haben Künstler schon immer erlebt. Sie haben eigene Strategien und Widerstandskraft entwickelt, Resilienz. Unsicherheit und Krisen sind nach wie vor Alltagsbegleiter von vielen Kreativen. Angestellte und Beamte in „bürgerlichen“ Berufen machen erst seit kurzem vergleichbare Erfahrungen. Der technologische und digitale Wandel wird weitere tiefgreifende Veränderungen in unser berufliches und privates Leben tragen.  

Künstler sollten daher in der agilen Welt als VUCA-Meister wirken, als Alltagscoaches, um sowohl Mitarbeitern als auch Führungskräften Wege aus der Unsicherheit zu zeigen. Künstler können Methoden und Möglichkeiten vermitteln, wie sich Unbekanntem offen, neugierig und mutig begegnen lässt. Wer an Althergebrachtem festhält, verhindert Innovationen. Die Band „Die STERNE“ singt (1999): „Wir müssen nichts so machen, wie wirs kennen, nur weil wir’s kennen, wie wir’s kennen.“ Wir brauchen kreative Pionieren, die neue Wege gehen. Denn: „Dort, wo alle gehen, wächst kein Gras.“ (Frank und Patrick Riklin, Atelier für Sonderaufgaben)

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Wirtschaft trifft Kunst

Die Kunsthistorikerin und Kunstvermittlerin Ulrike Lehmann kennt beide Welten. Mit ihrer Agentur art-coaching trägt sie Kunst in Unternehmen, gibt in Vorträgen und Seminaren Einblicke in die aktuelle Entwicklungen, in den Kunstbetrieb und den Kunstmarkt.

Nun hat Lehmann ein umfangreiches Buch mit 580 Seiten herausgegeben: Wirtschaft trifft Kunst. Warum Kunst Unternehmen gut tut. (Springer Gabler 2017). Im Vorwort gibt sie einen Überblick über die Geschichte des Mäzenatentums seit der Antike über die Renaissance bis in die Gegenwart. Sie listet wichtige Kunstvermittler, Sammler und Sammlungen auf und zeigt, warum Kreativität und Kommunikation Schlüsselkompetenzen unserer neuen digitalen Arbeitswelt sind. Sie führt in Ateliers, befragt Künstler (Warum sind Sie Künstler geworden? Gab es eine Initialzündung? Warum macht Kunst glücklich?), berichtet über ihre eigene Arbeit als Kunstvermittlerin, über kunstbasiertes Coaching von Führungskräften und Mitarbeiterteams, über die Bedeutung von Räumen und erklärt, wie unternehmensbezogene Kunstkonzepte und Kunstsammlungen konzipiert, erstellt und realisiert werden sollten.

Künstler als Problemlöser

Lange hat sich die Wirtschaft lediglich ornamental mit Kunst geschmückt. In den letzten Jahren werden Künstler nun stärker als Gestalter in die Gesellschaft integriert. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Die Kreativen agieren auch in diesem Bereich frei, d. h. sie dürfen weder funktionalisiert noch instrumentalisiert werden, sondern bringen ihre individuellen besonderen Fähigkeiten ein, Zukunft vorherzusehen und weiterzudenken. In Design Thinking-Prozessen z. B. fokussieren sie mit Empathie die Nutzerperspektive und tragen mit Kreativität, Ideenreichtum, Mut und Schöpferkraft zur Lösung von Problemen bei. Im Rahmen künstlerischer Interventionen begegnen Kreativschaffende unternehmerischen Fragestellungen und Herausforderungen mit künstlerisch-kreativen Methoden.

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Kollaboration

Kunst lebt von Kollaboration, von multidisziplinärem Denken und Handeln, von Improvisation, Perspektivwechsel, verschiedenen Sichtachsen und Lebenswelten. Folgerichtig hat Lehmann 30 weitere Autoren eingeladen, über das vielseitige Beziehungsgeflecht Kunst und Wirtschaft zu schreiben, darunter neben Künstlern und Kunsthistorikern auch Wirtschaftsexperten und Wissenschaftler, Firmeninhaber und Geschäftsführer.

In fünf Kapiteln nähern sie sich u. a. folgenden Themen und Praxisbeispielen:

  1. Kunst im Personalwesen: Management und Kunst, Werte, Worte, visuelles Denken
  2. Der (Mehr-)Wert von Kunst: materielle und immaterielle Werte, Kunst als Wirtschaftsfaktor, Verteilungskämpfe auf dem Kunstmarkt und freier Eintritt
  3. Kunstsammlungen in Unternehmen: Kunst zur Repräsentation und Kommunikation, als Teil von Unternehmenskultur, Kunst und Mode, Gegenwartskunst
  4. Kunst am und im Bau: Kunst und Raum, künstlerische Konzepte
  5. Kommunikation, Marketing und Kunst: kommunikative Wirksamkeit, Kunst und Marke, Business Artist – der Künstler als Unternehmer
  6. Ausblick: Projekte von Kunst in Unternehmen: Impulse für Kommunikation, Innovation, Umdenken und Wandel in der Unternehmenskultur

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Wert und Wirksamkeit von Kunst

Der Künstler Hermann J Kassel (S. 171-187) möchte mit Kunst Veränderungsprozesse im Unternehmen unterstützen, die Kommunikation fördern und den Teamgeist stärken. Kunst kann abstrakte Dinge verdeutlichen, die durch Worte allein nicht transportiert werden können. Wie lässt z. B. Digitalisierung konkret fassbar machen? Kunst hilft dabei, Dinge zu emotionalisieren, sie haptisch be-greifbar machen, damit wir sie verstehen und verinnerlichen. Beispiel Unternehmenskultur: Sie kann nicht von oben nach unten „verordnet“ werden. Sie ist lässt sich schwer beschreiben, ist dennoch immer da, lebt durch Menschen bzw. Mitarbeiter, durch ihr Selbstverständnis und ihre Wertvorstellungen.

In seinem Projekt „Erd-Arbeiten: Verwurzelung – Veränderung“ macht Hermann J. Kassel deutlich, dass Unternehmenskultur etwas mit Verankerung und Basis zu tun hat. Manager eines Getriebeherstellers von verschiedenen Niederlassungen wurden im Vorfeld der künstlerischen Intervention gebeten, Erde von ihren Heimat-Standort mitbringen. Gemischt mit Erde vom Stammsitz sollte der Humus für die „Basis-Kultur“ entstehen, der Humus für Kontinuität und Wandel. Durch haptische Begreifen konnten die Manager mit eigenen Händen erfahren, wie Veränderungsprozesse von der Basis aus wachsen, dass diese Selbst-Vergewisserung, Selbst-Bewusstsein und Standfestigkeit überlebenswichtig sind – gerade im Umfeld von Globalisierung und Vielfalt.

 © Inge Dethlefs / MassivKreativ

Kunst als Kommunikationsmittel

Geschäftsführer Jochen Kienbaum schildert im Buch (S. 327-340), wie sich an den Kunstwerken in den Büroräumlichkeiten der Personal- und Managementberatung Kienbaum Consultants häufig inspirierende Gespräche mit Kunden, Geschäftspartnern, Mitarbeitern, neuen Bewerbern und Kandidaten entzünden. Mit dem Wahrnehmen und Sprechen über Kunst können Interessen, Kenntnisse und Wertvorstellungen ausgetauscht werden. Am Kunstobjekt treffen sich die Ansichten und Vorlieben oder gehen weit mit Irritation bzw. Unverständnis weit auseinander.

Kunst ist ein praktisches Hilfsmittel für das intensive gegenseitige Kennenlernen. Der Informationsgehalt von Kunstgesprächen geht über normale sachliche Gespräche hinaus. Ein besonderes Format ist der gemeinsame ArtWalk, zu dem Kienbaum auf der Kunstmesse ArtCologne einlädt. Neue Sicht- und Denkweisen möchte die Beratungsagentur mit der Herausgabe von Künstlerbüchern eröffnen.

Urteilsvermögen mit Kunst schärfen

Der Textilunternehmer, Wirtschaftsethiker und Kunstsammler Thomas Rusche erläutert in seinem Artikel (S. 341-365), inwiefern Kleidungskultur und Kunstförderung die Identität seines Unternehmens SØR Rusche prägt. Schönheit entsteht im Auge des Betrachters. Doch das Urteilsvermögen über Qualität lässt sich gerade an Kunstwerken schärfen, wie Rusche zeigt. Lieblose Massenproduktion versus kenntnisreicher handwerklicher Fertigung. Was sollte bewahrt werden und wo schafft Erneuerung Mehrwert und Sinn, etwa durch den Einsatz von Hightech-Materialien? Erfreulich ist, dass Rusche auch ethisch-moralische Aspekte einbezieht und kurzfristige Gewinnmaximierung in Frage stellt. Wirtschaft trägt heute auch Verantwortung, nicht nur für sich selbst, sondern für die Gesellschaft. SØR bzw. Rusche richtet die Berliner Salongespräche der Sophisten aus und diskutiert mit Gästen aus Politik, Wirtschaft und Kultur aktuelle und relevante Themen der Zeit. Er finanziert Kunst und Künstlerförderung, unterstützt Projekte in Indien, die Forschungsgruppe Ethik und Wirtschaft im  Dialog (EWD), lädt regelmäßig zu Kunstgängen durch die SØR Rusche Sammlung in Oelde und Berlin ein und vermittelt seine Ideen und Werte auf dem Blog Kleidungskultur SØR.

 © Frank Radel, Pixelio.de 

Kunst am Bau

Wie entfaltet sich Kunst nicht nur intern in den Räumlichkeiten der Unternehmen? Wie wirkt und strahlt Unternehmenskultur in den öffentlichen Raum hinein? Über Architektur und Lichtinszenierungen beziehen Unternehmen Position, verleihen ihrer Identität und ihrem Selbstverständnis nach außen hin Sichtbarkeit. Im Buch wird am Beispiel des  Europäischen Patentamtes (EPA) in München u. a. die Farborgel des Schweizers Beat Zoderer vorgestellt. Gerade eine international tätige Institution steht vor einer besonderen Herausforderung, über die Kunst zwischenstaatliche Beziehungen und ein friedliches Zusammenleben zu transportieren.

Erkenntnisse

580 Seiten und 30 Autoren bieten einen weiten, vielseitigen Blick auf das Thema „Wirtschaft trifft Kunst“. Der Fokus des Buches liegt auf dem enger gefassten Begriff der bildenden Kunst (nicht: Musik, Tanz, darstellende Kunst u.s.w.), auf unternehmenseigenen Sammlungen und ihren Initiatoren sowie auf den Themen Kunst als Marke, Marketing- und Kommunikationsmittel. Hin und wieder wird auf die gesellschaftsgestaltende bzw. strukturell verändernde Kraft von Kunst verwiesen wird (siehe Hermann J. Kassel).

Was mir persönlich fehlt, sind aktuelle Stimmen abseits der Führungsetagen von Mitarbeitern an der Basis. Gerade deren Persönlichkeitsentwicklung und Motivationsschub durch Kunst wäre besonders aufschlussreich (siehe Filminterviews Mensch und Maschine / Atelier im Unternehmen): Was gibt „normalen Mitarbeitern“ die Begegnung mit Kunst im Unternehmen? Welche Gefühle, Gedanken, Stimmungen lösen Kunstwerke aus? Welche Irritationen oder Aha-Effekte hat Kunst bei Ihnen befördert? Angeboten hätte sich dies etwa im Beitrag über die Aktivitäten der Wimmelforschung für die Innovationsetage Platform 12 von Bosch. 

Kunst muss ihre Relevanz ständig unter Beweis stellen. Daher sollte ihre Breitenwirkung in alle Unternehmensebenen und Etagen nicht außer Acht gelassen werden. Lehmann verweist z. B. auf ein „Kunstexperiment“ bei Bayer von 1979/80, bei dem der Kunsthistoriker Max Imdahl gemeinsam mit Arbeitern über Werke abstrakt-konkreter Kunst diskutierte (S. 44). Interessant wären aktuelle Beispiele, etwa auch zu Corporate Volunteering – angeregt durch Kunst. Ungeachtet dieses kleinen Wermutstropfens ist die Fülle der zusammen getragenen Beispiele verdienstvoll. Jedem Artikel ist eine kurze Zusammenfassung vorangestellt, die neben dem Inhaltsverzeichnis einen ersten Überblick gibt. Eine zusätzliche Orientierung hätte ein Schlagwort-Verzeichnis am Ende des Buches liefern können.

Diese Autoren haben sich mit Beiträgen beteiligt:

Carsten Baumgarth, Stephan Berg, Dirk Boll, Michael Brater (& Anne von  Hoyningen-Huene), Friedrich Conzen (mit Julia Ritterskamp und Olaf Salié), Judith Dobler, Thomas Drescher & Maren Geers von Wimmelforschung, Stephan Frucht, Thomas Huber, Michael Jäger, Hermann J Kassel, Jochen Kienbaum, Barbara Kotte, Ulrike Lehmann, Rupprecht  Matthies, Alexander Marzahn, Hans-Dietrich Reckhaus, Thomas Rusche, Roland Schappert, Agnes Dominique Schofield, Kristine Schönert, Martin Seidel, Thomas Steinruck, Wolfgang Ullrich, Hubertus von Barby, Heike Weber, Stephan Zilkens.

Quelle: Ulrike Lehmann (Hg.): Wirtschaft trifft Kunst. Warum Kunst Unternehmen gut tut. Springer Gabler 2017.

  © Inge Dethlefs / MassivKreativ

Künstler in Unternehmen!

So wie es früher einen Narren am Hof gab, der außerhalb aller Regeln agieren und die Mächtigen kritisieren durfte, der die Ereignisse im Staat mal humorvoll, mal zynisch kommentieren konnte, so sollte heute jedes größere Unternehmen einen unabhängigen „Corporate Artist“ engagieren. Künstler in die Wirtschaft! Jedoch nicht ornamental zum „Aufhübschen“, sondern strukturell zum Mit- oder Umgestalten, zum Beobachten und Hinterfragen, als Gast in der Vorstandssitzung und im Kundendialog, als aufmerksamer Zuhörer bei Gesprächen mit Mitarbeitern und Führungskräften, zum Intervenieren, Ästhetisieren, zum Regeln brechen und Ideenschmieden. Alle großen Projekte und Kunstwerke beginnen mit einer kleinen Idee …

„Lernen wir von Künstlern, für sie sind verschiedene Methoden selbstverständlich, die wir in der Wirtschaft gut brauchen können. Zum Beispiel die Methodik des Perspektivenwechsels!“ Klaus Starch, eh. Finanzvorstand der eh. Gericom AG und der dp Projektform AG (siehe auch turn-around)

Transforming smArt

Inspirierende Workshops und interessante Impulse zum Thema „Künstler in die Wirtschaft“ bietet auch die Theaterpädagogin Katrin Sasse mit ihre Projekten Transforming smArt – House of Change und Training mit Theater

 © S. Hofschlaeger, Pixelio.de 

Master-Arbeit über Künstlerische Interventionen in Unternehmen

Kürzlich fragte der Master-Student Andreas Hötzel bei mir ein Interview an. Er wollte mich als Expertin zum Thema „Kunst als Intervention“ befragen. Für eine Studienarbeit an der Hochschule München im Master-Studiengang „Business Innovation & Management Consulting“ beschäftigt er sich gemeinsam mit drei Kommilitonen mit diesem Thema, um einen Beratungsansatz zu entwickeln, der künstlerische Interventionen berücksichtigt. Im Gespräch geht es um diese Fragen:

  1. Wie hat sich die künstlerische Intervention in der Wirtschaft in den letzten Jahren entwickelt?
  2. Wie schätzen Sie die zukünftige Entwicklung/Nachfrage/Potentiale ein? Gibt es dazu Zahlen?
  3. In welchen Bereichen bzw. Projektphasen wirkt die künstlerische Intervention am effektivsten? Wie genau wirkt sie?
  4. Was macht den Einsatz von Künstlern im Unternehmenskontext im Vergleich zu anderen Vorgehensweisen besonders bzw. effektiv (in Bezug auf die Qualität der Wirksamkeit)?
  5. Worin sehen Sie die wirtschaftliche Bedeutung/Nutzen der künstlerischen Intervention aus Unternehmenssicht?
  6. Wo sehen Sie die Grenzen der künstlerischen Intervention?

Mehr dazu im folgenden Podcast-Interview mit Andreas Hötzel!

Warum sich Kultur nur im Plural denken lässt und wir in einer kulturellen Krise stecken

 © Sweder van Rencin, pixelio.de

Ich freue mich über ein Gastinterview der Journalistin Stefanie Hermann mit dem Wissenschafts- und Kulturforscher Prof. Peter Finke über die Folgen kultureller Verarmung. Ihren jeweiligen Hintergrund und ihr persönliches Engagement möchte ich kurz vorstellen:

Peter Finke engagiert sich seit vielen Jahren für Amateurforschung und Bürgerwissenschaften. Er kritisiert, die Berufswissenschaftler würden den Amateuren nicht auf Augenhöhe begegnen. Das Elite-Basis-Denken stamme – ebenso wie der Begriff Citizen Science – aus der englischsprachigen Profiwissenschaft, die Amateure zu kostenlosen Datensammlern und Zuarbeitern degradiere. Finke war Professor für Wissenschaftstheorie an der Universität Bielefeld.

Auch der Journalistin Stefanie Hermann liegt die Amateurwissenschaft am Herzen. Für die Aufsatzsammlung „Freie Bürger, freie Forschung: die Wissenschaft verlässt den Elfenbeinturm“ – herausgegeben von Peter Finke – schrieb sie den Beitrag: „Wie ich mir meine
Zukunft vorstelle“. Darin berichtet sie von ihrem selbst gewählten Kompromiss, als Amateurwissenschafterin an frei gewählten Themen zu forschen anstelle einer universitären Karriere nachzugehen – mit vielen inhaltlichen, methodischen, organisatorischen und formalen Zwängen.  

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Kulturelle Krise

Frage: Herr Finke, Sie haben in Berlin einen vielbeachteten Vortrag unter dem Titel „Die kulturelle Krise, in der wir stecken“ gehalten. Was meinen Sie damit?

PF: Darf ich erst einmal sagen, wen ich mit „wir“ meine? Ich meine nämlich nicht nur die Deutschen oder die Europäer, sondern in gewisser Weise die ganze jetzt lebende Menschheit, teils als Handelnde, teils als Betroffene. Insbesondere den aktiven Teil, der heute den Gang der Dinge auf der Erde bestimmt.

Frage: Ist das nicht ein bisschen hoch gegriffen? Wie ist das zu verstehen?

PF: Es geht um etwas ganz Grundsätzliches. Nach der Evolution der Natur, die auf diesem Erdball zu einer ungeheuren natürlichen Vielfalt geführt hat, hat uns die kulturelle Evolution eine neue Vielfalt hinterlassen, die Vielfalt der Sprachen und Kulturen. Man könnte sagen: Kultur kann man eigentlich nur im Plural denken, den Reichtum der kulturellen Vielfalt. Aber was erleben wir jetzt? Wie im Falle der natürlichen Vielfalt wieder das Gleiche: eine einzigartige Vielfaltsvernichtung. Dass wir dies nicht selber schlimm finden, auch nicht nur zulassen, sondern aktiv betreiben: Darin besteht die kulturelle Krise, in der die heutigen Menschen feststecken. Denn es ist eine Riesendummheit, derer wir uns offenbar nicht bewusst sind.

Vernichtung von Vielfalt?

Frage: Aber wir erleben doch eine Epoche der Globalisierung. Alle Kulturen der Erde stehen in freiem Informationsaustausch miteinander in Verbindung. Das Internet bringt uns die Welt in Haus. Wo wird da Vielfalt vernichtet?

PF: Schön wär’s. Was da „Globalisierung“ genannt wird, ist das Ideal, mit dem wir hausieren gehen. Die Realität sieht ganz anders aus. Nämlich so, dass es starke und schwache Kulturen gibt, was nicht verwunderlich, sondern normal ist. Aber daraus folgt eher, dass die stärkeren auf die schwächeren Rücksicht nehmen und ihnen ihre Chancen lassen müssten und nicht das, was heute passiert: ein kulturelles „survival of the fittest“. Das Ergebnis ist, dass wir genau genommen heute nur noch eine starke Leitkultur haben, die ökonomisch definiert ist und die alle anderen platt zu machen versucht.

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Leitkultur: Wall Street?

Frage: Können Sie diese Leitkultur näher beschreiben? Wie äußert sie sich, wer vertritt sie?

PF: Ich rede von „Western Civilization“ oder – wie ich sie lieber nenne – „unserer Wall-Street-Kultur“. Wir vertreten sie und sie äußert sich darin, dass sie nicht mehr einer Vielzahl von Werten und Zielen folgt, sondern im Grund nur einem einzigen: einer ökonomischen Sicht auf die Welt. Alles wird einer ökonomischen Bewertung unterzogen. Und was keinen ökonomischen Wert hat (oder zu haben scheint), ist nichts wert und kann im Grunde entsorgt werden. Es ist ja anscheinend zu nichts nütze.

Frage: Also zum Beispiel die Artenvielfalt, die Biodiversität?

PF: Ja, aber zum Beispiel auch die Sprachenvielfalt. Wozu über 6000 Sprachen, wenn im Internetzeitalter Englisch scheinbar völlig ausreicht. Wem seine Karriere lieb ist, der kommuniziert am besten gleich englisch, ob in den Medien, in der Politik, in der Wirtschaft, überall. Selbst in der Wissenschaft: Warum brauchen wir noch eine Vielfalt an Sprachen, wenn Englisch zur Kommunikation genügt? Warum brauchen wir verschiedene Hochschulsysteme, wenn man alles effizient und einheitlich nach dem Bachelor-Master-Prinzip organisieren kann? In einer solchen Situation schlägt die Bildungsökonomie zu und dekretiert: So geht es am besten, also machen wir es überall so. Oder denken Sie an die vielen regional-kulturellen Märkte, die auf den jeweiligen lokal-kulturellen  Bedarf abgestimmt waren. Sie werden immer mehr durch einen erdweiten Einheitsmarkt mit den Produkten ersetzt, die angeblich alle brauchen. 

Augenhöhe

Frage: Sind Sie gegen die Globalisierung? Und warum sagen Sie „erdweit“ und nicht „weltweit“?

PF: „Erdweit“ sage ich, weil es ehrlicher ist. Die Welt ist weit mehr als die Erde. Aber die Erde ist bisher unser einziger Lebensraum. Wir sollten durch unser Reden nicht so tun, als hätten wir sie nicht mehr nötig. Und selbstverständlich bin ich nicht gegen Globalisierung. Aber was wäre denn das? Es wäre ein erdumspannender Austausch von Informationen, Menschen, ihren Ideen und Gütern, ein kreuz und quer über den Erdball verlaufendes Geflecht des allseitigen Verkehrs, des Lernens und Handelns, an dem alle Kulturen auf Augenhöhe teilhaben könnten, auch die von der Bevölkerungszahl her gesehen kleinen und mittleren. Aktivrolle und Passivrolle, Senden und Empfangen, Geben und Nehmen, kaufen und verkaufen, lehren und lernen müssten bei einer wirklichen Globalisierung ungefähr gleichverteilt sein. Doch das, was wir haben, ist dies nicht, sondern es ist eine sehr einseitige Veranstaltung zum Nutzen der großen Leitkultur, der unsrigen, so, wie  w i r  Nutzen verstehen: als ökonomischen Profit. 

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Gefahr: Homo oeconomicus

Frage: Aber die westliche Zivilisation ist doch durch Errungenschaften wie die Ethik der Bergpredigt oder die Ideen der Aufklärung oder politisch die französische Revolution geprägt. Ist es nicht wirklich zu einseitig, sie nur pauschal als ökonomische Kultur zu interpretieren?

PF: Sie hat leider diese Entwicklung genommen. Was Sie nennen, das waren einmal mehrere kulturelle Traditionen, die verschiedene Wertvorstellungen entwickelt hatten, die dann zusammengewachsen sind: religiös-spirituelle, aufklärerisch-philosophische und politisch-soziale. Dazu sind noch weitere Einflüsse gekommen, die alle zusammen die ursprüngliche westliche Zivilisation bereichert haben, zum Beispiel künstlerische, handwerkliche oder romantische. Deshalb ist es ja so traurig, was daraus heute bei Lichte besehen geworden ist: eine unfreie, wertearme, zukunftsunfähige Jagd nach materiellem Besitz und Macht.

Frage: Kann man von einer Art Doppelzüngigkeit sprechen? Davon, dass wir von westlicher Zivilisation reden, aber ökonomischen Gewinn meinen?

PF: Ja, genau. Oder Reklame, so als sei Kultur eine Wettbewerbsveranstaltung: Wer kann sich am besten verkaufen? Es ist, als hielten wir Schilder hoch, auf denen vorn gut sichtbar steht: Bergpredigt! Aufklärung! Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit!, aber hinten steht, weniger gut sichtbar: Geld! Macht! Wachstum! Und auf einem steht vorn: Globalisierung! Wie schön! Alle sind beteiligt! Und hinten: Wir vor allem! Der Profit gehört uns!

Universalsprache Englisch: Fluch oder Segen?

Frage: Aber es gibt zum Beispiel die Wissenschaft, damit kennen Sie sich doch aus. Die bildet in der Forschung ein weltweites, pardon: erdweites Netz eng miteinander verwobener Ideen und Projekte aus. Dort ist eine wirkliche Globalisierung gegeben, oder etwa nicht?

PF: Ist sie nicht. Wer so blöd ist, seine Ideen zum Beispiel auf Deutsch und nicht gleich auf Englisch zu publizieren, wird international nicht mehr wahrgenommen. Aber Sprache ist mehr als Kommunikation. Sie ist davor noch Identitäts- und Begriffsbildung. Verschiedene Sprachen eröffnen unterschiedliche Zugänge zur Welt. Die Vorstellung einer wissenschaftlichen Einheitssprache wie sie der Münchner TU-Präsident Hermann geradezu voranpeitscht, ist genau so dumm wie eine Einheitskleidung, Einheitsessen oder eine Einheitspartei. Sie ist undemokratisch und irrational. Wissen ist auch sprachoffen, ein Geflecht aus Ideen, keine Sammlung von Dogmen.

Frage: Verbirgt sich hinter Ihrer Argumentation nicht ein Nationalismus? Warum klagen Sie  darüber, dass auf deutsch veröffentlichte Fachliteratur international nicht mehr echt wahrgenommen wird? Die Anglisierung ist doch eine ganz neue Entwicklung, die immerhin ein Bewusstsein der Internationalität verschafft. Ist das nicht gut?

PF: Nein, es ist falsch. Wer Wissenschaft nicht als Lehrbuchsammlung versteht, findet deutsch formulierte Dogmen genau so schlimm wie solche in anderen Sprachen. Ich fände es richtig, wenn sich möglichst viele verschiedene Sprachen, nicht nur solche der indoeuropäischen Sprachfamilie, zu Wissenschaftssprachen entwickeln dürften. Nur dann bekämen wir einen Eindruck von der Vielfalt der Sichtweisen auf die Welt und der Voreingenommenheit, mit der wir gewöhnlich herumlaufen.

Die Vorherrschaft der englischen Sprache verschafft nur den primitivsten Nationalisten einen schwachen Eindruck von Internationalität; in erster Linie dokumentiert sie die Macht des „american way of life“, der ökonomischen Führungsmacht der politischen Gegenwartsepoche. Sie könnte schneller zu Ende gehen, als vielen lieb wäre. Der dumme Trumpismus des „America first!“ kann jederzeit nach hinten losgehen.

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Effizienz auf Kosten von Qualität und Vielfalt

Neu ist diese Idee von Ökonomisierung der Kultur auch nicht. Der Mönch Wilhelm von Ockham hat bereits im Mittelalter auf Latein das Effizienzprinzip für die Wissenschaft verkündet: entia non sunt multiplicanda praeter necessitatem; oder deutsch: Vielfalt brauchen wir nicht, wenn wir das Notwendige haben. Heute ist dies die beliebteste Wissenschaftstheorie überhaupt. Die Wissenschaft, die sich soviel auf ihre Rationalität und Offenheit zugute hält, macht den Vorreiter des ökonomischen Effizienzdenkens! Wir sehen: Schon im Mittelalter begann das enge Wirtschaftsdenken, das uns noch heute lähmt. Man könnte auch sagen: das Rationelle besiegte das Rationale. Trump verkörpert dies geradezu.

Immaterielle Werte

Frage: Warum nennen Sie eigentlich unsere ökonomisch beeinflusste Kultur „Wall-Street-Kultur“?

PF: Weil sie das Geld vergöttert. Eigentlich hatte die kulturelle Entwicklung zu einer großen Vielzahl von Werten geführt, die wir weiter hochhalten müssten: ethischen, ästhetischen, sozialen, organisatorischen, emotionalen, spirituellen, rationalen, eben einer kulturellen Wertevielfalt. Ja selbst die ökonomischen Werte allein waren einstmals vielgestaltig: unterschiedlichste Tauschwerte, nichtmonetärer Gewinn, Vor- und Nachteile vielerlei Art, wohlverstandenes Eigeninteresse, Nachbarschaftshilfe usw.

Heute ist davon in der Standardökonomie nur noch der geldwerte Gewinn übriggeblieben, alles andere gilt als ökonomischer Murks oder – noch schlimmer – alternative Ökonomie. Unsere Kultur ist zu einer armseligen monetären verkommen. Der geschasste Manager geht nicht für eine Abfindung von 30 Millionen, aber für 60 nimmt er seinen Hut. Das reicht ihm dann offenbar. Ehrlich gesagt: Mir auch.

Leerstelle Wirtschaftswissenschaft

Frage: Kann man da auch eine Kritik an den Wirtschaftswissenschaften heraushören? Die müssten doch am besten wissen, was Ökonomie ist?!

PF: Ja, diese Kritik dürfen Sie heraushören. Und richtig, die sollten es eigentlich am besten wissen; tun sie aber nicht. Die Wirtschaftswissenschaften haben einen Gutteil der schlimmen Entwicklung mitzuverantworten. Nehmen Sie nur den Arbeitsbegriff. Wieviel ist denn Hausarbeit wert? Kein Bruttoinlandsprodukt kann mit ihr etwas anfangen, denn es fließt in der Regel kein Geld. Da ist es wieder, das Geld. Geld als kulturell entscheidendes Kriterium: dass ich nicht lache!

Bei der Hausarbeit haben es vor allem die Frauen und Mütter auszubaden. Im Grund ist das ein Verstoß gegen unser Grundgesetz. Erst ganz langsam wachsen heute bei den Ökonomen neue Einsichten heran; sie meinen offenbar, sich diese Trägheit leisten zu können. Aber sie täuschen sich, mal wieder. Jetzt bekommen sie zurecht Druck von allen Seiten.

Wandel ist unübersehbar

Frage: Wieso?

PF: Der Wandel ist im vollen Gange. Nur viele von der alten engen monetären Ökonomie Besessene haben es aus Betriebsblindheit noch nicht gemerkt. Für viele Pflanzen- und Tierarten, Dialekte und Sprachen, regionale Märkte und Wirtschaftsformen, kulturelle Varianten und Traditionen wird er zu spät kommen, sie sind wohl unwiederbringlich verloren. Aber nicht für alle.

Es ist wie bei unseren Zähnen: Auch wenn unser natürliches Gebiss nicht mehr ganz komplett ist, ist es besser, die Reste, die noch fest sitzen, zu erhalten. Auch wenn die Verluste an natürlicher und kultureller Vielfalt gravierend sind, lohnt es sich, die noch vorhandenen Reste zu erhalten. Auf einer solchen Basis kann eher eine neue Vielfalt wachsen als dann, wenn sie schon ganz verarmt wäre.

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Früh- und Schulbildung

Frage: Danach wollte ich noch fragen. Wie kommen wir denn jetzt aus dem Dilemma wieder heraus? Denn darum geht es doch. Die Einsicht, dass wir alles falsch machen, kann es ja wohl allein nicht sein. Haben Sie auch eine Idee, was zu tun wäre, um einen Wandel zum Besseren einzuleiten?

PF: Ich denke, das Wichtigste wäre eine viel bessere Bildungspolitik.  Sie entsteht aber nicht von allein, wenn man den Bildungsetat verdreifacht, sondern man muss die bisherigen Fehler erkennen, als solche bezeichnen, abstellen und wirklich neue Ziele ausgeben. Das Geld ist nicht das Hauptproblem; die mangelnde Einsicht in die Falschheit der bisherigen Politik ist es. Es ist atavistisch, die wichtige Zeit vor der Schule mit Kinderaufbewahrung, Bauklötzchen und Trallala zu vertrödeln.

Die grundlegende Weltkenntnis, Sprache und Sprachen werden vor allem in dieser Zeit bereits gelernt. Natürlich kann und soll dies in diesem frühen Alter auch spielerisch geschehen, auch durch Bauklötzchen. Aber was lernen unsere Kinder denn durch die bisher üblichen Methoden? Du sollst ein Sieger werden, dem die Bauklötzchen nicht immer zusammenfallen! Deine Schwester ist deine Konkurrentin, wenn sie es besser kann als Du! So lernen schon Kleinkinder Ökonomie und Effizienz, und das zu privaten Zwecken. Und nach der Vorschulzeit käme die Grundschule, die wichtigste von allen. Hier müssen die besten Lehrer unterrichten, nicht die am schlechtesten bezahlten. Aber sie werden natürlich nicht durch mehr Geld besser, sondern nur durch eine bessere Ausbildung.   

Berufsbildung

Frage: Aber läuft das nicht alles darauf hinaus, dass noch mehr Leute studieren wollen?

PF: Keineswegs. Wenn unsere Schulen wirklich so gut wären, wie sie sein müssten, würden wir zum Beispiel die berufliche Bildung ernster nehmen als heute und die allgemeinbildenden Schulen würden gut gebildete Menschen verlassen, die nicht auch noch alle ein wissenschaftliches Studium benötigen und im Viel-Geld-Verdienen das höchste Ziel sähen. Die flexibel wären, auf Zeit den einen oder anderen Beruf zu ergreifen, und zugleich einen Wert darin sähen, Zeit zu haben. Gegenwärtig produzieren wir zu lebenslangen Spezialisten getrimmte und gehetzte Handlanger oder Lobbyisten mit flottem Mundwerk, die das Geld vergötzen, aber ohne eigene Wertvorstellungen auskommen. Wir bilden heute Leute überwiegend dafür aus, sich als kleine Elite zu fühlen und Dienstleister für andere zu werden.

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Neue Kriterien für Bildung

Frage: Wie sollte denn das Bildungsziel Ihrer Ansicht nach stattdessen aussehen?

Das selbstdenkende, selbständige, mutige Individuum, der demokratische Staatsbürger, der seine Rechte und Pflichten kennt und wahrnimmt, der sich einbringt, wo er etwas beitragen kann und sich wehrt, wo er Wichtiges in Gefahr sieht: Dies wäre ein lohnendes, zeitgemäßes Bildungsziel. Aber den wünscht man sich offenbar nicht. Vor ihm haben diejenigen Angst, die sich als politische Elite begreifen. Die möchten, dass alles beim Alten bleibt, ihr Elitestatus nicht in Gefahr gerät.

Ich schäme mich für eine Wissenschaftspolitik, die Eliteuniversitäten kürt. Tatsächlich haben die heutigen Eliten nur ein günstiges Schicksal erwischt, das sie vorübergehend stärker hat werden lassen als andere. Nicht besser, klüger oder wirklich wohlhabender.  Nur mächtiger, wortgewandter, bloß monetär reicher, eine Gesellschaft von Cleverles: eben Repräsentanten der „Wall-Street-Kultur“. Wenn Sie sich die Mühe machen, genauer hinzusehen, werden Sie unter dieser oberflächlichen Lackierung Hunderte, ja Tausende wirklich kreativer Menschen entdecken, die Geld zwar zum Lebensunterhalt benötigen, oft darin auch sehr knapp sind, aber damit keine großen Lebensziele verbinden. Was sie interessiert, machen sie ohnehin ehrenamtlich, weil es ihnen Freude macht, weil sie es wichtig finden, naheliegend, nötig. Sie sind unsere kulturellen Vorbilder für die Zukunft. 

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Peter L. W. Finke (* 1942) war ab 1982 Professor für Wissenschaftstheorie an der Universität Bielefeld und zwischendurch zusätzlich einige Jahre Gregory-Bateson-Professor für Evolutionäre Kulturökologie an der Privatuniversität Witten-Herdecke. Er hat seinen Lehrstuhl 2005 aus Protest gegen die von Politik und Wirtschaft durchgesetzte sog. „Bologna-Reform“ der Universitätsstrukturen freiwillig aufgegeben und ist seither als Gastprofessor  an verschiedenen Institutionen im In- und Ausland tätig gewesen. In den letzten Jahren ist er vor allem als Verteidiger der freien Amateurwissenschaftler bekannt geworden.

  • Peter Finke: Citizen Science. Das unterschätzte Wissen der Laien, Oekom Verlag 2014.
  • Peter Finke (Hg.): Freie Bürger, freie Forschung. Die Wissenschaft verlässt den Elfenbeiturm. Originalbeiträge von 36 Autorinnen und Autoren. Oekom Verlag 2015.
  • Peter Finke: Lob der Amateure. Warum Wissenschaft die Laien braucht (in Vorbereitung).