Glaubwürdig, authentisch, sympathisch: Mit Podcasts voll im Trend

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Podcasts liegen im Trend und erleben gerade eine Renaissance – nach der ersten Welle von Audio-Produktionen großer Radio- und Fernsehsender um 2010. Podcast ist ein Medienformat, das ausschließlich zum Hören für das Internet entwickelt wurde. Podcasts erscheinen oft als Reihe, d. h. als regelmäßig veröffentlichte Audiobeiträge zu einem bestimmten Thema. Interessierte Hörer bzw. Nutzer können sie kostenlos abonnieren und jederzeit auf dem Smartphone, Tablet oder PC abrufen. Einige Podcasts haben inzwischen mehr ­Hörer als bekannte Radiosender in Deutschland. Bei der „Online Marketing Rockstars“-Konferenz wurden Podcasts zum neuen Online-Trend erklärt.

Nutzerzahlen

Laut einer aktuellen Studie von ARD und ZDF (2017) hat die online-Audionutzung im Vergleich zum Vorjahr deutlich zugenommen. Rund 45 Millionen Menschen ab 14 Jahren nutzen Audiowelten im Internet. Zwei Drittel der Erwachsenen haben schon Audios im Web abgerufen, das sind 11 Prozent mehr gegenüber dem Vorjahr. 80 Prozent der 14- bis 29-Jährigen nutzen mindestens wöchentlich eine Audioanwendung im Internet.

Nutzer nach Alter und Geschlecht

Die konkreten Zahlen: 13,1 Prozent der deutschsprachigen Bevölkerung ab 14 Jahren nutzt regelmäßig Audiopodcasts, davon 9 Prozent Frauen und 17,4 Prozent Männer. In der Altersgruppe 14-29 Jahre sind es 26,5 Prozent, 30-49 Jahre 16,2 Prozent, 50-69 Jahre 8,3 Prozent und über 70 Jahre 0,5 Prozent. Audios von zeitversetzten Radiosendungen wurden bei der Studie separat erfasst. Zum Vergleich: Sie werden von 15,7 Prozent der deutschsprachigen Bevölkerung ab 14 Jahren genutzt.

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Beliebte Themen

Im Vorfeld der Online-Innovationskonferenz  scoopcamp 2018  führte statista im Auftrag von nextMedia.Hamburg im Mai 2018 eine repräsentative Studie zur Podcastnutzung durch. Immer mehr private Nutzer hören demnach Podcasts: 51 Prozent der Deutschen haben bereits einen Podcast gehört, 11 Prozent haben dies zukünftig vor. Thematisch setzen die Nutzer vor allem auf Unterhaltung (54%), Wissenschaft und  Weiterbildung (49%), Politik und Wirtschaft (46 %), Interviews und Talkrunden (37%), Technik (33%). 

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Zielgruppen und Nutzerverhalten

Die Nutzer von Podcast sind gebildet, neugierig  offen und interessiert. Ihre Verweildauer und Aufmerksamkeitsspanne liegt mit bis zu drei Stunden Zuhördauer weit über der von Film- und Video-Nutzern bei youtube oder Vimeo. Die Herausforderungen unserer Welt sind komplexer geworden, sie benötigen daher auch eine ausführlichere Darstellung. Die längere Spieldauer von Podcasts ermöglicht es, Inhalte und Botschaften detailliert darzustellen und nicht nur Ausschnitte der Realität wiederzugeben, wie in unserer schnelllebigen Medienwelt oft üblich. Podcast sind ein hervorragendes Tool für das lebenslange Lernen.

Corporate Podcast

Inzwischen hat auch die Wirtschaft das Thema Podcast für sich entdeckt, nicht zuletzt um jüngere, digitale Zielgruppen zu erreichen und Menschen, die beruflich viel unterwegs sind. Mit Podcasts können Unternehmen Geschichten erzählen, die sich über andere Medien nicht transportieren lassen. Über Stimmen lassen sich Emotionen transportieren, die extrem wichtig sind, damit Inhalte vom Hörer wahrgenommen und erinnert werden.

Beispiele für Unternehmens-Podcasts

Regelmäßig werden Podcasts von Mercedes-Benz, Telekom, Microsoft Deutschland, BMW, Edeka, TUI – Mein Schiff, DFB, brandeinsMagazin, Spiegel Online, Zeit Online, made in germany – das Wirtschaftsmagazin der Deutschen Welle, WuV – Werben und Verkaufen sowie viele unabhängig produzierte Podcasts zu agilem Arbeiten, Coaching, IT und Digitalisierung, CSR, Kreativität, Innovation, Kommunikation, Management, eCommerce, Personalentwicklung, Führung, StartUp- und Unternehmenskultur  u.a.m. Auch in der Politik hat sich Podcast als Medium längst etabliert, wie die Reihe von Kanzlerin Angela Merkel zeigt.

Zielgruppenspezifische Ansprache

Podcasts können die Kundenbindung stärken, wenn sie den Bedarf der Zielgruppe treffen. Über eine Abo-Funktion wird der Hörer unkompliziert über jede neue Folge informiert, kann sie abrufbar und auf dem Smartphone/Tablet/PC speichern. Abonnenten können eine engere Beziehung zu Unternehmen und Marken aufbauen. Firmen erhalten direkten Zugang genau zu der Zielgruppe, die sich für die Themen des Podcasts und das Unternehmen interessiert. Der Streuverlust bei Abonnenten ist gering und die Relevanz hoch.

Themen für Corporate Podcasts

Firmen können Podcasts u. a. für ihr recruiting nutzen, um neue Fachkräfte und Nachwuchs aufmerksam zu machen und für das Unternehmen zu gewinnen. Denkbar sind Interviews mit Mitarbeitern über Teamgeist im Unternehmen, Förderung von Nachwuchs und High Potentials, Vielfalt, Innovationen, besondere Marketingaktionen, Nachhaltigkeit und CSR, Digitalisierung, Corporate Volunteering, Engagement in der Region am Unternehmenssitz, Förderung von Kunst und Kultur. Interviews mit Kunden über deren Zufriedenheit mit besonderen Dienstleistungen oder mit dem Kundenservice des Unternehmens dienen als erfolgreiche Tools zur Kundenbindung.

Auch für die interne Kommunikation sowie für die Aus- und Weiterbildung sind Podcasts ein hervorragendes Medium. Kurze knackige Audio-Lektionen lassen sich rasch anfertigen, um Neuerungen im Unternehmen zu verkünden oder Mitarbeiter im Sinne des lebenslangen Lernens fortzubilden. Vorteilhaft ist auch die Produktion von Reportagen über Veranstaltungen, Messen, Events oder einen Tag der offenen Tür.

  © Stephanie Hofschlaeger, Pixelio.de 

Mobiles Medium

Podcasts sind das ideale Medium für Nutzer, die mobil und viel unterwegs sind. Denn Audios können im Auto, in der Bahn, im öffentlichen Nahverkehr und im Flugzeug gehört werden, ebenso in der Freizeit: beim Joggen oder im Fitnessstudio, zu Hause, in der Küche, im Wohnzimmer oder abends vor dem Einschlafen.

Unverfälscht ohne Schnitt

Podcast-Interviews werden nicht geschnitten oder nachträglich „geschönt“. Sie sind zu 100 Prozent authentisch, weil Äußerungen nicht im Schnitt zurechtgebogen werden, wie es oft bei Imagefilmen geschieht. Die Inhalte und Botschaften der Gesprächspartner werden 1:1 unverfälscht zum Empfänger bzw. Nutzer geschickt.

Audioqualität

Bei Interviews sollte darauf geachtet werden, dass der Gesprächspartner nah genug am Mikrofon positioniert ist bzw. ein Headset-Mikro trägt und dass die Lautstärke gut gepegelt ist. Störgeräusche und Lautstärkeschwankungen durch Bewegungen des Gesprächspartners vom Mikrofon weg können nachträglich nur noch zu einem gewissen Maße nachkorrigiert werden – etwa durch Entfernen der Lautstärkepeaks und durch Komprimierung. 

Authentizität und persönliche Ansprache

Das Fachmagazin WuV – Werben und Verkaufen erklärt im Frühjahr 2017, warum Podcast ein charmantes und nachhaltiges Medium für Unternehmen und Marken ist. Vorteile bieten vor allem Sichtbarkeit und Reichweite, die erfolgreichsten Episoden würden über 150.000 Mal angehört. Im Vergleich zu Videos/Filmen erreichen Podcasts die Aufmerksamkeit der Nutzer einfacher und schneller, weil sich das Hören mit anderen Tätigkeiten kombinieren lässt. Ein Plus für Nutzer mit ständiger Zeitknappheit. Zuhören ist weniger anstrengend als selbst zu lesen. Das gesprochene Wort wirkt sehr persönlich. Naturgemäß hören wir gerne Geschichten von anderen Menschen, wenn sie mit angenehmer Stimme erzählt werden. Im Vergleich zu aufwändigen Filmproduktionen ist Podcast ein vergleichsweise günstig herzustellendes Medium.

Werbespots in Podcast

In Amerika nutzt u. a. der Matratzen-Hersteller Casper Podcasts als wichtigen Werbehebel. Kurze Audio-Werbespots, zielgruppengerecht an den Anfang von deutschsprachigen Podcasts platziert, haben Casper auch zum Siegeszug in Deutschland verholfen. Podcastwerbung ist in Deutschland noch Neuland, wie WuV berichtet: „Von den 50 erfolgreichsten unabhängigen Shows wird nicht einmal ein Viertel vermarktet. Eine Platzierung im Podcast kostet zwischen 1.000 und 3.000 Euro. Zum Vergleich: Bucht man einen Instagram-Post bei einem Influencer mit 100.000 Follower kostet dieser im Schnitt 1500 Euro. Ein Podcast, der nicht einfach übersehen wird und dessen Moderator nicht noch für 3 weitere Produkte am gleichen Tag wirbt, hat also einen ähnlichen Preis.

Vielfalt

Podcasts gibt es inzwischen zu unzähligen Themen: Wirtschaft, Politik und Finanzen, Bildung und Forschung, Gesundheit und Medizin, Management und Marketing, IT und Digitalisierung, Internet und Netzwelt, Astronomie und Weltwissen, Sex und Sport, Medien und Kultur, Kunst und Museen, Comedy und Unterhaltung und zur Kultur-und Kreativwirtschaft, z. B. MassivKreativ

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Podcast-Verzeichnisse

Einen guten Überblick über Podcasts geben verschiedene Podcast-Verzeichnissen. Nach der Produktion müssen neue Podcast-Reihen dort angemeldet werden, damit die Verzeichnisse auf den Podcast verweisen und neue Folgen und Informationen automatisch aus dem sogenannten Podcast-Feed übernehmen und aktualisieren. Zu den bekanntesten deutschsprachigen Podcastverzeichnissen gehören u.a. iTunes Connect, fydd-HoersuppePodcast.de, Podster.de, PodList.de, Podcast.at, PodcasterInnen-Liste

Upload und Audiostreaming

Als Upload-Plattformen eignen sich neben speziellen Hostern auch Soundcloud, MixlrVoiceRepublic und YouTube, wo Audios mit Standbildern zu Filmen gewandelt später auch bei Facebook hochgeladen werden können. Bei Stitcher und TunIn kann man Podcasts per e-mail bzw. Online-Formular melden.  Musikplattformen wie iTunes, Spotify, Deezer u. ä. lassen sich über Podlove (kostenlos) oder Podigee (kostenpflichtig) vereinfacht bzw. automatisiert „bestücken“. Was bei Video bereits Standard ist, kommt langsam auch im Audio-Bereich. Facebook hat angekündigt, nach FacebookLive für Videostreaming bald auch Audio-Livestreams ins Netzwerk zu integrieren. Mixlr und VoiceRepublic ermöglichen es bereits heute.

Auffindbarkeit und Sichtbarkeit: Kapitelmarken, Shownotes, Audiodeskription

Podcast-Produzenten investieren zum einen in gute Aufnahmetechnik, zum anderen aber auch viel Zeit, um die Containersysteme beim Hosting mit ausführlichen Informationen zu füllen. Klug gewählte thematische Tags sowie Infotexte für Kapitelmarken, die jede Minute den Inhalt des Podcasts beschreiben, geben dem Hörer Orientierung über die im Podcast besprochenen Inhalte. Sie gewährleisten darüber hinaus die Auffindbarkeit und Sichtbarkeit des Podcasts über die Google-Suche. Häufig werden Podcasts zusammen mit ergänzenden Sendungsnotizen zur aktuellen Episode veröffentlicht. Diese sogenannten Shownotes können neben einem beschreibenden Text auch Bilder und Links zu den besprochenen Themen enthalten. Sehr sinnvoll für die Google-Suche beim Auffinden von Keynotes ist eine Audiodeskription, die automatisiert (z. B. Auphonic) oder per Hand kostenpflichtig über einen Dienstleister (audiotranskription.de) oder kostenfrei von begeisterten HörerInnen bzw. Fans aus der eigenen Podcast-Community  erfolgen kann.

Wissenschaft, Bildung, Stiftungen

Wissenschafts- und Bildungsinstitutionen sowie Stiftungen setzen vermehrt auf die Verbreitung von Audio-Informationen, u. a. das Bundesministerium für Bildung und Forschung mit FONA, Bertelsmann-Stiftung, Körber-Stiftung, Mercator-Stiftung, Heinrich-Böll-Stiftung, Stiftung entrepreneurship, Toepfer-Stiftung, Stiftung Warentest, Helmholtz-Gesellschaft, Helmholtz-Zentrum Potsdam, Fraunhofer-Gesellschaft sowie die erfolgreiche Interviewreihe Forschergeist von Tim Pritlove für den Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft sowie Raumzeit mit Unterstützung des Zeiss-Großplanetariums in Berlin. Pritlove gilt als Pionier der deutschen Szene, der nicht nur Podcasts produzierten, sondern auch aktiv an der Software- und Toolentwicklung für Podcasts mitwirkt.

Geschichte

Die ersten Erfolge feiern Podcast-Serien in den USA und Großbritannien, über 20% der US-Amerikaner hören mindestens einen Podcast pro Monat. Die spannende Podcast-Reihe Serial wurden mit über 5 Millionen Abrufen zu einem Blockbuster, in dem es um Nachforschungen in einem Mordfall geht. In Deutschland wurde der Fluchtkunst-Fall #kunstjagd zu einem preisgekrönten Publikumserfolg und u. a. in der Kategorie „Beste Innovation“ für den Deutschen Radiopreis nominiert. Die transmediale Spurensuche mit eingebundener Podcast-Reihe machte Zuhörer, Zuschauer und Leser zum Teil des Recherche-Teams. Der NDR sorgte 2017 für Schlagzeilen mit investigativen Podcasts über die Paradise Papers.

 © Rainer Sturm, Pixelio.de 

Live

Die aktive Podcast-Community organisiert auch Live-Events mit Podcasts, z. B. regionale MeetUps und Veranstaltungen sowie die jährliche Konferenz SUBSCRIBE, die aus dem Podlove-Podcaster-Workshop hervorgegangen ist. Am 15. November 2017 fand in Hamburg die erste Podcast-Nacht in der Elbphilharmonie statt. Die Besucher  erlebten live die Aufzeichnung mehrerer Podcasts, präsentiert von Gastgeber Philipp Westermeyer von den Online Marketing Rockstars, einer der erfolgreichsten Podcastreihen in Deutschland. Mit dabei waren am Abend u. a. Internetunternehmer Frank Thelen und Tagesschau-Sprecherin Linda Zervakis.

Warum wir eine Kultur des Fragens brauchen

 © Tony Hegewald, pixelio.de

Als Wissensdesignerin und Wissenschaftsjournalistin gehört das Fragenstellen zu meinem Alltagsgeschäft. Fragen sind der Motor und Treiber für meine Arbeit. Ich brenne darauf, Antworten zu finden, im eigenen medialen Recherche-Prozess und in unzähligen Gesprächen mit Wissensträgern und Experten, mit Familienmitgliedern, Freunden, Bekannten und Zufallsbekanntschaften.

Fragen und Zuhören 

Umso mehr wundere ich mich im täglichen Miteinander, dass viele meiner Mitmenschen eher selten Fragen stellen, lieber selber reden und damit genau genommen Antworten geben, nach denen keiner gefragt hat. Sie lassen damit Chancen verstreichen, Neues und Wissenswertes zu erfahren, Unerhörtes und Interessantes, Spannendes und Emotionales, Wichtiges und Merkwürdiges, Reizvolles oder gar epochal Innovatives. Neue Ideen und Projekte entstehen nur dann, wenn wir Fragen stellen, wenn wir aufmerksam bzw. „aktiv“ zuhören. Ich engagiere mich daher dafür, eine Kultur des Fragens zu etablieren und Menschen im Zuhören zu schulen. Meeting würden nachhaltigere Ergebnisse bringen, wenn sie im Dunkeln stattfinden und Mitarbeiter auf diese Weise fokussierter zuhören würden. 

Mut und Offenheit gefragt

Warum fragen wir nicht häufiger bzw. auch hartnäckiger, wenn wir keine befriedigende Antwort erhalten? Dafür gibt es wohl mehrere Gründe. Etwas wissen zu wollen und immer weiter zu hinterfragen, ist nicht immer willkommen. Viele fühlen sich durch Fragen verunsichert, zuweilen sogar persönlich angegriffen. Fragen zweifeln gefestigte Standpunkte an und erkennen Routinen nicht an. Fragen können als Kritik empfunden werden und Streit auslösen. In jedem Fall stören Fragen die Ruhe und Harmonie. Sie können anstrengend sein, Antworten übrigens auch, wenn wir mit Fakten oder Meinungen konfrontiert werden, die unser Weltbild ins Wanken bringen oder gar erschüttern. Sei’s drum: Wagen Sie es, häufiger und intensiver zu fragen, Ihr Mut wird sich auszahlen!

 © Antje Hinz, MassivKreativ

Neugierde und Ideen wecken

Fragen bringen Ideen und Veränderung. Sie stiften zum Nachdenken an – über Gegebenheiten und Themen, über die man bislang noch nie nachgedacht  hat. Das Städel-Museum in Frankfurt eröffnet seinen Webkurs Kunstgeschichte Online / Welcome to Art History Online daher bewusst mit Fragen, die der Schauspieler Sebastian Blomberg der Online-Community herausfordernd stellt:  

  • Was verbirgt sich hinter diesem Chaos?
  • Bin ich jetzt Teil des Kunstwerks?
  • Warum stehen die Texte nicht neben, sondern auf dem Bild?
  • Wieso ist es Kunst, wenn jemand ein Kunstwerk abfotografiert?
  • Wovon handelt dieses Bild?
  • Warum soll das jetzt moderne Kunst sein?
  • Darf man Bilder auch kopfüber hängen?
  • Kann eine Plastik inkontinent sein?
  • Ist moderne Kunst nur etwas für Experten?
  • Wie lange verweilt ein Besucher vor einem Kunstwerk?

Na – was glauben Sie, wie lange ein Besucher statistisch vor einem Kunstwerk steht? 11 Sekunden. Hätten Sie es gewusst? Haben Sie sich diese Frage jemals gestellt? Wieviele Fragen stellen Sie sich so an einem Tag: eine, fünf oder eher gar keine? Fragen eröffnen einen größeren Horizont als Antworten, zu denen man keine Fragen gestellt hat. Und Fragen schulen die Kompetenz zum aktiven Zuhören. 

 © Stephanie Hofschlaeger, pixelio.de

Von Kindern lernen

Im populären Eröffnungssong der Sesamstraße heißt es: „Der, die, das. Wer, wie, was. Wieso, weshalb, warum? Wer nicht fragt bleibt dumm. 1000 Tolle Sachen, die gibt es überall zu sehen. Manchmal muss man fragen, um sie zu verstehen.“ Der Drang, tiefer zu bohren, um mehr zu sehen, besser zu verstehen und Neues zu erkennen, ist naturgemäß in uns verankert, zumindest wenn wir Kinder sind. Warum verlieren dann viele von uns mit zunehmendem Alter das Verlangen zu fragen? Sind Kinder mutiger als Erwachsene? Oder führen negative Erfahrungen dazu, dass wir irgendwann aufhören zu fragen? Manche Menschen möchten sich keine Blöße geben, weil sie glauben, durch Fragen würden sie Wissenslücken oder Unkenntnis demonstrieren. Dabei ist es längst kein Geheimnis mehr: Wer fragt, der führt! … Und wird nicht gegen den eigenen Willen von anderen geführt…. TED-Film: Adora Svitak – Was Erwachsene von Kindern lernen können

Von Frisören lernen

Was zeichnet Ihrer Meinung nach einen guten Frisör aus? Ist es lediglich der akkurate oder trendige Haarschnitt oder auch das intensives Gespräch? Fähige Frisöre haben in der Regel eine ausgeprägte Fragekompetenz und eine hervorragende Merkfähigkeit. Wo treffen Sie sonst auf einen Menschen, der Ihnen längere Zeit bereitwillig  zuhört und die Namen ihrer Familienmitglieder und Freunde immer parat hat?!

Leerstellen finden

„Eine Frage ist eine Äußerung, mit der der Sprecher oder Schreiber eine Antwort zur Beseitigung einer Wissens- oder Verständnislücke herausfordert“, heißt es bei Wikipedia. (Ausnahme: rhetorische Fragen). Eine Frage führt also dazu, dass Leerstellen gefüllt werden. Weil es unzählige Leerstellen in unserer Gesellschaft gibt, sollten wir eigentlich unentwegt Fragen stellen, um den richtigen Antworten bzw. Problemlösungen für Herausforderungen auf die Spur zu kommen. Täglich mindestens 44 Fragen zu stellen, wie bei einer Art Ideen-Fitnesstraining, empfiehlt Martin Gaedt in seinem Buch Rock your Idea. Am Ende stellt er selbst viele Fragen, die Bandbreite reicht von praxisnah, kreativ, provokant bis zu verrückt.  

Verbindungen schaffen

Der dänische Kurzfilm All That We Share, eigentlich als Eigenwerbung für den dänischen Fernsehsender TV2 entstanden, wurde deshalb millionenfach geteilt, weil er eine spannende Frage stellt: „Was verbindet Menschen?“ Dem Augenschein nach sind es oft Äußerlichkeiten. Stellt man jedoch qualitative Fragen, entstehen unverhoffte Verbindungen zwischen Menschen, die man vorher nicht für möglich gehalten hätte: Wer war der Klassenclown? Wer hat vor etwas Angst? Wer ist bisexuell? Mit den richtigen Fragen lassen sich Verbindungen zu Mitmenschen finden, auf die man sonst nie kommen würde. Also – nur Mut: Suchen Sie nach Verbindungen – mit einer gut durchdachten Frage!

Wie wir Informationen aufnehmen

Forscher haben in verschiedenen Studien ermittelt, wie wir Informationen aufnehmen und welche Informationen bei uns „hängenbleiben“. Je nach Lerntyp (visuell, auditiv, haptisch-taktil, olfaktorisch) variieren die Prozentzahlen: 10% beim Lesen, 20% beim Hören, 30% beim Sehen, 50% beim Hören und Sehen, 70% beim Erklären (Theorie & Wissen) und 90% beim Anwenden (Theorie & Praxis = Können).

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Doch wie viele Dinge im Leben, lässt sich auch die Aufnahme von Informationen und damit das Zuhören trainieren. Wenn Sie demnächst einen Freund oder eine Freundin treffen, probieren Sie doch mal aus, ihrem Gesprächspartner ausschließlich zuzuhören und erst selbst zu reden, wenn eine Gegenfrage kommt. „Man kann einen Menschen nichts lehren, man kann ihm nur helfen, es in sich selbst zu entdecken.“ (Galileo Galilei).

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Wie fragt man richtig?

An langweiligen Interviews merkt man immer wieder, dass das Fragen nicht so ganz einfach ist. Es liegt nämlich nicht unbedingt am befragten Interviewpartner, wenn die Antworten uns nicht vom Hocker reißen. Nur die richtige Frage führt zur richtigen Antwort. Die Qualität der Antwort bzw. des Nachdenkens über die Antwort hängt wesentlich von der Formulierung der Frage ab. Der US-amerikanische Innovationsforscher und Journalist Warren Berger setzt in seinem Buch Die Kunst des klugen Fragens beim „Wieso? Weshalb? Warum?“ an. Er zeigt anhand vieler Beispiele, wie man erst dann zum Kern vieler Probleme vordringt, wenn man die richtigen Fragen stellt. Erfolgreiche Methoden der Gesprächsführung vermittelt auch Vera F. Birkenbihl als Expertin für gehirngerechtes Lernen und Arbeiten in ihrem Buch Fragetechnik … schnell trainiert. Es gibt verschiedene Frage-Typen:

Offene Fragen lassen dem Befragten viel Raum für seine Erwiderung, z. B. „Wie kam es dazu, dass Du dieses Rezept entdeckt hast?

Geschlossene Fragen fordern kurze, eindeutige Antworten, z. B. „Bist Du satt?“  ja / nein

Alternativfragen geben die Antworten schon vor, z. B. „Möchtest Du lieber Kuchen oder Schokolade essen?“

Suggestive Fragen geben die vermeintlich richtige Antwort in der Frage vor, z. B: „Meinst Du wirklich, dass ich die süße Marmelade noch mehr zuckern soll?“

Rhetorische Fragen erwarten keine Antwort, z. B: „Muss mir das schmecken?“

Den größten Erkenntnisgewinn bieten in der Regel offene Fragen, die dem Befragten viel Raum zum Antworten ermöglichen. Offenheit fördert die Kommunikation. Geschlossene Fragen schaffen Fakten und klare Verhältnisse. Es kommt also darauf an, was Sie in Erfahrung bringen wollen. In der journalistischen Praxis haben sich für die klassische Nachricht die sechs W-Fragen durchgesetzt: Wer? Was? Wann? Wo? Wie? Warum? – in der Reihenfolge ihrer Wichtigkeit.  Auch das PAKKO-Schema kann Ihnen helfen: Fragen Sie: persönlich, aktivierend, kurz, konkret und offen. Wie auch immer Sie sich entscheiden, ich bin fest überzeugt:

Eine lebendige Kultur mit klugem Fragen und aktivem Zuhören würde in unserem Leben vieles positiv verändern!!!

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So können Sie selbst eine Kultur des Fragens fördern:

Wie können wir uns die Neugierde und den Mut zum Fragenstellen erhalten oder wieder zurück erobern? Wie so oft: durch vielfältige Erfahrungen:

  • Gehen Sie mit offenen Augen durch die Welt und suchen Sie bewusst nach Irritationen: warum ist das so? Könnte das nicht auch anders sein? Könnte man es auch anders machen? Auf welche Weise könnte man das anders machen? Wer könnte daran mitwirken? Könnte ich selbst daran mitwirken, mit welchen Mitteln? Und was könnte sich dadurch verändern? Und plötzlich eröffnen sich in Ihrem Leben völlig neue Perspektiven …
  • Treffen Sie möglichst oft andere und neue Menschen, die Ihnen neue Impulse geben können. Fragen Sie ihnen Löcher in den Bauch und zwar so lange, bis sie wirklich eine befriedigende Antwort erhalten haben. Antworten Sie ehrlich, wenn jemand zurückfragt.
  • Gehen Sie an kreative Orte, ins Theater, besuchen Sie Ausstellungen und Museen und tauschen Sie sich über Ihre Erlebnisse, Eindrücke und Empfindungen aus. Fragen Sie nach, auch wenn es nicht auf alles eine Antwort gibt? Kunst fordert Irritation heraus, muss aber nicht immer eine Antwort geben.
  • Kooperieren Sie mit Künstlern und Kreativen. Bilden Sie Jobtandems, begleiten Sie sich gegenseitig in Ihrem Arbeitsalltag. Stellen Sie sich gegenseitig Fragen über Strukturen, Strategien, Wissenstransfer, tauschen Sie sich aus über neue Ideen und wertvolle Kontakte. Regionale Kreativvnetzwerke helfen Ihnen, geeignete Partner für den Austausch und den Blick über den Tellerrand zu finden.
  • Spielen Sie mit Kindern! Beobachten Sie, auf welche Weise Kinder Herausforderungen meistern! Fragen Sie Kinder, was ihnen wichtig ist. Hören Sie ihnen zu und haken Sie ggf. nach, wenn sie etwas nicht verstehen. Der Dramatiker und Dramatiker und Oscar-Preisträger George B. Shaw sagte einmal: „Wir hören nicht auf zu spielen, weil wir alt werden. Vielmehr werden wir alt, weil wir zu spielen aufhören.“