Das Hitzacker-Dorf und KUBA – gemeinsam, interkulturell, nachhaltig

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Hauke Stichling-Pehlke ist vor knapp 30 Jahren ins Wendland gekommen. Ein ehemaliger Großstädter, der sich bewusst für das ländliche Leben in Hitzacker entschieden hat. Sein Studium hat er wegen der eigenen Ungeduld nicht beendet. Er wollte nicht länger Theorien entwickeln, sondern Projekte rasch in die Tat umsetzen. In Hamburg-Wilhelmsburg hat er im zeitlichen Umfeld der Internationalen Bauausstellung IBA ein interkulturelles Seniorenheim gebaut. Seit Winter 2011 können im Veringeck deutsche und türkische Senioren können in Wilhelmsburg gemeinsam unter einem Dach ihren Lebensabend verbringen.

Zukunftsdorf in Hitzacker

Auf diese Erfahrungen baut sein aktuelles Projekt auf. Im Wendland soll ein neues interkulturelles und altersgemischtes Mehrgenerationendorf entstehen: das Hitzacker-Dorf. Am ersten Haus wird gerade gebaut (Sommer 2018). Im Interview betont Hauke Stichling-Pehlke: „Das Hitzacker-Dorf ist kein fertiges Produkt. Es ist eine Idee, die von allen gemeinsam entwickelt und stetig  auch weiterentwickelt werden soll.“

 © MassivKreativ: Hauke Stichling-Pehlke

Verantwortung übernehmen

Um das Hitzacker-Dorf von der Idee in die Tat umzusetzen, gibt es verschiedene Arbeitsgruppen, z. B. für den Bau und die Dorfplanung (Bau), für Büro und Öffentlichkeitsarbeit, für Interkulturelles, Gemeinschaftsbildung und das Gemeinschaftshaus, für Mobilität, Stoffkreisläufe und Solidarität, für Nahrung und Küche, für Kinderbetreuung und Garten, für Finanzen und Fundraising, für Datennetz, IT und Gewerbe.

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Wohnen und Arbeiten

Dabei haben die Akteure auch das wohnortnahe Arbeiten im Blick: Coworking für StartUps, ein Gesundheitszentrum und ein kleines Gewerbegebiet sind geplant. Es wurden basisdemokratische Strukturen mit Vorstand und Aufsichtsrat geschaffen. Einmal pro Woche tagt das Plenum für kleine Entscheidungen, große Themen werden in der Generalversammlung diskutiert. Wie wird z. B. das Thema Nachhaltigkeit im Hitzacker-Dorf umgesetzt? Wie wird Mobilität im Alltag gelebt, was können Carsharing und E-Autos leisten.

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Um die Kosten überschaubar zu halten, werden ausschließlich Mehrfamilienhäuser nach einem Modulsystem gebaut. Pehlke macht auf Nachfrage folgende Beispielrechung auf: Eine vierköpfige Familie erwirbt für den Bau einer 90qm großen Wohnung Genossenschaftsanteile in Höhe von 20.000 € und zahlt nach Fertigstellung des Baus eine Kaltmiete von knapp 6 € pro qm. 12 Häuser sind im Sommer 2018 durchfinanziert, Verträge mit der GLS-Bank geschlossen. Der Bau des ersten Hauses ist gerade gestartet.

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Überraschende Siedlungsgeschichte

Bei der Erschließung des Baugrundes wurden archäologische Fundstellen freigelegt und ergaben, dass die Region schon etwa 300 Jahre vuZ besiedelt wurde. Ein Brennofen, der in einem Meter Tiefe gefunden wurde, lässt darauf schließen, dass die damaligen Bewohner mit der Verhüttung von Raseneisenstein Erz gewonnen und veredelt haben. So wird die Siedlungsgeschichte stetig weiter geschrieben.

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Kulturbahnhof 

Im zweiten Teil des Interviews berichtet Hauke Stichling-Pehlke über den ehemaligen Bahnhof in Hitzacker, der heute KUBA – Kulturbahnhof heißt. Im April 2014 ersteigerte der frisch gegründete Bürgerverein den 174 erbauten Backstein-Bahnhof für 32.000 €. Heute ist KUBA ein Kulturzentrum, das von vielen Künstlern, Kreativen und lokalen Gruppen genutzt wird. Der Verein koordiniert die vielfältigen Aktivitäten und hat derzeit etwa 80 Mitglieder. Auch Jugendliche brüten immer wieder Ideen für KUBA aus, u. a. die Kulturaktie, um den Verein zu unterstützen.

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Hauke Stichling-Pehlke ist optimistisch: Sowohl KUBA als auch das Hitzacker-Dorf zeigen, das sich die Bürger gerne sinnstiftend engagieren und zivilgesellschaftlich Verantwortung übernehmen. Damit zeigen sie Wege auf, wie es zukünftig im Wendland weitergehen kann – mit sozialen Innovationen.

PODCAST-INTERVIEW mit Hauke Stichling-Pehlke

Das Hitzacker-Dorf und KUBA – gemeinsam, interkulturell, nachhaltig

Ist trotz/dank Digitalisierung ein gutes Leben möglich?

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Die Digitalbranche hat es geschafft: Sie steht seit Ende 2016 auf Platz 1 der Arbeitgeber – noch vor dem Maschinenbau und der Automobilindustrie.  Wer das Suchwort „Digitalisierung“ bei google eingibt, erhält nahezu 10 Millionen Link-Vorschläge. Beim Schlagwort „CSR = Corporate Social Responsibility“ sind es sogar 165 Millionen Einträge. „CSR und Digitalisierung“ – zwei vielschichtige Themen, denen sich nun mit Dr. Alexandra Hildebrandt und Werner Landhäußer ein sehr gut vernetztes Herausgeber-Team in einem fast 1200-Seiten starken Buch umfassend gewidmet hat. Ich habe mir vor allem die Verbindungslinien zur Kultur- und Kreativwirtschaft angesehen.

360-Grad-Blick

Unsere Welt wird immer komplexer, Spezialgebiete fächern sich mehr und mehr auf. Publikationen widmen sich zunehmend Detailthemen. Was heute fehlt, ist der Blick aufs Ganze. Vor diesem Hintergrund kann das neue, reichhaltige Buch „CSR und Digitalisierung“ nicht genug gelobt werden. Hildebrandt und Landhäußer ist das Meisterstück gelungen, über fast drei Jahre mehr als 128 Autoren (inkl. Vor- und Grußworten) mobilisieren zu können, die ihre Gedanken und ihr Wissen über Digitalisierung und CSR in bislang noch nie dagewesener Vielschichtigkeit dargelegt haben.

Fragen stellen

Was positiv auffällt, ist die vierseitige Fragenliste zum Auftakt des Buches. Vor Transformationen und Innovationen stehen immer Fragen, die richtig gestellt und beantwortet werden wollen. Fragen sind Motor, Triebkraft und Impulsquelle für neue Entwicklungen. Fragen motivieren uns, den Dingen auf den Grund zu gehen. Muss es so bleiben wie bisher? Warum haben wir es so gemacht? Geht es nicht auch anders? Wie sieht ein Problem oder eine Herausforderung aus, wenn ich eine andere Perspektive oder Sichtachse einnehme? Es geht nicht nur um Technologie, sondern auch um Verantwortung und Wertefragen: „Wie kann der Sehnsucht nach verlässlichen Strukturen in instabilen Zeiten begegnet werden? Weshalb ist WISSENSKULTUR wichtiger als Wissensbeschaffung?“ 

Künstler als Vordenker

Für Kreativschaffende gehören Fragen zum Alltagsgeschäft. Ihr Handwerk sieht vor, Dinge aus anderem Blickwinkel zu betrachten und mutig zu sein, Herausforderungen gegen Routinen einmal anders zu meistern. Nur so sind neue Einsichten möglich. Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass die einführenden Gedanken zum Buch von einem Illustrator kommen – Raimund Frey. Er reflektiert seinen Arbeitsalltag, nimmt die Vogelperspektive ein und stellt dabei beobachtend fest, dass seine Arbeitswelt einer Kommandozentrale gleiche, von der aus er sein Universum dirigiere: „Zeichen- und Textprogramm, Projektordner, Zeiterfassung, Rechnungstellung, Projektmanagement-Software, Musikprogramm, E-Mails… Das soll nicht wertend sein, obwohl man sich über die positiven und negativen Aspekte auslassen könnte“, schreibt Frey (S. XXI-XXIII)

Vorworte

Konsequenterweise hat der kreative Pionier und Vordenker seinen Platz vor einer Reihe honoriger Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft  gefunden, von denen hier nur einige erwähnt seien: Wolfgang Schäuble, Julia Klöckner, Fredmund Malik, Jörg Asmussen, Timotheus Höttges (der sich übrigens im Zuge der Digitalisierung für ein bedingungsloses Grundeinkommen ausspricht) und Schauspielerin Valerie Niehaus, die in ihrem Beitrag über die „Kunst des Denkens“ reflektiert (siehe Initiative Auf ein Wort).

 © Cristine Lietz, pixelio.de

Vielschichtige Themen

Das Mammutwerk taucht tief in Digitalisierung und CSR ein und beleuchtet nahezu sämtliche Bereiche der Gesellschaft, neben viel Technologie auch unsere persönliche und „unternehmerische Verantwortung für Gesellschaft und Soziales“ = CSR, die uns alle fordert. Und so gibt es neben Begeisterung auch einige zögernde, reflektierende und mahnende Stimmen zur Digitalisierung. Der  Kommunikationswissenschaftler Christian Hoffmeister warnt vor der „Die MacGoogleisierung als neue Religion, … nachdem die alten Religionen v. a. in unseren westlichen Gesellschaften an Überzeugungskraft und Akzeptanz verloren haben“ (S. 67).

Der Untertitel des Buches ist bewusst gewählt: „Der digitale Wandel als Chance und Herausforderung für Wirtschaft und Gesellschaft“. So bunt die Autorenschaft in jeweiliger thematischer Abhängigkeit zusammengesetzt ist, so bestrebt ist deren Bemühen, die geschilderten Aspekte verständlich darzustellen. Um diese Teilaspekte geht es:

  • Wirtschaft, Politik und Gesellschaft
  • Innovation und Technologie
  • Mobilität
  • Handel und Konsumgüter – Fülle des Lebens
  • Arbeit, Management und Leadership
  • Die Zukunft von Marketing und Vertrieb
  • Medien und Kommunikation
  • Gesundheit und Sport
  • Bildung, Kultur und (Lebens-)wissenschaften

… , aus denen ich nun einige Teilbereiche mit Verbindungen zur Kultur- und Kreativwirtschaft herausgreifen möchte.

Künstliche Intelligenz

Christoph Keese, Executive Vice President der Axel Springer SE (Societas Europaea) beginnt sein Vorwort mit harscher Kritik: Deutschland habe das digitale Zeitalter „mit einem Fehlstart begonnen … Keine zukunftsweisende Technologie erlebte hier ihren Durchbruch.“ (S. LIII)  Doch vielleicht spricht gerade für Deutschland und Europa, Risiken technologischer Innovationen lieber einmal mehr abzuschätzen und zu hinterfragen, als Reaktion auf die ungebremste Euphorie im Silicon Valley. Längst warnen auch US-amerikanische Vordenker vor den Folgen der rasanten Entwicklung selbstlernender Systeme und Künstlicher Intelligenz, u. a. Stephen Hawking, Bill Gates und Elon Musk. Herausgeber Werner Landhäußer schreibt daher in seinem Vorwort: „Wirklich gefährlich wird der Innovationsdrang im Digitalisierungsbereich, wenn er sich mit Allmachtsphantasien verbindet.“ (S. XII) Neue Technologien müssen schon aus ethischen Gründen gesamtgesellschaftlich diskutiert werden, hier gehören  IT-Experten, Philosophen, Juristen, Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft dringend an einen Tisch.

Augmented und Virtual Reality

Prof. Dr. Anett Mehler-Bicher und Lothar Steiger von der Hochschule Mainz erläutern die Unterschiede zwischen Augmented und Virtual Reality. Dabei geht es den Entwicklungsstand aus technischer Sicht, um Chancen und Verantwortung im Hinblick auf psychische Aspekte von Computerspielen, um Geschäftsmodelle und einen Ausblick (S. 127f).

Versandhandel

Der Junggründer Johannes Crepon möchte „mit Innovation das Historische erhalten“. Er betreibt dafür als Geschäftsführer der Velocity Automotive GmbH in München einen europaweiten digitalen Versandhandel und importiert Reproduktions-, Ersatz- und Tuningteile für amerikanische Fahrzeuge aus den USA. Er schreibt im  Buch darüber, „wie Technologie und das Vernetzen das Restaurieren von Oldtimern erleichtert“ (S. 157f).

Reisebegleiter

Wenn Sie Kreuzfahrten lieben, wurden Sie vielleicht schon mal von einem Androiden an Bord begrüßt. Auch wenn Ihnen dabei nicht ganz wohl war: Reiseexperte Christian Smart ist überzeugt, dass der Einsatz humanoider Roboter und digitaler Technologien im Tourismus unaufhaltsam ist und warum sie das Reisen entspannter und kundenorientierter machen (S. 171f).

WillkommensApp

Viola Klein gründete das Softwareunternehmen Saxonia Systeme GmbH und setzt ihre Kompetenzen auch für gemeinnützige Zwecke ein, u. a. entwickelte ihr Unternehmen eine Welcome-to-Dresden-App für Geflüchtete, 20 weitere Städte und Landkreise haben das Konzept bereits übernommen (S. 347f) (vgl. hierzu: Medien für Geflüchtete).

Blockchain

Mit der Blockchain-Technologie beschäftigen sich Tina Düring und Hagen Fisbeck, beides Experten für Geschäftsmodellentwicklung und Digitalisierungsstrategien. Beide sagen einen Wandel in der Marken- und Vertrauensbildung voraus und hoffen zukünftig durch mehr Transparenz auf ethisch korrekteres Wirtschaften als bisher. Blockchain soll dafür neue Wege und neue Wertschöpfungsketten ohne unnötige Intermediäre (Zwischenhändler) eröffnen (S. 449f). 

Maßschuhe

Das Verhältnis von traditionellem Handwerk und Digitalisierung beschreibt Kirstin Hennemann. Sie wechselte nach ihrem Studium für Politik und Germanistik das Fach und entschied sich bewusst für das Handwerk: „Werde, der du bist!“ („Pythische Oden“ von Pindar, um 500 v. Chr.). Gemeinsam mit Gabriele Braun betreibt sie in Berlin-Prenzlauer Berg die nachhaltige Maßschuhmacherei Braun & Hennemann und setzt dabei auf Design und Schönheit handgemachter Schuhe. Das Schuhhandwerk ist eines der ältesten Gewerbe der Welt, insgesamt 300 Arbeitsschritte umfasst die Herstellung eines Maßschuhes, wie Hennemann erklärt. Daher steht sie der Eigenvermessung des Kunden mithilfe digitaler Tools kritisch gegenüber: „Bei individuellen Maßschuhen funktionieren keine vorgefertigte Teile oder Stanzeisen. Man könnte mehr Technik einsetzen, die aber nicht zu einer Verbesserung des Produktes führen würde. Einem Maßschuhkunden, der ein wirklich individuelles Paar Schuhe mit eigenem Gehgefühl sucht, würden ein Paar Maßschuhe per Scanner nicht helfen.“ (S. 525f)

Greifbare und erlebbare Werte

Auf den rückkehrenden Wunsch nach greifbaren Dingen und Werten gehen Herausgeberin Dr. Alexandra Hildebrandt und Autorin Claudia Silber ein. Abstrakte Vorgänge wie die Digitalisierung und damit entstehende gesellschaftliche Veränderungen sind zuweilen schwer verständlich und schwer fassbar. In einer Welt, die zunehmend fremdbestimmt und entmaterialisiert wird, sehnen sich viele nach Orientierung und Halt, nach Identität und Stabilität, nach Gestaltungsfreiheit und eigenem Einfluss. Was kann jeder z. B. in seiner Alltagspraxis dazu beitragen, bewusst und nachhaltig zu leben?

Hildebrandt und Silber nennen Kreative und „Ökopioniere als mutige Vordenker und Vorreiter von grundlegender Bedeutung für gesellschaftliche Veränderungsprozesse.“ (S. 556f) und berichten über wichtige haptische Gegenstände im Alltag von Künstlern und Kreativschaffenden, nennen den amerikanischen Bestsellerautor John Irving, den französischen Philosophen und Essayisten Paul Valéry, den Filmregisseur Helmut Dietl und den Sängers der norwegischen Popband a-ha, Morten Harket. Jeder von uns möchte Selbstwirksamkeit spüren, Dinge berühren, gestalten und verändern. Hände haben eine grundlegende Bedeutung, weil sie – wie Morten Harket schreibt, „nicht nur Werkzeug, sondern auch Sinnesorgan sind, die der ganzheitlichen Weltwahrnehmung dienen. Durch sie wird die Welt sinnlich und motorisch buchstäblich be-griffen, was wiederum dazu führt, besser und aufmerksamer über sie nachdenken zu können.“ (S. 558) Welche gegenständlichen Dinge sind es, die unserem Leben Sinn geben? Hildebrandt und Silber führen u. a. auf:

  • Briefe, weil sie Menschen nachhaltig verbinden
  • Fahrräder als Symbol persönlicher Freiheit
  • Lampen als Symbole des Erkennens und einer leuchtenden Zukunft
  • Notizbücher als Gedankenstützen und Erinnerungshilfen
  • Stifte als Ausdruck der eigenen Persönlichkeit und Gestaltungsfreiheit
  • Uhr als Symbol unserer wertvollsten Ressource zeit
  • Vogelhaus als Symbol für “Nestbau“, „unsere heile Welt“, Verantwortung und Nachhaltigkeit

Analoge Multitalente

Ein Loblied auf das Schreiben mit „Stift und Papier“ singt der Informatiker und selbsterklärte Notizbuchfanatiker Christian Mähler (S. 1051 f). Mit der Handschrift gehe nicht nur eine Kulturtechnik verloren, sondern auch eine Lernmethode, Textverständnis, Kreativität, Qualität, Gedächtnistraining, strukturiertes Nachdenken, ferner Entschleunigung, Ästhetik und Haptik.

Dem haptischen Papier huldigt auch Autorin Miriam Dovermann mit ihrer Retrozeitschrift Vintage Flaneur, das sie ein „Magazin für Retro Lifestyle und Mode und ein Leben mit Nostalgie“ nennt. Trotz der Sympathie für das gedruckte Magazin bekennt sie: „Ohne das Internet … würde der Vintage Flaneur nicht existieren. Keine Bank gibt Gründern eines Verlags für eine Zeitschrift in diesen Zeiten einen Kredit. Ohne die sozialen Medien wäre das Projekt so von vorneherein zum Scheitern verurteilt gewesen … YouTube-Videos und Blogs zur Unterstützung von Inhalten durch Filme und Musik, der privatisierte Kontakt zu Kunden über die sozialen Medien, weltweiter Handel durch Onlineshops, digitale Zeitungen, die nicht knicken und keine Ressourcen fressen, Link Building . . . Da handeln ganze Bücher von. Die andere Seite ist möglicherweise die spannendere: Was kann eigentlich eine Zeitschrift, was das Internet nicht kann?“  Dovermann findet diese Antwort: „Aus dem Weltall von Informationen, die das Internet und auch die Bücher dieser Welt versammeln, treffen sie [die Zeitschriften] eine Auswahl.“ (S. 1067)

Die Kunst des (Unternehmens)Wandels

Angeregt von den Konzeptkünstlern Patrik und Frank Riklin hat der Bielefelder Biozid-Hersteller Hans-Dietrich Reckhaus seinen persönlichen Erkenntnisprozess auf sein Unternehmen übertragen. Durch die künstlerische Intervention Fliegen retten in Deppendorf wurde ihm die Bedeutung und  Verantwortung für Insekten bewusst, so dass er sein Handeln überdachte und änderte. Reckhaus schafft heute Ausgleichsflächen für Insekten auf seinem Firmendach, führte ein Produkt-Gütesiegel für Insektenbekämpfung mit ökologischem Ausgleich ein und regt mit seiner Initiative Insect Respect sowie landesweiten Vorträgen die Diskussion darüber an, wie Unternehmen und Gesellschaft zur Förderung der Biodiversität beitragen können, , unterstützt von der Nachhaltigkeitsexpertin und Autorin Tina Teucher

Über seine Zusammenarbeit mit den beiden Künstlern sagt Reckhaus rückblickend: „Ich war immer offen für innovative Dinge, wollte etwas bewegen, aber mir fehlte das Werkzeug dazu.“ Die künstlerischen Methoden der Riklin-Brüder eröffneten ihm für die Transformation neue Horizonte und Wege, z. B. Perspektiven zu wechseln und mutig zu sein, gewohnte Dinge infrage zu stellen. So wurde Reckhaus vom Insektenvernichter zum Insektenretter. Für seinen Unternehmenswandel wurde er mehrfach ausgezeichnet. (S. 575f)

Zusammenarbeit und Arbeit 4.0

Die Zukunft ist unwägbar geworden, was im Begriff VUCA/VUKA seinen  Niederschlag findet. Statt langfristiger Planungen werden heute in agilen Teams kleine und überschaubare Lösungen in kurzen Projektphasen erarbeitet. Wie Führungskräfte darauf reagieren sollten, formulieren Herbert Schober-Ehmer, Dr. Susanne Ehmer und Dr. Doris Regele (S. 667f). Wie sich Manager mit Bürgern über neue Herausforderungen und Methoden der Bewältigung austauschen können, stellen die beiden Change Agents und Dialogexperten Clemens Brandstetter und Florian Junge am Beispiel der Plattform managerfragen.org vor. Transparenz, Dialogkultur und Wissensteilhabe werden so gefördert.

Künstlerin, Kulturkomplizin und cradle-to-cradle-Anhängerin Daniela Röcker schreibt in diesem Zusammenhang über neue Führungsstrategien, Mitbestimmung, Augenhöhe, Demokratie und erfolgserprobte Formen der Zusammenarbeit: „Nicht Konkurrenz treibt Menschen zu besseren Leistungen an, sondern Kooperation in Kombination mit Wettbewerb. Das Potenzial der Kooperation ist in allen sozialen Wesen bereits in den Genen angelegt und sichert unser Überleben.“ (S. 636) Sie zitiert Richard Sennett, der darin „gesellschaftsbildendes Handwerk“ zur Entwicklung von Empathie sieht, die „intelligentere Form des Umgangs miteinander, wie Röcker schreibt: „Im empathischen Dialog nimmt man den Unterschied zwischen sich und dem/der anderen wahr und wertschätzt diesen, indem man achtsam und aufmerksam zuhört.“ Röcker erläutert außerdem künstlerische Interventionen in systemischer Beratung und Coaching (S. 642f). Sie stellt klar, dass diese besondere Methode nicht zur Lösung eines konkreten  Problems geeignet sei, sondern vielmehr ergebnisoffen angelegt sei. Ziel ist es, Aktionsräume zu eröffnen, erstarrte Verhaltensmuster, Routinen und Rituale zu erkennen, die richtigen Fragen zu stellen, zu reflektieren und damit die wahren Probleme zu identifizieren.

Vitra: Kultur als Kapital

Unternehmensberater Tim Leberecht stellt das Schweizer Unternehmen Vitra vor – als Beispiel konsequent gelebter Unternehmenskultur. Vitra baut erstklassige Möbel und Läden für Institutionen weltweit, neben Firmen u. a. auch für den Deutschen Bundestag, die Tate Modern Gallery und den Flughafen in Dubai. Der Erfolg des Unternehmens fußt maßgeblich auf den Leistungen seiner Designer und Architekten, die nicht nur als Produktgestalter gelten, sondern als originäre Urheber und Autoren gesehen werden. Dieses Selbstverständnis hat der ehemalige Geschäftsführer und Vorstandsvorsitzende Rolf Fehlbaum so formuliert (S. 648): „Wenn man ein Design-Unternehmen leitet, ist man ein Romantiker, weil man ja glaubt, dass man durch Gestaltung die Welt formt und gute Dinge für sie bereithält … wir glauben fest daran.“

Vitra setzte auf Qualität, Handwerk, Vielfalt und schätzt den Wert von Kunst und Kultur. Es ist ein ganzheitliches „kulturelles Produkt“, davon kündet auch das Vitra Design Museum auf dem Gelände des Unternehmens in Weil am Rhein. Jedes Jahr kommen mehr als 300.000 Besucher auf den Vitra Campus. Das Museum zeigt nicht nur Produkte, sondern greift in seinen Ausstellungen auch aktuelle Themen auf, wie z. B. Hello Robot: Design zwischen Mensch und Maschine. Vitra wird damit zur Sinnfabrik. Während die USA vor allem disruptiven Geschäftsmodelle hervorgebracht hat, stehen Mittelständler aus Europa als „Hidden Champion“ für Emotionen, Qualität, „Seele, Aura und Substanz“, so Leberecht. Er fordert: „Mit einem Wort: Kultur.“

Soziale Innovation vs. technologische Innovation

Berater Andreas Zeuch hat sich in seinem Buch Alle Macht für niemand eingängig mit dem Thema Unternehmensdemokratie befasst und dazu viele Geschäftsführer befragt. Was passiert, wenn Mitarbeiter mehr Eigenverantwortung erhalten, wenn siemitbestimmen und mitgestalten können? Zeuch erläutert, warum Digitalisierung und eine erfolgreiche Digitalwirtschaft nur dann gelingen können, wenn vor der Technologie die sozialen Fragen des Miteinanders überdacht und erneuert wurden. Er zeigt dies am Beispiel eines Callcenters und der entscheidenden Frage: Service oder Kontrolle? „Solange es trotz digitaler Transformation weiter zentrale Top-down-Entscheidungen gibt, können die vielen Vorteile eines digitalisierten Unternehmens gar nicht zum Tragen kommen. Wenn beispielsweise Echtzeitfeedback von Kunden für Mitarbeiter eines Callcenters erst zur Führungsetage läuft, dort ausgewertet und dann an die eigentlichen Adressaten gesendet wird, ist wertvolle Zeit verloren gegangen. In der alten Welt stellt sich die Frage, worum es eigentlich geht: maximal schnelle Verbesserung des Service oder Kontrolle?“ (S.727)

Sozialunternehmen

Die Gründerkultur ist in den letzten Jahren  durch zahlreiche neue Sozialunternehmen bereichert worden. Sie haben zahlreiche soziale Innovationen auf den Weg gebracht bzw. gute Ideen für ein besseres Leben. Joana Breidenbach und Theresa Filipović von betterplace.org stellen dies am Beispiel verschiedener Projektdatenbanken und Spenderplattformen dar.

Plattformökonomie

Dieter Gorny beschäftigt sich mit dem Spannungsfeld menschliche und künstliche Kreativität. Er fragt, was passiert, wenn ein selbstlernendes System „mit sämtlichen Daten historischen künstlerischen Schaffens und allen bekannten Techniken „gefüttert“ wird mit dem Auftrag, etwas Neues daraus zu schaffen? Wo liegt dann die Grenze (zu) authentisch
menschlich geschaffener „neuer“ Kunst?“ (S. 1137). Gorny leitet den Bundesverband der Deutschen Musikindustrie sowie ecce – das European Centre for Creative Economy und wurde 2015 zum „Beauftragten für Kreative und Digitale Ökonomie“ im Bundeswirtschaftsministerium ernannt. Er sorgt sich um persönliche Daten, Urheberrechte, Marktmonopolisierung, Wertvorstellungen, Rahmenbedingungen der Plattformökonomien. Gorny mahnt, dass „der Endnutzer sich gemäß den jeweiligen Datenschutzerklärungen oder Nutzungsbedingungen bereit erklärt, dass die mit ihm verbundenen oder von ihm ausgelösten Daten durch diese Dienste äußerst umfangreich weiterverwendet werden können (vgl. z. B. Google Datenschutzerklärung und Nutzungsbedingungen, YouTube Nutzungsbedingungen et al.).“ (S. 1137).

Gorny hinterfragt: „Wem kommen die jeweiligen Entwicklungen langfristig wirtschaftlich zugute? Welche Verwirklichungschancen ermöglichen sie dem Einzelnen? … Was sind die notwendigen Schlüsse für unsere Wirtschaft und unsere Gesellschaft?“ Aufhorchen lässt schließlich Gornys Erkenntnis: „Vielleicht macht die digitale Strategie 2025 des Bundeswirtschaftsministeriums mit ihren entsprechenden Programmpunkten richtige Schritte in Richtung einer dem Menschen dienenden Ökonomie (BMWi 2016). Jedenfalls gilt es, die einstigen Paradigmen des reinen Wirtschaftswachstums wenigstens zu hinterfragen.“ (S. 1140).

Digitalisierung und das „gute Leben“

Das Buch schließt mit Gedanken von Dr. Ina Schmidt zur „Frage nach dem „guten Leben“ – von Platon zur Moderne“. Die Kulturwissenschaftlerin umreißt Antike und Beginn des modernen Individualismus, beschreibt analoge Parallelwelten, das ständige Abwägen zwischen Sinnvollem und Machbarem. Fortschritt gelte nur im Sinne von „Erleichterung, Komfort, Gesundheit, also eine Entwicklung im Dienste eines „guten Lebens“, in dem uns technische Geräte helfen, menschliche Bedürfnisse einfacher und bequemer, oft auch schneller zu erfüllen.“ (S. 1162) Schmidt ruft dazu auf, bewusst und „sehr lebendig zwischen „Off- und Online“-Modus hin und her zu wechseln. Zentral dabei bleibt, dass wir wissen, wo wir sind und wohin wir wann wechseln können bzw. wollen.“ Schmidt fügt aber auch hinzu, das klinge einfacher, als es ist.

Jeder von uns, so Schmidt, habe die Qual und die „Freiheit der Selbstbegrenzung“. Genau das mache uns Menschen aus: „Die Fähigkeit mit Unsicherheit, mit Widersprüchen, Zufällen und Erschütterungen umzugehen. Um uns dieser wertvollen Qualität bewusst zu bleiben bzw. wieder zu werden, brauchen wir ein Umdenken, in dem der Mensch der Quantität technischer Möglichkeiten ein „Mehr“ an Qualität entgegensetzt.“ (S. 1166) Martin Heidegger hat in den 50er Jahren die Balance zwischen „besinnlichem Nachdenken“ und „rechnendem Denken“ als Strategie gegen „zunehmende Gedankenlosigkeit“ und „Flucht vor dem Denken“ genannt („Aufsatz zur Gelassenheit“).

Geschäftsmodelle?

Keine/r der AutorInnen erhielt ein Honorar, was ich an dieser Stelle deshalb erwähne, um zu zeigen, dass das Thema Digitalisierung seine Licht- und Schattenseiten und ebenso Gewinner und Verlierer hat. Wenn nicht einmal ein Digitalisierungsexperte wie der Springer Gabler Verlag ein Geschäftsmodell gefunden hat, um anspruchsvolle fachliche und journalistische Arbeit zu honorieren bzw. zu refinanzieren, dann zeigt dies auch einen Teil der Problematik. 

FAZIT

Das allumspannende Netzwerk der Digitalisierung ist nicht mehr aufzulösen. Aber: Digitalisierung muss nicht überall Anwendung finden. Neben virtuellen Realitäten brauchen wir immer auch reale, greifbare Welten. Umso mehr, weil digitale Systeme in Fragen der Sicherheit noch hinterherhinken. Ehemals in sich geschlossene Kreisläufe sind auf das Internet der Dinge mit seiner Vernetzung nicht eingestellt. Wenn wir die Schlagadern unseres Lebens, wie Wasser, Energie, Verkehr, Krankenhäuser, dem digitalen Netz anschließen, müssen wir in Kauf nehmen, dass sie mit krimineller Energie lahmgelegt werden. Oder wir entscheiden uns bewusst dafür, dass manche Bereiche, wie die Vergabe von Medikamenten, in den Händen von uns Menschen bleiben.

Quintessenz des Buches ist für mich ein Zitat von a-ha-Sänger Morten Harket, das Hildebrandt und Silber in ihrem Artikel (S. 559) anführen. Harket: „Wir entscheiden, in was für einer Gesellschaft wir leben wollen – sonst wird es hinter unserem Rücken für uns entschieden“ (Harket 2016, S. 200). Oder – wie Joseph Beuys sagte: „Die Zukunft, die wir wollen, muss erfunden werden. Sonst bekommen wir eine, die wir nicht wollen.“

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Quellen:

Alexandra Hildebrandt und Werner Landhäußer (Hg): CSR und Digitalisierung. Der digitale Wandel als Chance und Herausforderung für Wirtschaft und Gesellschaft (Management-Reihe Corporate Social Responsibility). Springer Gabler 2017.

Morten Harket: My Take On Me. Edel Germany GmbH, Hamburg 2016.

Trends und Szenarien zum Thema Digitalisierung bis 2020 – Studie zur Kreativwirtschaft in NRW

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Die HerausgeberInnen

Dr. Alexandra Hildebrandt, Jahrgang 1970, ist Publizistin, Herausgeberin und Nachhaltigkeitsexpertin. Sie studierte von 1991 bis 1997 Literaturwissenschaft, Psychologie und Buchwissenschaften an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. An der Universität Bamberg wurde sie im Jahr 2000 zum Dr. phil. promoviert. Von 2000 bis 2005 leitete sie die interne Kommunikation des internationalen Baustoffherstellers HeidelbergCement in Zentraleuropa West. Von 2006 bis 2009 arbeitete sie als Leiterin Gesellschaftspolitik bei Arcandor (ehemalige KarstadtQuelle AG). Beim Deutschen Fußball-Bund e. V. (DFB) war sie von 2010 bis 2013 Mitglied in der DFB-Kommission Nachhaltigkeit. Den Deutschen Industrie- und Handelskammertag unterstützte sie bei der Konzeption und Durchführung des Zertifikatslehrgangs CSR-Manager (IHK). Hildebrandt ist Mitinitiatorin der Initiative „Gesichter der Nachhaltigkeit“ und der Veranstaltungsreihe Burgthanner Dialoge. Sie bloggt regelmäßig für die Huffington Post, ist Co-Publisherin der Zeitschrift REVUE. Magazine for the Next Society und gab in der CSR-Reihe bei SpringerGabler die Bände CSR und Sportmanagement (2014) und CSR und Energiewirtschaft (2015, mit Werner Landhäußer) heraus.

Werner Landhäußer, geboren 1957 in Karlsruhe, ist geschäftsführender Gesellschafter der Mader GmbH & Co. KG mit Sitz in Leinfelden-Echterdingen. Zusammen mit Kollegen übernahm er das Unternehmen mit einem klassischen Management-Buy-out aus einem internationalen Konzern. Mader ist derzeit der einzige Anbieter, der nachhaltige Gesamtkonzepte für eine energieeffiziente Drucklufterzeugung und -nutzung anbietet. Nachhaltige, werteorientierte Unternehmensführung ist seit jeher seine Vision. Nach langjähriger Konzerntätigkeit schätzt Landhäußer heute die kurzen Entscheidungswege und offene Kommunikationskultur in einem mittelständischen Unternehmen. Die strategische Weiterentwicklung von Mader hin zu einem sozialen, ökologisch und ökonomisch erfolgreichen Unternehmen steuert er gemeinsam mit Peter Maier, ebenfalls geschäftsführender Gesellschafter, und Manja Hies, Geschäftsführerin. Werner Landhäußer ist verheiratet und Vater von drei Kindern. Im Jahr 2015 gab er in der CSR-Reihe im Verlag Springer Gabler das Buch CSR und Energiewirtschaft (mit Alexandra Hildebrandt) heraus.

Künstliche Intelligenzen: Wie kreativ sind Watson und Co?

 © Th. Reinhardt, Pixelio.de      

Durch die Verarbeitung riesiger Datenmengen und durch permanentes Selbsttraining („Deep Learning“) können künstliche Intelligenzen (KI / AI /Bots) Muster erkennen, klassifizieren und bewerten. Und hilfreiche Entscheidungen für die Verknüpfung von Informationen treffen. Doch welche Folgen hat das für uns Menschen? Wohin führt es, wenn selbstlernende Maschinen sogar kreative Bereiche erobern, z. B.   

  • Kochen nach Rezept: IBM Watson als Koch-Bot
  • Dichten bzw. Schreiben von Gedichtsammlungen: die KI Xiaoice (wörtlich: „Microsoft Kleines Eis“) hat in 2760 Stunden mehr als 10.000 Gedichte verfasst. Die KI wurde dafür mit modernen chinesischen Gedichten von 519 Autoren der letzten knapp 100 Jahre „gefüttert“. 139 neu erstellte Gedichte von Xiaoice wurden für die Sammlung „Sonnenschein vermisst Fenster“ ausgewählt.
  • Komponieren mit Sonys Flow machines im Beatles Stil und mit IBM Watson für Not Easy von Alex Da Kid
  • Zeichnen im Stile bekannter Künstler: Next Rembrandt – Kooperation Rembrandthuis, Microsoft und Delft University of Technology
  • Schaffung von neuen Filmdrehbüchern aus schon vorhandenen Science-Fiction-Plots mit der KI Benjamin im experimentellen Kurzfilm It’s No Game mit David Hasselhoff 
  • Modedesign Entwurf neuer Kollektionen mit IBM Watson und dem Melbourner Designer JASONGRECH 
  • Kuratieren von Themenmagazinen, Werbe- und Marktingkampagnen: IMB Watson als Chefredakteur von The Drum

 © Next Rembrandt

Fragen, denken, reflektieren

Ist es das Ende unserer Kreativität, wenn selbstlernende Maschinen zeichnen, komponieren, schreiben und kochen können? Ganz und gar nicht! Mit reflektiertem oder visionärem (Voraus-)Denken, mit den richtigen Fragen, mit Haltung und Gewissen machen wir Menschen uns unersetzlich! Was von künstlicher Intelligenz nicht ersetzt werden kann, ist Kreativität und kritisches Denken, Empathie und Wertschätzung, aktives Zuhören und eine zugewandte Gesprächsführung, Mut und Leidenschaft. 

Künstler und Kreativschaffende sind mitfühlende Pioniere und Visionäre. Sie entwerfen Gedankenkonzepte, was einmal sein kann und sein könnte. Ideen für Coworking und Sharing, für interdisziplinäres und branchenübergreifendes Arbeiten, für mehr Nachhaltigkeit, Gemeinwohl und Kreislaufkultur sind maßgeblich durch Impulse von Künstlern und Kreativen entstanden und werden von ihnen vorangetrieben. Sie sind die Basis für innovative Geschäftsmodelle höchst erfolgreicher Unternehmen. Ein Beispiel: Künstler und Designer experimentieren häufig mit heimischen Naturstoffen. Sie sind Vorreiter der rasant wachsenden Bioökonomie. Die Künstlerin Julia Lohmann verwendet neben Algen auch Papier, Stroh und Löwenzahn. Nun zieht die Automobilindustrie nach. Der Reifenhersteller Continental verarbeitet anstelle von Kautschuk sibirischen Löwenzahn, der ebenfalls über die begehrten gummiartigen Eigenschaften verfügt. 

Wer profitiert von visionären Ideen und Konzepten?

Viele technologische und auch soziale Innovationen wurden von Künstlern, Schriftstellern und Filmemachern in ihren Werken vorweggenommen. Sollten Energie- und BioTech-Unternehmen daher Lizenzen für die visionären Ideen von Science Fiction-Autoren zahlen? Oder ist es gesellschaftlicher Konsens, dass nur diejenigen Gewinne machen, die Ideen zur Marktreife führen – ohne dass kreative Vordenker davon profitieren? Ein kurzer Streifzug durch richtungsweisende Bücher und Filme fasst einige Verdienste kreativer Zukunftspioniere zusammen: 

 © Jules Verne: “Wasser ist die Kohle der Zukunft.“

Fiktion und Realität

  • 1870 prophezeite Jules Verne in seinem Buch “Die geheimnisvolle Insel”: „Das in seine Elementarbestandteile zerlegte Wasser […] ist die Kohle der Zukunft.“ (Verne 1870) Wasserstoff wird inzwischen von vielen Unternehmen als Energiespeicher und für den Antrieb von Verkehrsmitteln genutzt.
  • 1966 entwickelte der russisch-amerikanische Biochemiker und Sachbuchautor für den Film „Die phantastische Reise“ die Idee, Ärzte in einem U-Boot auf Mikrobengröße zu schrumpfen und sie über die Blutbahnen in das Gehirn eines Geheimagenten zu schleusen, um schließlich einen Tumor in dessen Kopf zu zerstören. 2011 lässt Andreas Eschbach seinen Helden Hiroshi „Herr aller Dinge“ im gleichnamigen Roman mit selbst programmierbaren, reproduzierbaren Nanorobotern werden. Inzwischen ist es Nanotechnologen in verschiedenen Ländern tatsächlich gelungen, winzige Roboter zu entwickeln, um sie über Blut oder Augenflüssigkeit zu Krankheitsherden zu leiten.
  • 1985, 1989, 1990 offenbart die Filmtrilogie „Zurück in die Zukunft“ eine wahre Fundgrube an innovativen Produktideen, erfunden von den Autoren Bob Gale und Robert Zemeckis. Nach der Jahrtausendwende kamen viele der Filminnovationen tatsächlich auf den Markt oder stehen kurz vor dem Durchbruch: sensorgestütztes smartes Wohnen mit Sprachsteuerung, gläserne, smarte Brillen, 3D-, VR- bzw. Hologramm-Entertainment, Drohnen und selbstfahrende Autos,  Videokonferenzen, intelligente, anpassbare Kleidung. Selbst das schwebende Hoverboard verwirklichte der japanische Lexus-Konzern mit gekühltem Flüssigstickstoff auf einer Skaterbahn in Barcelona – so oder so ein medienwirksamer PR-Coup.
  • Der tschechische Literat Josef Čapek erdachte 1920 das Wort „robot“. Dessen Bruder Karel hatte in seinem Theaterstück „R.U.R. – Rossums Universal-Robots“ menschähnliche Wesen auftreten lassen, die zuvor als künstliche Arbeiter in Tanks gezüchtet wurden. Als die Roboter für die Menschen Frondienste und Zwangsarbeit verrichten müssen, revoltieren sie. Der Traum vom künstlichen Menschen wurzelt bereits in der hebräisch-jüdischen Legende vom Golem.

 © IBM Watson: Jeopardy-Quiz

Roboter und Künstliche Intelligenzen in der realen Welt

1954 wurde das erste Patent für einen Industrieroboter angemeldet. Humanoide Maschinen bevölkern inzwischen unser gesamtes Leben: als Putz-, Service- und Spielzeug-Roboter, Medizin- und Pflege-Roboter, Forschungs- und Erkundungsroboter, Militär- und Sex-Roboter. 

Im Mai 2017 präsentierte Google auf seiner Entwicklerkonferenz I/O seine Vision von der künstlichen Intelligenz: From Mobile First to AI First. AI (Artificial Intelligence), also künstliche Intelligenz, soll uns überall unterstützen, allgegenwärtig und jederzeit ansprechbar sein. Alles ist vernetzt und smart: zu Hause und unterwegs, im Auto, beim Sport, auf dem Smartphone und der Armbanduhr.

Menschlich aussehende Roboter erobern sich unsere Bewunderung und  Sympathien. Im Technikmuseum Berlin führte Roboter Tim durch die Ausstellung, beim Hamburger Rathausdinner hielt Nao eine blecherne Ansprache, auf der Reisemesse ITB begrüßte ChihiraKanae die überraschten Gäste. Im Jahr des Reformationsjubiläums 2017 will Roboter BlessU-2 Besuchern der Reformationsweltausstellung in Wittenberg mit segnenden Sprüchen Denkanstöße geben.

Die künstlichen Intelligenzen lassen ihren menschlichen Gegnern in vielen Denk-Disziplinen keine Chance mehr, sie sind dem Menschen klar überlegen ist – bei Tempo, Präzision und kognitiver Leistung:

Trailer zum Film Alpha Go Movie

Neue Jobs und alte Arbeitswelten

Die Vereinten Nationen haben inzwischen in ihrer internationalen Arbeitsorganisation eine Kommission zur Zukunft der Arbeit eingerichtet. Sie untersucht, inwiefern KI neue Tätigkeitsfelder und Chancen für Menschen schafft und anderseits traditionelle Jobs vernichtet. Auch die Harvard Universität erforscht, wie sich unsere Arbeitswelt durch KI verändert und wer vom Wohlstand durch intelligente Maschinen profitiert. Harvard-Wirtschaftsprofessor Richard Freeman appelliert: “Wir alle müssen diese neue Technologie besitzen, damit die Profite und Einnahmen einer breiten Masse zugutekommen, statt nur einige Milliardäre noch reicher zu machen. Denn die Besitzer werden die Gewinner sein.” (Quelle: Euronews)

ChatBot-Assistentin mit Persönlichkeit und Emotionen

In der US-amerikanischen Anwaltsserie Suits erscheint in Staffel 6 die künstliche Intelligenz DONNA. Wie ihr Vorbild, die gleichnamige menschliche Chefsekretärin, weiß auch die leblose Donna auf jede Frage die passende schlagfertige oder einfühlsame Antwort. Sie reagiert intelligent, humorvoll, ironisch, emotional. Soweit die Fiktion! 

Im realen Leben können künstliche Intelligenzen noch kein Mitgefühl zeigen. Doch Konversation treiben und begrenzt empathisch reagieren die neuen Assistenten schon heute. Das spanische Unternehmen HUTOMA programmiert intelligente ChatBot-Assistenten mit Persönlichkeit, die sich selbstlernend an den Nutzer, seine Gewohnheiten und Vorlieben anpassen kann. Chatbots werden derzeit im Kundenservice eingesetzt, können z. B. das Schreiben von Briefen übernehmen, als Reise-Assistenten Tipps für Hotels, Restaurants, Sehenswürdigkeiten und Abendvergnügungen geben und Buchungen regeln.

Inspirierende Roboter und beratende Chatbots  

Roboter können uns auch inspirieren, z. B. zu krafttankenden Pausenaktionen und zu meditativem Nichtstun. Das zeigten Künstler mit ihren originellen Maschinen-Installationen Kreative Robotik auf der Ars Electronica 2017.    

Nach Auskunft der Hamburger Agentur TrendOne soll sich der Vorstand des Investmentunternehmens Deep Knowledge Ventures in Hongkong bereits bei wichtigen Entscheidungen von einem Algorithmus (VITAL) beraten lassen. Es geht dabei um die Bewertung von Start-ups sowie um Marktanalysen bei Investitionen in Unternehmen, die im Gesundheitswesen tätig sind.

Die japanische Finanzgruppe Sumitomo Mitsui hat einen App-Bot entwickelt, der Fragen von Kunden direkt beantworten kann. So weit, so gut. Ein anderer Bot wird Telefonverkäufern des Unternehmens zur Seite gestellt. Er soll ihnen während des Kundentelefonats Antworten empfehlen und quasi einflüstern, um Kunden gezielt zum Vertragsabschluss zu überreden. Basis sind bereits aufgezeichnete Gespräche, die zuvor nachweislich zum Erfolg geführt haben.

Auch in der Personalberatung werden Chatbots genutzt. Das US-amerikanische Startup Wade & Wendy befragt mit der Künstlichen Intelligenz „Wade“ Bewerber nach ihren Vorlieben und Erfahrungen und schlägt ihnen regelmäßig passende Beschäftigungsmöglichkeiten vor. Die KI „Wendy“ berät Unternehmen, integriert in die Kooperationsplattform Slack, und soll für jedes Projekt geeignete Kandidaten finden.

Effizienz und Effektivität

Künstliche Intelligenzen dienen als Mittel der Effizienz, aber auch der Effektivität, wie die Befürworter versichern. Software lasse sich nicht von Sympathien, Vorlieben oder Vorurteilen leiten. Die Bewerber sollen chancengerecht und unvoreingenommen bewertet werden, unabhängig von Geschlecht und Alter, von kultureller und sozialer Herkunft. Ob sich damit die besten Kandidaten finden werden, wird die Praxis zeigen. Skepsis ist angebracht. Wenn Vorhersagen nach statistischen Wahrscheinlichkeiten getroffen werden, wird die Entscheidung über geeignete Jobanwärter am Ende vielleicht doch einseitig ausfallen. Wer wird die Prüfung nicht schaffen? Wer wird häufig krank? Wer kann die Kreditrate nicht zahlen? Wer wird straffällig? Es ist eine Frage der Ethik, welche Entscheidung der Computer treffen oder was der Mensch lieber selbst entscheiden soll.

Ethik und Gewissen: Unser Handeln hat Folgen!

Mit ihren fiktionalen Zukunftsentwürfen habe Künstler und Kreative stets auch gemahnt, dass wir bei allen Utopien die Folgen unseres Handelns im Blickfeld behalten. Die britische Science-Fiction-Serie „Black Mirror“ präsentiert seit 2011 mögliche Erfindungen der Zukunft und stellt dazu ethische Fragen. Welche sozialen, kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Folgen haben künstliche Intelligenzen für uns Menschen? Wie wirken virtuelle Scheinwelten, mediale Hetzjagden auf reale Menschen und Cartoon-Helden als Präsidenten? Die Episoden führen uns bizarre Konsequenzen unserer hochtechnologisierten Zukunft vor Augen. Es geht um Verantwortung und die Ambivalenz von Technik: Vergnügen oder Unbehagen? Was passiert, wenn die größten Innovationen der Menschheit auf dunkle Instinkte treffen? Retten neue Technologien die Welt oder wieder nur Macht und Profit von einigen wenigen?

Haltung

Wie und wofür setzen wir unsere Kreativität ein? Bei der Beantwortung dieser Frage geht es um innere Haltung. Wir müssen uns auch über die Folgen unseres Handelns bewusst werden. Kreativität besteht nicht nur in ästhetisch-gestalterischen Kompetenzen, sondern auch um unsere Gewissenhaftigkeit. Aus gutem Grund entscheidet über den Start eines gentechnischen Projektes eine Ethikkommission. Bei der Entwicklung von künstlicher Intelligenz, Biohacking, bei transhumanistischen Selbstversuchen und Kryonik-Experimenten steht eine vergleichbare Kontrollinstanz noch aus. Die Konsequenzen sind derzeit nicht absehbar. 

Unternehmenskultur

Inzwischen kann Künstliche Intelligenz auch prüfen, ob ein Kandidat in das Team passt. Bisher war das auch mit mehreren zeitintensiven Bewerbungsgesprächen schwer zu beurteilen. Als Basis für das datengestützte Verfahren nutzt nun das Berliner StartUp Bunch das Modell Organisational Culture Diagnosis von Charles O’Reilly von der Stanford University. Jedes Team im Unternehmen füllt zunächst einen 5-minütigen virtuellen Fragebogen aus, der sechs Kriterien aus O’Reillys Modell abbildet: Ziel- und Detailorientierung, Kollaboration, Kundenorientierung, Integrität und Anpassungsfähigkeit. Anschließend füllt jeder Bewerber den identischen Fragebogen aus. Bunch vergleicht nun die Ergebnisse des Bewerbers mit den Resultaten des Unternehmens. Auf diese Weise entsteht ein umfassendes Kandidatenprofil mit Verhaltenstendenzen und ein bewertendes Fazit, wie gut ein Kandidat zum Unternehmen bzw. zum Team passt. 

Lern- und Entscheidungswege von KIs

KIs sind häufig black boxes, d. h. man weiß nicht exakt, wie die KIs zu ihren Ergebnissen gelangen. Die Lern- und Entscheidungswege sind für Forscher nicht immer nachvollziehbar. Bei der Bewertung von Pro- und Contra-Argumenten (Argumentation Mining) wurde beobachtet, dass die KI Argumente mit Zahlen und Statistiken höher  bzw. stärker gewichtet als ethische Begründungen. Wohin es führt, wenn Algorithmen mehr Glauben geschenkt wird als unserem gesunden Menschenverstand, zeigt der Hochfrequenzhandel an den Börsen. Der Forscher Klaus Mainzer, Experte für Komplexitätsforschung und Künstliche Intelligenz (KI) an der TU München, fordert daher: „Wir Menschen müssen das Wissen, wie unsere Technologie prinzipiell funktioniert, behalten. Alles andere wäre sehr leichtfertig.“ 

Mehr zum Thema: Die menschliche Seele: Eine Novelle über Kreativität und künstliche Intelligenz

Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) hat eine Open-Innovation-Plattform gestartet für eine Debatte über Intelligente Vernetzung. Wissenschaftliche Texte zu Themen der KI und des Maschinellen Lernens veröffentlicht Apple auf seinem Blog Machine Learning Journal.