Wie lassen sich kreative Leistungen finanzieren?

 © Siegfried Fries, pixelio.de

Damit Ideenschöpfer und Urheber auch zukünftig (über-)leben können, müssen realistische Finanzierungsmodelle geschaffen werden. Lizenzen haben sich in der Kultur- und Kreativwirtschaft für die meisten Freiberufler und Kleinstunternehmer als nicht tragfähig erwiesen, siehe spotify, audible, youtube, netflix usw. Aus gutem Grund wird der Ruf nach Transferabgaben für bestimmte Technologien lauter, gefordert werden z. B. eine Transaktionssteuer für Kapitalgeschäfte, eine „Robotersteuer“ für die Automatisierung und Digitalisierung von Produktionsprozessen, ebenso eine Steuer für den Einsatz Künstlicher Intelligenz. Der Hintergrund: Lohn- bzw. Erwerbsarbeit wird gegenwärtig höher besteuert als Vermögenseinkommen ohne reale Wertschöpfung. Dazu erklärt Timotheus Höttges, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Telekom AG: „Wenn Produktivität zukünftig vor allem an Maschinen und die Auswertung von Daten gekoppelt ist, könnte die Besteuerung stärker auf den darauf beruhenden Gewinnen aufbauen und weniger auf der Einkommensteuer des Einzelnen.“ (Höttges 2015).

Wandel der Berufswelt

Existenzängste plagen längst nicht nur Kreative, Musiker, Fotografen, Autoren, Journalisten, Grafiker, Künstler, Designer … Auch klassische Wirtschaftsbranchen sind im Zuge der Digitalisierung von der Vernichtung von Arbeitsplätzen betroffen, z. B. Banken und Versicherungen, Verkehr und Industrie. Und so verwundert es nicht, dass das bedingungslose Grundeinkommen schon in den Vorstandsetagen und im Mittelstand diskutiert und befürwortet wird, z. B. von SAP-Chef Bernd Leukert, Siemens-Chef Joe Kaeser, Telekom-Chef Timotheus Höttges und von Götz Werner, dem Gründer und ehemaligen Geschäftsführer von dm-drogerie markt. Höttges sieht das Grundeinkommen als Antwort auf die Veränderungen in der Arbeitswelt: „Wir müssen unsere Gesellschaft absichern. Deswegen die Idee des Grundeinkommens […] Es könnte eine Lösung sein [… ] in einer Gesellschaft, die sich durch die Digitalisierung grundlegend verändert hat.“ (Höttges 2015)

Wer profitiert, muss zahlen

Solange Menschen von den Ideen Anderer profitieren, ohne dass die Ideenstifter ihre Grundbedürfnisse decken können, wird es keinen sozialen Ausgleich in der Gesellschaft geben. Wenn jeder teilt, was er selbst nicht zum existenziellen Überleben braucht, hat niemand das Gefühl, dass ihm etwas gestohlen wird. Der Philosoph Richard David Precht formuliert es mit Blick auf den sozialen Frieden so: „Wir müssen unseren Begriff von Arbeit neu definieren und so etwas wie ein Grundeinkommen einführen, sonst brechen uns die Binnenmärkte zusammen. Die Wirtschaft kann wohl kaum ein Interesse daran haben, dass es keine Konsumenten mehr gibt oder dass Millionen arbeitslos sind.“ (Precht 2014)

Roboter kaufen keine Roboter

„Autos kaufen keine Autos“, hat Henry Ford einmal gesagt. Auf für die Gegenwart ließe sich sagen: Roboter kaufen keine Roboter. Ohne kreative Inhalte werden die meisten digitalen Plattformen sinnlos. Derzeit profitieren vor allem diejenigen von der Wertschöpfung, die Hoheit über Datenströme besitzen. Doch nur wenn alle Menschen an Wertschöpfungsketten beteiligt werden und vom technologischen Fortschritt profitieren, bleiben Gesellschaften funktionstüchtig und friedlich. Nur dann bleibt Freiraum für Kreativität. Ein Modellversuch in der kanadischen Stadt Dauphin hat gezeigt, dass es einen deutlichen Zusammenhang zwischen bedingungslosem Grundeinkommen und verbesserter physischer und mentaler Gesundheit gibt. In dem vierjährigen Untersuchungszeitraum gab es spürbar weniger Arztbesuche aufgrund mentaler Probleme und weniger Diagnosen von psychischen Erkrankungen. Menschen, die ihren Beruf aus Berufung ausüben, sind zufriedener, gesünder und daher für die Volkswirtschaft erstrebenswert.

Arbeit als Lebenssinn?

Der niederländische Historiker Rutger Bregmann macht sich seit längerem darüber Gedanken, wie sich die beiden Hauptprobleme des 21. Jahrhunderts lösen lassen, dass durch die Digitalisierung industrieller Prozesse zunehmend Arbeitsplätze verloren gehen und nicht genügend neue geschaffen werden können. Dadurch stehe einerseits mehr Freizeit zur Verfügung, andererseits wachse im Westen die Kluft von Arm und Reich sowie in der Dritten Welt. Wir alle müssen diese Herausforderungen gesellschaftlich diskutieren und aushandeln.

Bedingungsloses Grundeinkommen

Im Zuge der Corona-Pandemie ist die Diskussion um das bedingungslose Grundeinkommen neu entfacht. Auch Bregmann plädiert für ein universelles Grundeinkommen, ebenso wie die EBI, eine Bürgerinitiative aller 27 Länder der Europäischen Union. Sie strebt 2021/2022 ein Quorum für ein bedingungsloses Grundeinkommen zu erreichen (aktueller Stand nach Ländern aufgeschlüsselt) und fordert die Europäische Kommission auf, aktiv zu werden und Vorschläge für bedingungslose Grundeinkommen in der gesamten EU zu machen. Ein interdisziplinär aufgestelltes Forschungsteam will jetzt in einem 3jährigen Pilotprojekt herausfinden, ob „ein Grundeinkommen das soziale Zusammenleben, die Vertrauenskultur in unserer Gesellschaft fördert“, formuliert Studienleiter Jürgen Schupp, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung e.V. (DIW Berlin) seine Hypothese. In Capital schreibt Autorin Claudia Cornelsen über ihre Erwartungen: „Etwas ohne Rückfrage, ohne Misstrauen, ohne Vertrag, ohne Erwartung geschenkt zu bekommen, das ist neu … Das Bedingungslose Grundeinkommen basiert auf einem positiven Menschenbild mit Eigenverantwortung und intrinsischer Motivation. Statt die Schwachen als autoritärer „Wohlfahrtsstaat“ zu bestrafen, investiert die staatliche „Zutrauensgesellschaft“ in die Stärken ihrer Bürgerinnen und Bürger.“

 © Mensch-Grundeinkommen

Erlebnisausstellung

Das Hamburger Netzwerk Grundeinkommen plant eine Wanderausstellung, um Diskussionen zum Thema breiter in die Gesellschaft hineinzutragen. Unter dem Titel Mensch Grundeinkommen will sie einen setzen Kulturimpuls setzen – mit einer phantasievollen und mobilen Erlebnisausstellung: “Sie soll die Menschen in ganz Europa berühren, inspirieren und zu einer aktiven Auseinandersetzung anregen, um über das Leben, die Arbeit und über die Schaffung eines Bedingungslosen Grundeinkommens nachzudenken.” Die Initiatoren treibt die Überzeugung, dass das Grundeinkommen Sicherheit und Freiheit verspricht und zugleich jeden Einzelnen persönlich und gesellschaftlich herausfordert: “Weder Verheißung des Paradieses noch Weg in die Katastrophe führt es weg vom Müssen und Sollen, hin zum Können und Wollen. Mit unserer Ausstellung möchten wir alle zu einer lebendigen Auseinandersetzung ermuntern.”

 

Buch-Tipp:

Rutger Bregman: Utopien für Realisten. Die Zeit ist reif für die 15-Stunden-Woche, offene Grenzen und das bedingungslose Grundeinkommen
Rowohlt Verlag, Reinbek 2017

 

 

 

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