Maskenpflicht und Abstand: Was Corona für die Kultur- und Kreativbranche bedeutet

 © TV Boy

Ein unsichtbares Virus legt unsere Welt lahm. Was den meisten erst Wochen später bewusst wird, greift ein Künstler prophetisch in einem Street Art auf: Er verordnet der Mona Lisa einen Mundschutz. Wird die Maske Kunst und Kultur schützen? Oder wird sie deren Träger und Akteure ersticken? Beides ist zum jetzigen Zeitpunkt offen. Klar ist: Künstler sind gerade in Krisenzeiten Seismografen und Impulsgeber für den Wandel in unserer Gesellschaft.

Kunst als Corona-Seismograf

4. März 2020: Es ist der Tag, an dem Spanien seinen ersten Todesfall meldet – infolge von Corona bzw. Covid-19. Ich bin in Barcelona. An einer Hauswand der Plaça de Sant Jaume entdecke ich eine Adaption der Mona Lisa, ein Street Art mit Mundschutz und Mobiltelefon. Das Bild ist nicht mehr ganz vollständig, schon etwa 3 bis 4 Wochen alt. Viele halten inne, fotografieren und spüren wie ich ein indifferentes Unbehagen. Das Street Art Befindlichkeiten auf, die unbestimmt in der Luft liegen. Wenige Wochen später ist der Lock Down Realität und mit ihm die tiefen Einschnitte in unser soziales, gesellschaftliches, kulturelles und wirtschaftliches Leben. Der Mundschutz ist inzwischen zum Sinnbild der Corona-Krise geworden. Ein zweischneidiges Hilfsmittel: Einerseits schützt es uns vor dem Virus, andererseits schottet es uns vor unseren Mitmenschen ab. Unsere Mimik lässt sich nur noch erahnen.

 © MassivKreativ: genäht von Sabine Ringel

Mobile Word Congress

Schon seit Ende Januar 2020 sind maskierte Menschen in den Medien präsent, doch der tödliche Hot Spot in China scheint noch in sicherer Entfernung. Das wird sich bald ändern. Aus Furcht vor der Ausbreitung des Virus sagen die Organisatoren am 12. Februar in Barcelona die Mobilfunkmesse „Mobile Word Congress“ ab, schweren Herzens. Rund 100.000 Besucher und 2.800 Aussteller hatten sich angemeldet. Die Messe ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, jedes Jahr bringt sie zwischen 400 bis 500 Millionen Euro in die Stadt. Als große Unternehmen aus Japan und Deutschland ihre Teilnahme absagen, u. a. die Telekom, ziehen die Veranstalter die Reißleine.

World Mobile Virus

Nach anfänglicher Sorglosigkeit und Überzeugung, es handle sich um ein rein chinesisches Problem, war die Angst Woche für Woche gewachsen. Mitte Februar 2020 gibt der Street Art Künstler TV Boy ihr ein Gesicht: die Mona Lisa. Unter dem Eindruck der abgesagten Mobilfunkmesse nennt er sein Straßenwandbild World Mobile Virus und übt Kritik an unserem unersättlichen mobilen Lebensstil. Vor allem die inflationären Reisen helfen dem Virus bei seiner Verbreitung. In Deutschland erfolgt der Lock Down am 11. März abrupt. Von einem Tag auf den anderen ist alles anders, für jeden, aber besonders für die freiberuflichen bzw. selbständigen Kunst- und Kreativschaffenden. Ihnen wird ein Tätigkeitsverbot auferlegt. Musiker, Sänger, Schauspieler und viele andere (siehe letzter Absatz) trifft es sofort und besonders hart. Sämtliche Live-Veranstaltungen werden auf ungewisse Zeit ausgesetzt oder abgesagt. Für das eng verwobene Wirtschaftsgeflecht der Branche hat dies schwerwiegende Folgen.

 © MassivKreativ

Lock Down für Kunst und Kultur

Nicht nur die „Lebenskünstler“, die von der Hand in den Mund leben, stürzt der Lock Down in Not. Auch die kreative Mittelschicht muss erkennen, dass es rasch an die Existenz geht. Umso mehr, weil das von der Bundesregierung rasend schnell verkündete Hilfspaket mit 50 Milliarden Euro die meisten Selbstständigen und Freiberufler nicht erreicht. Aus dieser „Soforthilfe“ des Bundes (einmalig bis zu 9.000 € für drei Monate) dürfen z. B. nur Betriebskosten geltend gemacht werden, wie Mieten, Strom, Telefon und Leasing. Doch diese Ausgaben sind bei Freiberuflern eher gering, so dass diese Soforthilfe nur von wenigen Kreativen abgerufen und genutzt werden darf. 

 © MassivKreativ: kulturelle Leere

Immaterielle Betriebsmittel

Was Politik und Verwaltung noch immer vermittelt werden muss: Solo-Selbständige in der Kulturszene haben „spezielle“ Betriebsmittel – abseits von Maschinen, Autos, Gewerbebüros usw. Die Betriebsmittel von Kreativen sind immaterieller Art: es geht um den eigenen Kopf und den Körper, aus dem die kreativen Leistungen entstehen, z. B. Ideen, Entwürfe, Konzepte, die auf „handwerklichen“, künstlerisch-kreativen und spielerischen Fähigkeiten basieren und dem Publikum vielschichtige kulturelle Erlebnisse ermöglichen. Ohne Unterstützung und Investitionen in diese „immateriellen Betriebsmittel“ können Kreativschaffende weder existieren noch schöpferisch tätig werden.

 © Frida Kahlo-Motiv, genäht von Sabine Ringel

Das „Kapital“ von Solo-Selbständigen  

Anders als die Bundespolitiker verstehen die Vertreter in den Bundesländern die Lebensrealität der Selbständigen besser. Sie setzen sich dafür ein, dass aus der Soforthilfe des Bundes auch Lebenshaltungskosten gedeckt werden können, so z. B. Niedersachsens Wirtschaftsminister Bernd Althusmann: „Es auf eine Sachkostenentschädigung zu begrenzen, erscheint mir nicht sinnvoll…Das Kapital der Soloselbständigen ist deren Arbeits- und Leistungsfähigkeit, also ihre physische Existenz, dass sie überhaupt da sind.“ (ab 1:01:17 NDR Info-Redezeit). Doch der Bund bleibt hart (Stand: 12.5.2020) und beschränkt die Soforthilfe weiterhin auf die Betriebskosten. Für Lebenshaltungskosten bieten einige wenige Bundesländer Pauschalsummen an (in Berlin 5.000 € und in NRW 2.000 €, allerdings sind die Töpfe nach wenigen Tagen aufgebraucht, viele gehen leer aus. Hamburg kann bis zuletzt 2.500 € auszahlen). Doch auch diese Summen reichen für die lange Phase des verordneten Tätigkeitsverbotes nicht aus.

Fazit zu den Hilfsprogrammen

Andreas Lutz, Vorsitzender vom Verband der Gründer und Selbstständigen Deutschland e.V. – VGSD – zieht am 10. Mai 2020 ein trübes Fazit zu den Corona-Soforthilfen, was ursprünglich von Politik und Verwaltung zugesagt und was davon (nicht) umgesetzt wurde: „Mein Urteil heute ist nicht ohne Bitterkeit: Ich sehe zentrale Versprechen – wie die auf den Verzicht der Vermögensprüfung – als gebrochen, selbst bei der Vergabe der Soforthilfe des Bundes hat der Staat ein unvorstellbares Maß an Rechtsunsicherheit geschaffen, so dass sich bis heute viele Betroffene nicht getraut haben, diese Hilfe zu beantragen. Statt die zum Schutz der Gesamtbevölkerung entstandenen Schäden solidarisch zu teilen, wurden die Selbstständigen damit weitgehend allein gelassen. Statt eines kraftvollen Signals, den von der Krise am meisten Betroffenen unbürokratisch zu helfen, bleibt bei uns der Eindruck, Erwerbstätige dritter Klasse zu sein, für die gut genug ist, was man Angestellten nicht zumuten möchte.“ (Quelle VGSD)

 © Kreative Deutschland

Künstler in Hartz IV abgedrängt

Die Bundespolitik verweist für die Sicherung des Existenzminimums auf das Jobcenter. Doch auch hier gibt es Hürden, insbesondere für den kreativen Mittelstand, der die guten Einkommensjahre verantwortungsbewusst zur Vorsorge genutzt hat. Das zum Sozialschutzpaket umgemünzte „Hartz IV“ können die meisten nicht in Anspruch nehmen, weil die mühsam angesparten Rücklagen für die Altersvorsorge (wenn sie in Aktien oder Bargeld investiert wurden und über 60.000 € bzw. bei Partnerschaften / „Bedarfsgemeinschaften“ über 90.000 € liegen ) erst aufgebraucht werden müssen (Mehr Infos zur Untauglichkeit des Corona-Sozialschutzpaketes für Kreativschaffende).

 © sumanley, Pixabay

Petitionen

Unter Kreativen regt sich starker Unmut, als klar wird, dass die entgangenen Honorare nicht mal ansatzweise ersetzt bzw. kompensiert werden. Sechs Petitionen machen die Runde, in denen Kreative und andere Selbständige wirksamere Soforthilfen fordern bzw. alternativ das Bedingungslose Grundeinkommen. Fast 1 Million Menschen unterzeichnen die Petitionen. Die openpetition des Sächsischen Countertenors David Erler trifft den Nerv vieler Kreativschaffender. Bis Mitte Mai 2020 unterzeichnen knapp 300.000 Menschen seinen Aufruf „Hilfen für Freiberufler und Künstler während des Corona-Shutdowns“. Visuell begleitet wird die Kampagne von der Mona Lisa mit Mundschutz, inspiriert von TV Boy nun in abgewandelter Form als Montage des Originals von Leonardo da Vinci unter dem Namen „sumanley“. Das Bild erscheint inzwischen wie eine Anklage. Mit dem von der Politik angepriesenen „Sozialschutzpaket“ (ALG2/Hartz IV) wollen sich die Kreativen nicht abspeisen lassen und dem eigenen Erstickungstod nicht untätig zusehen. In den sozialen Netzwerken erklären sie der Politik wieder und wieder, warum ALG2 nicht zu den Lebens- und Arbeitsrealitäten von Kreativschaffenden passt. Einer Initiative gelingt als ePetition Grundeinkommen 108191 mit über 176.000 Stimmen sogar der Einzug in den Deutschen Bundestag, wo nun in Kürze über das Grundeinkommen diskutiert werden muss.

 © genäht von Sabine Ringel

Corona als Lackmustest für Defizite

Covid-19 stellt gerade vieles in unserer Gesellschaft in Frage, vor allem unser Verhältnis zur Umwelt und unsere bisherige Wirtschaft. Die Corona-Krise fördert Mängel zutage, die schon lange vor Beginn der Pandemie hätten diskutiert werden müssen. Auch in der Kultur- und Kreativbranche gibt es Defizite. Sie zeigen sich in den oft prekären Arbeits- und Einkommensverhältnissen, in den exzessiven Reisen durch häufig wechselnde Auftrittsorte, in übermäßigem Energieverbrauch beim Gaming, Streaming und an Filmsets, Müll bei großen Musikfestivals, in umweltschädlichem Material sowie zu hohem Wasser- und Papierverbrauch im Industriedesign, im Messe-, Theater, Bühnenbau und in der Kunstproduktion u.a.m. (siehe auch Kultur Öko-Test). Andererseits vermag gerade die Kunst auf vielfältige Weise, uns auf Defizite aufmerksam zu machen und unser Handeln zu hinterfragen. Ein Widerspruch? Oder liegt im Zweifeln und Infragestellen gerade ihre große Kraft?

 © StephenKing April 3, 2020 

Kreativschaffende als Vordenker in der Corona-Krise

Kultur ist der Resonanzkörper für unsere Gesellschaft. Wir brauchen im Leben Widerhall und Reflexion, Zustimmung und Widerspruch, Horizontwechsel und Perspektiverweiterung. Das alles ist ohne Kunst und Kultur undenkbar! Künstler und Kreative sind Sinnstifter, Trostspender, Vordenker und Hoffnungsträger, besonders in Krisenzeiten. Musik und Filme, Bücher und Hörbücher, Tanz und Theater, Kunstwerke und Medien – all das hat immer, aber umso mehr in Quarantäne-Zeiten einen ganz besonderen Wert und sorgt sozusagen für „antivirale Effekte“, wie der Autor Stephen King am 3. April auf seinem Twitter-Account mit Nachdruck anmerkt (siehe Abbildung oben). Kunst und Kultur sind demokratierelevant und für die Gedankenhygiene überlebensnotwendig, um zuversichtlich und resilient zu bleiben.

Carsten Brosda beschreibt es so: Kultur zeigt „die Dimension des Sinns unserer Gesellschaft und unseres Zusammenlebens … Ich nehme eine unfassbare Leidenschaft von vielen Menschen im kulturellen Leben wahr und glaube auch, dass dieses Erleben des Verlustes (von Kultur durch Corona) ein Bewusstsein schaffen kann, das uns dabei hilft, dass wir in der Zeit danach die Verfügbarkeit von Kunst nicht so selbstverständlich erachten, wie wir es vielleicht vorher getan haben. Und damit auch nicht so nachlässig mit ihr umgehen. Sondern stärker ins Bewusstsein rufen, dass es eine gesellschaftliche Verantwortung ist, die Rahmenbedingungen für die Freiheit von Kunst und Kulturproduktion tatsächlich dauerhaft zu gewährleisten.“ (Quelle: DLF Kultur, Audioskript)

 © Kreative Deutschland

Agiles, kreatives und leidenschaftliches Handeln in der Corona-Krise

Obwohl viele Kreative um das eigene Überleben kämpfen, richten sie ihre Aufmerksamkeit sofort auf Problemstellungen der Corona-Krise und suchen nach Lösungsansätzen. Hier einige großartige Beispiele:

  • Kreative im sächsischen Augustusburg im Erzgebirge (ab 6:00) beraten in Bürger zum Thema Digitalisierung und entwickeln im Auftrag des Bürgermeisters eine Stadt-App für den Informationsaustausch – Deutschland.
  • Abwrackprämien für Websites statt für Autos (siehe oben): Der Bundesverband für Kultur- und Kreativwirtschaft „Kreative Deutschland“ entwickelt eine Slogan-Kampagne. „Wir sind überzeugt: wir brauchen jetzt neue Rezepte.“ Die Kreativbranche hat viele Ideen, wie es besser geht und möchte sie zusammen mit Unternehmen, Verbänden, Politik, Verwaltung, Stiftungen, Bildung und Zivilgesellschaft realisieren.   
  • Das Theater „Markant“ im niederländischen Uden und das Raumgestaltungsunternehmen „Tausch“ haben gemeinsam eine Corona-Wiedereinstiegsstrategie in Form eines Covid-19-Protokolls für größere Theater entwickelt. Damit könnten größere Theater eine Auslastung bis zu 70 % erreichen. „Es umfasst etwa dreißig Maßnahmen zur Risikokontrolle und Kontaminationsvermeidung. Die Methode wurde vom renommierten Prüfinstitut TÜV Nederland auf Machbarkeit und Risiken getestet. Der TÜV Nederland stellt ein Zertifikat aus, wenn ein Theater die Kontrollmaßnahmen zur Verhinderung einer weiteren Verbreitung des Virus nachweislich umsetzen kann. Die beigefügte 3D-Animation zeigt einen vom TÜV Niederlande zertifizierten Plan.“
  • Prominente StreetArt-Künstler*innen in Kalifornien lassen ihre Motive auf T-Shirts drucken. Die Erlöse gehen an notleidende Künstler*innen und an Obdachlose:   Auch in Deutschland können Künstler*innen durch den Kauf von T-Shirts unterstützt werden. Die Hälfte des Erlöses (10 €) geht an die Kunstnothilfe Elinor. Die T-Shirts sind laut Hersteller fair gehandelt: „Wir bedrucken zertifizierte T-Shirts aus 100% Bio-Baumwolle. Jedes Shirt wird auf Bestellung in Deutschland bedruckt.“ Hier bestellen
  • DULSBERG LATE NIGHT: Um mit seinen Schüler*innen während der Schulschließung verbunden zu sein und ihnen einen persönlichen Ankerpunkt zu geben, „erfindet“ der Hamburger Schulleiter Björn Lengwenus eine allabendliche youtube-Show. Sechs Wochen vom 23.3.-4.5.2020 steht jeder Abend unter einem anderen Motto. Die Sendungen werden immer kreativer und bunter. Mit viel Spaß und Leidenschaft bringen sich die Schüler*innen selbst ein – mit Ideen, Texten, Bildern, Fotos, Handyclips und Filmbeiträgen. In Live-Telefonaten erzählen sie aus ihren Kinder- und Jugendzimmern, wie ihr Tag verlief, von ihren Sorgen, Ängsten und Problemen, von ihren Freuden und Erfolgen, natürlich auch über das digitale Homeschooling. Es gibt eingespielte Grüße und Statements über Videobotschaften aus anderen Städten und aus aller Welt. Als „Show- und Headmaster“ wird Schulleiter Lengwenus von den Filmemachern Ole Schwarz, Martin D`Costa und Matthias Vogel der Kulturagenten Hamburg unterstützt. Dank ihrer Hilfe gibt es auch Filmberichte aus dem Stadtteil Dulsberg, mit dem die Schule immer in einem engen Austausch ist, mit den Bewohner*innen, mit Kultur- und Freizeitorten, mit Sportclubs, mit Unternehmen und anderen Institutionen. Genau so sieht es Björn Lengwenus: „Schule besteht nicht nur aus blankem Lernen!“ – sondern aus vielfältigen Lebens- und Alltagserfahrungen, aus Begegnungen, Gesprächen, Mitmenschen und ganz viel Kultur. Die Schule lebt vor, wie Schule sein sollte: ein Ort des lebendigen Lebens, der Teilhabe, der Wertschätzung, der Solidarität. Die Schule Alter Teichweg wurde mehrfach ausgezeichnet, u. a. von der Hamburger Handelskammer als „Beste Ganztagsschule Hamburgs“ und mit dem Hamburger Bildungspreis für das Projekt Filmfabrik Dulsberg. An der Schule lernen auch fast 300 Schüler*innen der angegliederten Eliteschule des Sports.
  • AFRIKA, Simbabwe: Künstler unterschiedlichster Sparten präsentieren auf der Plattform Moto-Republik ihre gemeinsamen kokreativen Auftritte über Facebook, z. B. Rapper und Filmemacher, Tänzer und Illustratoren, Poetry Slammer und DJanes. Besonders populär ist die „Bang Bang Comedy Game Show“. Alle KünstlerInnen erhalten Gagen für ihre digitalen Auftritte, finanziert über Simbabwes größte Kreativorganisation Magamba („Helden“) in der Hauptstadt Harare, die seit 2007 junge Menschen im Land inspirieren möchte, den Wandel im Land voranzutreiben (Film). Auch ein allmonatlicher Kunsthandwerkermarkt Hustler’s Market wurde ins Netz transferiert, die Produkte online gekauft und nach Hause geliefert werden. Besonders innovativ ist das datenjournalistische Projekt Open Parly, das Parlamentsdaten über soziale Medien, Technik, Apps, Online- und Offline-Plattformen zusammenführt, damit BürgerInnen mit Politikern in Austausch treten können. Bei den Moto Hacks Open werden neue bürgernahe technische Lösungen entwickelt, damit Bürger auf der Basis öffentlicher Daten fundierte Entscheidungen treffen können. EIN VORBILD FÜR DEUTSCHLAND…
    Vielen Dank an Leonie March von Weltreporter & Riffreporter für die inspirierenden Berichte aus Simbabwe bei Deutschlandfunk Kultur über die dortige Comedy-Szene und die Aktivitäten von Kreativen während der Corona-Quarantäne.

AUFRUF: Schickt mir gerne weitere Beispiele für kreative Ideen, um Probleme und Herausforderungen der Corona-Krise zu meistern: kreativ@MassivKreativ.de  

 © genäht von Sabine Ringel

Kulturelle Aufarbeitung von Corona, kollektives Gedächtnis

Das Museum Europäischer Kulturen (MEK) Berlin ruft unter dem Hashtag #CollectingCorona  Menschen in ganz Europa auf, persönliche Eindrücke, Gedanken und Zeugnisse einzureichen, um für künftige Generationen zu dokumentieren, wie sich der Umgang mit der Pandemie für Europäer*innen anfühlt.

Auch das Corona-Archiv der Universitäten Hamburg, Bochum und Gießen und der Körber-Stiftung sammelt als Public-History-Projekt Erlebnisse, Geschichten, Objekte und Artefakte zum Thema.

Die Schutzmasken sind rasch zu einem Mode-Accessoir geworden: Maskenpflicht zur Maskenkür machen. Das Deutsche Textilmuseum Krefeld will Corona-Schutzmasken prämieren und dokumentieren. Wer mitmachen will, kann ein Porträtfotos von sich mit einer selbst genähten oder gestalteten Maske per Mail an textilmuseum@krefeld.de

 © genäht von Sabine Ringel

Über die Schöpferin der abgebildeten Masken

Sabine Ringel steht stellvertretend für tausende kreative Nähkünstler*innen, die quasi über Nacht und aus dem Nichts mit viel Herzblut unzählige Masken gefertigt haben. Sabine Ringel nähte auf Bestellung und auch völlig selbstlos aus sozialem Engagement heraus, um Lücken auszugleichen und um Risikogruppen zu helfen. Für eine Seniorenresidenz in Niedersachsen spendete sie „Snutenpullis“, damit die Bewohner bald wieder Besuch empfangen können. Einer Musikband schenkte sie „Noten-Masken“ (Foto siehe oben). Einer Hamburger Firma überließ sie kürzlich ihre kompletten Restbestände und konnte den MitarbeiterInnen so über einen Masken-Engpass hinweghelfen. Danke, liebe Sabine, für Dein großartiges Engagement und dafür, dass die Deine kreativen Werke hier zeigen darf! 

Der StreetArt-Künstler und Schöpfer von „World Mobile Virus“

Die Mona Lisa mit Mundschutz stammt von dem Street Art-Künstler TV Boy alias Salvatore Benintende. Er wurde 1980 in Palermo geboren, wächst in Mailand auf, wo er bereits mit sechzehn Jahren beginnt auf der Straße zu malen. „Die Straße ist seit 1996 mein Museum“ sagt er. 2004 zieht er nach Barcelona, eröffnet ein Atelier und ruft die „Urban Pop Art“-Bewegung ins Leben. Seit 2008 tritt er als TV-Boy in Erscheinung. Ab 2011 entwickelt er eine neue Serie von urbanen Werken mit zeitgenössischen Politikern, historischen und öffentlichen Persönlichkeiten, die er neu interpretiert. 2017 erlangt er mit dem lebensgroßen Wandgemälde Love is Blind  große Popularität, das einen Kuss zwischen Messi und Ronaldo darstellt und wenige Tage vor dem San-Jordi-Tag und dem „Clasico“-Tag in Passeig de Gracia 1 angebracht wurde. Im Mai 2017, wenige Tage vor dem Treffen zwischen Trump und Papst Franziskus, erscheint in Rom ein weiteres städtisches Kunstwerk, ein Kuss zwischen einem teuflischen Trim und einem engelsgleichen Papst mit dem Titel „Das Gute vergibt das Böse“. Seitdem nennt ihn die Presse den „Graffitikünstler der unmöglichen Küsse“. Angela Merkel und Martin Schulz zeigt er als Hipster-Liebespaar, die durch die Straßen Berlins spazieren. Unter dem Eindruck von Corona entstehen 2020 World Mobile Virus und Love in the Time of Covid 19.

Impulsgeber für die Post-Corona-Zeit

Künstler und Kreative sind Betroffene und Leidtragende der Corona-Krise, aber ebenso kreative Problemlöser für die Zeit während der Krise sowie Vordenker und Impulsgeber für die Zeit danach. Genau deshalb sollten Politiker Künstlern und Kulturschaffenden aufmerksam zuhören. Sie finden nicht nur die richtigen Bilder, Worte, Bewegungen, Klänge, für das was unbegreiflich ist, wie Shakespeares Hamlet sagt: „Die Zeit ist aus den Fugen geraten!“ Sie finden zum anderen aber auch Ideen, Kreativität, Visionen, Vorschläge und Auswege aus Fehlentwicklungen, die sich in Zukunft nicht mehr wiederholen sollen.

AUFRUF an die Politik

Liebe Politiker*innen, wir möchten die Zukunft der Kultur gemeinsam mit Ihnen kokreativ denken, planen und entwickeln. Kultur- und Kreativschaffende aus allen Sparten und allen Kulturinstitutionen möchten und werden Ihnen als Diskussionsgrundlage passende Vorschläge und Strategien liefern, um
1) gemeinsam Masterpläne für Wiedereinstiegsszenarien in das Kulturleben zu entwickeln (unter Beachtung von Schutzmaßnahmen) und
2) um längerfristig zu sinnvollen Maßnahmen für ein Konjunkturprogramm für Kunst, Kultur und Kreativität zu gelangen. Dafür ist auch ein Kultur-Investitionsfonds nötig, wie vom Deutschen Kulturrat (und seinen Sektionen, z. B. Deutscher Musikrat) vorgeschlagen. Vorschläge für ein nachhaltiges  Konjunkturprogramm für die Kultur- und Kreativwirtschaft entwickelt das PCI – Promoting Creative Industries – das Netzwerk von 39 lokalen un regionalen öffentlicher Fördereinrichtungen für die Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland – gemeinsam mit dem Bundesverband der Kultur- und Kreativwirtschaft Kreative Deutschland. Es geht dabei um Ideen, wo und wie Finanzmittel zur Unterstützung der Szene sinnvoll eingesetzt werden sollten – für Projekte, für Kopfarbeit und Strukturen, für Hardware und Software. Zukunftspläne darf und sollte Politik nicht im Alleingang aufstellen. Es braucht dazu fachliche Unterstützung aus der Kultur.

Liebe Politiker*innen: Holen Sie Künstler, Kultur- und Kreativschaffende, ihre Netzwerke und Verbände an einen Runden Tisch!

Durch Corona vom Tätigkeitsverbot betroffene freie Berufsgruppen, insbesondere Kreative:

  • Autor*innen
  • Betreiber*innen von Fahrgeschäften / Losbuden / Marktbeschicker*innen
  • Bühnen-, Licht- und Tontechniker*innen
  • Comedians / Kabarett*innen
  • DJs, DJanes
  • Filmkünstler*innen, Filmemacher*innen, Kameraleute
  • Fotograf*innen
  • Freelancer*innen der Eventbranche
  • Grafiker*innen, Designer*innen
  • Honorarlehrer*innen an Musikschule / VHS / Erwachsenenbildung
  • Journalist*innen, die nicht tagesaktuell arbeiten
  • Kleinkünstler*innen / Entertainer*innen
  • Komponist*innen
  • Kunsthistoriker*innen in Museen und Ausstellungen
  • Lehrkräfte für Integrationskurse / Politische Bildung / DAZ / Sprachlehrer*innen
  • Mitarbeiter*innen der Sicherheitsbranche (Absicherung v. Events, Konzerten u.ä.)
  • Mitarbeiter*innen in (gemeinnützigen) Vereinen
  • Mitarbeiter*innen in Clubs, Konzerthäusern, Theatern
  • Mitarbeiter*innen in der kulturellen Bildung für Erwachsene, Kinder und Jugendliche
  • Mitarbeiter*innen in Museen, Gedenkstätten
  • Musiker*innen
  • Musikpädagog*innen
  • Organisator*innen, die in Eigeninitative Events aller Art veranstalten
  • Puppenspieler*innen
  • Regisseur*innen
  • Restaurator*innen
  • Sänger*innen
  • Schauspieler*innen
  • Servicepersonal für Gastronomie in der Eventbranche
  • Stagemanager*innen
  • Tänzer*innen, Choreograph*innen, Tanzlehrer*innen
  • Veranstalter*innen von Festivals
  • Veranstaltungstechniker*innen
  • Zirkusartist*innen und -pädagog*innen
  • Schausteller*innen
  • ….

Und viele weitere freiberuflich und soloselbständig Tätige:

  • Näher*innen, u. a. auch die von Mundschutzmasken
  • Dozent*innen für Erste Hilfe, Notfalltraining, Brandschutz, 
  • Fahrlehrer*innen
  • Frisör*innen
  • Gastronomie- und Hotelmitarbeiter*innen
  • Mitarbeiter*innen im Gesundheitssektor: Osteopathie, Heilpraktiker, Fußpflege, Yoga, Physiotherapeuthen, psychologische Berater*innen…
  • Mitarbeiter*innen im sozialer Bereich, Jugendschutz, im Coaching
  • Mitarbeiter*innen für Haushaltwaren-, Kosmetik-, Textil- und ähnlichen Branchen (in Kaufhäusern)
  • Übungsleiter*innen Sport, für Erlebnispädagogik, Gesundheitstraining, Lehrkräfte Tai Chi/Qi-Gong
  • Vermieter*innen von Tourbussen

Schweine, Landleben und Politik: der Cartoonist Wolf-Rüdiger Marunde

 © Jerzy Sawluk, pixelio.de

Seine Schweine und seine Serie „Marundes Landleben“ haben den Cartoonisten und Illustrator Wolf-Rüdiger Marunde  bekannt gemacht. Marunde wurde in Hamburg geboren, ist später in ländlichem Umfeld in Schleswig-Holstein aufgewachsen und lebt seit 1988 im Wendland. Er hat für viele Print-Magazine gezeichnet, u. a. für Brigitte, Stern und Pardon. Bis heute erscheint ein wöchentlicher Cartoon von ihm in der HÖRZU.

 © MassivKreativ: Wolf-Rüdiger Marunde

Wandler zwischen Stadt und Land

In seinen lebensprallen Zeichnungen und Illustrationen nimmt Marunde häufig Bezug auf das Landleben. Seine Helden und Charaktere stammen  jedoch aus Stadt und Land, häufig Tiere, sehr oft Schweine, aber auch menschliche Zeitgenossen, wie Bauern, Jäger, Großstädter und Umweltaktivisten. Wenn beide Welten aufeinander treffen, ergibt sich „Zündstoff“. Im Interview erzählt Marunde, wie seine künstlerische Arbeiten entstehen, wie er recherchiert, kreative „Feldstudien“ betreibt und wie sein Tagesablauf aussieht.

  © Karl-Heinz Laube, pixelio.de

Themen zwischen Umwelt und Politik

Auch Umwelt und Politik thematisiert Marunde in seinen Arbeiten. Im Interview berichtet er, was für ihn das Besondere am Wendland ist, wie er die Anti-Atomkraft-Bewegung rund um Gorleben erlebt hat, wie die Kulturelle Landpartie – kurz KLP – einst begann und wie er heutige gesellschaftliche Entwicklungen und Probleme sieht. Marunde spricht auch darüber, welche Rolle Künstler in der Gesellschaft spielen, ob und wie sie sich politisch engagieren sollten.

  © MassivKreativ: Wolf-Rüdiger Marunde und Antje Hinz

 

PODCAST-INTERVIEW

Schweine, Landleben und Politik: der Cartoonist Wolf-Rüdiger Marunde

Bürgerteilhabe und Kreativität in Politik und Verwaltung

 © MassivKreativ

Trampelpfade machen verfehlte Verwaltung sichtbar. Wenn Bürger nicht gefragt werden, ignorieren sie die behördlich angelegten offiziellen Wege. Gelingt hingegen die Einbindung der Öffentlichkeit, führen Aktivitäten von Anfang an in die richtige Richtung. Doch dürfen eigentlich auch Beamte Bedenken äußern, wenn ihnen Entscheidungen von oben sinnlos erscheinen?

Darf ein Beamer zweifeln und selbst entscheiden?

  • „Fragen Sie mich doch mal, wie ich darüber denke! Fordern sie mich mehr heraus.“
  • „Ich würde sehr gerne einen Beitrag leisten, damit Verwaltung kreativer wird.“
  • „Ich bin seit 20 Jahren in dieser Organisation tätig und möchte gerne zur Veränderung beitragen!“

Kreativität, Innovation, Lebensfreude? Begriffe, die man mit Verwaltung eher nicht verbindet. Doch sie ist beweglicher als ihr Ruf! Behördenmitarbeiter wollen durchaus dazu beitragen, dass ein frischer Wind zwischen ihren Aktenordner weht. Aber viel zu selten werden sie beteiligt. Im Gegenteil: Meist werden teure Berater von außen geholt, die das System von innen nicht kennen und zu allgemeine Pauschallösungen von außen überstülpen wollen. Das sorgt bei den eigentlichen Mitarbeitern häufig für Frust!

Rahmenbedingungen und Methoden

Den Beamten fehlt einerseits der Freiraum, ihre Beobachtungen und Ideen zur Veränderung auszusprechen, andererseits aber auch das Handwerk, um Veränderungen umzusetzen. Deshalb haben der Stadtforscher Charles Landry und die Autorin Margie Caust das Konzept der kreativen Bürokratie entwickelt, benannt nach dem gleichlautenden Buch The Creative Bureaucracy. Es geht den beiden darum, nicht nur funktionierende Bürokratien zu schaffen, sondern auch kreative und innovative. Dafür braucht es besondere Rahmenbedingungen und Ansätze, spezielle Methoden und Strukturen.

Was läuft besser mit kreativer Bürokratie?

Eine offene, flache Kommunikation in der Verwaltung, eine Beteiligung und ein Perspektivwechsel begrenzen öffentliche Kosten, etwa bei der Verkehrsplanung, bei der Jugendbeteiligung in den Quartieren oder bei der Verständigung über Tourismus-Leitbilder. Fehlt das alles, dann mißlingen Projekte, etwa wenn externe Agenturen für Bundesländer austauschbare Slogan schmieden (z. B. Brandenburg: „Neue Perspektiven entdecken“). Teilhabe verringert geistige Einbahnstraßen, weckt Phantasie und Toleranz und erhöht die Akzeptanz von Entscheidungen. Wenn Kreativschaffende und Künstler beteiligt werden, kann das nur von Vorteil sein, wie die folgenden Beispiele zeigen.  

 © Bonn macht mit

Kreatives Bürger-Atelier in Bonn

Im Viktoriakarree in Bonn stoppte ein Bürgerbegehren den Verkauf von Grundstücken an einen Investor, der dort eine Shopping-Mall bauen wollte. Auf der Bürgerbeteiligungsplattform Bonn macht mit kann man die Aktivitäten der Initiatoren verfolgen. Das Künstlerteam CommunityArtWorks mit Daniel und Jennifer Hoernemann ergriff die Initiative, um sich innerhalb des weiteren Beteiligungsverfahren zu engagieren. Sie erhielten den Zuschlag und gründeten ein kreatives Bürgeratelier in der Innenstadt. Seitdem schaffen sie über künstlerisches Wahrnehmen, Denken und Handeln Raum für Kreativität und Fehlerkultur. Das Bürgerbeteiligungsverfahren zur Neugestaltung des Viktoriakarrees in Bonn läuft seit Herbst 2016 in Kooperation mit den Architekten von neubighubacher und den Stadtentwicklern von zebralog. Das Künstlerteam von CommunityArtWorks bearbeitet seit langem gesellschaftliche und unternehmerische Herausforderungen mit künstlerischen Methoden und Interventionen im öffentlichen Raum. Es greift mit dem „Büro für die Nutzung von Fehlern und Zufällen“ aktiv in Prozesse ein, fördert Kommunikation und Reflexion. Ich habe mit Daniel Hoernemann ein Podcast-Interview geführt:

 © CommunityArtWorks

KREATIVE für MV – Wettbewerb für soziale Innovationen und Dorfentwicklung

In Mecklenburg-Vorpommern hat Corinna Hesse den Wettbewerb „Kreative für MV – MV für Kreative“ initiiert und realisiert ihn mit mir gemeinsam als Projekt- und Workshop-Leiterin. Im Fokus stehen soziale Innovationen in ländlichen Regionen, die von kreativen Raumpioniere vorangetrieben und mit ihrer Unterstützung nachhaltig umgesetzt werden sollen. Die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung unterstützt das Modellvorhaben, das die Potenziale von Kreativen stärker bei der Gestaltung von Gesellschaft nutzen soll sowie auch bei lösungsorientierten Herausforderungen,  z. B. durch Perspektivwechsel und Querdenken, Mut und Experimentierfreude. Ministerpräsidentin Manuela Schwesig hat die Schirmherrschaft zugesagt. 

Corinna Hesse ist Sprecherin von „Kreative MV“ – Netzwerk der Kultur- und Kreativwirtschaft in Mecklenburg-Vorpommern und Verlegerin im Silberfuchs-Verlag: „Gesucht werden für den Wettbewerb zivilgesellschaftliche Projekte zwischen Kreativschaffenden und Bürgern.“ In interdisziplinären Kreativworkshops und Coachings vor Ort können Kreativschaffende und Bürger – angeleitet und unterstützt u. a. von Vermittlern wie Corinna Hesse und mir, Antje Hinz, – ihre Projektideen weiterentwickeln und verfeinern. Ich werde darüber hinaus redaktionell über das Projekt berichten. Ich bin überzeugt, dass ländliche Regionen von kreativen Ideen für ein sinnstiftendes Zusammenleben profitieren. 

Im Fokus des Wettbewerbs stehen künstlerisch-kreative Methoden für gesellschaftsgestaltende Prozesse, die auf besondere Herausforderungen in der Region eingehen. Die besten 3 Projekte werden von einer unabhängigen Jury ausgewählt und mit Projektmitteln von insgesamt 10.000 € unterstützt. Details zum Wettbewerb werden bei der KREATOPIA in der IHK Rostock bekannt gegeben, der Branchenkonferenz der Kultur- und Kreativwirtschaft in Mecklenburg-Vorpommern. 

 © MassivKreativ

Antibürokraten in Kopenhagen

Im dänischen Kopenhagen haben Wirtschafts-, Finanz- und Justizministerium das Innovationslabor MindLab gegründet. Die Mitarbeiter sollen den Alltag in der Metropole lebenswerter und kreativer machen. Sie begleiten Bürger bei Behördengängen und ermitteln deren Probleme beim Ausfüllen von Formularen. Sie hören den Bürgern zu und fragen direkt nach, was verbessert werden kann. 130 Projekte haben die Vordenker landesweit angestoßen, in den Bereichen Mobilität, Bildung und Wissensmanagement, bei der Integration von Migranten in den Arbeitsmarkt und der Müllvermeidung: Grüne Fußabdrücke auf Bürgersteigen, die den Weg zu Mülleimern zeigen, halfen dabei, den Abfall auf Straßen um beachtliche 40 Prozent zu reduzieren. 

 © Bonn macht mit

Nudge-Methode

Die US-amerikanische Regierung versuchte es 2008 unter Barack Obama, die britische Regierung 2010 unter David Cameron 2010 und ebenso die Bundesregierung unter Angela Merkel: Sie engagierten kreative Mitarbeiter für Verhaltenseinblicke (The Behavioural Insights Team), um mit der „Nudge“-Methode das Verhalten der Bürger auf vorhersagbare Weise zu beeinflussen, ohne dabei auf Verbote, Gebote oder ökonomische Anreize zu setzen. Die vom Staat eingesetzten Psychologen sollen Bürger mit kleinen „Anstupsern“ animieren, sich besser zu verhalten: Energie zu sparen, Steuern zu zahlen, für das Alter vorzusorgen, sich gesünder zu ernähren. Die Briten gehen derzeit der Frage nach, wie sich bei Bürgern Gewissenhaftigkeit, Verantwortung, Motivation, Kreativität und Offenheit am besten unterstützen lassen.

In Österreich erarbeiten Akteure aus Verwaltung, Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft im GovLab gemeinsam übergreifende Lösungsansätze. Die Erkenntnisse werden über Prototypen an andere Bürger weitergegeben. In der Schweiz unterstützt das gemeinnützige Staatslabor die öffentliche Verwaltung mit innovativen Lösungen. In die Modellprojekte sollen Bevölkerungsgruppen eingebunden werden, die in der Schweiz nicht über Stimm- und Wahlrecht verfügen.

Community als Spiel

Im US-amerikanischen Salem nutzt die Stadtverwaltung spielerische Ideen, um das heruntergekommene, brachliegende Viertel „Point Neighborhood“ neu zu beleben und von Müll zu befreien. Gamedesigner vom Institut EngagementLab entwickelten das Community-Spiel PlanIt, eine Mischung aus Kontaktbörse, sozialem Netzwerk, Umfrage-Instrument und Wettbewerb. Die Bewohner können sich über ihr Viertel austauschen und dabei Punkte sammeln: Motivation mit spielerischen Elementen. Dank Gamification übernehmen die Bürger mehr Verantwortung für Müll, während die Stadt Flächen für neue Geschäfte schafft und Zuschüsse für die Renovierung historischer Gebäude vergibt. Das Konzept wurde auch auf andere Orte und Projekte übertragen.

Rostock hilft

In Rostock übernahmen im September 2015 kurzerhand die Bürger das Ruder, als die Verwaltung mit den ankommenden Flüchtlingen überfordert war. Anfangs gab es Widerwillen gegen das bürgerliche Engagement, dann doch Anerkennung von Senator Steffen Bockhahn für die kreativen Ideen, der 2016 sagt: „Ohne die Zivilgesellschaft hätten wir es damals nicht geschafft.“ Akteure vom Verein Rostock hilft und vom Rostocker Kreativzentrum projekt:raum haben die Aktionen maßgeblich getragen, logistisch über digitale Einsatzlisten und Facebook organisiert und viele kreative Programme für Geflüchtete entwickelt, wie „Kochen über den Tellerrand“.

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Finding Places

Hamburg rief 2016 in Kooperation mit der HafenCity Universität und dem MediaLab des Massachusetts Institute of Technology (MIT) im Beteiligungsprojekt Finding Places zu 34 Workshops An einem interaktiven Stadtmodell konnten Bürger geeignete Orte für neue Flüchtlingsunterkünfte benennen. Eine Bürgerbeteiligung mit Lerneffekt, denn vielen wurde zum ersten Mal bewusst, wieviele Bestimmungen und Vorschriften im städtischen Raum zu beachten sind.

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Beteiligungshaushalt

Inzwischen entwickeln in vielen Ländern Städte und Gemeinden neue Konzepte und Handlungsempfehlungen für mehr Bürgerbeteiligung. Die Bewohner sollen bei Planungs-, Entscheidungs- und Umsetzungsprozessen mitentscheiden und mitwirken. In Porto Alegre in Brasilien entstand bereits Ende der 1980er Jahre ein Beteiligungshaushalt. Er räumt Bürgern Mitsprache bei kommunalen Ausgaben ein. Dieses Verfahren wird mittlerweile in unzähligen Kommunen praktiziert, zum Teil auch in Deutschland:

Potsdam – WerkStadt für Beteiligung:

https://buergerbeteiligung.potsdam.de/content/kontakt-werkstadt-fuer-beteiligung

Berlin – Büro für Bürgerbeteiligung:

https://www.berlin.de/ba-mitte/aktuelles/buergerbeteiligung/buero-fuer-buergerbeteiligung/

Hamburg – Bürgerbeteiligung und Stadtwerkstatt:

https://www.hamburg.de/stadtwerkstatt/

https://partizipendium.de/buergerbeteiligung-in-hamburg-2012-2016/

Ludwigsburg – Zukunftsbüro für nachhaltige Kommunalentwicklung:

https://kommunalwirtschaft.eu/tagesanzeiger/detail/i12472/c145.html

Hamburg und Kassel – Verbundprojekt für Digitalisierung „Civitas Digitalis“:

https://www.kommune21.de/meldung_26449_on.html