Kreative Genossenschaften: Einer für alle, alle für einen

© MassivKreativ, Berlin, Holzmarkt

„Zweifle nie daran, dass eine kleine Gruppe engagierter Menschen die Welt verändern kann – tatsächlich ist dies die einzige Art und Weise, wie die Welt jemals verändert wurde.“ Margaret Mead, US-amerikanische Ethnologin und Kulturanthropologin

Der Holzmarkt in Berlin-Friedrichshain ist ein bunter und charmanter Ort urbaner Kreativität. Vielfältig, inklusiv und sinnstiftend wirkt er  in die Metropole hinein, auch deshalb, weil das Kultur- und Manufakturquartier als Genossenschaft organisiert ist.

Leitlinien

Am Holzmarkt haben sich Menschen zusammengefunden, die eine Vision haben: sie wollen nach fairen Grundsätzen nachhaltige, soziale und kulturelle Projekte ermöglichen und unterstützen. Gemeinsam wollen sie beweisen, dass wirtschaftlicher Erfolg auch dann bzw. nur dann möglich ist, wenn mit Menschen und Ressourcen behutsam und verantwortungsvoll umgegangen wird. Und das gelingt am besten mit dem Genossenschaftsmodell. Im Manifest der “Genossenschaft für urbane Kreativität” vom 23.04.2013 heißt es:

“Die Genossenschaft ist dem Wohl Ihrer Mitglieder und dem Erhalt des Vermögens verpflichtet, strebt jedoch nicht nach einer Maximierung monetärer Renditen… Die Genossenschaft beteiligt sich mit Ihrem von den Mitgliedern eingezahlten Vermögen ausschließlich an Unternehmen und Projekten die den in diesem Manifest vereinbarten Kriterien entsprechen.”

© MassivKreativ, Berlin, Holzmarkt

Gemeinschaftsprinzip

Die Genossenschaft ist ein Lösungsmodell für Aufgaben und Probleme, die ein Einzelner nicht bewältigen kann, eine solidarische Gemeinschaft aber schon. Und so ist diese Organisationsform die Antwort bzw. die Alternative zu unserem aktuellen Wirtschaftssystem. Dessen Schwachstellen haben vermehrt zu Krisen und zum Reichtum einiger weniger geführt. Die Genossenschaft bietet demokratische Strukturen, weil sie die Interessen der Mitglieder in den Mittelpunkt stellt und damit den Wohlstand und die Lebensqualität vieler Menschen.

© MassivKreativ, Berlin, Holzmarkt

Gleichheitsprinzip

Die Genossenschaft ist auch ein Unternehmensmodell. Viele Kreativschaffende haben es bewusst für sich gewählt. Es zielt auf Teilhabe und auf die gerechte Verteilung der Gewinne, von denen auch die jeweiligen Regionen profitieren. In der Genossenschaft hat jede Person eine Stimme, unabhängig vom eingebrachten Kapital bzw. von den Genossenschaftsanteilen. Alle Mitglieder sind gleichberechtigt. Es gelten demokratische Kernwerte: Solidarität, Gerechtigkeit, Freiwilligkeit und der Leitspruch: „Einer für alle, alle für einen!“

© MassivKreativ, Berlin, Holzmarkt

Teilen als Selbstverständnis

Die sharing-economy hat der Idee des Teilens neuen Auftrieb gegeben: Wohnungen, Büros, Autos, Werkzeuge, Gärten, Konsum und Lebensmittel, Bücher, Kleidung, Finanzen – alles kann geteilt werden. Auch kreatives bürgerschaftliches Engagement, das „soziales Kapital“ schafft und damit enorme Bedeutung für die Volkswirtschaft besitzt. Es erspart dem Staat Kosten für Regularien und Hilfeleistungen zum Wohle der gesamten Gesellschaft. Gemeinschaften können Aufgaben
und Konflikte jenseits staatlicher Eingriffe auf der Basis von Wertschätzung und gegenseitigem Vertrauen lösen.

Zahlen und Statistik

Etwa jeder vierte Bürger in Deutschland ist heute Mitglied in einer Genossenschaft, etwa 21 Millionen Menschen. Weltweit sollen es in über 100 Ländern 800 Millionen sein. Wie modern, aktuell und lebendig dieses Organisationsmodell ist, hat die UNESCO-Kommission 2016 bekräftigt. Sie nahm die Genossenschaftsidee in die internationale Liste des immateriellen Kulturerbes auf. Neben Projekten für Wohnen, Öko-Landwirtschaft, Banken, Handel, Energieerzeugung und Krankenhäuser organisieren sich immer mehr Kreative in genossenschaftlichen Vereinigungen.

© MassivKreativ, Berlin, Holzmarkt

Kreativgenossenschaften

Genossenschaften bieten Freiraum, um Leben und Arbeit eigenverantwortlich und kokreativ zu gestalten und gemeinschaftlich von der Wertschöpfung zu profitieren. Vor allem – aber nicht nur – in städtischen Quartieren schließen sich Kreativschaffende zusammen, entwickeln Arbeits- und Probenräume für die freie Kunst-, Tanz-, Theater- und Musikszene, z. B. in Berlin im schon erwähnten Holzmarkt-Areal die „Genossenschaft für urbane Kreativität eG“, in Hamburg die Gängeviertel-Genossenschaft (seit 2010 eG) und die Wiese eG – ein Ort des Miteinanders in einer früheren Maschinenfabrik in Hamburg , der verschiedene Künste, Künstler*innen und Energien unter einem Dach vereint.

© MassivKreativ, Berlin, Holzmarkt

Mischnutzungskonzept

Die fux eG hat sich in der Viktoria-Kaserne in Hamburg zusammengefunden, nach langem Ringen gehört auch eine stillgelegte Schule in der Gartenstadtsiedlung Hamburg-Berne zur Genossenschaft. Den Erfolg soll wie am Berliner Holzmarkt ein Mischnutzungskonzept sichern – aus den Themenbereichen Kultur und Soziales. Geplant sind zum jetzigen Zeitpunkt im Sommer 2021 Ateliers, Räume für Musiker, Musikschullehrer und Darstellende Künste, eine Bühne, Gastronomie in Verbindung mit Kunst und Events. Auch das Thema Gesundheit soll eine größere Rolle spielen, angedacht sind Praxen für Ärzte, Psycho- und Physiotherapie sowie ein Yoga-Raum. Mögen viele weitere kreative Genossenschaften wie diese folgen.

Stadtentwicklung und Wohnen

Für die Belebung der Hamburger Innenstadt engagiert sich seit 2017 die Initiative Altstadt für Alle! – eine zivilgesellschaftliche Initiative, die getragen wird durch die Patriotische Gesellschaft von 1765, die Evangelische Akademie der Nordkirche und die Gruppe „Hamburg entfesseln!“ Gemeinsames Ziel ist es, Begegnungen und Austausch der Bürgerengagement im Stadtteil zu fördern. Aus dem gemeinsamen Engagement hat sich im Dezember 2018 die Genossenschaft Gröninger Hof eG gegründet, um das alte Parkhaus an der Katharinenkirche zu einem Wohnhaus umzubauen und aus bestehender Bausubstanz bezahlbaren Wohn- und Gewerberaum zu schaffen – nach dem Motto “Autos raus, Menschen rein”. Gleichzeitig sollen Wohnen, Arbeiten und Kultur miteinander verbunden werden. Eine vielfältige soziale Durchmischung der Nutzer*innen soll die gemeinschaftlichen Einrichtungen fördern und einer nachhaltigen Entwicklung dienen.

 © Hamburg, Groeninger-Hof.de 

Modellprojekt Elektrizitätswerk

Das ehemalige Elektrizitätswerk, das Kraftwerk Bille in Hamburg Hammerbrook, hat eine bewegte Geschichte. Im 2. Weltkrieg wurden weite Bereiche zerstört, ab den 1970er Jahren siedelten sich Kleinbetriebe an, u. a. Künstlerateliers, Lagerflächen, Fotostudios. 2011 wird das Gebäude als Zeugnis der Industriegeschichte unter Denkmalschutz gestellt. Mit städtebaulichen Veränderungen beginnen Vorbereitungen für Sanierungen und damit wachsen auch Begehrlichkeiten. Die kreative Zwischennutzung ist zunehmend gefährdet. Eine private Eigentümergesellschaft, die Kraftwerk Bille Hamburg GmbH, hat das Objekt erworben.

Der gemeinnützige Hallo: Verein zur Förderung raumöffnender Kultur e.V. plant daher derzeit die Gründung der Genossenschaft WERK eG.  Die Vereinsmitglieder möchten einen Gebäudeteil von der jetzigen privaten Eigentumsgesellschaft erwerben und betreiben: “Wir fordern von der Eigentümergesellschaft Kraftwerk Bille Hamburg GmbH den Verkauf eines mindestens 4.000qm großen Gebäudeteils des Kraftwerk Bille an die WERK eG zu einem fairen Preis”, heißt es dazu auf der Website des Vereins, der bereits 2015 gegründet wurde. Damit sollen Räume für Kunst und Kultur, Forschung, Produktion und Soziales geschaffen, dauerhaft gesichert und der Boden für Spekulation entzogen werden.

Der Hallo:Verein wirkt an der Schnittstelle zwischen Stadtteilkultur, Kunst und Stadtentwicklung. Im interaktiven Austausch loten die Akteur*innen Formen der Mitbestimmung bei der Stadtgestaltung aus. Dazu gehören  z. B. nachbarschaftliche und künstlerische Raumproduktionen,  Zwischennutzungen, wie die Künstlerproduzentenmesse P/ART, die HALLO: Festspiele sowie vielfältige Musik- und Theaterperformances. Die Akteur*innen wünschen sich für ihr lebendiges und kreatives Quartiers langfristig eine Mischnutzung mit Büros, Ateliers, Gastronomie, Produktion und Veranstaltungen. Mit einem eigenen Team wird außerdem das Projekt PARKS realisiert, um gemeinschaftlich Freiräume zu entwickeln.

 © MassivKreativ, Hamburg, Kraftwerk Bille

Das Kraftwerk Bille wurde 2021 vom Innenministerium als Nationales Städtebauprojekt ausgewählt und soll von Bund und Stadt Hamburg mit rund 9 Mio. € gefördert zu werden. Die geplante Genossenschaft WERK will in diesem Rahmen einen Gebäudeteil des Kraftwerk Bille von der jetzigen Eigentümergesellschaft ‘Kraftwerk Bille Hamburg GmbH’ gemeinschaftlich kaufen, sanieren und selbst verwalten: “In enger Kooperation mit dem Bezirk Hamburg-Mitte und weiteren städtischen Vertreter*innen soll das Konzept zu einem Modellprojekt für gemeinwohlorientierte Stadtentwicklung mit nationaler Strahlkraft weiterentwickelt werden.” (weitere Infos)

 © MassivKreativ, Hamburg, Kraftwerk Bille

 © MassivKreativ, Hamburg, Kraftwerk Bille

Wir sind Kultur: Alltagskultur und unser immaterielles Kulturerbe

Wir sind Kultur: Alltagskultur und unser immaterielles Kulturerbe

© MassivKreativ, Antje Hinz

Unsere Welt ist global und virtuell geworden. Doch digitale Erlebnisräume können echte, reale Erfahrungen in einer Gemeinschaft nicht ersetzen. Ohne sie wird unser Leben schnell öde und sinnentleert. Weltweit wird nun nach „lebendigen“ kulturellen Praktiken und Ausdrucksformen gesucht, nach Alltagskultur und gemeinschaftlichen Erlebnissen, unserem „immateriellen Kulturerbe”. Es zeigt auf vielfältige Weise “Wir sind Kultur!”

Traditionelles Wissen weitergeben

Die Sicherheiten in unserem Leben schwinden. Was gestern innovativ war, ist heute veraltet. Was morgen kommt, ist nicht vorhersehbar. In einer Welt voller Ungewissheiten suchen wir nach Bodenhaftung und Stabilität, nach Gemeinschaft und Selbstvergewisserung. Doch unsere Gesellschaft ist technikverliebt. Nichttechnologische Ideen und handgemachte Leistungen werden unterschätzt. Traditionelles Wissen gerät aus dem Blickfeld. Kreative Leistungen und Konzeptideen werden selten vergütet, aber umso häufiger ohne Erlaubnis und schlechtes Gewissen kopiert. Soziales und ehrenamtliches Engagement wird gern gesehen, aber zu wenig wertgeschätzt (siehe weiter unten Citizen Science).

© Sylvia-Verena Michel, Pixelio
UNESCO-Siegel “Immaterielles Kulturerbe” für das jährliche friesische Biikebrennen am 21. Februar

Initiative der UNESCO

Zur gesellschaftlichen Bewusstseinsförderung hat die UNESCO 2003 das Übereinkommen zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes (IKE) verabschiedet. Die Konvention soll dazu beitragen, das weltweit vorhandene traditionelle Wissen und Können zu erhalten. Mehr als 160 Staaten sind der Konvention inzwischen beigetreten. Bereits 1982 heißt es in der Deklaration der UNESCO-Weltkonferenz über Kulturpolitik in Mexico City: “Kultur kann in ihrem weitesten Sinn als die Gesamtheit der einzigartigen geistigen, materiellen, intellektuellen und emotionalen Aspekte angesehen werden, die eine Gesellschaft oder eine soziale Gruppe kennzeichnen. Dies schließt nicht nur Kunst und Literatur ein, sondern auch Lebensformen, die Grundrechte des Menschen, Wertsysteme, Traditionen und Glaubensrichtungen.” 
Im bundesdeutschen Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes stehen derzeit 126 Einträge (Stand: Frühjahr 2021) und zahlreiche Erhaltungsprogramme (Gute Praxis-Beispiele). Jedes Jahr kommen weitere Kulturformen hinzu, so wird das Verzeichnis stetig wachsen und die Vielfalt kultureller Ausdrucksformen in und aus Deutschland sichtbar machen. Verschiedene staatliche Akteure der jeweiligen Bundesländer und die Deutsche UNESCO-Kommission entscheiden in einem mehrstufigen Verfahren über neue eingereichte Anträge. Sie zeigen unseren Alltag in allen Facetten, z. B. das Hebammenhandwerk, das Mecklenburger Tonnenabschlagen, die Alltagskultur im Hamburger Stadtteil St. Pauli und die deutsche Friedhofskultur.

  © MassivKreativ.de

Ergänzung zum materiellen Weltkulturerbe

Im englischen Sprachraum ist das „immaterielle Kulturerbe“ weniger sperrig. Hier heißt es „intangible cultural heritage“ = „unberührbares Kulturerbe“. Ergänzend zum „berührbaren“ bzw. „materiellen“ Kulturerbe, wie z. B. den Bauwerken Kölner Dom, den Pyramiden und dem Tadsch Mahal, geht es der UNESCO auch um nichtmaterielle Leistungen. In die deutsche Liste schafften es bis 2015 u. a. die Brotkultur, das Morsen und Reetdachdecken, der rheinische Karneval, das friesische Biikebrennen sowie sorbische Feste und Bräuche, Falknerei, Singen im Amateurchor und moderner Ausdruckstanz.
Im März 2015 hatte Deutschland seine erste Nominierung für das internationale Verzeichnis der UNESCO eingereicht, für die sogenannte Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit: die Idee und Praxis der Genossenschaft. Gewürdigt werden alle Facetten des gemeinschaftlichen, demokratischen Entscheidens und Zusammenlebens, von denen es hierzulande vielfältige Beispiele gibt: Wohnungsbau- und Konsumgenossenschaften (z. B. REWE), Medien (z. B. taz), Bankgenossenschaften (z. B. Raiffeisen), Handwerker-, Land- und Forstwirtschaftsgenossenschaften, Energieversorger (Greenpeace energy), Krankenhäuser, Kulturzentren, Künstler- und Schülergenossenschaften.

Spiegelbild unserer Kultur

Die UNESCO möchte langfristig und nachhaltig unterschiedliche kulturelle Praktiken und Ausdrucksformen schützen: Traditionen, Rituale, Darstellungen, Wissen und Fertigkeiten. Um das begehrte UNESCO-Siegel können sich Musik- und Gesangsformen bewerben, Erzählungen und Dialekte, Tänze und Feste, Wein- und Gartenkultur, traditionelle Heilmethoden, Bau- und Handwerkstechniken sowie Gemeinschaften, die sich für die Verbindung von Kulturtraditionen und Natur engagieren. Ein konkreter Appell gegen Ignoranz und Vergessen ist darüber hinaus die “Liste des dringend erhaltungsbedürftigen immateriellen Kulturerbes”. Über Ziele und Sinn der UNESCO-Initiative sowie über das Siegel habe ich mit Benjamin Hanke gesprochen, Referent für das immateriellen Kulturerbe bei der Deutschen UNESCO-Kommission.

Traditionen und Werte als Lebenselixier

Warum brauchen wir überhaupt noch Traditionen und entsprechende Praktiken? Welchen Nutzen haben sie für uns? Während Bauwerke restauriert und konserviert werden, muss Immaterielles Kulturerbe lebendig bleiben und sich wandeln. Es wird von Gemeinschaften in sozialer Balance geschaffen. Sie sind Labore für eine zukunftsfähige Gesellschaft und für gemeinschaftliches, nachhaltiges Handeln! In einem Mikrokosmos leben die Akteure vor, was unseren Alltag lebenswert macht: Teilhabe, Geborgenheit, Sinnstiftung, Identität, Wertschätzung, Würde, Vertrauen, Empathie, Kommunikation, Austausch, Gemeinsinn, Selbstbestimmung, Hilfsbereitschaft, Engagement, Kontinuität, Motivation, Freude, Lebendigkeit, Vielfalt, Toleranz, Entfaltung und Entwicklung.

Identität und Kontinuität

Die Trägergemeinschaften, die immaterielles Kulturerbe schaffen, sind Treibhäuser für das WIR-Gefühl. Es sind zugleich Lern-, Erfahrungs- und Erlebnisorte sowie Erkenntnis-Labore für die aktuellen Herausforderungen. Es geht um grundlegende gesellschaftliche Fragestellungen: Welche Wurzeln haben wir? Welche Identität-(en) tragen wir in uns? Was prägt uns? Welche Werte sind uns wichtig? Welches Wissen möchten wir weitergeben?

Bürger schaffen Wissen: Citizen Science

Engagierte Bürger leisten als forschende Laien einen enormen Beitrag für unsere Gesellschaft. In Geschichtswerkstätten, Wissenschaftsläden, in Vereinen und Trägergruppen, sorgen Sie für die Aufarbeitung und Weitergabe von Wissen, um das sich die staatlich finanzierte Profi-Wissenschaft nicht kümmert. Mit hoher intrinsischer Motivation investieren Laien enorm viel Zeit und Herzblut,  um beispielsweise Vögel in ihrer Region zu zählen, Pflanzen der Umgebung zu bestimmen, die Geschichte des eigenen Stadtteils zu recherchieren, Zeitzeugen zu befragen und der nächsten Generation das erworbene Wissen zu vermitteln und weiterzugeben. Citizen Science zeigt vorbildhaft, wie lebenslanges Lernen schon heute Zwang oder Einwirkung von außen mit großer Wirkung erfolgreich praktiziert wird. Die Plattform Bürger schaffen Wissen zeigt ausgewählte Beispiele, wobei naturwissenschaftliche Projekte die Plattform zu Unrecht dominieren. Hier müssten die vielen kulturellen und geisteswissenschaftlichen Bürgerprojekte in Deutschland dringend nachgetragen werden!

© Rainer Sturm, Pixelio
UNESCO-Siegel „Immaterielles Kulturerbe“ für die deutsche Brotkultur und das Bäckerhandwerk

UNESCO-Bewerbungsverfahren

Damit eine Bewerbung für die Liste des immateriellen Kulturerbes in Deutschland erfolgreich verläuft, müssen konkrete Kriterien erfüllt werden. Der Antragsteller muss Mitglied einer sogenannten Trägergemeinschaft sein, die das Kulturerbe aktiv ausübt. Nur im fruchtbaren Klima gegenseitiger Wertschätzung können Ideen wachsen und gedeihen. Mit viel Zeit, Konzentration und Ausdauer perfektionieren die Akteure Fähigkeiten und Können. Mit Sachverstand und Leidenschaft geben sie ihr besonderes Wissen an neue Akteure weiter. Sie inspirieren einander, sorgen dafür, dass die Ausdrucksformen von einer Generation an die nächste weitergegeben. Das Erbe lebt von den Menschen, die es stetig neu gestalten und auch weiterentwickeln. In der Schweiz ist daher die Formulierung „lebendiges Erbe“ verbreitet.

© Dundu.eu

Innovation: Kulturerbe 4.0

Der Puppenbauer Tobias Husemann hat besonders eindrucksvoll beweisen, wie z. B. eine uralte Handwerkstechnik, das Flechten, mit Innovationskraft in die Gegenwart und Zukunft geführt werden kann. DUNDU heißen seine Großpuppen, bis zu fünf Meter groß, mit denen er bei spektakulären Auftritten weltweit die Herzen der Menschen verzaubert. ie mechanischen Gliederpuppen werden von mehreren Spielern geführt und bewegt. Mit ausgefeilter Technik sorgen sie dafür, dass im Auge der Betrachter die perfekte Illusion menschlicher Bewegungen entsteht. Die Puppen entstehen aus der Kunst des Flechtens, die auf der ganzen Welt verbreitet ist. Dundu bestehen aus einem besonderen (HighTech-)Geflecht, einem “Stoff, aus dem die Träume sind”, hat Erfinder Tobias Husemann in einem Interview gesagt (Quelle). Beim Flechten werden Materialien miteinander verbunden, um eine stabile Struktur zu schaffen. Über Generationen wurden unterschiedliche Flechttechniken überliefert, verfeinert und weiterentwickelt. Verbunden mit der Musik von Stefan Charisius, der auf der 21saitigen Stegharfe Kora aus Westafrika spielt, mit Licht- und Spezialeffekten sowie den Dundu-Großpuppen auf der Bühne entstehen unvergessliche Erlebnisse. 

Vielfalt

Die Trägergemeinschaften von immateriellem Kulturerbe müssen allen Menschen offen stehen. Sie sind Symbol dafür, dass „Wir. Echt. Bunt“ sind und unser immaterielles Kulturerbe unsere “gemeinsame Sache” ist. Der freie Zugang zur kulturellen Tradition ist wesentlich – ungeachtet von Alter, Herkunft, Religion und Weltanschauung. In den Trägergemeinschaften sollen sich Generationen und Geschlechter, Minderheiten und Benachteiligte, Kulturen und Religionen mischen.
Das Schützenwesen wurde zunächst NICHT in die Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen, weil es die christliche Tradition überbetonte und einem Bürger muslimischen Glaubens die Teilhabe verweigerte. Inzwischen wurde diese Entscheidung von den Schützen korrigiert und die Zusage für das Siegel von der UNESCO im zweiten Durchgang doch noch vergeben. Ausgrenzung und andere Verstöße gegen internationale Menschenrechtsübereinkünfte werden nicht geduldet.
Längst bereichern auch migrantische und transkulturelle Einflüsse das Alltagsleben in Deutschland. Sie bringen neue Impulse in die Diskussion um Heimat, Vertreibung und den Umgang mit der Natur. Das deutsche Verzeichnis soll nicht nur „deutsches“ Kulturerbe abbilden, sondern möglichst vielfältige Identitäten, Wissens- und Ausdrucksformen in unserem Land. 

Sorbische junge Frau_Spreewald 2008 140Schloss_Lübbenau_Kahn_Spreewald 2008 197 © MassivKreativ, Antje Hinz: Auch die Feste und Bräuche der Sorben im Spreewald wurden in die UNESCO-Liste aufgenommen.

© MassivKreativ, Björn Kempcke: 360-Grad-Ansicht des Spreewaldortes Lehde mit Freilichtmuseum (dafür direkt auf das Foto klicken)

Qualitätssiegel und Inwertsetzung: Fluch oder Segen

Städte und Gemeinden buhlen überall um zahlungskräftige Touristen. „Regiobranding“ ist in aller Munde. Städtische Akteure, lokale Verbände, Vereine und Initiativen suchen eifrig nach Wegen, um Heimat „in Werte“ zu setzen. Und so wird immaterielles Kulturerbe auch zum Standortfaktor. Die UNESCO verleiht an erfolgreiche Bewerber für die Liste ein Siegel, mit dem sie für nicht-kommerzielle Zwecke werben dürfen.

Offene Fragen

Die UNESCO ist sich der Gefahren bewusst und bleibt mit den Trägergemeinschaften im Gespräch. Sie wird aufmerksam beobachten, wer vom Siegel profitiert. Sollte es tatsächlich zu Kommerzialisierung und Massentourismus führen, zu Romantisierung und Qualitätsverlust, wird das Siegel auch wieder aberkannt, so die klare Ankündigung. Die Entscheidung könnte im Ernstfall schwer fallen, denn die Grenzen zwischen Kunst und Kommerz, Kitsch und Kultur sind fließend. Die Praxis wird zeigen, ob die Trägergemeinschaften mit ihrem bürgerschaftlichen Engagement unabhängig und selbstbestimmt bleiben können. 

Quellen und Inspirationstipps:

  • Themensammlung Immaterielles Kulturerbe der Deutschen UNESCO-Kommission
  • Literatursammlung der Initiative “ICMP – Intangible Cultural Heritage & Museums Project”

In Planung in Kooperation mit der Deutschen UNESCO-Kommission:

Wanderausstellung “Gemeinsame Sache: Unser Immaterielles Kulturerbe”

Inhaltliche Konzeption: Antje Hinz, MassivKreativ, Labor für gesellschaftliche Wertschöpfung 

Szenografie: Sven Klomp, Impuls-Design

Projektleitung: Annette Hasselmann,  Impuls-Design

https://youtu.be/_sX2vIDMrQ8