Kreativer Aufbruch in der „geliebten Stadt“ Lübz

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Die Farbe in den Hotelzimmern ist noch frisch. Aufbruch kann man im Landkreis Ludwigslust-Parchim riechen! In der Küche, im großen Tanzsaal und an vielen anderen Orten im ehemaligen Schützenhaus von Lübz wird noch emsig gearbeitet, Schutt abgetragen, neu gekachelt, Elektrik erneuert und immer wieder geputzt und gewienert. Angela Siemon hat sich in ein echtes Abenteuer gestürzt und gemeinsam mit ihrem mann Heinz die frühere Kulturstätte am Rande der Innenstadt übernommen. Ihr Eiscafé SL hat bereits jetzt geöffnet. Gemeinsam mit ihrem engagierten Team begrüßt Siemon Besucher und Gäste sehr herzlich. So auch die etwa 30 Teilnehmenden des KreativLabs von Kreative MV, dem Landesverband für Kultur- und Kreativwirtschaft in Mecklenburg-Vorpommern. Kreativakteure verschiedener Teilbranchen sind zum Austausch nach Lübz gekommen, um zu erfahren, wie sich die Stadt entwickelt hat und um ihre aktuellen Kunst- und Kreativprojekte vorzustellen. Bürgermeisterin Astrid Becker und Jan Salomon, Amtsleiter für Stadt- und Gemeindeentwicklung, unterstützen Angela Siemon nach Kräften bei ihren neuen Ideen und Aktivitäten.

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Treffpunkte schaffen

Angela Siemon weiß, wie wichtig ein Treffpunkt für das soziale Miteinander und das gemeinsame Essen und Trinken sind. Deshalb bietet sie verschiedene Köstlichkeiten in ihrem Restaurant und im Eiscafé an. Siemon möchte langfristig nicht nur den Gaumen verwöhnen, sondern auch Kopf und Herz mit vielfältigen Kulturveranstaltungen erfreuen. Das Haus soll zur quirligen Begegnungsstätte für Vereine, Kunsthandwerk und regionale Produkte werden.

Lebendige Zivilgesellschaft

Lübz ist eine „Geliebte Stadt“. Davon zeugt nicht nur ihr westslawischer Name, der auf den Gründer Lubec zurückgeht. Viele der gut 6.000 Bewohner sorgen mit Ideen und Tatkraft dafür, dass die beschaulichen Kleinstadt an der Elde liebenswert bleibt und für Einheimische und Gäste immer etwas zu bieten hat. Lübz liegt etwa 15 Kilometer östlich von Parchim entfernt und 15 Kilometer westlich von Plau am See.

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Vom Kunstspeicher zum Kunstzentrum

Julia Theek gehört zu den kreativen Motoren in Lübz, die zwischen ihren Wohnorten Potsdam und Mecklenburg pendelt. Am Ziegenmarkt in der historischen Altstadt hat sie leerstehende, denkmalgeschützte Geschäftshäuser saniert und mit neuem kreativen Leben gefüllt. Ihr wichtigstes Projekt ist der Lübzer Kunstspeicher. Hier bietet sie gemeinsam mit anderen Künstlern künstlerische Kurse und Workshops an. Bei längerfristigen Aufenthalten können Besucher in 12 Gästezimmern übernachten, die von Künstlern individuell gestaltet wurden. Im KreativLab erzählt Theek, wie sie in engem Austausch mit der Stadt angeregt hat, weitere leerstehende Gebäude im Rahmen eines Künstlersommers neu zu beleben. Nach einer Zwischennutzung sollen Künstlersommerateliers, eine Produzentengalerie, das „Zentrum für Zirkuläre Kunst“, sowie überregionale Upcycling-Projekte entstehen. Eine Schaufensterausstellung ist in der Kirchenstr. 19 und 20 von Mai bis Oktober 2020 zu sehen.

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Radio Lübz

Theeks jüngstes Projekt, das sie gemeinsam mit dem Mehrgenerationenhaus „Mobi“ realisiert, ist der regionale Podcast Radio Lübz. Darin führt sie Interviews mit Einwohner*innen, u. a. mit Bürgermeisterin Astrid Becker, erzählt Neuigkeiten über die Region und deren Geschichte und berichtet über ihre Kunstprojekte. Damit auch weniger technikaffine Einwohner*innen die Podcasts hören können, führt Julia Theek sie hin und wieder im kleinen Lübzer Planetarium auf.

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Mobile Generationen

Für mehr Zusammenhalt in der Region sorgt Angelika Lübcke mit „Mobi“, dem mobilen Mehrgenerationenhaus. „Mobi“ geht auf eine Idee des Jugendfördervereins Parchim-Lübz zurück und ist ein offener Treffpunkt für Besucher*innen aus Lübz und Umgebung. Menschen aller Generationen unabhängig von ihrer Herkunft können gemeinsam ihre Freizeit gestalten, voneinander lernen, sich gegenseitig helfen und sich für die Region engagieren. Lübcke möchte mehrere ehrenamtliche „Dorfkümmerer“ ausbilden, um mit ihnen gemeinsam weitere Angebote für mehr Lebensqualität zu entwickeln, z. B. Nachbarschaftshilfe, Dorfzeitung, Vorträge, Rückenschule und ein Vereinsregister.

Mobi wird mit Fördergeldern aus dem LEADER-Programm finanziert, mit Zuschüssen vom Amt Eldenburg Lübz, der Stadt sowie mit Spenden aus dem Rotary Club Parchim. Es ist eines von 550 Häusern, die über das Bundesprogramm Mehrgenerationenhaus des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert werden.

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Freiräume entwickeln

Weitere Potentiale der Stadt Lübz möchten Stefanie Raab, Inhaberin von coopolis, Planungsbüro für kooperative Stadtentwicklung in Berlin, und Corinna Hesse vom Kompetenzzentrum Kultur- und Kreativwirtschaft Westmecklenburg entwickeln, Auftraggeber ist Kreative MV, der Landesverband Kultur- und Kreativwirtschaft Mecklenburg-Vorpommern. Im Rahmen des neuen Projektes „Frei.Raum.MV“ sollen Prototypen für die städtebauliche Beratung von Kommunen zur Ansiedlung Kultur- und Kreativschaffender in Westmecklenburg entstehen. Leerstehende Immobilien sollen nicht verkauft, sondern umgenutzt und sanft saniert werden. Eine Chance bieten u. a. Erbpachtverträge. Auf diese Weise müssen Kommunen ihren wertvollen Stadtraum nicht aus der Hand geben bzw. später wieder teuer dazu kaufen, sondern könnten ihn für nachfolgende Generationen als Allgemeingut erhalten. Neben Ortsbegehungen mit verschiedenen Akteuren geht es im Frei.Raum.Projekt vor allem darum, verschiedenen Akteure und Interessenten miteinander ins Gespräch zu bringen, deren Bedarfe und Wünsche zu klären. 

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Naturbänke aus Granit

Nach dem kreativen Austausch in Lübz ziehen die Teilnehmer des KreativLabs weiter nach Kritzow, Ortsteil Benzin. Auch im Umland sind spannende künstlerische Projekte entstanden. Claudia Ammann lebt und arbeitet als Steinbildhauerin in Kritzow. Ammann hat u. a. in Zusammenarbeit mit dem Stadtbaumeister die Platzgestaltung in Lübz übernommen. Beim KreativLab warb sie für ihr neues Projekt „bancs publics“ (Parkbänke), gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen möchte sie vor dem Schützenhaus Granitsteine aus der Region bearbeiten und hofft auf eine unbürokratische Finanzierung.

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Theater trotz Corona

Ihre Tochter Sophie Maria Ammann lebt und arbeitet gemeinsam mit Alexander Altomirianos als Schauspieler in Berlin. Um den Wirren der Corona-Krise in Berlin zu entfliehen, brechen die beiden im Frühjahr 2020 ihre Zelte in der Hauptstadt ab und ziehen nach Kritzow / OT Benzin. Wie viele andere darstellende Künstler müssen auch sie sich mit Spielverboten bzw. -beschränkungen in geschlossenen Räumen arrangieren. Doch sie finden eine Lösung. Sie gründen das mobile TUR TUR Theater und erfinden das 2-Personen-Stück „Hans im Glück“, eine moderne Interpretation des Grimm’schen Märchens mit Pantomime- und Erklärelementen und vielen improvisierten Requisiten aus dem eigenen Hausstand. Das Stück soll vor allem benachteiligten Gruppen eine Auszeit vom Corona-Alltag bieten. Die beiden Schauspieler touren damit übers Land, spielen vor allem im Freien, auf Wiesen, Parkplätzen, vor Balkons, geben Aufführungen für Kinder, Senioren und Behinderte, die besonders von den Corona-Einschränkungen betroffen sind. Die selten gewordenen Live-Aufführungen werden vom Publikum sehr wertgeschätzt, wie z. B. beim Welziner Kultursommer. Unterstützt durch den Fonds für darstellende Künste „Global Village Ventures“ wollen Ammann und Altomirianos über den Winter ein neues Stück entwickeln.

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Kunst im Industriedenkmal

Der Künstler Ian Wiskow, eigentlich in Stralsund ansässig, möchte den Kunst- und Kulturtourismus in MV auch in Corona-Zeiten beleben und schickt mit ARTmv regionale Kunst auf Reisen. Für vier Wochen im August/September 2020 richtet Wiskow den DESIGN. markt. benzin aus, eine Plattform für das Kunsthandwerk mit Keramik, Glas, Schmuck und Metall. Einmalige Kulisse bietet dabei die historische Ziegelei Benzin, denn das alte Industriedenkmal wurde als Museum und Ausstellungsfläche umgenutzt. Fast 100 Jahre bis zur Wende wurden hier jährlich 1 Million Ziegel gebrannt. Der spektakuläre 60 Meter lange Ringofen für die Serienproduktion ist das Zentrum der kreativen Begegnung werden. 2021 soll ART-MV an mehreren wechselnden Orten stattfinden.

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Nachhaltiger Austausch

Fester Bestandteil eines jeden KreativLabs ist der lebendige und fruchtbare Austausch. Projektleiterin Corinna Hesse fragt und hakt nach:

  • Was braucht Ihr, um kreative Projektentwicklung am Standort MV durchzuführen?
  • Welche Partner, Kooperationen, regionale Bündnisse und Netzwerke sind hilfreich?
  • Welche Chancen sehr Ihr und findet Ihr vor?
  • Welche Hürden gibt es vor Ort und wie lassen sie sich gemeinsam überwinden?
  • Was sind die weiteren Schritte bei Euren Projekten?
  • Wo braucht Ihr Unterstützung bei der Finanzierung?

Fazit: Lübz bietet viel Platz für Ideen und für neue Kreativschaffende, die nach Entfaltungsmöglichkeiten suchen, nach Ateliers und Büros, nach Industriedenkmälern und Probebühnen.

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Informationen über Lübz

Lübz wurde im Jahr 1308 erstmals urkundlich erwähnt, erlebte einen Blütezeit im Mittelalter und einen Wandel bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts: aus der Ackerbürgerstadt wurde eine kleine Industriestadt – mit einer Brauerei, einer Molkerei, einer Zuckerfabrik, einem Elektrizitätswerk und einem Wasserwerk, in der DDR-Zeit kamen ein Milchzuckerwerk mit Molkerei und Käserei hinzu, ein Gemüsekombinat, ein Werk für Getreidewirtschaft, ein Agrochemisches Zentrum (ACZ) und Mineralwollewerke, die seit 1990 Dämmstoffe für das Unternehmen ISOVER produzieren. Wichtigster Arbeitgeber im Ort ist mit über 100 Beschäftigten die Mecklenburgische Brauerei Lübz, seit 2004 gehört sie zum Hamburger bzw. in Kopenhagen ansässigen Carlsberg-Konzern. Transformationen in der Wirtschaft führten vielerorts zu Leerstand, der nun mit Ideen und Impulsen von Kultur- und Kreativschaffenden und durch neue Nutzungskonzepte Schritt für Schritt abgebaut wird.

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Akteure und Projektvorstellungen:

Angela Siemon: Schützenhaus Lübz mit Eiscafé SL und Biergarten

Julia Theek: Upcycling, Radio Lübz, Lübzer Kunstspeicher 

Sophie Maria Ammann, Alexander Altomirianos: TUR TUR Theater (Benzin/Berlin)

Ian Wiskow (Stralsund): ARTmv / DESIGN. markt. benzin

Stefanie Raab und Corinna Hesse: Projektstart FreiRaumMV – kooperative Standortentwicklung in Westmecklenburg

Angelika Lübcke, Projekt „Mobi kommt“: Jugendfördervereins Parchim-Lübz

Claudia Ammann: Projekt „bancs publics“ (Kritzow/Benzin/Lübz)

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