Heimat(en) Teil 3: Theorie – Was Experten über Heimat denken, KUPOGE-Kongress Tag 1

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Beim 10. Bundeskongress der Kulturpolitischen Gesellschaft KULTUR.MACHT.HEIMATen im Juni 2019 wurde das Thema Heimat/en in nahezu allen Variationen, Perspektiven und Interpretationen „durchdekliniert. Die engagierten und oft hitzigen Debatten zeigten einerseits, dass die Veranstalter – neben der KUPOGE auch die Bundeszentrale für politische Bildung und der Deutsche Städtetag – das Thema klug gewählt hatten, selbst wenn einige Referenten und Podiumsgäste versicherten, dass sie mit dem Heimatbegriff nichts anfangen können. 

Theorie und Praxis

Zwei volle Tage diskutierten die Experten in einem dichtgedrängten Programm, das die Auswahl der Panels oft schwer machte. Nach offiziellen Grußworten wurden am Tag 1 vor allem Theorien, Modelle und Metaebenen des Heimatbegriffes diskutiert. Der Vormittag von Tag 2 stand im Zeichen vieler Praxisprojekte, präsentiert von „Heimatakteuren“ aus ländlichen Regionen. Der Nachmittag rückte die gewandelte Auswärtige Kulturpolitik der Bundesrepublik ins Blickfeld und den Themenkomplex „Kunst und Klima“ (siehe auch „Kulturpolitische Mitteilungen“ zum Thema Klimagerechte Kulturpolitik. )

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HEIMATen liegen in der Luft

Er sei zunächst skeptisch gewesen, als das Thema Heimat an ihn herangetragen worden sei, bekannte Gastgeber Thomas Krüger offen, seit 2000 Präsident der Bundeszentrale für politischen Bildung. Doch HEIMATen sei(en) zweifellos in der Gesellschaft präsent – nicht erst seit der „Angliederung“ des Heimatressorts an das Bundesministerium für Inneres und Bau. Immerhin ist die Bundeszentrale für politische Bildung dem Innen- bzw. Heimatministerium zugeordnet. Insofern gehöre der Dialog über HEIMATen verpflichtend zu den Aufgaben seiner Bundeszentrale, so Krüger. Heimat verstehe er als „kulturpolitische Herausforderung, die man nicht den Falschen überlassen dürfe“, mahnte er mit Blick auf rechtspopulistische oder gar rechtsextreme Kräfte in Deutschland. Durch Globalisierung und Neoliberalismus erlebt die Sehnsucht nach Heimat eine Renaissance. Krüger führte als ersten Impuls vier Sichtweisen auf den Heimatbegriff auf:

Welche Heimat-Betrachtungen gibt es?

1) eine kritische, die danach fragt, wer zur Heimat gehöre und wer nicht – ungeachtet der Entheimatung von Menschen

2) eine inklusive, die eine Heimat für Viele für möglich hält

3) eine romantische, die sich „mit Mehltau im Stadium der Unschuld“ bewege (Sehnsucht nach heiler Welt)

4) eine postutopische, die erst mit dem Untergang der DDR begonnen hätte  (Sehnsucht nach einer verlorenen Zeit, nach dem „Früher“)

Proust-Effekt

Wie man Heimat sehe, gehe häufig mit sehr persönlichen Erlebnissen und Gefühlen, einher, so Monika Grütters, Staatsministerin für Kultur und Medien. Das könnten auch Sinneseindrücke sein, wie sie am Beispiel von Marcel-Proust anführt. In seinem Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ erinnert sich der Erzähler beim Geschmack des Gebäckstück „Petite Madeleine“ – getunkt in Lindenblütentee –  schlagartig an die Vergangenheit, konkret an Stadt und Gärten von Combray. Heimaten seien also Erfahrungsräume.

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Das Eigene und das Fremde

Einerseits könnten mit dem Mangel an Heimat Identitäten verloren gehen. In Zeiten der Globalisierung wachse das Bedürfnis nach Heimat und Zugehörigkeit, was durchaus verständlich sei. Dennoch, und das war Konsens in Berlin, dürfe die Deutungshoheit von Heimat nicht den Rechtsextremen überlassen werden. Grütters betonte, wie wichtig es sei, auf gleichwertige Lebensverhältnisse ländlichen Regionen zu achten und den „Wert von immateriellen Kulturformen als Spiegel regionaler Besonderheiten und gemeinsamer Herkunft sichtbar zu machen. Nur wer das Eigene kennt und wertschätzt, kann auch dem Anderen und Fremden Raum geben, ohne sich bedroht zu fühlen.“ – so Grütters.

Heimat in der Kulturpolitik

Der Heimatbegriff birgt viel politische Macht. Da es Menschen mit und viele ohne Heimat gibt, kann der Begriff dazu führen, dass Menschen Grenzen ziehen:  zwischen denen, die  dazugehören und denen, die ausgeschlossen werden. Genau das kritisiert Bilgin Ayata, Assistenzprofessorin für Politische Soziologie an der Universität Basel. Zunächst präsentierte Ayata einen historischen Abriss darüber, wie der Heimatbegriff in der Geschichte verwendet wurde und zeigte auch Beispiele aus Deutschlands Kolonialzeit. Ayata bewertet den Heimatbegriff generell skeptisch, umso mehr in der Kulturpolitik. Es gehe dabei oft um Ausschluss und nicht um Zugehörigkeit. Als Beleg führt sie u. a. das wütende Buch „Eure Heimat ist unser Albtraum“ an, herausgegeben von Fatma Aydemir und Hengameh Yaghoobifarah. Vierzehn AutorInnen schreiben darin kritisch über persönlichen Erlebnisse und Beziehungen zur „Heimat Deutschland“ und die immer wiederkehrende Frage: „Wann geht’s zurück in die Heimat?“, obwohl ihre Heimat doch nachweislich Deutschland sei. Statt über HEIMATen zu diskutieren, forderte Ayata daher, gegen mangelnde Pluralisierung kulturpolitischer Einrichtungen anzugehen.

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Heimat als Sehnsuchtsort

Wolfgang Thierse, Bundestagspräsident a.D., beginnt seine überaus positive Interpretation von Heimat mit Zitaten des Filmregisseurs Wim Wenders: „Heimatgefühle, Heimatfilm, Heimatliebe, Heimatschutz … Jetzt auch noch ein „Heimatminister“! Ojemine!“ Und dennoch, so Wenders, Heimat sei ein Wort, das man gegen all die verteidigen muss, die damit Schindluder getrieben haben. Oder noch tun. Als Argument dafür, dass Heimat allen Bürgern in Deutschland wichtig sei, führte Thierse eine Allensbach-Studie an, nach der Heimatverbundenheit in allen Parteilagern gleich verteilt sei. „Ängste sind soziale und politische Realitäten, auf die wir reagieren müssen“, so Thierse. Dies nutze die AfD aus. Deutschland sei in zwei Zivilgesellschaften geteilt. Das hoheitliche Ringen um den Heimatbegriff sei eine „Reaktion auf die Enteignung der Lebenswelten“ (Oskar Negt). Soziologisch betrachtet sei jeder sozial Entwurzelte in gewisser Weise heimatlos. Zeitgemäße Heimatpolitik, so Thierse, müsse Leerstellen für die Gestaltung des sozialen Lebens lassen und all denen Freiraum geben, die heimisch werden wollen. Dafür stünden in unserer Gesellschaft viele „Räume von Gemeinschaftlichkeit“ zur Verfügung: Vereine, Verbände, das Ehrenamt und auch soziale Netzwerke.

Heimat inklusiv verstanden

In die anschließende Diskussion, moderiert von Vladimir Balzer, brachten sich zusätzlich Schriftstellerin Thea Dorn und der Bundestagsabgeordnete Karamba Diaby ein, der auch als Präsidiumsmitglied im Bund Heimat und Umwelt in Deutschland e.V. (BHU) sprach, bekräftigte Ayata ihre Position, man solle den Heimatbegriff nur privat und nicht im politischen Zusammenhang verwenden, es sei ein „irrationaler Begriff, der die politische Diskussion in die falsche Richtung führt.“ Mit dieser Position war sie auf dem Podium allein. Trotz rassistischer Anfeindungen fühle er sich in Halle seit vielen Jahren heimisch, so Diaby, und knüpfe dies vor allem an seine Frau, Kinder und Freunde. Er warb dafür, Heimat positiv zu besetzen, indem der Begriff inklusiv gedeutet und mit Leben gefüllt werde. Kommunen seien die Heimat der Menschen. Thea Dorn warb um Toleranz, bei Zugezogenen und Neubürgern (woher auch immer) keine Assimilation einzufordern, sondern den Anderen so sein zu lassen, wir er ist.

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Es gab auch Konsens auf dem Podium: Kulturpolitik müsse zum Gespräch einladen und Angebote zur Teilhabe schaffen, damit Menschen sich wiederfinden und identifizieren können. Eine Kongressbesucherin aus dem Publikum berichtete daraufhin von einer entsprechenden Anfrage an das Heimat- und Innenministerium – mit ihrer Erkenntnis, dass es dort keine Schnittmengen zur interkulturellen Arbeit gäbe. Enttäuschung herrsche auch darüber, dass Ausgrenzung und Rassismus im Alltag zu wenig diskutiert werde. Fazit: Wer Hindernisse im Alltag empfindet, sieht den Heimatbegriff kritisch.

Wem dient Heimat in der Postmoderne?

Ist Heimat nun ein Kampfbegriff von Populisten oder eine kulturelle Ressource der offenen Gesellschaft? Dazu hielt Dirk Baecker eine Keynote, Professor für Kulturtheorie und Management an der Universität Witten/Herdecke. Er referierte über Wechselspiele zwischen „group und grid“ (Gruppe und Netzwerk), Heimat und Fremde und die Frage, wie mit Gruppen mit einem Menschen umgeht, der das Netzwerk verlässt und in der Fremde nach neuen Impulsen sucht. Darf dieser Mensch zurückkehren oder nicht? Ist die Ursprungsgruppe offen für das, was der Zurückgekehrte aus der Fremde an Erkenntnissen und neuen Impulsen mitbringt? Wie wir uns für und gegen Netzwerke entscheiden, hat Auswirkungen auf Zugehörigkeit und Zuordnung, so Baecker.

Das Soziale und das Globale

Anschließend diskutierte Moderator Peter Grabowski in einer Podiumsrunde über diese Fragen: Welche Rolle spielt der „Sand unter den Sohlen“, die soziale Herkunft, für das eigene Heimatgefühl? Welchen sozialen Prozessen bin ich dabei ausgesetzt. Wie lassen sich Differenzen überwinden? Wie versucht Kulturpolitik hier zu intervenieren? Cornelia Koppetsch, Professorin für Soziologie an der Technischen Universität Darmstadt,  sieht Heimat als Möglichkeit der individuellen Aneignung kritisch: „Das klappt in bildungsbürgerlichen Gruppen, aber nicht in den abgehängten Gruppen … Wir können den Heimatbegriff nicht einfach so formen. Wenn Wahlbindungen nicht mehr funktionieren, werde ich auf meine Ursprungsheimat zurückgeworfen.“ Beate Mitzscherlich, Professorin für Pflegeforschung an der Westsächsischen Hochschule Zwickau, hat sich mit psychologischen Aspekten befasst, u. a. ist sie in der „Heimatpflege für alte Menschen“ aktiv: „Heimat ist etwas, was ich mache.“

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Regina Römhild, Professorin am Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität Berlin, sieht Widersprüche zwischen Heimat und Globalisierung. Verschiedene Gruppen in Europa verwenden unterschiedliche Heimatkonstrukte – je nach transnationalen Verflechtungen, Grenzziehungsprozessen, Alltagskulturen. Daher gäbe es „multiple Heimaten“: „Die moderne Gesellschaft ist immer geopolitisch verankert. Im Nationalstaat beanspruchen Gruppen die Heimat für sich, aber es gäbe jetzt eine Gegenbewegung seitens subkultureller Akteure“, so Römhild. Tobias J. Knoblich, Präsident der Kulturpolitischen Gesellschaft e.V., berichtet über Fremdheitserfahrungen in der DDR nach der Wende. Das übermächtige Eindringen von Entscheidungskräften aus dem Westen wurde von den Bürgern der ehemaligen DDR „als Kolonialisierung begriffen. Die neuen Vorgesetzten sprachen eine andere Sprache. Die neue Funktionselite produzierte Fremde in der eigenen Heimat“, so Knoblich.

Heimat: Politisch oder privat?

Das vorweggenommene Fazit des Kongresses kam aus dem Publikum: „Heimat funktioniert offenbar nicht als politisches Großkonstrukt, sondern lediglich als individuelles, regionales und privates Modell.“

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Probleme mit dem Kulturbegriff

Es mag an der Unschärfe des Kulturbegriffes liegen, dass laut ZEIT-Vermächtnisstudie nicht mal die Hälfte der befragten Bürger Heimat mit Kultur verbindet. Die meisten denken an Hochkultur, weniger an unser Zusammenleben, also nicht an das, was uns als Alltagskultur umgibt, z. B. unser Genossenschaftswesen, unsere Brot- und Gartenkultur, der Rheinische Karneval ebenso wie der jüngere interkulturelle „Karneval der Kulturen“, das Singen und Tanzen, plattdeutsch, friesisch und sorbisch, all das – was die UNESCO als immaterielles Kulturerbe bezeichnet. Dazu gehört übrigens auch Poetry-Slam: Slam-Poet Jean-Philippe Kindler näherte sich mit einer wortakrobatischen Darbietung dem Thema Heimat inspirierend und humorvoll.

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Macht Kultur Heimaten?

Als hätte die Kulturpolitische Gesellschaft bei der Ankündigung ihrer Jahrestagung die Ergebnisse der ZEIT-Vermächtnisstudie schon gekannt, hat sie dem Motto ihres 10. Bundeskongresses ein Fragezeichen angefügt: KULTUR.MACHT.HEIMATen WIRKLICH? – zumindest im 3. Panel am ersten Kongresstag. Vladmir Balzer diskutierte darüber mit Akteuren aus der „praktischen Heimatarbeit“. Ein Film der Projektleiterin für Recherche und Konzeption im Lenzburger Stapferhaus in der Schweiz, Sonja Enz, bestätigte, wie persönlich und verschieden Assoziationen zur Heimat sind. Im Riesenrad auf einer Kirmes berichten Menschen aus der Schweiz und aus vielen anderen Ländern, dass Heimat für sie Freunde, Familie, bestimmte  Gerüche, spezielles Essen, Natur, Umwelt und Musik bedeuten.

Kenneth Anders vom Büro für Landschaftskommunikation und Programmleiter im Oderbruchmuseum Altraft in Bad Freienwalde, berichtete über Selbstbeschreibungen seiner Region in verschiedenen Formaten: 50-100 Interviews mit Bewohnern pro Jahr über die eigenen Identität, aus denen sich Führungen der Akteure zu besonderen Orten in der Region ergeben könnten. Als Ergebnis kann auch ein Theaterstück entstehen, wie „Die kluge Bauerntochter“. Es gibt den Bauern der Region eine Stimme und einen künstlerischen Raum. Der leidgeprüfte Bauer sagt z. B. auf der Bühne: „Brot wäre viel teurer ohne Gyphosat, ich habe keinen Urlaub, bei mir geht es 24 Stunden durch.“ Probleme werden durch das Theater gespiegelt.

Eleonora Hummel findet ihre Heimat in der deutschen Sprache, der russischen fühlt sie sich mittlerweile entfremdet. Sie stammt ursprünglich aus  Kasachstan, ihre Eltern sind Wolgadeutsche. Ausgehend von diesen Wurzeln schreibt sie ihren Roman Hummel ihren Roman Die Wandelbaren (erscheint im Herbst 2019) über das Deutsche Theater in Kasachstan, das 1949 erst zerstört und später an anderem Ort wieder aufgebaut wurde.

Für Mark Terkessidis ist Heimat polyphon! Mit seinem Heimatlieder-Projekt gibt er den jungen Leuten der zweiten migrantischen Generation eine Plattform. „Die neue Folklore ist nicht homogen, die Bandbreite ist enorm, je nach Kultur, Land oder Musiker“, sagt Terkessidis. Sie reicht von vietnamesischem Quanggo-Gesang über griechisch- byzantinische Gesänge, osmanische Kunstmusik bis zu kubanischer Folklore. All das wurde in Deutschland in einen neuen Kontext gebracht, wurde durch Remix in neue Formen überführt, erklärte Terkessidis.

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Heimat-Reflexionen am Abend

In der Akademie der Künste präsentierten Musiker aus Vietnam, Kuba und Marokko sowie Terkessidis‘ Mitstreiter Jochen Kühling den KongressbesucherInnen einige musikalische Kostproben der „Heimatlieder aus Deutschland“. Zuvor gab eine szenische Lesung noch mal Stoff zur geistigen Auseinandersetzung. Die Autoren Georg Seeßlen und Markus Metz präsentierten ihr Hörstück „Der kritische Heimat-Abend“ in elf Kapiteln“, z. B. Heimat als Inszenierung, Heimat als Utopie, als Ort der Freiheit und Gerechtigkeit, als Besitz und Eroberung, als Trennung zwischen Heimatlichem und Fremdem.

 

Weitere Infos zum Thema

Heimat(en) Teil 4: Praxis – Was Experten über Heimat denken, KUPOGE-Kongress Tag 2

Heimat(en) Teil 1: Ein wiederentdecktes Phänomen

Heimat(en) Teil 2: Was Bürger in Deutschland über das Thema Heimat denken – Vermächtnisstudie der ZEIT

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