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Selbstwirksamkeit lernen: Musik-Theater-Projekt mit Geflüchteten in Preetz

Wie können Geflüchtete und alteingesessene Bewohner:innen stärker zusammenwachsen? Wie kann der Austausch zwischen den Gruppen auf Augenhöhe stattfinden? Wie können beide Seiten voneinander lernen? Das haben sich Ehrenamtliche in der Flüchtlingshilfe im schleswig-holsteinischen Preetz gefragt und ein kreatives Musik-Theater-Projekt ins Leben gerufen. Ich habe die beiden Initiatorinnen getroffen und war bei einem Workshop dabei.

Ehrenamt

Dagmar Manneck und Sibylle Dulac engagieren sich seit langem ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe Preetz. 2015 gab es eine große Euphorie und viel Hilfsbereitschaft, berichten beide: „Wir mussten die Zwischenwände im Saal aufmachen, weil an die 200 Einwohner aus Preetz gekommen waren, um zu sagen: Ich will auch helfen und etwas Sinnvolles tun.“ Bis heute hilft es sehr, dass es in Preetz eine hauptamtliche Koordinatorin für das Ehrenamt gibt. So kann die zeitaufwändige Verwaltung professionell geregelt werden, während die Kraft der Ehrenamtlichen in die kreative Projektarbeit fließen kann.

PODCAST-Interview mit Dagmar Manneck und Sibylle Dulac

Anfänge

Zu den ersten Vorhaben der Flüchtlingshilfe Preetz gehörte eine Kleiderkammer, aus der inzwischen eine Nähstube geworden ist. Dann wurden Feste organisiert, um jeweils ein Herkunftsland, eine bestimmte Nation oder Religion vorzustellen. Dazu gab es noch eine Kochgruppe. Sibylle: „In der Küche wurden afghanische und syrische Speisen zubereitet sowie Gerichte vom Balkan und aus verschiedenen afrikanischen Ländern, z. B. Eritrea, Nigeria, Ghana und Somalia. Dann wurde der Tisch gedeckt und es saßen zwischen 20 und 40 Leuten an einem Tisch und haben zusammen gegessen.“ Zu Beginn gab es die Hoffnung, dass sich die verschiedenen Kulturen auch untereinander mischen würden, dies war allerdings eher die Ausnahme.

Rollen aufbrechen

Sibylle und Dagmar unterstützten die Geflüchteten zu Beginn vor allem im Bereich „Deutsch als Fremdsprache“. Doch aus der Lehrer-Rolle wollten sie irgendwann raus. Immer nur Anweisungen zu geben, war nicht ihr Ding: „Nach Corona haben wir überlegt, wie wir weitermachen können, um diese Hierarchie-Ebene ein bisschen zu verändern und aufzubrechen. Also nicht mehr: Wir sind die Lehrer, Ihr seid die Lernenden, sondern wir lernen und entwickeln uns gemeinsam weiter in einem anderen Bereich. So ist die Idee zu dem Musik-Theater-Projekt ursprünglich entstanden“, erzählt Sibylle. Und sie hielten an ihrer Hoffnung fest, dass sich beim gemeinsamen Musikmachen und Spielen Geflüchtete verschiedener Kulturen treffen würden, was beim Kochen nicht so gelang.

 © Sibylle Dulac, privat

Lernen auf Augenhöhe

Sibylle erklärt ihr Anliegen im Detail: „Wir wollen Berührungsängste zwischen den Gruppen abbauen und ganz bewusst den Weg des Miteinander- und Voneinander-Lernens beschreiten. Im gemeinsamen Ideen-Entwickeln, Theater-Spielen und mit dem Musikmachen werden andere Lehr-Lern-Beziehungen möglich. Wir wollen gemeinsam Fragen ausloten, z. B. Was ist Heimat? Was und wo ist mein Zuhause? Was brauchen wir im Kontakt miteinander? Im Vordergrund steht aber der Spaß. Wir wollen eine gute Zeit miteinander haben, durch spielerisches Ausprobieren, kreatives Sich-Ausdrücken in einem Klima der Warmherzigkeit, Offenheit und Teilhabe.“

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Musik

Nach einer Zeit der sozialen Isolation (coronabedingt) wollten Dagmar und Sibylle in Preetz einen neuen Begegnungsraum schaffen, in dem die Bewohner:innen in vielfältiger künstlerischer und musikalischer Kommunikation zueinander finden. 2021 riefen sie daher an jedem zweiten Samstag im Monat eine Musik- und Theater-Werkstatt in Leben. Sie findet im Bugenhagenhaus statt. Als erfahrene Heilpädagogin mit Praxis-Schwerpunkten auf Rhythmik und Bewegung hat Dagmar den Musik-Workshops konzipiert. Sie bietet aber bewusst allen Teilnehmer:innen Raum, eigene Ideen einzubringen: „Ich hatte zum Einstieg eine rhythmische Einheit vorbereitet. Wir haben draußen gemeinsam ein paar Geräusche angehört und versucht, sie auf verschiedenen Rhythmus-Instrumenten nachzumachen, die ich mitgebracht hatte. Beim 2. Treffen haben wir getrommelt. Letztes Mal hatte Yasemin ihre Kalimba mit, Mohammed eine Mandoline. Dann kam noch ein älterer Herr mit einer Djembe dazu. Einer hat einen Rhythmus vorgegeben und die anderen sind dann mit eingestiegen, haben mitgeklatscht, mitgeschnipst und es wurde auch getanzt. Wir haben versucht, einfache Kanons zu singen in verschiedenen Sprachen. International bekannt ist z. B. „Meister Jakob“, in der Türkei ist es auch ein Fingerspiel, das hatte Yasemin vorgemacht. Wir haben auch diesen Rucki-Zucki-Tanz gemacht. Und Shaban hat einen syrischen Rundtanz vorgestellt.“

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Impro-Theater

Für das Theaterspiel wurden die Schauspieler Dagmar Richter und Reiner Wiese von der Kieler Theatergruppe Tante Salzmann engagiert. Die Gruppe hat sich auf Improtheater spezialisiert. Das spontane, kreative Spielen ohne Worte ist niedrigschwellig und daher besonders gut geeignet, um auch Neubürger:innen aus anderen Ländern ein Angebot für die Freizeitgestaltung zu machen. Sibylle erklärt, was im Workshop passiert: „Wir verständigen uns vor allem durch Gesten und Mimik. Wir erraten dann, in welcher Stimmung jemand ist. Oder unsere Improtheater-Trainer geben uns eine Situation vor, z. B. in einem Friseursalon oder bei einem Zahnarzt. Was kann man da alles machen? Wir beschreiben dann den Raum, in dem wir spielen, d. h. wir machen durch unsere Aktivitäten deutlich, welche Gegenstände dort stehen: Möbel, Spiegel, Fenster. Und wenn mehrere Personen zusammenspielen und z. B. pantomimisch einen Schrank aufbauen, dann müssen alle ihre Antennen besonders offen haben und schauen, welche Hilfe jemand braucht.“

Keine Bewertung

Mit Musik und Pantomime kann sich jede/r mit seinen bzw. ihren Neigungen und Talenten einbringen. Der Vorteil an kreativen, künstlerischen und spielerischen Formaten gegenüber herkömmlichen Freizeitangeboten sei, dass es kein Richtig und kein Falsch gibt, sagt Dagmar. Jede/r könne sich mutig ausprobieren – in einem angstfreien Raum. Dagmar und Sibylle sorgen für eine entspannte Atmosphäre in einer sicheren Umgebung: „Wir betonen immer, dass wir hier nicht Kursleiter sind, die sagen: Du kriegst Minuspunkte, wenn du nicht kommst oder du wirst die Prüfung nicht bestehen. Sondern wir wollen auf Augenhöhe mit Euch gemeinsam etwas erleben und das Gefühl bekommen, das war schön mit euch. Wir freuen uns, wenn die Leute zu den Workshops wiederkommen und zwar aus eigenem Impuls. Da hatten wir bis jetzt das Gefühl, dass das so ist.“ Jedem bleibe es auch selbst überlassen, ob er lieber zum Musikkurs kommt oder lieber zum Theaterspielen.

Eigeninitiative stärken

Sich kreativ auszudrücken und Selbstwirksamkeit zu spüren, tue vielen gut. Dagmar und Sibylle beobachten, dass die einige durch das Kreativprojekt auch selbständiger würden. Ein schöner Nebeneffekt: „Ich sehe das auch als Schritt aus der Komfortzone. Jetzt werden die Geflüchteten selbst aktiv.“ Die Frauen organisieren z. B. die Betreuung ihrer Kinder innerhalb ihrer Familien oder Freunde selbst, inzwischen würden sogar ihre Ehemänner auf die Kinder zu Hause aufpassen. Eine Errungenschaft, die keineswegs selbstverständlich sei.
Es brauche schon etwas Mut, um aufeinander zuzugehen. Ein junger Kurde aus Syrien z. B. fragte beherzt an, ob er im Posaunenchor der Kirche mitspielen dürfe, er wurde herzlich willkommen geheißen. Sibylle: „Heimat ist ja auch das, was ich selber mitgestalte. Und es ist ein schönes Gefühl, wenn ich mich sicher fühle, wenn ich mit den Menschen reden kann, wenn die Nachbarschaft okay ist. Dann fühle ich mich zu Hause. Dann ist es meine Heimat.“

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Politische Bildung

Mit ihrem Musik-Theater-Projekt haben sich Sibylle und Dagmar erfolgreich im Programm Miteinander reden der Bundeszentrale für politische Bildung beworben. Es ist ein Förder- und Qualifizierungsprogramm der politischen Bildung in ländlichen Räumen, umgesetzt von der Bildungs- und Veranstaltungsagentur labconcepts sowie unterstützt von erfahrenen Prozessbegleiter:innen. Jedes der insgesamt 100 geförderten Projekte wirkt in das unmittelbare lokale Umfeld hinein und zielt auf nachhaltiges Handeln und Teilhabe aller gesellschaftlichen Gruppen. Die Initiatorin Hanne Wurzel, Fachbereichsleiterin Extremismus der Bundeszentrale für politische Bildung, beschreibt das Anliegen auf der Website so: „Für die aufsuchende politische Bildungsarbeit in den ländlichen Räumen müssen wir neue Wege gehen, um an den Bedarfen vor Ort anknüpfen zu können. Mit klassischen Seminarangeboten erreichen wir nicht die Menschen und die politische Bildung muss innovative Bildungsformate entwickeln.“ Das Musik-Theater-Projekt stößt auf großes Interesse und erreicht auch jene Menschen in Preetz, für die es bisher nur wenige passende Freizeitangebote gab.

Demokratieförderung

Dagmar erklärt, wie die Interessen bei den Workshops ausgehandelt werden – als gelebte Demokratie: „Wir verständigen uns darüber, was die eine Gruppe und was die andere Gruppe will. Entweder wir sagen, wir machen zwei Gruppen und wir führen uns das gegenseitig vor. Oder wir stimmen ab. Oder wir machen alles zusammen, auch wenn einige nicht wollen und in der Minderheit sind. Sie müssen dann halt mit diesem Mehrheitsbeschluss leben. Das Aushandeln ist ja das, was unsere Demokratie ausmacht.“

Methoden

Im Programm „Miteinander reden“ werden häufig künstlerisch-kreative Methoden genutzt, um die Demokratieentwicklung voranzutreiben. Welche Methoden kommen zur Anwendung? Beim Austausch von Gedanken, Ideen und Meinungen geht es um Kommunikation und Kollaboration, um Empathie und Perspektivwechsel, d. h. die Akteur*innen nehmen beim Spielen und Musizieren andere Blickwinkel ein und hören aufmerksam zu, um einander zu verstehen. Weitere Methoden sind Begeisterung und Selbstwirksamkeit, Imagination bzw. Vorstellungskraft, es werden „als-ob-Szenarien“ entworfen, Fragen an sich selbst und an andere gestellt.

Offenheit

Sibylle ergänzt: „Was mir von Anfang an sehr wichtig war, dass Männer und Frauen wirklich zusammen in einer Gruppe sind. Da hatten wir anfangs durchaus Bedenken in der Vorplanung. Welche Probleme können da vielleicht auftreten, wenn sich Männer und Frauen beim Theaterspielen auch mal anfassen.“ Die Sorgen waren zum Glück unbegründet. Männer und Frauen gingen offen aufeinander zu und hatten keinerlei Berührungsängste. Ein schöner Erfolg, dass Augenhöhe und Partnerschaft im Projekt gelungen sind.

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Das Musik-Theater-Projekt mit Geflüchteten in Preetz wird gefördert im Programm Miteinander reden der Bundeszentrale für politische Bildung.

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