Segel setzen für Musik und Kultur: Karl Heinrich Wendorf

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Musiker sind Bauchmenschen. Manager sind Kopfmenschen. Auf Karl Heinrich Wendorf trifft beides zu. Er ist zum einen leidenschaftlicher Musiker, zum anderen begeisterter Musikvermittler und Musikmanager. Beim Interview mit ihm ist schnell klar: Er wird dem Musikland Mecklenburg-Vorpommern Aufwind geben und dabei vor allem den Nachwuchs beflügeln. 

Musik als Energiespender

Die Leidenschaft für Musik treibt Wendorf an, egal was er tut: „Als Musiker, Mittler und Manager zugleich fühle ich mich befähigt, Brücken zu bauen und neue Wege zu gehen … und durch Gründergeist und Verantwortungsbereitschaft einen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten.“ Die Freude beim Musikmachen gepaart mit Organisationstalent bereiten ihm den Nährboden für das strategische Planen von Musikvorhaben. Als Manager versteht er es, musikalische Ereignisse so zu arrangieren, dass die Musik bestmöglich wirken kann. Diese Kombination gibt es selten. Im Profibereich sind die Welten auf und hinter der Bühne getrennt. Doch gerade junge MusikerInnen, die am Anfang ihres Weges stehen, kaum Geld und Kontakte haben, um erste Ideen und Musikprojekte umzusetzen, müssen es selber machen. Was einige KünstlerInnen als Zwang empfinden, wurde bei Karl Heinrich Wendorf zur neuen bzw. zweiten Profession.

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Not und Tugend

Schon als Wendorf an der Musikhochschule „Hanns Eisler“ in Berlin Posaune studiert, wird ihm rasch klar, dass kulturelle Vorhaben im Zweifel selbst organisiert werden müssen, will man nicht Jahre auf deren Realisierung warten. Weitere künstlerische und pädagogische Impulse erhält der junge Musiker an der Universität der Künste Berlin und der Guildhall School of Music and Drama in London. Wendorf ist Grenzgänger zwischen den Stilen, absolviert Projekte mit klassischer Musik, mit Alter Musik und Jazz. Bereits in Schulzeiten feiert er Erfolge als Jugend musiziert-Bundespreisträger, wirkt im Landesjugendorchester Mecklenburg-Vorpommern und im Bundesjazzorchester mit. Konzertreisen führen ihn u. a. nach Großbritannien, Spanien, Polen, nach Syrien und in die USA.

Doppelrolle: Musiker und Manager

Dann gehört Wendorf um das Jahr 2010 herum gemeinsam mit zwei weiteren jungen Musikern zu den Mitgründern der jungen norddeutschen philharmonie (jnp). In diesem Orchester finden Studierende aus norddeutschen Musikhochschulen projektweise zusammen, realisieren innovative, energiegeladene Konzerte und kreative Veranstaltungsformate. Wendorf gestaltet ungewöhnliche Auftritte und Programme aktiv mit. Eine erste Spielwiese, hier kann er vieles ausprobieren. Flache Hierarchien und viele Teilhabemöglichkeiten bieten hervorragende Voraussetzungen.

 Funkhaus Nalepastr. © Antje Hinz, MassivKreativ

Erste Projekte

Wendorf organisiert u. a. ein jnp-Mini-Festival mit auf dem Areal des alten (Ost-)Berliner Funkhauses in der Nalepastrasse, ein Konzert im Mehr! Theater am Großmarkt in Hamburg und ist Musikvermittler für den „Symphonic Mob MV“ im Rahmen eines Sommerprojektes. Er initiiert eine Crowdfunding-Kampagne für das Jugendorchester und einen Flashmob für die Bewerbung. Wertvolle Erfahrungen, von denen er bei der späteren Gründung seines gemeinnützigen Unternehmens kultursegel enorm profitiert. Dazu später mehr. Zunächst zu den Anfängen.

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Heimatverbundenheit

Wendorf ist waschechter Mecklenburger, 1989 in Lübz geboren und in Schwerin aufgewachsen. Er besucht hier die Musik- und Kunstschule „Ataraxia“  und das Goethe-Musikgymnasium. Das Musikstudium führt ihn zunächst nach Berlin, in Hamburg sattelt er an der Hochschule für Musik und Theater ein Masterstudium für Kultur- und Medienmanagement auf. Doch es zieht ihn zurück in die Heimat – sowohl gedanklich als auch organisatorisch. Als Dramaturg und Projektleiter realisiert er für die „Festspiele Mecklenburg-Vorpommern“ und die „Tage Alter Musik Schwerin“ neue Konzert-Formate und erreicht neue Zielgruppen.

 © kultursegel: geplante Kultur- und Musikakademie Schloss Gadebusch

Leerstelle erkannt

Auch seine Masterarbeit dreht sich um das Musikland MV: Da es das einzige Bundesland ohne eine musikalische Fort- und Weiterbildungsstätte ist, entwickelt Wendorf Strategien für die Gründung einer eigenen Landesmusikakademie in MV. Seit der ersten Bestandsaufnahme ist viel passiert. Wendorf hat inzwischen viele Unterstützer und Befürworter für seine Idee gefunden und sogar einen Ort: Schloss Gadebusch im Nordwesten von Mecklenburg-Vorpommern soll der Akademie als Heimat dienen. Nach den Wirren der Wende lagen die bedeutenden historischen Gebäude u. a. aus der Zeit der Renaissance viele Jahre im Dornröschenschlaf. Gemeinsam mit Vertretern der Stadt und des Schlossfördervereins möchte Wendorf dem Ort neues Leben einhauchen. Und eine wichtige Rolle in dem multifunktional geplanten Kultur- und Bildungsort soll dabei eben eine Akademie der musikalisch-kulturellen Bildung spielen.

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Breite Unterstützung

Neben ideeller Unterstützung gibt es seit 2019 finanzielle Mittel aus dem Europäischen Sozialfonds und seit 2020 aus dem Programm LandKULTUR des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft weitere Mittel in Höhe von knapp 100.000 Euro. Damit können erste Inhalte, Markenbildung und Veranstaltungstechnik finanziert werden. „Ich habe eine ganz, ganz große Motivation und Energie gespürt“, erzählt Wendorf glücklich, „dass die Stadt Gadebusch ihr Schloss als Identifikationspunkt zurückholen und ihn gemeinsam mit mir und der Stadtbevölkerung weiterentwickeln möchte. Gadebusch ist ja Eigentümerin des Schlosses und nun gleichzeitig auch Bauherrin. Glücklicherweise sind alle immer offen für Gespräche, auch der Bürgermeister Arne Schlien. Und so war für mich klar, ich packe da gerne als inhaltlicher Projektentwickler mit an, investiere meine Zeit und gebe dort Ressourcen rein. Ohne dieses aktive Netzwerk hätte ich mich sicher nicht engagiert.“

Potenzial Rückkehrer

Karl Heinrich Wendorf ist genau der Typ Rückkehrer, den Mecklenburg dringend braucht: hervorragend ausgebildet, weitläufig und weltoffen mit umfassenden Erfahrungen in Musikpraxis und Management, ausgestattet mit wertvollen Kontakten in die Kultur- und Klassikszene, in Pädagogik und Bildung und vor allem mit weitreichender sozialer Kompetenz und Herzensbildung. Man spürt sofort, dass Wendorf für seine Heimat und seine Sache brennt. Er ist einer, der sich engagiert, anpackt, oft bis an eigene Grenzen geht und zuweilen auch darüber hinaus, weil es kein anderer machen kann oder weil es kein Geld gibt, um andere zu honorieren: „Ich betrachte MV oft als „Wilden Westen“ im positiven Sinne; wenn du hier ein Ziel angehst und voll dahinterstehst, dann kannst du es auch erreichen! Und zwar deshalb, weil viel Gestaltungsraum da ist. Dies setzt aber voraus, dass du mit großer Leidenschaft in Vorleistung gehst. Um für uns Kreative bessere Bedingungen zu schaffen, wäre viel gewonnen, wenn der Kulturbereich insgesamt einen höheren Stellenwert bekäme – sowohl in der Politik, als auch in der Gesellschaft.“

 © Rainer Sturm, Pixelio.de

Zukunft Mecklenburg

Noch lebt der umtriebige Wendorf in Berlin. Doch seine Zukunft plant er in Mecklenburg, wenn bestimmte Voraussetzungen stimmen: „Ich  beschäftige mich zurzeit intensiv damit, wie ein Leben zwischen Stadt und Land aussehen kann und welche Perspektiven geschaffen werden müssten, um Kreativen im Garten der Metropolen langfristig gute Rahmenbedingungen zu ermöglichen. Ich brauche diese befruchtenden Impulse aus beiden Regionen und denke, dass ist ein Zukunftsmodell, dass Kreative ihre Inspirationen und Expertise aus der Stadt aufs Land bringen. Noch brauche ich die Jobs in Berlin, aber wenn sich die Lage in MV positiv entwickelt, kann ich mir gut vorstellen, mich dauerhaft wieder in Mecklenburg niederzulassen.“

kultursegel

Um seine ambitionierten Pläne zu verwirklichen, hat Wendorf als organisatorischen Überbau das gemeinnützige Unternehmen kultursegel gegründet. Wer auf der Website surft, merkt rasch, wieviele strategische Überlegungen hier eingeflossen sind. Kein konzeptioneller Schnellschuss, sondern gut durchdachtes Storytelling. kultursegel möchte Menschen und Projekte beflügeln. Wendorf nimmt dazu (Auf-)Wind von anderen auf, vernetzt sich und gewinnt so zusätzlich an Fahrtwind. Gespeist von Kooperativem, co-kreativem Denken, Handeln und von Erfahrungen seiner bisherigen Projekte hat Wendorf verstanden, dass die gemeinsame Kraft vieler kultureller Mitstreiter weiter führt als Eigenbrödlerei, Ellenbogen und Missgunst, die andernorts dem Gelingen wichtiger kultureller Projekte im Weg stehen. Im März 2020 wurde kultursegel für den Innovation Award von Classical:NEXT nominiert.

 © kultursegel

Aufwind

Seine Begeisterung für Musik und sein Wissen gibt Karl Heinrich Wendorf gemeinsam mit MusikerkollegInnnen und Gleichgesinnten vor allem auch an den Nachwuchs weiter, an SchülerInnen, u. a. mit dem Blechbläserensemble „die blechlotsen“ im kultursegel-Projekt „brass up your life“. Weitere Modellprojekte sind die 5-tägigen musikalisch-kulturellen Entdeckungsreisen „cooltour [kultur]“ für Grundschulklassen und eine „Mobile Musikwerkstatt“.

  ©  kultursegel

Kulturpädagogische Inhalte und Projekte finden in Schulen oft zu selten statt. Wendorf setzt sich gerade deshalb dafür ein, denn Kinder brauchen speziell Musik für die Persönlichkeitsentwicklung. Sie sind nicht zuletzt das Publikum von morgen. Seine gemeinnützige GmbH kultursegel braucht daher stetig weitere Unterstützer, wie Wendorf auf seiner Website schreibt: „Neben finanziellen Zuwendungen freuen wir uns über Sachspenden sowie Ihre ideelle und ehrenamtliche Unterstützung. Als gemeinnützige Organisation können wir Zuwendungsbestätigungen ausstellen. Geben Sie uns Aufwind und unterstützen Sie die Ideen der gemeinnützigen Institution kultursegel wie den Aufbau einer Kultur- und Musikakademie in Mecklenburg-Vorpommern z. B. mit folgenden Möglichkeiten: “leichter Zug” – 50 Euro / “frische Brise” – 100 Euro / “starker Wind” – 250 Euro.“ Hier unterstützen!

 ©  kultursegel

Soziale Innovationen

Auch an seiner ehemaligen Studienstätte, der Musikhochschule „Hanns Eisler“ in Berlin, engagiert er sich für Musikmanagement und Musikvermittlung und zwar mit Blick auf sein Herzensthema: „Cultural Entrepreneurship“, also kulturelles Unternehmertum. In einem StartUp-Seminar hilft Wendorf den Studierenden, eigene künstlerische Träume, Visionen und Ideen zu entfalten und ermutigt sie zur Realisierung: „Neben digitalen Geschäftsmodellen haben Kreative auch herausragende „analoge Ideen“, also für soziale Innovationen mit Lösungsansätzen für Herausforderungen in Mobilität, Demografie, Bildung usw. Dieses Potenzial muss dringend weiter gehoben und genutzt werden.“ Sein letzter Appell richtet sich an Landespolitiker und Landesentwickler in seiner Heimat: „Ein Problem sehe ich im Umgang mit gemeinnützigen und sozialen Unternehmen. Sie erfahren in Mecklenburg noch keine Unterstützung durch Gründerprogramme. Die Handelskammern und Wirtschaftsförderungen fühlen sich für Sozialunternehmen nicht zuständig. Das muss sich dringend ändern.“

PODCAST

Ein Labor auf dem Land: Wie das Wendland kreative Köpfe anlockt

 © Andreas Hermsdorf, Pixelio.de 

Wie holt eine Kommune kreative Köpfe aus der Stadt aufs Land? Der Landkreis Lüchow im Niedersächsischen Wendland hat dazu sehr erfolgreiche Projekte entwickelt, u. a. mit dem Wendlandlabor. Ich habe mit den Akteuren gesprochen.

Austausch über den Tellerrand

Das Wendlandlabor ist ein Netzwerk für kreative und unternehmerische Innovation auf dem Land. Es steht in engem Kontakt mit Hochschulen aus den umliegenden Metropolen, realisiert unterschiedliche Veranstaltungsformate für die Kreativwirtschaft und bringt Kreative mit regionalen Unternehmen zusammen. Ziel ist vor allem, Wissen und Technologien zwischen Stadt und Land auszutauschen.

 © Wendlandlabor

Klinkenputzen

Christof Jens leitet das Wendlandlabor und weiß, dass es einen langen Atem braucht, um beide Welten in cross-sektoralen Projekten zusammenzuführen. Vor allem Klinkenputzen und persönliche Überzeugungsarbeit gehöre dazu, sagt er. Bei traditionellen Unternehmen gäbe es zuweilen Berührungsängste, wenn man sagt, wir wollen etwas gemeinsam mit der Kreativwirtschaft machen. Da muss man dann erst mal mit guten Beispielen erklären, dass gerade in der Kooperation zwischen Kreativwirtschaft und traditionellen Unternehmen auch ein Mehrwert entstehen kann. Christof Jens: „Ich sage dann z.B., dass ein Designer niemand ist, der ein Objekt nur schön macht, sondern dass Designer Menschen sind, die sich funktionale und sehr praxisnahe Gedanken machen, also: Wie wird das Produkt eingesetzt? Welche Ressourcen habe ich zu Verfügung?“

 © Wendlandlabor

Vermitteln

Christof Jens ist Intermediär. Er vermittelt zwischen den Welten und muss auf beiden Seiten starres Denken aufbrechen. Er weiß, dass es zuweilen auch Vorbehalte bei den Kreativen gegenüber traditionellen bzw. klassischen Unternehmen gibt. Doch je mehr gelungene cross-sektorale Projekte zustande kommen, umso mehr Beweise gibt es für deren Erfolg.

Wendland Design Spring 2019

Im letzten Jahr hat das Wendlandlabor ein 10-wöchiges Workshop-Programm Wendland Spring Design initiiert für Studierende aus kreativen Studiengängen umliegender Hochschulen mit Wendländischen Unternehmen. Ihre Fragestellungen bearbeiteten die Studierenden in kleinen interdisziplinären Teams von 2-3 Personen und erarbeiteten eine kreative Lösung. Für den metallverarbeitenden Betrieb sollten die Studierenden eine Möglichkeit finden, die Münzzählmaschinen besser zu vermarkten bzw. anders zu nutzen. Der Verlag der Lokalzeitung, die einmal am Tag jedes Dorf anfährt und bislang nur Zeitungen mitnimmt, wollte wissen, was er alternativ noch mit transportieren könnte und welche Geschäftszweige sich daraus entwickeln lassen? Ein Immobilien- und Tourismusentwickler suchte Ideen für eine Begegnungsstätte mit zwischen Touristen und jungen Menschen. Er wollte Grundstücke kaufen und dafür ein Konzept haben. Alle drei regionale Unternehmen brauchten frischen Input von außen und bekamen ihn über die Kreativen.

 © Harry Hautumm, Pixelio.de 

Erfahrungen nutzen

Das Format Wendland Spring Design baut auf Erfahrungen der Grünen Werkstatt Wendland auf. In StarterCamps suchten Design-Studenten und lokale Handwerker gemeinsam nach Lösungen für regionale Herausforderungen. Von 2012-2017 nahmen ca. 250 Studierende teil. Daraus wurden 250 Botschafter, die das Wendland an ihrer Hochschule und in ihrem Freundeskreis bekanntmachen. Viele von ihnen sagen: „Wenn Land, dann Wendland!“: „Unser Job im Wendlandlabor ist es, eine Schnittstelle zu bilden zwischen der Kreativwirtschaft, den Studierenden und den Unternehmen“, sagt Christof Jens. „Und da reale und gedankliche Räume zu schaffen, in denen diese unterschiedlichen Gruppen sich treffen und innovativ zusammenarbeiten können…“

 © Wendlandlabor

Prototyping Woche

Ein anderes Format ist die 100² | Prototypenwoche, die nun zum zweiten Mal vom 23.-28.3.2020 stattfindet. Meldet Euch bei Interesse rasch an. Madeline Jost ist im Wendlandlabor für Kommunikation & Öffentlichkeitsarbeit zuständig: „Wir freuen uns, wenn noch mehr Interessierte auf dieses innovative und kreative Projekt aufmerksam werden.“ Erneut sind EntwicklerInnen, HochschulabsolventInnen und StartUps zur Teilnahme eingeladen. Bis zu fünf Teams können ihre Ideen weiterentwickeln und erhalten Unterstützung beim Bau ihres ersten, funktionstüchtigen Prototypens. Den Ideengebern steht für die Prototypenwoche ein Entwicklungsbudget von bis zu 1.000 Euro. zur Verfügung, das sie in Material und/oder Maschinenlaufzeit umsetzen können.

 © Wendlandlabor, Madeline Jost: RiMaTec Geschäftsführer Andreas Ressel unterstützt die Prototyper mit KnowHow 

Das Projekt ist auf Nachhaltigkeit angelegt. Die Kooperation von RiMaTec und Wendlandlabor soll längerfristig laufen, u. a.  mit dem unternehmensintegrierter 100². Wie schon im vergangenen Jahr stellt das metallverarbeitende Unternehmen RiMaTec Räumlichkeiten und fachliche Expertise zur Verfügung. Zusätzlich sind interdisziplinäre Coaches als Ansprechpartner*innen und Berater*innen vor Ort. Nicht zögern, wenn Ihr interessiert seid, neue kreative Lösungen für spannende Herausforderungen der Regionalwirtschaft im Wendland zu entwickeln und meldet Euch an: MAIL: info@wendlandlabor.de

Mehrwert

Im Wendland sind vor allem traditionelle Unternehmen aktiv: im Handwerk, in der Logistik, in der Lebensmittelindustrie. Um diese Unternehmen innovationsstärker zu machen, braucht man kreativen Input, den die Unternehmen von sich aus nicht leisten können. „Die meisten Unternehmen können keine eigene Entwicklungsabteilung finanzieren, um etwa neue Geschäftsmodelle zu entwickeln“, erklärt Christoph Jens. Deswegen ist so ein Austausch mit der Kreativwirtschaft und das Fördern und Ansiedeln der Kreativwirtschaft auch für die regionalen Unternehmen wichtig.“

Finanzierung

Das WendlandLabor ist ein gefördertes Projekt über den Europäischen Sozialfonds zum Themenbereich „Soziale Innovationen“, das bis Ende Juni 2020 läuft. Christof Jens ist aktuell dabei zu klären, wie sich die Netzwerkarbeit verstetigen und die Förderung auf andere bzw. breitere Schultern verteilen lässt.

Im Wendland unterstützt der Landkreis Lüchow-Dannenberg die Ideen von Kreativschaffenden aktiv aus verschiedenen Institutionen heraus: der Stabsstelle Regionale Entwicklungsprozesse des Landkreises Lüchow-Dannenberg, der Agentur Wendlandleben, die vor allem als Informations- und Anlaufstelle für Rückkehrer und Neubürger wirkt, und dem dem Think Tank „Grüne Werkstatt Wendland“. Alle Institutionen sind räumlich gemeinsam unter einem Dach in der alten Poststelle von Lüchow angesiedelt, dem heutigen Coworking-Space „PostLab“. Das Wendlandlabor schließt insbesondere die Lücke fehlender Universitäten und Hochschulen in der Region und steigert das regionale InnovationsPotential. Das Wendland konnte sich dank der Aktivitäten der Kreativakteure (u. a. auch beim landesweiten Festival „Kulturelle Landpartie“) ein überregional wirksames Image und Standortprofil als kreative Region erarbeiten.

 © MassivKreativ

Weitere erfolgserprobte Formate

Auf STIPPVISITE bei… ist ein regionales Exkursionsformat des Wendlandlabors an jedem letzten Dienstag im Monat zu einem kreativen Arbeitsplatz im Wendland mit einer Einführung in die Arbeits- & Lebenswelt des kreativen Gastgebers „Hosts des Monats“ und einem lockeren Snack & Schnack in seiner Wirkungsstätte, z. B. eine Werkstatt, ein Atelier, ein Ausstellungsraum und ähnliches: hier

Netzwerk-Formate der Grünen Werkstatt Beratungsstunde für NetzwerkerInnen und CoworkerInnen jeden 1. Mittwoch im Monat, Offenes Netzwerkfrühstück für Kreative, IT-ler, Neu-Wendländer usw. jeden 3. Donnerstag im Monat, Reparatur-Café mit Fachleuten und interessierten Laien jeden 2. Samstag im Monat, 10 – 13 Uhr, Wendland-Einmaleins – ein Info- und Kennenlernabend für Neubürger an wechselnden Termine: hier

Bewohner von morgen

Das Wendlandlabor initiiert vor allem temporäre Projekte mit Kreativen. Langfristiges Ziel ist jedoch, die Kreativen dauerhaft aufs Land zu ziehen. Wie das gelingen kann, darüber macht sich das Christof Jens natürlich auch Gedanken. Einen Masterplan oder ein Geheimrezept gäbe es nicht, meint er, aber: „Wir probieren viele kleine Maßnahmen aus und passen sie dann an die Rahmenbedingungen und an die Bedarfe der Menschen an, die uns immer Rückmeldung geben auf das, was wir tun. Das ist auch immer so ein ständiger Studierprozess für alle. Der Name Wendlandlabor macht das ja auch deutlich: testen, Erfahrungen sammeln, modifizieren. Zum Glück haben wir ein relativ offenes Konzept bei der Förderung und daher die Möglichkeit, ein bisschen auszuprobieren. Von fünf, sechs guten Ideen funktioniert oft nur eine wirklich.“ 

 © Wendlandlabor, Madeline Jost: Gewinner Stefan Gantner,Prototyping 2019

Willkommensagentur

Wichtiger Partner bei der dauerhaften Ansiedlung von Kreativen und Fachkräften überhaupt ist die Agentur „Wendlandleben“. Sie informiert über Arbeit, Bildung, Leben und Freizeit in der Region und macht Lust auf die Menschen, die schon da sind. Kreative, tatkräftige und engagierte Bewohner kann man auf dem Portal in den Wendland-Stories in Form von Portraits und Interviews kennenlernen. Was ist eigentlich das Geheimrezept für eine gute Hofgemeinschaft in dem kleinen Dorf Prießeck? Dort fand übrigens im Sommer 2019 das erste Tiny Living Festival statt. Alles drehte sich dort um die kleinen mobilen Häuschen. Das Festival war Kongress, Messe, Ausstellung mit Fachgesprächen und Musik. Akteure der Nachhaltigkeitsszene aus der ganzen Republik kamen und fragten: Wie wohnen wir zukünftig? Wie können wir den Ansprüchen der Menschen und der Umwelt gerecht werden? Welche Entwicklungen und welche Technik gibt es?

Ansiedlungsaktion Tiny Houses

Initiator des Festivals ist Michael Selig, er ist ein typischer Bewohner im Wendland, weil immer engagiert. Seite Idee: Mit „Land auf Probe“ sollen Kreative testen, Tiny Houses auf aussterbenden Höfen im Wendland aufzustellen. Mit der „Haus-im-Haus“ Idee können Innenhöfe als Stellflächen benutzt werden, ebenso ausgediente kommunale Anlagen oderCamping-/Sportplätze. Auch Christof Jens vom Wendlandlabor weiß: „Es gibt die Neuankömmlinge, die erst mal probehalber aufs Land gehen wollen, also nur temporär. Die möchten noch ein bisschen schnuppern und finden  unterschiedliche Mietmöglichkeiten, auch Tiny Houses, interessant.“

Hinweis für andere Regionen

Wiederkehrer bzw. jene, die schon Erfahrungen vom Land mitbringen, suchen eher nach eigenem Wohnraum, sagt Jens. Und er gibt noch einen Rat: Regionalentwickler sollten sich von dem Vorhaben verabschieden, ausschließlich junge Menschen ansiedeln und ansprechen zu wollen. Studierende, die mitten im Studium sind, hätten noch nicht den Kopf frei für eine längerfristige Lebensplanung. Eine geeignetere Zielgruppe seien jene Menschen, die schon eine Weile gearbeitet haben, die aus den Städten kommen, die eine Familie gegründet haben und den nächsten Schritt machen möchten. Am Ende berichtet der Projektleiter vom Wendlandlabor zufrieden: „Im Umfeld der Grünen Werkstatt sind aus unterschiedlichen Veranstaltungen acht oder neun junge Menschen entweder direkt im Wendland geblieben oder später ins Wendland zurückgekehrt.“ Ein Beispiel ist Regionalentwicklerin Nicole Servatius, die jetzt beim Landkreis Lüchow-Dannenberg tätig ist.

Podcast 

Ausflugstipp

Kulturelle Landpartie Das landesweite Kultur- und Kunst-Festival zwischen Himmelfahrt und Pfingsten ist seit vielen Jahren ein Aushängeschild für das Wendland, eine Erlebnis- und Leistungsschau der Kreativakteure an über 120 Orten im Wendland. Es zieht jedes Jahr bis zu 60.000 Besucher an und ist für das Tourismusmarketing ein wesentlicher Standortfaktor: https://www.kulturelle-landpartie.de/

Soziale Innovationen: neue Lösungen für neue Rahmenbedingungen

 © MassivKreativ

Der Begriff Innovation wurde lange rein technologisch aufgefasst. Erst 2009 nahm die EU das Schlagwort „soziale Innovation“ in ihr Wirtschaftsprogramm „Europa 2020“ auf. Sozialwissenschaftler weisen schon lange darauf hin, dass jeder technischen Innovation meist eine soziale Innovation vorausgeht. Und jede technologische Innovation hat stets auch eine soziale Relevanz. Mobiltelefone und Mikrokredite etwa geben Millionen Menschen in Entwicklungsländern die Chance auf Selbstermächtigung und Selbstständigkeit.

Folgen durchdenken 

Soziale Innovationen bieten Lösungen für neue gesellschaftliche Rahmenbedingungen. Bevor technische Lösungen greifen und Prozesse digitalisiert werden können, müssen sie analog im sozialen Kontext durchdacht und betrachtet werden: Welche Folgen hat unser Handeln? Plane ich meine Projekte „gewissen-haft“? Kreativschaffende „erfinden“ und realisieren daher vor allem soziale Innovationen, die dazu führen, das wir anders zusammenleben (WGs, CoLiving), anders arbeiten (CoWorking, CoWorkation, digitale Nomaden), anders konsumieren (Teilen), Leistungen anders entlohnen (zahl, was es Dir wert ist) oder anders mit Krisen umgehen (Kurzarbeit statt Kündigung). Häufig werden auf globale Herausforderungen lokale Lösungen gefunden. Soziale Innovationen bringen spürbar positive Effekte, sie wirken funktional, emotional und sozial.

 © Midas Kempcke

Wertschöpfung weiter denken

Durch soziale Innovationen lösen Kreativschaffende Probleme oder Bedürfnisse besser als mit bisher etablierter Praktiken. Sie treten dafür ein, dass der Begriff der wirtschaftlichen Wertschöpfung weiter gefasst wird als bisher und sorgen für eine wirtschaftliche Wertschöpfung, die soziale, ökonomische, kreative und ökologische Aspekte (z. B. value balancing, Sozialwachstum, Wohlfühleffekte) umfasst, Vorbild für ein zukunftsfähiges Wirtschaften im 21. Jahrhundert. Wertschöpfung muss als Gesamtheit von Gesellschaft, Umwelt und Nachhaltigkeit begriffen werden, indem einerseits Sozialwachstum und Wohlfühleffekte wirtschaftliche Beachtung finden und andererseits bisher kostenfrei genutzte Umweltressourcen eingepreist werden.  

Ländlicher Raum

Lia Mertens hat in ihrer Masterarbeit Förderung der Dorfentwicklung durch soziale Innovationen auf die Bedeutung von nicht-technologischen Innovationen hingewiesen, die gerade im strukturschwachen ländlichen Raum wichtig seien, wo es viele Defizite im Zuge einer schwindenden Daseinsvorsorge zu bearbeiten gelte. Hier böten Impulse von Kreativschaffenden wertvolle Chancen: „Soziale Innovationen sind immateriell geprägt und zielen auf die Verbesserung von sozialen Praktiken ab. Damit soll beispielsweise erreicht werden, dass besser auf Bedürfnisse der Menschen eingegangen werden kann. Durch die Beeinflussung sozialer Praktiken wird auch die Entwicklung einer Gesellschaft stark geprägt. Nicht nur Strukturen werden zum Teil modifiziert, sondern auch ihre ethischen Normen überdacht und beeinflusst…“ (S. 17)

  © Lia Mertens, Masterarbeit S. 18

Entlastung durch Innovationen 

Ein Blick in die Geschichte: Die Erfindung der Waschmaschine brachte den Erwachsenen Entlastung im Haushalt und verschaffte den Kindern indirekt mehr Vorlesezeit. Das Internet erleichterte mit seinen vielfältigen Anwendungen Arbeitsleben und Freizeit. Soziale Innovationen brauchen eine Kultur der Kooperation zwischen Menschen verschiedener Lebensbereiche, zwischen Politik, Wirtschaft, Bildung und Zivilgesellschaft, zwischen unterschiedlichen Disziplinen, Ländern, Geschlechtern und Altersgruppen.

 © TU Dortmund, SI-DRIVE, Studie Soziale Innovationen

Studie zu sozialen Innovationen

Die Sozialforschungsstelle der TU Dortmund hat 2017 die erste globale Studie zu sozialen Innovationen veröffentlicht. Für das Leitprojekt SI-DRIVE wurden mehr als 1.000 Initiativen sozialer Innovation auf allen Kontinenten und in unterschiedlichen Politikfeldern untersucht in den Bereichen Bildung und Lebenslanges Lernen, Beschäftigung, Umwelt und Klimawandel, Energieversorgung, Transport und Mobilität, Gesundheit und Sozialfürsorge sowie Armutsbekämpfung und nachhaltige Entwicklung. Das Fazit: Bürger, Wirtschaft und Staat müssen sich vernetzen, um soziale Innovationen voranzutreiben, z. B. die Kultur des Teilens von Gegenständen, Räumen und Wissen, für mehr Gemeinwohl, Ökologie und Nachhaltigkeit (vgl. Corinna Hesse: zukunft-leben-nachhaltigkeit, Hörbuch und Wissensportal).  

Wann ist eine Erfindung innovativ?

Mit einer Innovation wird eine kreative Idee wirksam, die neue Technologien und soziale Aspekte verbindet. So können neue Wertschöpfungsketten und Geschäftsmodelle entstehen, die das Leben Einzelner oder der gesamten Gesellschaft positiv verändern. Kreativität kann bisheriges Handeln und Verhalten wandeln, wie folgende Fallbeispiele zeigen:

Öko-Dorf der Zukunft „ReGen Villages“

Mit etwa 25 Häusern ist ReGen Villages ein Modellprojekt in der Nähe von Almere in den Niederlanden. Es soll ländlichen Regionen eine Perspektive für neue Herausforderungen bieten, wie Ressourcenknappheit, Bevölkerungswachstum, Urbanisierung. Dank neuer Technologien regelt das Dorf in Selbstversorgung völlig unabhängig seine Energie- und Nahrungsmittelproduktion, die Wasserversorgung und Müllentsorgung. Fischzucht wird mit Pflanzenanbau in Hydrokultur kombiniert, die Ausscheidungen der Fische dienen als Dünger. 

 © Jutta Kühl, Pixelio.de

Foodsharing

Gemeinwohlideen trieben die Aktivisten Raphael Fellmer und Marius Diab an. Beide lebten längere Zeit ohne Geld von dem, was andere gespendet oder aussortiert
hatten. Sie versorgten sich und ihre Familien mit weggeworfenen Lebensmitteln und begründeten die soziale Bewegung des foodsharings (Fellmer 2017).

Kreativ gegen Landminen

Tausende Menschen sterben jährlich durch Landminen. Der 14-jährige Inder Harshwardhan Zala möchte das ändern. Er hat eine Drohne mit einem leichten Sprengsatz entwickelt, die knapp über dem Boden fliegend Landminen aufspüren und entschärfen kann. Die indische Regierung unterstützt das Projekt finanziell. Der Junge darf seinen Prototyp gemeinsam mit Ingenieuren weiterentwickeln, bis er in Massenproduktion gehen kann.

 © MassivKreativ

Zahle, was Du willst

Dieses verbreitete Motto setzte bewusst auf Vertrauen. Es soll die Gesellschaft zu mehr Eigenverantwortung und zum Umdenken animieren. Mit variablen Preisen experimentieren neben der Gastronomie (Bier im Hamburger Gängeviertel, Mittagstisch im persischen Restaurant Kish in Frankfurt am Main) auch  Kulturschaffende (Museen in Bremen und Worpswede, CD „Rainbows“ von Radiohead), Tierparks (Allwetterzoo Münster), Handwerker (Frisör Josef Pertl in Landshut) und Dienstleister („Body Angels – mobile Massagen“). Das bedingungslose Grundeinkommen, auch eine soziale Innovation, setzt ebenfalls auf Vertrauen und ein positives Menschenbild. Es verfolgt einen Wandel im Denken der Menschen für mehr Gemeinsinn.

 © Jens Bredehorn, Pixelio.de

Direkt vom Erzeuger

Quijote-Kaffee in Hamburg ist ein Handels- und Sozialunternehmen mit nachhaltigem Konzept. Die biozertifizierten Kaffeebohnen werden direkt bei den Bauern
erworben. Quijote hält persönlichen Kontakt zu ihnen und zahlt doppelt so hohe Abnahmepreise wie normalerweise bei Fair Trade üblich. Und: Bereits vor Beginn der Ernte werden die Kaffeebohnen zinsfrei vorfinanziert mit über 60 % der vereinbarten Abnahmemenge. Zweimal im Jahr reisen die Betreiber auf die Kaffeeplantagen und laden im Gegenzug Mitglieder der Bauernkooperativen für einen Monat nach Hamburg ein. So kann das gegenseitige Vertrauen stetig wachsen.

Blick in die Geschichte

Schon das Mittelalter kannte Innovationen: Die technologische Revolution des Buchdrucks bereitete den Boden für die Reformation und schuf die Voraussetzung
für die massenhafte Verbreitung der Bibel, die Martin Luther (vgl. Corinna Hesse: Luther-Hörbuch) aus dem Lateinischen ins Deutsche übersetzte.

 © Roswitha Rösch, Silberfuchs-Verlag

Lernende Teilhabe

Soziale Innovationen müssen in der Mitte der Gesellschaft entstehen: Bürger werden als Akteure der Zivilgesellschaft zu aktuellen Problemen und Wünschen befragt und bei Herausforderungen an Lösungsansätzen beteiligt. Ideen für Innovation und Wandel werden in kurzen Zeitabständen auf ihren Nutzen und ihre positive Wirksamkeit hin überprüft – so wie es das Design Thinking vorsieht. Hier wird in kleinen autarken Teams hierarchiefrei, selbstbestimmt, interdisziplinär in mehrstufigen Prozessen agil zusammengearbeitet, um ein Problem ausfindig zu machen und später zu lösen. Die kreative Methode entstand an der Stanford University in Kalifornien und wurde vom dortigen Hasso-Plattner-Institut weiterentwickelt. Sie hat einen starken Bezug zum Nutzer und gliedert sich in sechs Phasen:

  1. Sachverhalte verstehen und beobachten, z. B. durch Recherchen und Interviews
  2. Probleme exakt definieren
  3. Lösungsansätze finden bzw. Ideen entwickeln
  4. Prototypen entwerfen
  5. Ideen vom Nutzer testen lassen
  6. Lösungsansätze weiter verbessern, ggf. auch mehrfach

Lernen durch Wiederholung

Die wenigsten Herausforderungen lassen sich heute linear lösen. Der Erfolg ist größer, wenn man iterativ vorgeht, d. h. einzelne Prozesse so oft wiederholt, bis man sich der exakten Lösung annähert. Beim „Schleifen drehen“ dürfen Fehler passieren, aus denen gelernt werden kann. Über digitale Plattformen wie openIdeo.com, sicEurope.eu oder synAthina.gr können Bürger gemeinsam regional bzw. überregional Innovationen gemeinsam vorantreiben. Sozialforscher fordern zu Recht, eher systematisch in effektive, kreative und lernende Organisationsformen zu investieren statt direkt in Innovationen.

 © KoSI-Lab

Labore für soziale Innovationen

Deutschlandweit und international arbeiten inzwischen viele Zentren und Labore erfolgreich an sozialen Innovationen, meist interdisziplinär bzw. cross-sektoral mit Akteuren aus Kommunen bzw. öffentlichem Sektor, aus Forschung und Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Innovative Labore für Politik- und Verwaltung gibt es u. a. mit dem GovLab Arnsberg in NRW,  dem GovLabAustria in Wien, dem MindLab im dänischen Kopenhagen und dem britischen Social Innovation Lab Kent.  Labore für bürgerschaftliche Innovationen sind The Innovation Loop, The Australian Centre for Social Innovation, MaRS Solutions Lab und das Laboratoire d’innovation sociale. Geschäftsmodelle mit sozialer und gesellschaftlicher Wirkung verfolgen verschiedene sozialunternehmerische Initiativen, wie z. B. Maison du développement durable, Center for Social Innovation und Midpoint Center for Social Innovation. Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Praxis bieten verschiedene Transfer-Zentren für soziale Innovation, u. a. das Institute without Boundaries, das Tilburg Social Innovation Lab und der schwedische makerspace Sliperiet. In Mecklenburg-Vorpommern gab es 2017-2019 ein Projekt zur sozialen Dorfentwicklung im Rahmen des Landeswettbewerbs Kreative Raumpioniere in MV

229441_web_R_K_B_by_Stephanie Hofschlaeger_pixelio.de © Stephanie Hofschlaeger, pixelio.de

Förderprogramme

Die EU bzw. der Europäische Sozialfond ESF hat von 2014-2020 ein Programm EaSI zu sozialen Innovationen aufgelegt – mit drei Themen:

In verschiedenen Bundesländern wurden Förderprogramme von sozialen Innovationen aufgegriffen, u. a. in Niedersachsen, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Bayern.

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung förert in Nordrhein-Westfalen das Projekt KoSI-Lab. Im Fokus steht die modellhafte Entwicklung zweier Labore sozialer Innovation (SI-Lab) in den Dortmund (Neuentwicklung) und Wuppertal (Weiterentwicklung). Im Programm Zukunft der Arbeit fördert das BMBF außerdem, soziale Innovationen durch neue Arbeitsprozesse möglich zu machen (4. Wettbewerbsrunde 2019).

Auch das Bundesministerium für Landwirtschaft und Ernährung fördert Maßnahmen, die soziale Innovationen vorantreiben, z. B. in der sozialen Dorfentwicklung, wie das Projekt Kreative Raumpioniere in MV. Über die Bundeszentrale für politische Bildung fördert das Bundesministeriums des Innern, für Bau und Heimat  Aktivitäten im Programm Zusammenhalt durch Teilhabe.

Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie startete im Dezember 2019 erstmals einen Förderaufruf für digitale und nicht-technische Innovationen. In der ersten Förderrunde sind Ideen für digitale und datengetriebene Geschäftsmodelle und Pionierlösungen (IGP) gefragt.  Ein zweiter Förderaufruf ist im Verlauf des Jahres 2020 geplant, der besonders auf kultur- und kreativwirtschaftliche Innovationen zielt. Ein dritter Aufruf zielt voraussichtlich auf Innovationen mit einer besonders hohen sozialen und gesellschaftlichen „Wirkkraft“.

Neues Kreativcluster im EU-Forschungs- und Innovationsprogramm Horizont Europa

 © MS Artville Festival 2019, Foto: MassivKreativ

Wenn Europa innovativ bleiben und international weiterhin mitspielen will, sollte „Made in EU“ als neues Label und als Chance gesehen werden. 

EU fokussiert neues Kreativcluster

EU-Kommission hat Ende Juni 2019 eine öffentliche Konsultation zum nächsten EU-Forschungs- und Innovationsprogramm Horizont Europa (2021-2027) eingeleitet. Das erste Mal existiert in diesem Forschungsrahmenprogramm die Bereitschaft gibt, die Kultur- und Kreativwirtschaft zu fördern, insbesondere das Cluster „CULTURE, CREATIVITY AND INCLUSIVE SOCIETY“. Insgesamt stehen bis zu 100 Mrd. € für die gesamte europäische Innovations- und Forschungspolitik zur Verfügung. Die Kreativwirtschaft könnte hier im deutlich mehrstelligen Millionenbereich profitieren.

Potenzial der Kultur- und Kreativwirtschaft ganzheitlich nutzen

Fortschritt und Qualität dürfen sich allerdings nicht auf technologische Neuerungen beschränken. Es sollten auch soziale Innovationen und damit das gesamte Potential der Kultur- und Kreativbranche genutzt werden. Acht Aspekte für die SPILLOVER-Diskussion, die ich bereits 2015 gefordert habe und die noch immer mehr Aufmerksamkeit brauchen:

 © MS Artville Festival 2019, Text von „Barbara“, Foto: MassivKreativ

1. Soziale Innovationen als Komplementär 

Die Bedürfnisse der Menschen abzufragen ist keine Kür, sondern Pflicht. Wer heute nur auf neue Technik setzt und dabei den Menschen ignoriert, etwa bei Benutzerfreundlichkeit und Design, wird von Käufern und Nutzern abgestraft. Wer hingegen gezielt soziale Praktiken einsetzt, wer bewusst mit anderen Menschen kommuniziert, wer geistig-kreative Werte anerkennt, wer das interaktive Handeln fokussiert – in Organisationen, Prozessen, Strukturen, in der Anwendung und beim Konsum – treibt soziale Innovationen voran. Soziale Innovationen bereiten den Nährboden für technologische Neuerungen und geben als Treibstoff ungeahnten Innovationsschub. An diesen Tatbestand müssen auch endlich Förderstrukturen angepasst werden, denn Konzepte für soziale Innovationen fallen hier noch durchs Raster. So bleibt das Potential geistiger Ideen aus der Kultur- und Kreativbranche ungenutzt. Weder Gesellschaft noch Wirtschaft kann sich diese Ignoranz auf Dauer leisten!

2. Interdisziplinäre Teams

Wer über Globalisierung und Demografie, über Nachhaltigkeit und Vielfalt nachdenkt, kommt automatisch zu der Erkenntnis, dass es ohne branchenübergreifende, interdisziplinäre Vernetzung nicht mehr geht. In der Kultur- und Kreativwirtschaft gehört Vernetzung zum Alltag. Architekten lenken bei Bauprojekten um die 20 verschiedene Gewerke. Im Theater vermitteln Regisseure sogar zwischen 50 verschiedenen Berufsgruppen: Handwerk und Technik, Kunst und Marketing, Verwaltung und Organisation. In der Gamesbranche verbinden sich Autoren, Konzepter, Programmierer, Grafik- und Sounddesigner in gemeinsamen Think Tanks. Film-Projekte sind ähnlich vielschichtig angelegt. Vermitteln und Querdenken ist für Akteure der Kultur- und Kreativbranche Tagesgeschäft und erfordert eine hohe soziale und kommunikative Kompetenz. Davon könnten auch Wirtschaft und Politik profitieren, wenn sie nur wollten.

 © Artville Festival 2019, Foto: MassivKreativ

3. Forschungscluster: Wert kreativer Ideen

Wenn Unternehmer, NGO-Aktivisten oder Politiker über die Zusammenarbeit mit Kreativen berichten, schwingt viel Anerkennung und Begeisterung mit – über die Professionalität, die Ernsthaftigkeit und den Biss der Kreativen bei der Bewältigung eines Problems. Anders als in anderen Berufen schauen Kreative selten auf die Uhr. Sie testen ihre Ideen und Alternativen so lange aus bis sie die Herausforderung geknackt haben. Selbst wenn sie nicht mehr am Schreibtisch sitzen, suchen sie im Kopf weiterhin nach Lösungen. Leider wird die konzeptionelle Vorarbeit, die Innovationen erst ermöglicht, zu wenig wertgeschätzt. Häufig mangelt es an konkreten Zahlen, die den immensen Anteil geistig-kreativer Vorleistungen am Ertrag belegen. Hier braucht es in Zukunft fachübergreifende Forschungscluster, in denen Wirtschafts- und Geisteswissenschaftler gemeinsam relevante Zahlen ermitteln.

4. Begegnungsräume

Noch sind es meist die Kreativen, die Kontakt zur Politik und zu Unternehmen suchen, um alternative Denkmustern und andere Perspektiven anzubieten. Doch Kaltakquise ist schwierig. Die Auftraggeber müssen viel Vertrauen aufbringen, um Kreative in sensible interne Prozesse einzubinden. Das Eis muss gebrochen werden. Gebraucht werden Anlässe und Räume, um sich in ungezwungener Atmosphäre zu begegnen und auszutauschen. Beide Seiten merken dann schnell, wie ähnlich sie sich in vielen Punkten sind: Auch Politiker bzw. Unternehmer können kreativ denken und handeln. Auch Künstler bzw. Akteure aus der Kultur- und Kreativwirtschaft arbeiten professionell und zuverlässig. Zuweilen spielen „Sprachprobleme“ eine Rolle, wenn sich z. B. ein Programmierer mit einem Designer verständigen muss. An dieser Stelle sind „Intermediäre“ mit Sozialkompetenz gefragt, die beide Welten verstehen und kommunikationsstark zwischen den Akteuren vermitteln können. Hier könnte ein neues Berufsbild für Akteure der Kultur- und Kreativwirtschaft entstehen.

  © MS Artville Festival 2019, Foto: MassivKreativ

5. Nische als Chance

97 % der Akteure der Kultur- und Kreativwirtschaft sind Einzelunternehmer und Freiberufler. In einem monopolisierten Markt ein Alleinstellungsmerkmal zu finden, gehört für sie zum Alltag. Für größere Projekte ist die Vernetzung mit anderen Branchen überlebenswichtig. Davon können Politik, Wirtschaft, Städte und Organisationen lernen. Aus der Not der Beschränkung erwachsen alternative, kreative Ideen, etwa in der Arbeitswelt. Coworking Büros von Kreativen haben ursprünglich den Zweck, Räume, Ressourcen, Fähigkeiten und Wissen zu teilen. Längst nutzen sie auch andere Branchen, weniger aus ökonomischer Motivation heraus, sondern um interdisziplinär an neuen Ideen zu schmieden.

6. Kulturerbe und Identitätsstiftung

Die Globalisierung lässt sich nicht aufhalten. Doch die Bürger pflegen zunehmend selbstbewusst ihre Wurzeln und ihre Identität. Die UNESCO unterstützt den Trend, indem sie dazu aufruft, ergänzend zum materiellen Kulturerbe auch das immaterielle bzw. lebendige Kulturerbe aufzuspüren. Es geht um mehr öffentliche Aufmerksamkeit für Traditionen, Bräuche und Feste, Wissen und Rituale, für Handwerkstechniken und Ausdrucksformen. Sie prägen die Identität der Menschen und schweißen eine Region, Gruppe oder Gemeinschaft zusammen. Lebendiges Kulturerbe wird ständig den veränderten Umständen und Zeiten angepasst und bleibt so aktuell. Es verleiht Selbstbewusstsein, Wohlbefinden und stiftet sozialen Frieden.

  © MS Artville Festival 2019, Foto: MassivKreativ

7. Regionalentwicklung und Stadtkultur

Kunst und lebendiges Kulturerbe wirken als Treibstoff auf Städte und Gemeinden, intern als sozialer Kitt und extern als Magnet für den Tourismus. Was wiederum andere Branchen befruchtet und Renditen steigert: für Hotellerie und Gastronomie, Einzelhandel, Nahverkehr und Immobilienbranche. Zukünftig muss es darum gehen, Gemeinschaftsfonds zu bilden. Die Profiteure sollen Mehreinnahmen, die sie durch SPILLOVER-Effekte erzielt haben, in Kunst und Kulturerbe reinvestieren. Akteure der Kultur- und Kreativbranche dürfen nicht länger in die Rolle zeitlich befristeter „Durchlauferhitzer“ gedrängt werden, die zunächst unattraktive Orte beleben und sie durch Gentrifizierung wieder verlassen müssen. Sie brauchen Verlässlichkeit, um Städte, Gemeinden und Gesellschaft nachhaltig beflügeln zu können.

 © MS Artville Festival 2019, Foto: MassivKreativ

8. Vorreiter und Vordenker

Die Kultur- und Kreativwirtschaft ist immer Vorreiter gewesen, wenn es um neue gesellschaftliche Entwicklungen ging. Ein bewusster Umgang mit Energie und Ressourcen, Themen wie Teilhabe, Nachhaltigkeit und Ehrenamt wurden auch von Künstlern in die Gesellschaft hineingetragen. Neue Geschäftmodelle sind daraus entstanden, z. B. Carsharing, Upcyling, neue Wertschöpfungsketten und ganze Branchen wie die Bioökonomie. Auch Begriffe wie Vielfalt und Ehrenamt rücken Künstler mit gezielten Impulsen in unseren Fokus, das Schlagwort „Willkommenskultur“ z. B. hat sich so zu einem bewussten bürgerschaftlichen Engagement und zu echter Hilfsbereitschaft gegenüber Flüchtlingen entwickelt.

 © MS Artville Festival 2019, Foto: MassivKreativ

Wenn Politik und Wirtschaft das Potential der Kultur- und Kreativschaffenden erkennen und nutzen, kann SPILLOVER in Europa wirklich gelingen. So würde das Label „Made in EU“ einen tieferen, identitätsstiftenden Sinn erhalten. Denn: eine Wirtschafts- und Zollunion allein schafft unter den Bürgern keinen europäischen Zusammenhalt.

Zum Hintergrund: Horizont Europa wird final beschlossen von der neuen Kommission und soll Anfang 2021 starten. Hier geht’s zur Konsultation (bis 8.9.2019): https://ec.europa.eu/info/news/have-your-say-future-objectives-eu-funded-research-and-innovation-2019-jun-28_de

Spekulative Arbeit: Welchen Wert hat das Immaterielle?

 © Von Glitschka, No!Spec/CreativePro.com

Was ist uns eine kreative Idee wert? Was kostet ein Ideen-Konzept, das (noch) nicht fassbar ist? Fakt ist: Ein Kreativer investiert dafür viele Stunden Recherche und gedankliche Vorarbeit. Dennoch werden Konzepte von Auftraggebern meist pro bono vorausgesetzt. Warum eigentlich?

Vorschussarbeit auf eigenes Risiko

Bevor ein Auftrag erteilt und ein Projekt finanziert wird, brauchen Auftraggeber Ideen, Konzepte, Kostenpläne – für Architektur-, Design-, Wissens-, Kultur- und  Kunstprojekte, für Ausstellungen und Publikationen, für Kreativ-Workshops und Kulturveranstaltungen. Das ist nachvollziehbar, denn wer will schon die Katze im Sack kaufen.

Unverständlich ist jedoch, dass Konzepte fast nie honoriert werden. Anders als in anderen Branchen wird von Kreativen oft kostenfreie Arbeit erwartet.  Vorschussarbeit, die der Kreative auf eigenes Risiko leistet. Spekulative Arbeit also, von der die Kreativen nicht wissen, ob sie sie jemals vergütet bekommen. Inakzeptabel, zumal zusätzlich die Gefahr besteht, dass die Ideenkonzepte von den Auftraggebern selbst realisiert oder an andere Kreative übertragen werden, die die Konzepte dann zu Dumpingpreisen realisieren. Beispiele aus der Praxis gibt es zuhauf!

Loriots Erfahrung mit spekulativer Arbeit

Über das Thema „Spekulative Arbeit“ ist schon viel und oft geschrieben worden. Es ist so alt, seit es Künstler gibt.  Schon 1950 berichtete Loriot wütend an seinen Vater: „Ich habe von der Kurverwaltung Norderney die Aufforderung erhalten, ein Werbezeichen für das Kurbad zu entwerfen. Ich soll zunächst ‚kostenlos und unverbindlich‘ Skizzen einreichen – mit der Aussicht, dass bei Gefallen eine davon erworben würde. Also ein ganz unklares, lächerliches Ansinnen. Ich gehe doch auch nicht in einen Fleischerladen, hake mir eine Wurst ab, esse sie auf und sage dann, sie schmeckt mir nicht!“ (Spaeth 2016

Immaterielle Vermögenwerte und Markterschließung

Das Finanzamt misst immaterielle Werte übrigens steuerlich mit zweierlei Maß. Warum es bestimmte immaterielle Vermögenswerte anerkennt und andere nicht, erschließt sich mir nicht immer ganz schlüssig. So können forschende, industrielle Unternehmen z. B. Ausgaben für Probebohrungen und Gebietserschließungen kostenmindernd in ihre Steuerbilanzen einbringen.

Wenn Kreativschaffende immateriell in die Markterschließung investieren, können sie dies nicht geltend machen. Das Finanzamt erkennt das nicht an. Warum eigentlich nicht? Recherchen und Konzepte dienen doch ebenfalls der Erkundung des Marktumfeldes und sind Voraussetzung für ein erfolgreiches Projekt. Ohne ein stimmiges Konzept bleiben auch Fördergelder verwehrt. 

Diese steuerliche Benachteiligung wiegt um so schwerer, weil Konzepte nur selten bezahlt bzw. vergütet werden. Auch die meist aufwändigen Antragsverfahren zur Generierung von (staatlichen) Fördergeldern müssen von den Antragstellern ohne Vergütung absolviert werden. In der Kreativbranche ist dies Alltag. Warum ist das in diesen Branchen so und in anderen nicht? Welcher Unternehmensberater würde kostenfrei Konzepte erstellen? Welcher Rechtsanwalt oder Steuerberater würde ohne Honorar Klienten beraten? 

Perspektivwechsel

Was spekulative Arbeit in anderen Branchen bedeuten würde, zeigt ein kurzer unterhaltsamer (englischsprachiger) Filmclip von Frank Zulu bzw. seiner Agentur Zulu Alpha Kilos: 

Künstlerhonorare

Auch wenn diese Vergleiche für manche hinken mögen, führt gerade der Perspektivwechsel zur erhellenden Erkenntnis, wie auch folgende kleine Geschichte des Bloggers Thomas Breuss zeigt (Breuss 2015):

Die Anfrage: „Wir sind ein kleines Restaurant und suchen auf diesem Wege Musiker, die bei uns spielen wollen, um bekannt zu werden. Wir können zwar keine Gage zahlen, aber wenn die Musik bei unseren Gästen ankommt, können wir an den Wochenenden Tanzveranstaltungen anbieten. Wenn Sie also bekannt werden möchten, melden Sie sich bei uns.“

Die Antwort: „Wir sind eine Gruppe Musiker, die in einem recht großen Haus wohnt. Wir suchen ein Restaurant, das gelegentlich bei uns Catering macht, um bekannt zu werden. Wir haben zwar kein Geld, aber wenn allen Ihr Essen schmeckt, können wir das gern regelmäßig machen. Das wäre eine gute Reklame für Ihr Restaurant. Melden Sie sich gerne bei uns.“

Dass solche Anfragen Alltag sind, zeigt folgende Reklame des Berufsverbandes bildender Künstler Berlin, der für die Belange seiner Mitglieder so warb:
„Ich bin ein Künstler. Das bedeutet nicht, dass ich umsonst arbeite. Meine Rechnungen muss ich bezahlen wie Sie auch. Danke für Ihr Verständnis!“

 © soundpool-records.com

Selbsterfahrung

Mich selbst erreichen immer wieder Anfragen für kostenfreie Texte, Konzepte, Vorträge u. ä. Meist kommen sie von Veranstaltern oder von festangestellten Mitarbeitern aus Behörden, Kommunen, Verlagen und Vereinen. Ich betone das deshalb, weil ein Selbständiger nie auf die Idee käme, einen anderen Selbständigen bitten würde, ohne Honorar zu arbeiten. Stellen Sie sich andererseits einmal vor, man würde einen Festangestellten bitten, ohne Lohn zu arbeiten…

Kürzlich schickte mir ein Dachverband mit 8 Millionen! Mitgliedern in Deutschland eine Anfrage. Man bat mich im Erstkontakt um einen vierseitigen Magazinartikel mit viel fachlichen Expertise. Ich bekundete zunächst mein grundsätzliches Interesse und erkundigte mich nach dem Honorar. Erst auf meine Nachfrage hin, teilte man mir mit, dass es kein Honorar gäbe (s.u.). Autoren würden ihren Beitrag „als persönliche Unterstützung eines gemeinsamen Anliegens“ honorarfrei zur Verfügung stellen. Ich lehnte ab und verwies in diesem Zusammenhang auf die Notwendigkeit eines bedingungslosen Grundeinkommens. Nur unter dieser Voraussetzung könne ich solche honorafreien Anfragen leisten. Solange es das BGE nicht gibt, muss ich als selbständige Unternehmerin mein Einkommen mit bezahlten Aufträgen finanzieren. 

Weiteres Praxisbeispiel 

Während ich diesen Artikel schreiben, entdecke ich in den sozialen Medien einen Wettbewerbsaufruf für die künstlerische Gestaltung einer Hausfassade eines öffentlich geförderten Vereins. Da heißt es: „Zu gestalten sind 174 x 60 cm große Flächen, die sich in unsere Hausfassade integrieren. Dafür werden PVC Platten mit den Kunstwerken in den dafür vorgesehenen Nischen befestigt. Unter allen Einsendungen werden neun Kunstwerke für die Gestaltung der Fassade ausgewählt. Wir würden uns sehr freuen, wenn Sie unseren Aufruf teilen könnten und freuen uns auf die Einreichungen.“ Auf die Nachfrage, welches Honorar für die Teilnahme am Wettbewerb gezahlt werde bzw. wie hoch ist das Preisgeld für den/die Gewinner/in sein, kam diese Antwort: „Es gibt tatsächlich keinen materiellen Gewinn. Die KünstlerInnen erhalten eine Fläche im öffentlichen Raum zur freien Gestaltung und haben zudem die Möglichkeit, etwas Gutes zu tun und einem soziokulturellen Zentrum dabei zu helfen, dass an dessen Fassade statt „XY“ coole Kunst zu sehen gibt. Das klingt erstmal nicht viel, soll aber KünstlerInnen zu Beteiligung und Mitgestaltung … anregen.“

 © bbk berlin e.V.

Umdenken

Unsere Gesellschaft braucht generell ein anderes Verhältnis im Umgang  mit Ideen und immateriellen Werten. Nicht alles lässt sich beziffern und hat dennoch einen Wert: Was kosten Vertrauen, Zufriedenheit, ein Lächeln, ein Dankeschön?  Welchen Preis haben Freiheit und Wissen, Gesundheit und soziale Bindung, Wertschätzung und Vertrauen, Liebe und Freundschaft, Arbeitskraft und Resilienz? Wie beziffert man den Wert des Immateriellen?  Werte bemessen sich nach Emotionen. Das zeigen Marken ebenso wie die Preise am Kunstmarkt und an der Börse. Mehr Psychologie als Berechnung.

Der Wirtschaftsjournalist Wolf Lotter plädiert für ein generelles Umdenken. Nach der Industriegesellschaft brauche es in der Wissensgesellschaft eine „Ideenwirtschaft der Vielfalt“, deren Schlüsselbegriff Qualität sei, denn: „Ideenleistungen sind keine Frage der Stechuhr.“ (Lotter 2009, S. 12) 

Immaterielles neu bewerten

Immaterielle Werte sind zudem häufig subjektiv und können nur über Umwege gemessen werden: Follower, Klickzahlen, Seitenimpressionen, Voraussagen, Bewertungen durch Ratingagenturen oder Kunstexperten. Werte hängen stark mit Vertrauen, Glaubwürdigkeit und einem guten Gefühl zusammen, mit der „Frage nach dem Warum“ (vgl. Sinek 2014). Wer erklären kann, wofür die eigene Organisation oder Institution steht, ohne dabei quantitativ messbare Kriterien anzuführen, wie Preis oder Funktion, ist auf dem richtigen Weg. Nicht das Was entscheidet, sondern das Warum! Das Warum deutet auf innere, biografische und emotionale Schubkräfte und zeigt, welcher Sinn im Mittelpunkt des eigenen Tuns steht.

Geld mag ein probates Mittel sein, um Produkte oder Dienstleistungen zu bewerten. Die wirklich wichtigen Werte können nicht mit Geld bemessen werden. Ohne emotionalen Wohlstand zählt materielles Vermögen wenig. Nur weil jemand viel Geld verdient, heißt das nicht, dass er auch Werte erzeugt (siehe Hedgefonds, Rohstoffwetten). Im Umkehrschluss: Wenn jemand nur wenig Geld für seien Arbeit erhält (siehe KindergärtnerInnen, (Alten-)PflegerInnen, FriseurInnen), bedeutet das nicht zwingend, dass er/sie keine oder nur geringe Werte schafft.

Initiative für faire Arbeitsbedingungen

Für angemessene Honorare und faire Arbeitsbedingungen engagiert sich u. a. die Initiative artbutfair. Sie ist Dach für drei gemeinnützige Vereinen in Deutschland, Österreich und in der Schweiz. Sitz des deutschen Vereins ist Hamburg. Auch der Deutsche Kulturrat unterstützt die Initiative (Kurzdarstellung auf S. 5), die Missstände in der Praxis sichtbar machen will, Veranstaltungen ausrichtet und auf Austausch setzt. 

Erklär-Trickfilm – Was ist spekulative Arbeit?

Das Hitzacker-Dorf und KUBA – gemeinsam, interkulturell, nachhaltig

 © MassivKreativ

Hauke Stichling-Pehlke ist vor knapp 30 Jahren ins Wendland gekommen. Ein ehemaliger Großstädter, der sich bewusst für das ländliche Leben in Hitzacker entschieden hat. Sein Studium hat er wegen der eigenen Ungeduld nicht beendet. Er wollte nicht länger Theorien entwickeln, sondern Projekte rasch in die Tat umsetzen. In Hamburg-Wilhelmsburg hat er im zeitlichen Umfeld der Internationalen Bauausstellung IBA ein interkulturelles Seniorenheim gebaut. Seit Winter 2011 können im Veringeck deutsche und türkische Senioren können in Wilhelmsburg gemeinsam unter einem Dach ihren Lebensabend verbringen.

Zukunftsdorf in Hitzacker

Auf diese Erfahrungen baut sein aktuelles Projekt auf. Im Wendland soll ein neues interkulturelles und altersgemischtes Mehrgenerationendorf entstehen: das Hitzacker-Dorf. Am ersten Haus wird gerade gebaut (Sommer 2018). Im Interview betont Hauke Stichling-Pehlke: „Das Hitzacker-Dorf ist kein fertiges Produkt. Es ist eine Idee, die von allen gemeinsam entwickelt und stetig  auch weiterentwickelt werden soll.“

 © MassivKreativ: Hauke Stichling-Pehlke

Verantwortung übernehmen

Um das Hitzacker-Dorf von der Idee in die Tat umzusetzen, gibt es verschiedene Arbeitsgruppen, z. B. für den Bau und die Dorfplanung (Bau), für Büro und Öffentlichkeitsarbeit, für Interkulturelles, Gemeinschaftsbildung und das Gemeinschaftshaus, für Mobilität, Stoffkreisläufe und Solidarität, für Nahrung und Küche, für Kinderbetreuung und Garten, für Finanzen und Fundraising, für Datennetz, IT und Gewerbe.

 © MassivKreativ

Wohnen und Arbeiten

Dabei haben die Akteure auch das wohnortnahe Arbeiten im Blick: Coworking für StartUps, ein Gesundheitszentrum und ein kleines Gewerbegebiet sind geplant. Es wurden basisdemokratische Strukturen mit Vorstand und Aufsichtsrat geschaffen. Einmal pro Woche tagt das Plenum für kleine Entscheidungen, große Themen werden in der Generalversammlung diskutiert. Wie wird z. B. das Thema Nachhaltigkeit im Hitzacker-Dorf umgesetzt? Wie wird Mobilität im Alltag gelebt, was können Carsharing und E-Autos leisten.

 © Kurt F. Domnik, pixelio.de

Um die Kosten überschaubar zu halten, werden ausschließlich Mehrfamilienhäuser nach einem Modulsystem gebaut. Pehlke macht auf Nachfrage folgende Beispielrechung auf: Eine vierköpfige Familie erwirbt für den Bau einer 90qm großen Wohnung Genossenschaftsanteile in Höhe von 20.000 € und zahlt nach Fertigstellung des Baus eine Kaltmiete von knapp 6 € pro qm. 12 Häuser sind im Sommer 2018 durchfinanziert, Verträge mit der GLS-Bank geschlossen. Der Bau des ersten Hauses ist gerade gestartet.

 © MassivKreativ

Überraschende Siedlungsgeschichte

Bei der Erschließung des Baugrundes wurden archäologische Fundstellen freigelegt und ergaben, dass die Region schon etwa 300 Jahre vuZ besiedelt wurde. Ein Brennofen, der in einem Meter Tiefe gefunden wurde, lässt darauf schließen, dass die damaligen Bewohner mit der Verhüttung von Raseneisenstein Erz gewonnen und veredelt haben. So wird die Siedlungsgeschichte stetig weiter geschrieben.

 © MassivKreativ

Kulturbahnhof 

Im zweiten Teil des Interviews berichtet Hauke Stichling-Pehlke über den ehemaligen Bahnhof in Hitzacker, der heute KUBA – Kulturbahnhof heißt. Im April 2014 ersteigerte der frisch gegründete Bürgerverein den 174 erbauten Backstein-Bahnhof für 32.000 €. Heute ist KUBA ein Kulturzentrum, das von vielen Künstlern, Kreativen und lokalen Gruppen genutzt wird. Der Verein koordiniert die vielfältigen Aktivitäten und hat derzeit etwa 80 Mitglieder. Auch Jugendliche brüten immer wieder Ideen für KUBA aus, u. a. die Kulturaktie, um den Verein zu unterstützen.

 © MassivKreativ

Hauke Stichling-Pehlke ist optimistisch: Sowohl KUBA als auch das Hitzacker-Dorf zeigen, das sich die Bürger gerne sinnstiftend engagieren und zivilgesellschaftlich Verantwortung übernehmen. Damit zeigen sie Wege auf, wie es zukünftig im Wendland weitergehen kann – mit sozialen Innovationen.

PODCAST-INTERVIEW mit Hauke Stichling-Pehlke

Das Hitzacker-Dorf und KUBA – gemeinsam, interkulturell, nachhaltig

Ideenlabor und Impulsgeber: die Grüne Werkstatt Wendland

 © MassivKreativ

Die Grüne Werkstatt Wendland versteht sich als Plattform und Prototyp in einem, als kreatives Ideenlabor und Impulsgeber für das Wendland. Das Projektbüro ist im ehemaligen Alten Postamt in Lüchow untergebracht, kurz Postlab genannt. Ein engagierter Kreis von Ehrenamtlichen entwickelt und koordiniert neue Vorhaben, die jeweils über Projektförderungen finanziert werden. Dabei stehen Fragestellungen im Zentrum, die die Region in besonderer Weise voranbringen sollen, z. B. 

Welche Ausstellungskonzepte würden mehr Besucher in ein regionales Museum ziehen?
Wie könnte man Lüchow als lebendige Einkaufsstadt attraktiver gestalten?
Wie sehen Produkte aus, die Jugendliche motivieren, neue Fähigkeiten zu erlernen?
Was lässt sich aus den MDF-Plattenresten der Firma Werkhaus herstellen?
Wie bringt man ‚krummes‘ Gemüse aus dem Wendland auf den Markt?
Wie möchte ich leben? Wie möchte ich arbeiten? Wie können wir die Welt besser, schöner und gerechter machen?“

und so weiter … 

Gemeinsam stark für die Region

Hinter der grünen Werkstatt steht ein kleiner gemeinnütziger Verein, der Netzwerke zwischen Hochschulen, Schulen, Verwaltungen und regionaler Wirtschaft initiiert und so die Region stärkt. Zu den Initiatoren der Grünen Werkstatt gehören Bürger, Vertreter der Kreisverwaltung Lüchow-Dannenberg und der Wirtschaftsförderung, ferner Künstler, Handwerker und Unternehmer.

Mitdenken und Mithandeln

Die Grüne Werkstatt Wendland beschreibt sich selbst als Treffpunkt für Menschen, die für ihre Projekte Mitdenkende, Mitmachende und Ermöglichende suchen. Als Platz für Freischaffende und Firmengründende, die nicht allein arbeiten wollen, sondern sich austauschen möchten. Als Raum für Menschen, die etwas bewegen und darüber mit anderen diskutieren wollen. Als gute Adresse für Wendländer auf Zeit, die an ihren Ideen arbeiten wollen. Als Ort, an dem man gut Kaffee trinken und Ideen ausbrüten kann. Die Aktion Willkommenstrunk  zum Beispiel erfand eine kreative Gruppe um Webdesignerin Simone Walter: Geflüchtete und Einheimische ernteten 2015 gemeinsam Äpfel und pressten daraus Saft. Der Verkaufserlös kam den Geflüchteten zugute.

 © MassivKreativ

Junge Designer und regionale Unternehmen 

Nicole Servatius übernahm direkt nach ihrem Studium an der HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim die Leitung des Projektbüros der Grünen Werkstatt. In Design Camps brachte sie junge Design-Studenten und Absolventen mit lokalen Unternehmen zusammen, die gemeinsam neue maßgeschneiderte Produkte und Geschäftsmodelle entwickelten. Viele junge Menschen aus der Stadt haben auf diese Weise  das Leben und Arbeiten auf dem Lande kennen und lieben gelernt.

Kreative Köpfe und Ideen

Was treibt die Menschen im Wendland an? Wovon träumen sie? Diese Fragen hatten auch die Akteure der Grünen Werkstatt und entwickelten dazu das Buch Wendland im Wandel. 20 Protagonisten dieses Buches erzählen beispielhaft ihre Geschichten und Taten, erklären ihre Lebenskonzepte und Ihr Schaffen im Alltag. Einige von ihnen haben ihre Kindheit im Wendland verbracht und sind später nach Ausbildung oder Studium bewusst wieder in ihre Heimat zurückgekehrt. Andere haben sich nach einem (Vor-)Leben in der Großstadt bewusst für das Wendland entschieden. Die Schilderungen der unterschiedlichen Lebenswege sollen auch andere Bürger ermutigen, das Leben und die Zukunft der einzigartigen Region aktiv mitzugestalten. 

 © Buch der Grünen Werkstatt

Projekte und Vorhaben

Im Interview berichtet Nicole Servatius über weitere Projekte der grünen Werkstatt, z. B. über Ausstellungen junger Designerinnen im Wendland und im Museum Wustrow, z. B. „Museum öffne Dich“ und „Stadt Land Flucht“ und über „Leben auf dem Lande –  Wohnen auf großen Höfen“. Sie stellt ihre neue Tätigkeit als Leiterin der Stabsstelle Regionale Entwicklungsprozesse des Landkreises Lüchow-Dannenberg vor und das  im Juli 2018 gestartete zweijährige Projekt „WendLandLabor“ des Landkreises Lüchow Dannenberg – ein Projekt für soziale Innovationen. Nicole Servatius übernimmt dafür koordinierende Aufgaben, Christof Jens leitet die operativen Geschäfte. Servatius spricht über Synergie-Effekte für die Grüne Werkstatt, über junge Fachkräfte für die Region, über Chancen, Potentiale und den besonderen Charme des Wendlands.

 © MassivKreativ: Nicole Servatius

PODCAST-INTERVIEW

Ideenlabor und Impulsgeber: die Grüne Werkstatt Wendland

Kreative als Atemspender für ländliche Regionen

 © Kreative MV

Viele junge Menschen kehren ihrer ländlichen Heimat den Rücken, weil sie für Studium oder Ausbildung in größere Städte ziehen. Zumindest einige von ihnen kehren später zurück. Oder es ziehen Neubürger hinzu. Für viele Kreative ist die Lebensqualität im ländlichen Raum hoch attraktiv. Sie hauchen den Dörfern und Kleinstädten frischen Atem ein. Ein neuer Wettbewerb in Mecklenburg-Vorpommern will die künstlerisch-kreativen „Raumpioniere“ unterstützen und ihre Fähigkeiten aktiv einbinden.

Kreative als Raumpioniere

Kreativschaffende suchen bewusst den Freiraum in vermeintlich „verlassenen“ Regionen, die über Abwanderung und Extremismus klagen. Sie kaufen und renovieren leerstehende Gutshäuser und Katen, betreiben offene Ateliers und Werkstätten, Probenräume und Bühnen, Gästehäuser und Cafés. Sie wirken als Magnet für weitere Neuansiedler, Touristen und Gäste. Sie sind Pioniere, die den gesellschaftlichen Wandel in ländlichen Räumen engagiert und enthusiastisch gestalten, oft gemeinsam mit der alteingesessenen Bevölkerung. Der digitale Wandel ermöglicht es Kreativunternehmern, dort zu arbeiten, wo sie leben wollen – und nicht umgekehrt.

 © MassivKreativ

Landeswettbewerb „Kreative für MV – MV für Kreative“

2018/2019 fand in Mecklenburg-Vorpommern ein landesweiter Wettbewerb für soziale Dorfentwicklung und Innovationen in ländlichen Regionen statt – unter aktiver Mitwirkung kreativer Raumpioniere und gefördert durch das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (Projektträger: Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung/BLE). Dabei sollten bereits bestehende kreative Projekte und Initiativen zur sozialen Dorfentwicklung ausfindig gemacht oder neue Initiativen angeregt werden – zwischen Kreativen und alteingesessenen Bürgern. Gemeinsam werden Talente und Synergien ermittelt, Ideen gesammelt und Prototypen gestaltet, im Idealfall auch soziale Innovationen realisiert werden.

 © BLE

Brückenbauer in MV gesucht

Mit dem Wettbewerb und der Kampagne ‚Kreative für MV – MV für Kreative‘ wollten wir zeigen, wie sehr sich Künstler und Kreative für ihr soziales Umfeld einsetzen“, erklärt die Projektleiterin Corinna Hesse und Sprecherin des Landesnetzwerkes Kreative MV – Netzwerk der Kultur- und Kreativwirtschaft in Mecklenburg-Vorpommern sowie Medienproduzentin und Mitverlegerin im Silberfuchs-Verlag / Labor für gesellschaftliche Wertschöpfung. Gleichzeitig sollte im Rahmen des Wettbewerbs ermittelt werden, was das Bundesland für Künstler tun kann. Hesse ergänzt: „Gesucht wurden zivilgesellschaftliche Projekte zwischen Kreativschaffenden und Bürgern. Ländliche Regionen profitieren von den kreativen Ideen für ein sinnstiftendes Zusammenleben.“

Interdisziplinäre Kreativworkshops

Kreativschaffende und künstlerische Laien konnten sich mit einer zweiseitigen Projektskizze bewerben. Von April bis Oktober 2018 fanden 10 landesweite Projektcoachings statt. Jeder Bewerber konnte daran teilnehmen, um sein Projekt weiter zu entwickeln und zu professionalisieren. Im September 2019 präsentierten sich die zehn besten und nominierte Projekte vor einer Jury und gaben in Filminterviews Auskunft über ihre Projekte.

Die Workshops fanden 2018 an verschiedenen Orten in Mecklenburg-Vorpommern statt. Intermediäre des Netzwerkes Kreative MV haben die Bewerber im Rahmen des Wettbewerbs unterstützt, vernetzt, qualifiziert und landesweit sichtbar gemacht.

Roadshow

Die zehn besten Projektideen touren im Anschluss an den Wettbewerb in einer Wanderausstellung über Kreative Pioniere und einer Roadshow durch Mecklenburg-Vorpommern und werden in Kommunen und Landesministerien vorgestellt. Damit wird das Bewusstsein gestärkt, dass Kultur- und Kreativwirtschaft die regionale Entwicklung stärkt und entscheidende Impulse setzt. Ein Auftakt, damit zukünftig auch kommunale Kooperationspartner enger mit Kreativen zusammenarbeiten und Standorte gemeinsam entwickeln können. Raumpioniere bringen die Zukunft nach Mecklenburg-Vorpommern.

Module des Wettbewerbs

Das Team von Kreative MV stützt sich auf vielseitige und fruchtbare Erfahrungen bei der Zusammenarbeit zwischen Kreativen, Bürgern, Verwaltung, Unternehmen, Regional- und Wirtschaftsförderern in bereits erprobten KreativLabs, die 2016/2017 in MV bereits für Austausch und Vernetzung sorgten. Die Labs sollen als nachhaltiges Format im Rahmen des Wettbewerbs fortgeführt und intensiviert werden. Der Wettbewerb wird dabei die Handlungsschwerpunkte Vernetzung, Fortbildung und Sichtbarkeit verbinden. Die Effekte der Kultur- und Kreativwirtschaft auf die Standort- und Regionalentwicklung werden durch den Projekttitel „Kreative für MV – MV für Kreative“ verdeutlicht.

 © MassivKreativ

Künstlerisch-kreative Methoden

Die KreativLabs leben vom künstlerischen Denken, von einer Vielzahl künstlerisch-kreativer Methoden und künstlerischer Interventionen. Kreative haben eine besondere Haltung, sie können:

  • zuhören, beobachten, recherchieren, improvisieren
  • Fragen stellen, Angst überwinden, mutig sein
  • andere Perspektiven kennenlernen, neue Sichtweisen entdecken
  • nach innen und außen fühlen
  • Szenarien, Rollen und Möglichkeiten im Spiel erproben
  • an eigene Grenzen gehen, über sich hinauswachsen
  • mit Kritik umgehen, aus Fehlern lernen
  • Fehlschläge und Misserfolge verarbeiten, Resilienz entwickeln
  • Gemeinschaft und Vielfalt erleben, im Team arbeiten
  • Anderssein und andere Meinungen akzeptieren
  • Verantwortung für sich und für Andere zu übernehmen
  • Selbstbewusstsein stärken
  • Fokussierung, Konzentration, Beharrlichkeit
  • Zeit planen, Prioritäten setzen
  • Wertschätzung für andere Menschen empfinden
  • Erfolge feiern, Pausen zum Reflektieren zulassen

In den Workshops werden Kreativtechniken (Design Thinking, Brainwriting, Osborne-Methode usw) ebenso genutzt wie Methoden agilen Arbeitens.

 © MassivKreativ

Ablauf des Wettbewerbs

Bis zum 28.02.2018 können sich Interessenten für den Wettbewerb, z. B. Kreativschaffende, künstlerische Laien, Bürger, Verwaltungen, Gemeinden, Unternehmen usw., mit einer zweiseitigen Projektskizze bewerben. Von April bis Oktober 2018 finden 10 landesweite Projekt-Coachings von statt. Jeder Bewerber kann daran teilnehmen, um sein Projekt weiter zu professionalisieren.

Eine branchenübergreifend besetzte Jury wählt drei Projekte aus, die im Frühjahr 2019 ausgezeichnet werden. Im Fokus des Wettbewerbs stehen gesellschaftsgestaltende Prozesse, die auf die besonderen Herausforderungen in der Region eingehen. Die Siegerprämien sind mit insgesamt 10.000 Euro dotiert, die für die Weiterentwicklung der Projekte eingesetzt werden sollen. Im Anschluss werden ausgewählte Projektideen von Mai bis November 2019 in einer Multimedia-Roadshow durch Mecklenburg-Vorpommern in Kommunen und Landesministerien vorgestellt. So wird das Bewusstsein für die Standorteffekte und Regionalentwicklung durch die Kultur- und Kreativwirtschaft gestärkt und kommunale Kooperationspartner gewonnen.

Nachhaltigkeit

Ziel des Wettbewerbs ist es, die kreativen Projekte, Ideen und Initiativen aus den Bewerbungen nachhaltig in kommunale, landesweite oder überregionale Förderprogramme zu implementieren und die vorhandenen Förderprogramme für die Entwicklung des ländlichen Raums stärker für die Kreativbranche zu erschließen.

Vorreiter

Die Politik wird aktiv aufgerufen, die Ansiedlung von Kreativunternehmern im ländlichen Raum zu fördern. Damit soll der Wandel ländlicher Regionen von der Landwirtschaft hin zu einem kleinteiligen, flexiblen und damit robusten Dienstleistungssektor unterstützt werden, der wissens- und kreativitätsbasiert und damit zukunftsfähig sein soll.

Mecklenburg-Vorpommern kann in diesem Zusammenhang bereits auf einige erfolgreiche Kreativorte, Vereine und Clustern verweisen, die mit kulturellen und ökologischen Angeboten, Veranstaltungen, regionalen Produkten und Gastronomie neue Geschäftsmodelle entwickelt haben, z. B. in Mestlin, Rothen, Pampin, Wangelin, Qualitz, im Lassaner Winkel, in Lelkendorf usw. Weitere Beispiele sind willkommen!  

Prominente Schirmherrin

Ministerpräsidentin Manuela Schwesig hat ihre Unterstützung als Schirmherrin zugesagt. Sie wird im Frühjahr 2019 drei ausgewählte Projekte auszeichnen: „Ich freue mich, die Kreativen im Land näher kennenzulernen. Allen Projekten wünsche ich viel Erfolg!“  Die ausgezeichneten Projekte werden von einer unabhängigen Jury ausgewählt und mit Projektmitteln von insgesamt 10.000 € unterstützt.

Die Initiatorin

Corinna Hesse hatte die Idee für den Wettbewerb „Kreative für MV – MV für Kreative„. Sie ist Projektleiterin und Sprecherin von Kreative MV – Netzwerk der Kultur- und Kreativwirtschaft in Mecklenburg-Vorpommern sowie Medienproduzentin und Mitverlegerin im Silberfuchs-Verlag / Labor für gesellschaftliche Wertschöpfung.

FAQ Wettbewerb kreative soziale Dorfentwicklung

Wer kann teilnehmen?

Bewerben können sich Privatpersonen, Vereine, Netzwerke und Firmen in Mecklenburg-Vorpommern aus allen Bereichen der Kultur und Kreativwirtschaft: Kunst, Musik, Theater, Kunsthandwerk, Architektur, Design, Werbung, Software, Games, Film, Rundfunk, Buch, Presse. Für nicht eingetragene Vereine, Arbeitskreise und andere Initiativen ohne eigene Rechtspersönlichkeit besteht die Möglichkeit, dass eine (rechtsfähige) Einzelperson für die Initiative die Bewerbung einreicht. Kommunale Partner, Wirtschaftsunternehmen aus anderen Branchen, Bürgerinnen und Bürger können nur dann eine Bewerbung einreichen, wenn sie in ihrem Projekt mit Partnern aus der Kreativbranche zusammenarbeiten.

Wie werden die Projekte im Wettbewerb gefördert?

In der ersten Phase des Wettbewerbs (2018) erhalten die teilnehmenden Projekte vor Ort ein Coaching von Experten und Praktikern, die die Teilnehmenden bei der Realisierung und dauerhaften Fortführung ihres Projektes unterstützen (z.B. Fragen zu Fördermitteln, Kooperationspartnern, Öffentlichkeitsarbeit, Vernetzung). Die 10 landesweiten Coaching-Termine (April-Oktober 2018) sind als Netzwerktreffen (KreativLabs) organisiert, so dass alle teilnehmenden Projekte sich kennenlernen, vernetzen und von ihren Erfahrungen gegenseitig profitieren können. Bei der Landesbranchenkonferenz für Kultur- und Kreativwirtschaft KREATOPIA im November 2018 können sich alle teilnehmenden Projekte gemeinsam präsentieren.

In der zweiten Phase des Wettbewerbs (2019) wählt eine unabhängige Jury drei Projekte aus, die eine Anschubfinanzierung erhalten (Preisgeld insgesamt 10.000 Euro). Die Auszeichnung im Mai 2019 übernimmt Schirmherrin Ministerpräsidentin Manuela Schwesig. Anschließend werden alle teilnehmenden Projekte durch eine gemeinsame Landeskampagne („Kreative für MV – MV für Kreative“) in einer Multimedia-Roadshow der Öffentlichkeit, den Kommunen und Landesministerien vorgestellt, um kommunale Partner für die langfristige Sicherung oder/und Förderung der Projekte zu gewinnen.

Wo finden die 10 Projektcoachings und Workshops (KreativLabs April-Oktober 2018) statt?

Die 10 KreativLabs finden direkt vor Ort bei den teilnehmenden Projekten statt, jeder Workshop an einem anderen Ort in ganz MV. Durch begleitende Öffentlichkeitsarbeit werden die spannenden Kreativorte in MV überregional sichtbar gemacht. Ziel ist es, die teilnehmenden Projekte miteinander sowie mit interessierten Partnern aus Politik, Kommunen, Förderern, Wissenschaft, Verbänden und Kammern zu vernetzen.

Welche Projekte fördert der Wettbewerb? Was ist mit „sozialer Dorfentwicklung“ gemeint?

Es werden Projekte gefördert, die mit künstlerisch-kreativen Mitteln zur sozialen Entwicklung im ländlichen Raum beitragen. Die Projekte können ganz am Anfang stehen oder schon begonnen haben und für ihre Weiterentwicklung Unterstützungsbedarf haben. Wichtig ist, dass die Bevölkerung vor Ort in die Projekte aktiv einbezogen wird. Beispiele: Theaterkurse für Jugendliche, die das Selbstbewusstsein stärken; Kulturveranstaltungen, die zur Integration unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen beitragen; Ausstellungen, die leerstehende Immobilien neu beleben, Lesungen in Privaträumen u.v.m.

Welche Regionen sind mit „Dorf“/“ländlicher Raum“ gemeint?

Die Projekte sollten in Dörfern, Städten oder Gemeinden mit weniger als 35.000 Einwohnern in Mecklenburg-Vorpommern durchgeführt werden. Es können jedoch auch Bewerbungen von Projekten eingereicht werden, die in Kommunen (Städten oder Gemeinden) umgesetzt werden, die mehr Einwohner haben. Ausschlaggebend sind der ländliche Charakter des Ortes der Umsetzung und die Wirkung auf den ländlichen Raum und die dort lebende Bevölkerung.

Welche Unterlagen sind für die Bewerbung bis 28.2.2018 einzureichen?

Einzureichen ist eine kurze Projektskizze (max. 2 Seiten), in denen das Projekt beschrieben wird: Was wollt Ihr vor Ort bewegen? Welche künstlerisch-kreativen Mittel werden eingesetzt? Wie arbeitet Ihr mit den Menschen vor Ort zusammen? Was sind Fragen und Herausforderungen, bei denen Ihr noch keine Lösung wisst und für die Ihr Unterstützung braucht? Das Formular für die Projektskizze ist zum Download auf www.kreative-mv.de/dorf-wettbewerb/ ab 23.1.2017 zu finden.

Kreative MV freut sich über kreative und innovative Bewerbungen!

Über Ihr Interesse an einer Berichterstattung würden wir uns sehr freuen!

Gern stehen wir für Rückfragen und Interviews zur Verfügung:

Projektleitung:          corinna.hesse@silberfuchs-verlag.de / Tel. 038843 – 824187

Weitere Informationen zum Wettbewerb: www.kreative-mv.de | www.massivkreativ.de

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Buch- und Lesetipps:

Corinna Hesse / Antje Hinz: Neue Lebenswelten: Das Dorf ist kreativ und innovativ. MassivKreativ, Juni 2017

Dr. Wolf Schmidt: Luxus Landleben – Neue Ländlichkeit am Beispiel Mecklenburgs, Schriftenreihe der vom Historiker Schmidt initiierten Mecklenburger AnStiftung, 2017.  Im Buch erläutert Schmidt die immateriellen Werte des Lebens in ländlichen Regionen.

Wolf Schmidt: Kunst des Bleibens – Wie Mecklenburg-Vorpommern mit Kultur gewinnt (pdf zu kostenfreien Herunterladen), Herbert Quandt-Stiftung 2012.

Ralf Otterpohl: Das neue Dorf. Vielfalt leben, lokal produzieren, mit Natur und Nachbarn kooperieren. Oekom Verlag, München 2017. youtube Film-Teaser Das neue Dorf – Minifarmen für Stadt und Land

Gerhard Henkel: Rettet das Dorf! Was jetzt zu tun ist. München 2016. Als Humangeograph beschäftigt sich Henkel seit Jahren mit Geschichte und Gegenwart des ländlichen Raumes. Als Standardwerke zur Dorf- und Landentwicklung gilt sein Buch „Das Dorf. Landleben in Deutschland – gestern und heute“.

Brita Polzer (Hg.): Kunst und Dorf. Scheidegger & Spiess, Zürich 2013. 

Wolfgang Schneider, Beate Kegler, Daniela Koß (Hg.) Vital Village: Entwicklung ländlicher Räume als kulturpolitische Herausforderung / Development of Rural Areas as a Challenge for Cultural Policy. Komplett zweisprachig deutsch/englisch. Transcript Verlag 2017. (Wissenschaftliche Betrachtungen zum Thema, Praxisbeispiele aus Deutschland und Europa sowie Kulturpolitische Perspektiven).  

Bundeszentrale für politische Bildung: Dossier Ländlicher Raum

Ton Matton: DORF MACHEN: Improvisationen zur sozialen Wiederbelebung. Jovis Berlin 2017.

Alexandra Hildebrandt: Kleine Handlungen, große Wirkung. Ganz nah! Wo die Kraft der Gemeinschaft am besten gedeiht. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017.

arte: Kunst fürs Dorf. 6teilige Serie, begleitend zu einem Wettbewerb von Deutsche Stiftung Kulturlandschaft von 2013.

Anderes Bauen für ein anderes Leben: Das Projekt Earthship – Schloss Tempelhof

 

Zeitschriften und Magazine

Ländlicher Raum – Zeitschrift der Agrarsozialen Gesellschaft e.V.

LandInform – Zeitschrift der Deutschen Vernetzungsstelle Ländliche Räume (DVS) in der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE)
 
Bauwelt – Zeitschrift über Städtebau, Stadtkultur und globale Ökonomie
 
Der Holznagel – Magazin der Interessengemeinschaft Bauernhaus e.V.
 
Bauernblatt – amtliches Mitteilungsblatt der Landwirtschaftskammer
 
enorm – Magazin für den gesellschaftlichen Wandel in urbanen und ländlichen Regionen 
 
Landlust – Lifestyle-Magazin für Freunde des ländlichen Lebens

 

Vereine, Verbände, Plattformen

Bundesverband lebendige Dörfer

BBE – Bundesnetzwerk bürgerschaftliches Engagement
 
ARKUM – Arbeitskreis für historische Kulturlandschaftsforschung in Mitteleuropa e.V. mit Zeitschrift Kulturlandschaft
 
 
I-KU – Institut zur Entwicklung des ländlichen KulturRaums e.V. in Baruth/Mark Brandenburg
 
 
Unser Dorf hat Zukunft – Bundeswettbewerb 
 
Thünen-Institut – Entwicklung ländlicher Räume
 
Plattform Ländliche Räume – AHA Dialog der Andreas Hermes Akademie

Kultur- und Kreativwirtschaft vor der Bundestagswahl 2017

 © MassivKreativ

Der Bundesverband der Kultur- und Kreativwirtschaft Deutschland – Kreative Deutschland – setzt sich für die Förderung und Wahrung der Interessen der hiesigen Kultur- und Kreativwirtschaft ein. Darunter fällt insbesondere die Förderung der Akzeptanz von Unternehmen aus der Kultur- und Kreativwirtschaft, ihre bessere Wahrnehmung und Sichtbarkeit sowie die Verbesserung der Arbeitsbedingungen von Kreativschaffenden. Die Erarbeitung von Standards für die Branche ist ein besonderes Anliegen.

Aus diesem Grund hat der Bundesverband eine Reihe von Fragen erarbeitet, die in Form von Wahlprüfsteinen bundesweit an die Spitzenkandidaten der politischen Parteien übermittelt wurden. Versandt wurden die Fragen über Kultur- und Kreativschaffende aus dem Netzwerk der „Kreative Deutschland“.  

Die Politiker waren aufgefordert, die folgenden Fragen im Sinne der Positionen ihrer Partei zu beantworten, sowohl von ihren wirtschaftspolitischen als auch kulturpolitischen Sprechern.

 © Kreative Deutschland

Wahlprüfsteine

Die nachfolgenden Wahlprüfsteine hat der Branchenverband der Kultur- und Kreativwirtschaft Deutschland – Kreative Deutschland –  entwickelt, um sie den aktuell im Bundestag vertretenen Parteien (inklusive der FDP) zur schriftlichen Beantwortung vorzulegen. Die Antworten der Parteien werden in der Woche vor der Wahl, ab dem 11. September 2017, auf den Website von Kreative Deutschland unbearbeitet veröffentlicht.

Stellenwert der Kreativbranche im Parteiprogramm

Frage 1: In den vergangenen Jahren wuchs insbesondere durch die Arbeit der Kultur- und Kreativwirtschaftsverbände in den Städten, Regionen und Ländern Deutschlands sowie durch die Mitglieder des Netzwerks öffentlicher Fördereinrichtungen für die Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland die volkswirtschaftliche und wirtschaftspolitische Anerkennung der aus vielen Kleinst- und
Einzelunternehmen bestehenden Kreativökonomie. Welchen Stellenwert nimmt die Branche im Programm Ihrer Partei ein?

Investitionen für die Kreativbranche

Frage 2: Die Initiative Kultur und Kreativwirtschaft der Bundesregierung hat zum Ziel, „die Wettbewerbsfähigkeit der Branche zu stärken und die Erwerbschancen innovativer kleiner Kulturbetriebe sowie freischaffender Künstlerinnen und Künstler zu verbessern“. Seit Abschluss der Regionalberatungen 2014 findet jedoch keine direkte Förderung der Akteure im Rahmen des Programms mehr statt. Wie beabsichtigt Ihre Partei die vorhandenen Bundesmittel zukünftig einzusetzen, um insbesondere die Akteure vor Ort zu unterstützen?

Netzwerkförderung

Frage 3: Zahlreiche Studien zur Branche kommen zu dem Ergebnis, dass die Zusammenarbeit in Netzwerken für die kleinteilige Branche der Schlüssel zum wirtschaftlichen Erfolg der Akteure ist. Dennoch erhalten die meisten Netzwerke keine institutionelle Förderung. Welche Position vertritt Ihre Partei beim Thema Netzwerkförderung?

Nichttechnische und sozialer Innovationen

Frage 4: Innovationsförderung bezog sich in Deutschland bislang bislang vor allem auf Investitionsförderung bei technischen Innovationen. In der aktuellen Studie über Ökonomische und verwaltungstechnische Grundlagen einer möglichen öffentlichen Förderung von nichttechnischen Innovationen im Auftrag des BMWi liegen „Schwerpunkte der Untersuchung auf der Kreativwirtschaft“ (z.B. Gamesbranche), der Energiewirtschaft, der digitalen Gesundheitswirtschaft sowie auf weiteren „digital industries“ (S.4). Damit werden breiten nichttechnischen und sozialen Innovationen der Kultur- und Kreativwirtschaft eine geringere Priorität eingeräumt. Welchen Fokus
legt Ihre Partei bei der zukünftigen Förderung von nichttechnischen Innovationen?

Urheberrechte und Leistungsschutz

Frage 5: In den vergangenen Jahren fand in Deutschland und Europa eine intensive Auseinandersetzung über den Schutz von Urheberrechten im digitalen Zeitalter statt. Diese Diskussion ist für die Kreativökonomie, zu der sowohl Urhebende (bspw. JournalistInnen,
KomponistInnen, TexterInnen) als auch Verwertende (z.B. Blogger, DJs) gehören, von hoher Bedeutung. Welche Standpunkte vertritt Ihre Partei in Bezug auf den Urheber und Leistungsschutz?

Altersvorsorge

Frage 6: Anders als für abhängig Beschäftigte gibt es für junge Selbständige und UnternehmerInnen keine attraktiven Angebote zum Aufbau einer Altersvorsorge. Wie möchte Ihre Partei diese Situation ändern?

Künstlersozialkasse

Frage 7: Viele schöpferisch tätigen KreativunternehmerInnen sind in der Künstlersozialkasse (KSK) abgesichert. Wie möchte Ihre Partei das System der Sozialversicherung für diesen Personenkreis künftig gestalten?

 

Die Antworten der Parteien stehen auf der Website „Kreative Deutschland“ unverändert zum Download zur Verfügung:

CDUSPD / Die LINKEN  / BÜNDNIS90/Die GRÜNEN  / FDP

 

Übrigens: Auch der BBK – der Bundesverband bildender Künstler – hat in seinem Heft 2-2017 zur Bundestagswahl Fragen an die Parteien gestellt,  u. a. zu Urheberrecht, Altersversorgung und Steuern, zur Künstlersozialversicherung und Ausstellungsvergütung. Darüber hinaus fordert der BBK die Verankerung von Kultur im Grundgesetz, die Schaffung eines eigenen Bundesministeriums für Kultur und Fördrrprogramme für kulturelle Integration. 

Bürgerteilhabe und Kreativität in Politik und Verwaltung

 © MassivKreativ

Trampelpfade machen verfehlte Verwaltung sichtbar. Wenn Bürger nicht gefragt werden, ignorieren sie die behördlich angelegten offiziellen Wege. Gelingt hingegen die Einbindung der Öffentlichkeit, führen Aktivitäten von Anfang an in die richtige Richtung. Doch dürfen eigentlich auch Beamte Bedenken äußern, wenn ihnen Entscheidungen von oben sinnlos erscheinen?

Darf ein Beamer zweifeln und selbst entscheiden?

  • „Fragen Sie mich doch mal, wie ich darüber denke! Fordern sie mich mehr heraus.“
  • „Ich würde sehr gerne einen Beitrag leisten, damit Verwaltung kreativer wird.“
  • „Ich bin seit 20 Jahren in dieser Organisation tätig und möchte gerne zur Veränderung beitragen!“

Kreativität, Innovation, Lebensfreude? Begriffe, die man mit Verwaltung eher nicht verbindet. Doch sie ist beweglicher als ihr Ruf! Behördenmitarbeiter wollen durchaus dazu beitragen, dass ein frischer Wind zwischen ihren Aktenordner weht. Aber viel zu selten werden sie beteiligt. Im Gegenteil: Meist werden teure Berater von außen geholt, die das System von innen nicht kennen und zu allgemeine Pauschallösungen von außen überstülpen wollen. Das sorgt bei den eigentlichen Mitarbeitern häufig für Frust!

Rahmenbedingungen und Methoden

Den Beamten fehlt einerseits der Freiraum, ihre Beobachtungen und Ideen zur Veränderung auszusprechen, andererseits aber auch das Handwerk, um Veränderungen umzusetzen. Deshalb haben der Stadtforscher Charles Landry und die Autorin Margie Caust das Konzept der kreativen Bürokratie entwickelt, benannt nach dem gleichlautenden Buch The Creative Bureaucracy. Es geht den beiden darum, nicht nur funktionierende Bürokratien zu schaffen, sondern auch kreative und innovative. Dafür braucht es besondere Rahmenbedingungen und Ansätze, spezielle Methoden und Strukturen.

Was läuft besser mit kreativer Bürokratie?

Eine offene, flache Kommunikation in der Verwaltung, eine Beteiligung und ein Perspektivwechsel begrenzen öffentliche Kosten, etwa bei der Verkehrsplanung, bei der Jugendbeteiligung in den Quartieren oder bei der Verständigung über Tourismus-Leitbilder. Fehlt das alles, dann mißlingen Projekte, etwa wenn externe Agenturen für Bundesländer austauschbare Slogan schmieden (z. B. Brandenburg: „Neue Perspektiven entdecken“). Teilhabe verringert geistige Einbahnstraßen, weckt Phantasie und Toleranz und erhöht die Akzeptanz von Entscheidungen. Wenn Kreativschaffende und Künstler beteiligt werden, kann das nur von Vorteil sein, wie die folgenden Beispiele zeigen.  

 © Bonn macht mit

Kreatives Bürger-Atelier in Bonn

Im Viktoriakarree in Bonn stoppte ein Bürgerbegehren den Verkauf von Grundstücken an einen Investor, der dort eine Shopping-Mall bauen wollte. Auf der Bürgerbeteiligungsplattform Bonn macht mit kann man die Aktivitäten der Initiatoren verfolgen. Das Künstlerteam CommunityArtWorks mit Daniel und Jennifer Hoernemann ergriff die Initiative, um sich innerhalb des weiteren Beteiligungsverfahren zu engagieren. Sie erhielten den Zuschlag und gründeten ein kreatives Bürgeratelier in der Innenstadt. Seitdem schaffen sie über künstlerisches Wahrnehmen, Denken und Handeln Raum für Kreativität und Fehlerkultur. Das Bürgerbeteiligungsverfahren zur Neugestaltung des Viktoriakarrees in Bonn läuft seit Herbst 2016 in Kooperation mit den Architekten von neubighubacher und den Stadtentwicklern von zebralog. Das Künstlerteam von CommunityArtWorks bearbeitet seit langem gesellschaftliche und unternehmerische Herausforderungen mit künstlerischen Methoden und Interventionen im öffentlichen Raum. Es greift mit dem „Büro für die Nutzung von Fehlern und Zufällen“ aktiv in Prozesse ein, fördert Kommunikation und Reflexion. Ich habe mit Daniel Hoernemann ein Podcast-Interview geführt:

 © CommunityArtWorks

KREATIVE für MV – Wettbewerb für soziale Innovationen und Dorfentwicklung

In Mecklenburg-Vorpommern hat Corinna Hesse den Wettbewerb „Kreative für MV – MV für Kreative“ initiiert und realisiert ihn mit mir gemeinsam als Projekt- und Workshop-Leiterin. Im Fokus stehen soziale Innovationen in ländlichen Regionen, die von kreativen Raumpioniere vorangetrieben und mit ihrer Unterstützung nachhaltig umgesetzt werden sollen. Die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung unterstützt das Modellvorhaben, das die Potenziale von Kreativen stärker bei der Gestaltung von Gesellschaft nutzen soll sowie auch bei lösungsorientierten Herausforderungen,  z. B. durch Perspektivwechsel und Querdenken, Mut und Experimentierfreude. Ministerpräsidentin Manuela Schwesig hat die Schirmherrschaft zugesagt. 

Corinna Hesse ist Sprecherin von „Kreative MV“ – Netzwerk der Kultur- und Kreativwirtschaft in Mecklenburg-Vorpommern und Verlegerin im Silberfuchs-Verlag: „Gesucht werden für den Wettbewerb zivilgesellschaftliche Projekte zwischen Kreativschaffenden und Bürgern.“ In interdisziplinären Kreativworkshops und Coachings vor Ort können Kreativschaffende und Bürger – angeleitet und unterstützt u. a. von Vermittlern wie Corinna Hesse und mir, Antje Hinz, – ihre Projektideen weiterentwickeln und verfeinern. Ich werde darüber hinaus redaktionell über das Projekt berichten. Ich bin überzeugt, dass ländliche Regionen von kreativen Ideen für ein sinnstiftendes Zusammenleben profitieren. 

Im Fokus des Wettbewerbs stehen künstlerisch-kreative Methoden für gesellschaftsgestaltende Prozesse, die auf besondere Herausforderungen in der Region eingehen. Die besten 3 Projekte werden von einer unabhängigen Jury ausgewählt und mit Projektmitteln von insgesamt 10.000 € unterstützt. Details zum Wettbewerb werden bei der KREATOPIA in der IHK Rostock bekannt gegeben, der Branchenkonferenz der Kultur- und Kreativwirtschaft in Mecklenburg-Vorpommern. 

 © MassivKreativ

Antibürokraten in Kopenhagen

Im dänischen Kopenhagen haben Wirtschafts-, Finanz- und Justizministerium das Innovationslabor MindLab gegründet. Die Mitarbeiter sollen den Alltag in der Metropole lebenswerter und kreativer machen. Sie begleiten Bürger bei Behördengängen und ermitteln deren Probleme beim Ausfüllen von Formularen. Sie hören den Bürgern zu und fragen direkt nach, was verbessert werden kann. 130 Projekte haben die Vordenker landesweit angestoßen, in den Bereichen Mobilität, Bildung und Wissensmanagement, bei der Integration von Migranten in den Arbeitsmarkt und der Müllvermeidung: Grüne Fußabdrücke auf Bürgersteigen, die den Weg zu Mülleimern zeigen, halfen dabei, den Abfall auf Straßen um beachtliche 40 Prozent zu reduzieren. 

 © Bonn macht mit

Nudge-Methode

Die US-amerikanische Regierung versuchte es 2008 unter Barack Obama, die britische Regierung 2010 unter David Cameron 2010 und ebenso die Bundesregierung unter Angela Merkel: Sie engagierten kreative Mitarbeiter für Verhaltenseinblicke (The Behavioural Insights Team), um mit der „Nudge“-Methode das Verhalten der Bürger auf vorhersagbare Weise zu beeinflussen, ohne dabei auf Verbote, Gebote oder ökonomische Anreize zu setzen. Die vom Staat eingesetzten Psychologen sollen Bürger mit kleinen „Anstupsern“ animieren, sich besser zu verhalten: Energie zu sparen, Steuern zu zahlen, für das Alter vorzusorgen, sich gesünder zu ernähren. Die Briten gehen derzeit der Frage nach, wie sich bei Bürgern Gewissenhaftigkeit, Verantwortung, Motivation, Kreativität und Offenheit am besten unterstützen lassen.

In Österreich erarbeiten Akteure aus Verwaltung, Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft im GovLab gemeinsam übergreifende Lösungsansätze. Die Erkenntnisse werden über Prototypen an andere Bürger weitergegeben. In der Schweiz unterstützt das gemeinnützige Staatslabor die öffentliche Verwaltung mit innovativen Lösungen. In die Modellprojekte sollen Bevölkerungsgruppen eingebunden werden, die in der Schweiz nicht über Stimm- und Wahlrecht verfügen.

Community als Spiel

Im US-amerikanischen Salem nutzt die Stadtverwaltung spielerische Ideen, um das heruntergekommene, brachliegende Viertel „Point Neighborhood“ neu zu beleben und von Müll zu befreien. Gamedesigner vom Institut EngagementLab entwickelten das Community-Spiel PlanIt, eine Mischung aus Kontaktbörse, sozialem Netzwerk, Umfrage-Instrument und Wettbewerb. Die Bewohner können sich über ihr Viertel austauschen und dabei Punkte sammeln: Motivation mit spielerischen Elementen. Dank Gamification übernehmen die Bürger mehr Verantwortung für Müll, während die Stadt Flächen für neue Geschäfte schafft und Zuschüsse für die Renovierung historischer Gebäude vergibt. Das Konzept wurde auch auf andere Orte und Projekte übertragen.

Rostock hilft

In Rostock übernahmen im September 2015 kurzerhand die Bürger das Ruder, als die Verwaltung mit den ankommenden Flüchtlingen überfordert war. Anfangs gab es Widerwillen gegen das bürgerliche Engagement, dann doch Anerkennung von Senator Steffen Bockhahn für die kreativen Ideen, der 2016 sagt: „Ohne die Zivilgesellschaft hätten wir es damals nicht geschafft.“ Akteure vom Verein Rostock hilft und vom Rostocker Kreativzentrum projekt:raum haben die Aktionen maßgeblich getragen, logistisch über digitale Einsatzlisten und Facebook organisiert und viele kreative Programme für Geflüchtete entwickelt, wie „Kochen über den Tellerrand“.

  © MassivKreativ

Finding Places

Hamburg rief 2016 in Kooperation mit der HafenCity Universität und dem MediaLab des Massachusetts Institute of Technology (MIT) im Beteiligungsprojekt Finding Places zu 34 Workshops An einem interaktiven Stadtmodell konnten Bürger geeignete Orte für neue Flüchtlingsunterkünfte benennen. Eine Bürgerbeteiligung mit Lerneffekt, denn vielen wurde zum ersten Mal bewusst, wieviele Bestimmungen und Vorschriften im städtischen Raum zu beachten sind.

 © MassivKreativ

Beteiligungshaushalt

Inzwischen entwickeln in vielen Ländern Städte und Gemeinden neue Konzepte und Handlungsempfehlungen für mehr Bürgerbeteiligung. Die Bewohner sollen bei Planungs-, Entscheidungs- und Umsetzungsprozessen mitentscheiden und mitwirken. In Porto Alegre in Brasilien entstand bereits Ende der 1980er Jahre ein Beteiligungshaushalt. Er räumt Bürgern Mitsprache bei kommunalen Ausgaben ein. Dieses Verfahren wird mittlerweile in unzähligen Kommunen praktiziert, zum Teil auch in Deutschland:

Potsdam – WerkStadt für Beteiligung:

https://buergerbeteiligung.potsdam.de/content/kontakt-werkstadt-fuer-beteiligung

Berlin – Büro für Bürgerbeteiligung:

https://www.berlin.de/ba-mitte/aktuelles/buergerbeteiligung/buero-fuer-buergerbeteiligung/

Hamburg – Bürgerbeteiligung und Stadtwerkstatt:

https://www.hamburg.de/stadtwerkstatt/

https://partizipendium.de/buergerbeteiligung-in-hamburg-2012-2016/

Ludwigsburg – Zukunftsbüro für nachhaltige Kommunalentwicklung:

https://kommunalwirtschaft.eu/tagesanzeiger/detail/i12472/c145.html

Hamburg und Kassel – Verbundprojekt für Digitalisierung „Civitas Digitalis“:

https://www.kommune21.de/meldung_26449_on.html